Dr. Christa Lungstras im Porträt

„Es gibt kein Vorbild für diesen gesellschaftlichen Wandel.“

 

Dr. Christa Lungstras, Gründerin und Partnerin der Kanzlei Dr. Lungstras & Partner - Rechtsanwälte über die Selbständigkeit, Unterstützung im Familienalltag und fehlende männliche Vorbilder.

Frau Dr. Lungstras, seit über vierzig Jahren arbeiten Sie als Rechtsanwältin im Bereich Familien- und Erbrecht in Ihrer Kanzlei „Dr. Lungstras & Partner – Rechtsanwälte“. Was begeistert Sie an diesem Bereich?

Diese Frage lässt sich vielleicht am besten mit einem Zitat aus Goethes Faust beantworten: "Greift nur hinein ins volle Menschenleben, ein jeder lebt`s, nicht vielen ist`s bekannt".

Im Familien- und Erbrecht hat man sich täglich mit dem „vollen Menschenleben“ auseinanderzusetzen, angefangen vom Sorgerechtsstreit bis zur Auseinandersetzung großer Erbvermögen. Die Chance, familiäre und zwischenmenschliche Konflikte mit juristischem Know-How zu lösen; dazu die dogmatische Logik insbesondere des Erbrechts faszinieren mich immer wieder neu und unverändert.

Frauen sind bis heute im juristischen Wissenschaftsbetrieb unterrepräsentiert. Obwohl sich dieses Bild zunehmend ändert, sind Doktorandinnen, aber vor allem Habilitandinnen und Professorinnen noch immer in der Minderheit. Wie haben Sie dieses Missverhältnis als Doktorandin in den 70er Jahren an der Universität Köln erlebt?

Das Missverhältnis war mehr als deutlich, wurde aber damals nicht thematisiert. Ich kann mich zum Beispiel an keine einzige Professorin während meiner Studienzeit von 1966 bis 1970 erinnern. Damals waren auch Studentinnen an der juristischen Fakultät der Kölner Uni noch völlig unterrepräsentiert, was sich in meiner Referendarzeit Anfang der Siebzigerjahre unverändert fortsetzte. Das Thema meiner Dissertation erhielt ich bereits im 5. Semester. Während meiner Promotionszeit sah ich mich genau wie im Studium einer stark ausgeprägten männlichen Dominanz gegenüber – was sich übrigens auch im ersten Jahrzehnt meiner Anwaltstätigkeit kaum änderte. Geschadet hat es mir eher nicht, weil es meinen Kampfgeist damals schulte und mein Durchsetzungsvermögen forderte. Aber leicht war es auch nicht, neben den beruflichen Anforderungen diesen Kampf auszufechten, ohne zur Feministin zu werden (was ich stets abgelehnt und vermieden habe).

Nachdem Sie als Assistentin an der Uni in Konstanz gearbeitet haben, haben Sie ihre eigene Kanzlei gegründet. Wie kam es dazu?

Da wir bereits zwei kleine Kinder hatten, waren mir flexible Arbeitszeiten wichtig. Außerdem wollte ich meine Leistungsziele selbst bestimmen. Den Entschluss Anwältin zu werden, hatte ich bereits vor meinem Abitur gefasst. Mich als Anwältin in einer Kanzlei anstellen zu lassen, kam für mich nicht in Betracht; vermutlich vor allem deshalb, weil ich mich damals wie heute schlecht unterordnen konnte.

 

Und dann habe ich einfach mal angefangen. Ich habe eine Annonce in der Zeitung geschaltet und ein Schild rausgehängt. Vielleicht war ich etwas blauäugig, aber es hat glückhaft geklappt. Die Leute kamen und ich wurde regelrecht überrannt und musste alles organisieren. Damals habe ich auch noch viel allgemeines Vertragsrecht gemacht. Salem hat ein großes ländliches Einzugsgebiet. Da gibt es viele Vereine, die abends ihre Vereinssitzungen haben. Die Mandantinnen und Mandanten kamen oft abends um 22 Uhr nach den Sitzungen dann noch vorbei. Schriftsätze habe ich auch oft nachts diktiert. Aber es durfte nie an den Kindern ausgehen; das war mir wichtig. Die Kinder sollten sich aufgehoben fühlen. Sie fanden meine Berufstätigkeit aber auch immer gut.

