Dr. Ulrike Friese-Dormann im Porträt

 

"Frauen trauen sich weniger, den Job in der Großkanzlei einfach mal auszuprobieren."

Dr. Ulrike Friese-Dormann, Partnerin im Bereich Corporate bei Milbank, im Interview über den richtigen Zeitpunkt um Kinder zu bekommen und über die Herausforderungen einer Teilzeitpartnerschaft in einer Großkanzlei.

Frau Friese, Sie sind seit vielen Jahren Partnerin im Corporate-Team von Milbank. Wie sind Sie zum Gesellschaftsrecht gekommen? Und warum wurden Sie Anwältin?

Ich hatte bereits im Studium den Schwerpunktbereich Handels- und Gesellschaftsrecht, wobei ich das Aktienrecht schon immer besonders spannend fand. Nach einem kurzen Ausflug in das Kartellrecht als Promotionsgebiet hat es mich zur Beratung börsennotierter Unternehmen wieder in das Aktienrecht gezogen.

Dass ich Anwältin werden wollte, ist mir während meiner Anwaltsstation klar geworden: Das Lebensgefühl in der Kanzlei, die fachlich guten Leute und deren Freundlichkeit ebenso wie ein gewisser Hang zur Selbstironie haben mir damals gut gefallen. 

Für unser Gespräch haben Sie genau 30 Minuten Zeit, in denen Sie mit großer Ruhe und Freundlichkeit tatsächlich auf alle unsere Fragen eingehen. Ist ein so durchgetakteter Tag bei Ihnen Alltag? Gibt es so etwas wie „Alltag“ überhaupt?

(lacht) Ja, so ein Tag ist in der Tat typisch. Die Abläufe sind häufig eng getaktet. Das erfordert ein ständiges Gewichten nach Erheblichkeit. Da wächst man aber natürlich herein, das kann man selten von heute auf morgen bei Berufsbeginn. Der Alltag ist inhaltlich sehr unterschiedlich. Morgens sortiere ich häufig auf dem Fahrrad, was über den Tag alles erledigt werden sollte. Mal denke ich abends: „Wunderbar, geschafft!“, mal kommt der Tag ganz anders: Dann gibt es viele ad hoc-Anfragen von Mandanten oder anderen Teams in der Kanzlei, die nicht vorhersehbar waren.

Haben Sie Freude an dem schnellen Takt und den wechselnden Abläufen?

 

Die Abwechslung macht es! Manchmal schmunzelt man nach so einem Tag abends und freut sich, dass es einem wieder gelungen ist, den Sack Flöhe zu hüten. Es bereitet mir aber auch besondere Freude, einen Tag in Ruhe an einer Sache arbeiten zu können.

Welcher Teil Ihrer Tätigkeit macht Ihnen am meisten Spaß? Welcher weniger, auch wenn er trotzdem dazu gehört?

Am meisten Spaß machen mir die Fragestellungen, bei denen die Rechtsmaterie des Aktienrechts mit persönlicher Relevanz für einzelne Personen verbunden ist, wie etwa die Bearbeitung von Fragen der Organhaftung. Anstrengend sind demgegenüber Situationen, in denen unter sehr engen zeitlichen Vorgaben und auf Basis unscharfer Rechtslage Entscheidungen getroffen werden müssen, das ist bspw. bei Fragen der kapitalmarktrechtlichen Ad hoc-Relevanz der Fall.

Sie sind promovierte Juristin. Welche Vorteile sehen Sie darin, einen Doktor- oder einen LL.M.-Titel zu erwerben?

Der LL.M. ist aus meiner Sicht vor allem wegen der damit gewonnenen Lebenserfahrung und den Sprachkenntnissen wichtig, nicht so sehr wegen des Studieninhalts. Ich selbst habe mich damals gegen einen LL.M. entschieden, weil ich schon während des Studiums ein Auslandsjahr in Frankreich verbracht hatte. Eine Dissertation ist kein Muss, aber wohl doch zu empfehlen. Der Doktortitel verschafft einem immer noch - geschlechterunabhängig - einen gewissen Grundrespekt.

Haben Sie eine Empfehlung für Juristinnen und Juristen, die darüber nachdenken, eine Tätigkeit in einer international tätigen Wirtschaftskanzlei wie Milbank aufzunehmen?

Ich würde ihnen raten, sich zu fragen: Was macht mir nach Inhalt und Arbeitsumgebung Spaß? Wo fühle ich mich wohl? Liegen mir die Menschen in der jeweiligen Kanzlei? Wenn das der Fall ist, ergibt sich der Rest häufig von alleine. Nur aus Karriereehrgeiz sollte man den Beruf nicht ergreifen. Außerdem würde ich gerne dazu ermuntern, die Berührungsangst mit Großkanzleien abzulegen. Da arbeiten ganz normale Menschen, die geerdet und fröhlich sind und mit ihren Familien voll im Leben stehen. Außerdem: Mut zum Ausprobieren! Ich selber wollte den Job anfänglich maximal zwei Jahre machen – und jetzt...?

Sie haben drei Kinder, wobei Sie das erste kurz vor der Partnerschaft und die nächsten beiden als Partnerin bekommen haben. Gibt es während der Karriere in der Kanzlei einen richtigen Zeitpunkt dafür, Kinder zu bekommen?