Welche Chancen aber auch Risiken sehen Sie in der Selbständigkeit als Rechtsanwalt oder Rechtsanwältin?

Die Chance besteht darin, seinen Arbeitsumfang eigenverantwortlich zu bestimmen, was gerade auch eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf ermöglichen kann – obwohl man als seine eigene Chefin regelmäßig eine höhere Leistung fordert, als dies ein Arbeitgeber tun würde.

Was würden Sie jungen Juristinnen empfehlen, die Ihrem Beispiel folgen und sich mit einer Kanzlei selbständig machen möchten? Welche Fähigkeiten sollte man sich aneignen?

Das Selbstvertrauen täglich schulen; lernen, sich nicht einschüchtern zu lassen; immer einen Tick besser sein als die anderen; die eigene Belastbarkeit stetig erhöhen; mit wenig Schlaf und Mußezeiten auszukommen...

 

Aber das Wichtigste: über all den Herausforderungen Leichtigkeit und Humor nicht zu verlieren.

Und man muss den Mandantinnen und Mandanten vor allem Sicherheit vermitteln. Da gehört es manchmal auch dazu, gut „bluffen“ zu können. Das war gerade bei mir, die ich keine große Statur habe, wichtig. Der Doktortitel hilft da außerdem; gerade als Frau auf dem Land. Da wird von vielen reinprojiziert, man habe von Allem eine Ahnung. Das ist vielleicht anders als in der Stadt. Mir hat der Titel da sehr geholfen.

Die Kanzlei führen Sie mit dem Ältesten ihrer Kinder zusammen. Wie ist es, mit Ihrem Sohn zusammenzuarbeiten?

Unsere gemeinsame Tätigkeit hat von Anfang an hervorragend funktioniert. Wir haben im Wesentlichen den gleichen Arbeitsstil, aber völlig getrennte Ressorts. Unsere Zusammenarbeit als Partner haben wir sofort nach seinem zweiten Examen begonnen und bis heute erfolgreich praktiziert.

Seit der Gründung Ihrer Kanzlei haben Sie durchgehend gearbeitet und sieben Kinder großgezogen. Wie haben Sie den Spagat zwischen Familie und Arbeit gemeistert? Was war dabei die größte Herausforderung Ihrem Empfinden nach?

Ich hatte in meinem Leben immer nur zwei Hobbys: den Anwaltsberuf und die Familie (neben Lesen, Musik, Sport). Beides hat mich in gleicher Weise erfüllt. Wenn ich von der beruflichen Arbeit gestresst war, habe ich mich im Tumult des Familienlebens erholt und umgekehrt. Ob ich den Spagat immer gemeistert habe, weiß ich nicht; jedenfalls habe ich ihn Zeit meines Lebens freudig bearbeitet. Die größte Herausforderung war, es irgendwie zu schaffen, immer für die Kinder da zu sein, wenn sie mich brauchten. Ihnen vor allem auch später, als sie heranwuchsen, immer als verlässlicher Gesprächspartner zur Seite zu stehen. Das ist im Gegensatz zum Wickeln und Kochen eine Aufgabe, die man eben nicht delegieren kann.

Wie haben Sie Ihren Alltag organisiert, als die Kinder damals noch intensive Betreuung brauchten?

 

Mein Mann konnte viele Zeiten, in denen ich nicht verfügbar war, auffangen. Als Berufsschullehrer hatte er ab Geburt unseres ersten Kindes seine Arbeitszeit halbiert. Familiäre Hilfe, z.B. durch Großeltern hatten wir nie. Deshalb hatten wir über Jahre hinweg ganztags Unterstützung durch Hauswirtschaftlerinnen, die in die Familie integriert waren, da sonst die Arbeit nicht zu schaffen gewesen wäre.

Nebenbei habe ich dann den Hauswirtschaftsmeister extern an einer Meisterschule gemacht, damit ich zusätzlich einen Lehrling anstellen konnte. Das hatte zudem den Vorteil, abends immer einen Babysitter im Haus zu haben.

Was denken Sie, warum qualifizierte Frauen häufig ihren Beruf aufgeben, wenn es um die Familiengründung geht?