Kinder kriegen ist schon per se ein wichtiges und komplexes Thema, deswegen rate ich eher davon ab, diese Frage zu strategisch anzugehen. Einen Königsweg hierfür gibt es sicher nicht und letztlich hängt die Frage ja von ganz persönlichen Wertungen ab. Wenn man später wegen der Kinder nicht mehr in vollem Umfang arbeiten möchte, ist es aber sehr wichtig, dass man vorher möglichst lange voll gearbeitet und sich einen soliden Ausbildungs- und Erfahrungsstand aufgebaut hat. Je länger das möglich war, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein gleichbleibend hochqualifiziertes Arbeiten später auch in reduziertem Umfang erfolgreich sein kann.

Wie lange haben Sie denn nach den Geburten jeweils pausiert und sind Sie danach in Teil- oder Vollzeit wieder eingestiegen?

Nach dem ersten Kind habe ich drei Monate pausiert und bin dann zunächst in Vollzeit wieder als Partnerin eingestiegen. Auf Dauer ließ sich dies aber nicht mit der von mir gewünschten Präsenz bei meinen Kindern vereinbaren, weswegen ich dann recht schnell auf Teilzeit reduziert habe. Nach den anderen Kindern habe ich dann auch etwas länger pausiert, bevor ich wieder als Teilzeit-Partnerin weitergearbeitet habe.

Also gibt es das tatsächlich: Partnerin und Teilzeit. Wovon hängt es aus Ihrer Sicht ab, ob Partnerschaft in Teilzeit funktioniert?

Ob das möglich ist, hängt weniger von formellen Kriterien ab, als von der wechselseitigen Bereitschaft, individuell abgestimmte Lösungen zu finden. Dabei spielt eine Rolle, wie hoch der zuvor erarbeitete Ausbildungs- und Erfahrungsschatz ist, wie die Struktur des Rechtsgebiets und der Mandate ist und wie sich das eigene Team sonst zusammensetzt. Wichtig ist dabei ein ehrlicher und offener Austausch über die Erwartungen und die Bereitschaft, soweit erforderlich, die Arbeitsbedingungen nachzujustieren und anzupassen.

Welche Nachteile sehen Sie bei einem solchen Modell?

Die mit einem solchen Modell verbundenen Einschränkungen sind nicht von der Hand zu weisen: Es gibt Mandate, die man aufgrund des Umfangs oder einer besonderen Eilbedürftigkeit nicht übernehmen kann. Außerdem ist man ständig gehalten, fachlich trotz reduzierten Arbeitsumfangs mit dem schneller wachsenden Erfahrungshorizont der Vollzeit arbeitenden Partner und Partnerinnen mitzuhalten, was zusammen mit den familiären Verpflichtungen zu einer hohen Gesamtbelastung führt. Insgesamt erfordert jede Teilzeittätigkeit ein hohes Maß an Logistik, häuslicher Unterstützung und Koordination. 

Als Partnerin mit Kindern haben Sie auch innerhalb der Kanzlei Vorbildfunktion für andere Anwältinnen. Welche Rolle haben Vorbilder für Sie selbst gespielt?

Ich hatte selbst sehr gute Vorbilder, Ausbilder und Förderer, aber das waren keine Frauen. Ich denke, Vorbilder sind wichtig für den Lebensweg, weniger wichtig ist es, ob das Frauen oder Männer sind! Heute versuche ich bei Milbank aber unseren jungen Anwältinnen gerade auch als Partnerin Unterstützung zu geben und sie im Alltag durch regelmäßige Mentorengespräche zu begleiten.

Den Arbeitsalltag als Partnerin in Teilzeit in einer amerikanischen Großkanzlei mit drei Kindern vereinbaren – das ist eine beeindruckende Leistung! Auch wenn es nicht so aussieht: Gab es Momente, in denen Sie gezweifelt haben und das Gefühl hatten zu scheitern? Wie sind Sie damit umgegangen?

 

Solche Momente gab es natürlich. Nach der Geburt meines zweiten Kindes kam ich gesundheitlich an einen Punkt, an dem ich die Grenzen meiner Kräfte erreicht hatte. Ich habe mich dann für einige Monate aus dem Büro zurückgezogen und das häusliche Kinderbetreuungssystem wieder neu zum Laufen gebracht. Ich denke, das Wichtigste ist: Nur Mut, neue Lösungen zu finden und wenn die Eckdaten nicht mehr stimmen, muss man eben etwas ändern, so wie sonst im Leben auch.

Gibt es besondere Verhaltensweisen, die Sie bei jüngeren Juristinnen häufiger beobachten?

 

Das einzige, was mir auffällt, ist, dass Frauen sich weniger trauen, den Job in der Großkanzlei einfach mal auszuprobieren. Ich empfehle da mehr Gelassenheit und keine Angst vor einem „empfundenen“ Scheitern, das es so gar nicht gibt: Die berufliche Laufbahn erreicht nie einen statisch gesicherten Zustand, man hat einen lebenslangen Anpassungsprozess vor sich. Wenn es im Einzelfall die Kanzlei nicht langfristig ist, dann werden sich nach einer hervorragend bezahlten Tätigkeit mit herausragender Ausbildung meistens andere erfolgreiche Wege auftun.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Ich wähle Prof. Dr. Anja Steinbeck: Sie ist nach einer Professur im Bürgerlichen Recht an der Universität zu Köln nun in Düsseldorf die jüngste weibliche Rektorin einer deutschen Universität geworden.

Vielen Dank für das tolle Gespräch!

München / Berlin, 26. April 2018. Das Interview führte Clara zu Löwenstein.

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