Das hat meiner Ansicht nach mehrere Gründe. Junge Frauen sind häufig der extremen Belastung durch Familie und Beruf nicht gewachsen, da sie aufgrund ihrer hohen Qualifikation beruflich extrem hohe Anforderungen an sich selbst stellen. Dieselben extremen Anforderungen stellen sie auch an die Familientätigkeit, ohne mit zeitweiser zusätzlicher Fremdbetreuung ihrer Kinder das Delegieren einüben zu können und zu wollen. Zudem wird heute immer noch suggeriert, eine Mutter habe nicht das Recht, zugunsten eigener dringend notwendiger Regenerationsphasen auch einmal eine zusätzliche Fremdbetreuung der Kinder in Kauf zu nehmen. Vielleicht wird immer noch viel zu wenig vermittelt, dass eine reduzierte, dafür aber punktuell intensive und unbedingte Zuwendung für Kinder wertvoller ist, als häufigere Betreuungszeiten durch eine nervlich erschöpfte berufstätige Mutter.

Es gibt aber auch junge qualifizierte Juristinnen, die sich ganz bewusst für mehr Familienarbeit und wesentlich weniger Berufsarbeit entscheiden. Wenn dieser Weg bewusst frei gewählt wird, ist dies ebenso hoch anzuerkennen.

Sollten wir in unserem gesellschaftlichen Diskurs über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie häufiger Männer in das Zentrum rücken und in die Verantwortung nehmen?

Auf jeden Fall! Das würde vieles erleichtern. Und schließlich fallen all diese Fragen in gleicher Weise in den Verantwortungsbereich der Männer. Junge Männer werden nie gefragt, wie sie es schaffen, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Ich denke, das hat auch viel mit dem Selbstverständnis zu tun. Wie sehen die Männer sich? Wenn ein Mann sagt, er möchte nur halbtags arbeiten, wird er doch als schwach bezeichnet. Auf eine anderweitige Ausrichtung und ein anderes Verständnis von Männlichkeit haben die letzten Jahrzehnte und die Erziehung nicht vorbereitet. Da müssen sich Männer gegen den Strom stellen. Das beginnt, aber es wird noch einige Zeit dauern. Von daher stehen Männer eigentlich noch vor der viel größeren Herausforderung. An welchen Vorbildern orientieren sich denn Männer? Überwiegend sicher nicht an den Anwaltskollegen, die zugunsten der Kinderbetreuung das Angebot zur Partnerschaft in einer Großkanzlei zurückweisen, um eine Teilzeittätigkeit ausüben zu können. Das werden sich nur wenige trauen, und man kann es ihnen eigentlich nicht verdenken. In dieser Hinsicht fehlen die Vorbilder für Männer. Es gibt (noch) kein Vorbild für diesen gesellschaftlichen Wandel.

Was hat Ihnen in schwierigen Situationen in ihrem Leben geholfen?

Mein Mann und meine Kinder mit ihrer Zuneigung, meine Bärengesundheit (trotz eines massiven Schlaganfalls im Jahr 2016) - und nicht zuletzt ein Schuss rheinischer Leichtigkeit und Lebensfreude.

In unserem Vorgespräch erwähnten Sie, dass Vorbilder nicht nur für junge Juristinnen wichtig sind. Wie meinen Sie das?

Ich erlebe immer wieder in Gesprächen, dass auch ältere Juristinnen gegen Vorurteile anzukämpfen haben und es nach wie vor schwer haben, sich in gleicher Weise wie ihre männlichen Kollegen im Beruf Anerkennung zu verschaffen oder zu bewahren. Auch sie sind oft unsicher und können Unterstützung brauchen. Gerade von Frauen zwischen 60 und 70 herrscht ein gesellschaftliches Bild, das in etwa lautet: „Warum arbeitest Du denn noch? Du könntest doch endlich mal leben.“ Das indiziert, dass man arbeitet, weil man muss und ein anderer Lebensentwurf viel besser wäre. Gegen diese Vorurteile müssen sich vor allem ältere Juristinnen mit Familie viel mehr noch zur Wehr setzen als im Alter von 30 Jahren.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Frau Orna Knoch, Notarin in Frankfurt. Ich kenne Frau Knoch seit Anfang Ihres Studiums, das sie gemeinsam mit einer unserer Töchter in Heidelberg absolviert hat. Sie ist in meinen Augen eine junge Juristin, die es immer wieder schafft, den Spagat zwischen Familie und Beruf zu meistern.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

 

Salem / Frankfurt am Main, 9. August 2020. Das Interview führte Laura Nordhues.

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