Foto: Jan Kulke / GIZ

Katharina Miller im Porträt

 

"Ich finde Frauen toll, die mich inspirieren. Sobald eine da ist, lasse ich nicht locker!"

Katharina Miller, Gründungspartnerin von 3C Compliance und eine der Top 100 Spanish Women Leaders, im Interview über Mentorinnen, die gläserne Decke, die in Wirklichkeit aus Beton ist, und über die Auswirkungen ihrer Kinder auf ihre Karriere.

Katharina, Du bist Gründungspartnerin von 3C Compliance, Expertin im deutschen und spanischen Compliance-Recht, Vorstandsvorsitzende des KOKORO Investment Funds, Mitglied des Telefónica Nachhaltigkeitsgremiums, Mitentwicklerin des Zertifikats Governance, Risk und Compliance (GRC), Autorin, gefragte Speakerin, Mitglied im PANDA Beirat. War Dein Weg, Deine Karriere so geplant?

Es klingt für mich ganz erstaunlich, wenn Du das Wort „Karriere“ hierfür in den Mund nimmst. Für mich ist das gar keine Karriere. Geplant war es auch nicht. Ich bin hauptsächlich nach Neigung gegangen, also nach dem, was mir eben Spaß gemacht hat.

Dein Berufseinstieg war in Spanien. Wie kam es dazu?

Ausland fand ich schon immer klasse! Nach meinem ersten Examen habe ich eine Station in Luxemburg beim EuGH gemacht. Im Referendariat beschloss ich, Spanisch zu lernen. Daher habe ich die Anwaltsstation in Madrid gemacht. Dann bin ich einfach geblieben.

Welche Vor- und Nachteile siehst Du darin, nach der deutschen juristischen Ausbildung direkt in eine fremde Jurisdiktion zu wechseln? Kannst Du diesen Schritt empfehlen oder würdest Du eher dazu raten, zunächst ein paar Jahre Berufserfahrung in der eigenen Jurisdiktion zu sammeln?

 

Das war nicht einfach! Vor allem, weil ich ohne Sprachkenntnisse ankam. Ich kann zu dem Schritt daher weder raten, noch davon abraten. Frau muss jedoch schon eine gewisse Risikobereitschaft haben und Freude, die Komfortzone zu verlassen.

Ich hatte beispielsweise immer das Gefühl, dass die Mandant*innen mir nicht zutrauen sie zu verteidigen. Dieses Gefühl macht etwas mit einer Person. Neben dem Kampf mit dem eigenen Selbstvertrauen und dem eigenen Selbstbewusstsein kam der Kampf mit den Rechtskenntnissen, gekrönt von dem Kampf mit der Sprache. Es war kaltes Wasser pur. Frau muss dann eben Schwimmen lernen.

Hast Du für dieses „Schwimmen lernen“ Tipps?

Ein wichtiger Tipp ist, auf sich selbst zu vertrauen. Wenn wir Abitur und das erste Examen hinter uns haben, dann sind wir ganz tolle Frauen, die schon viel „drauf haben“. Wir müssen uns nur vertrauen und versuchen, das Beste rauszuholen.

 

Wie kam es dazu, dass Du Gründungspartnerin geworden bist?

Das hatte den einfachen Grund, dass ich in der Kanzlei, in der ich damals tätig war, die gläserne Decke - die in Wirklichkeit nicht aus Glas, sondern aus Beton besteht - ganz deutlich gespürt habe. Mir war klar, dass es in einer anderen Kanzlei ganz ähnlich sein würde und ich dem nur entkommen kann, wenn ich meine eigene Chefin werde. 

Die Entscheidung sich selbstständig zu machen war dennoch ein langer Prozess. Letztendlich war mein Leidensdruck in der Kanzlei so groß, dass es irgendwann nur auf eine Selbstständigkeit hinauslief.

Manchmal neigt man ja dazu, trotz großen Leidensdrucks eine ganze Zeit auszuharren. Was hat bei Dir letztendlich dazu geführt, den letzten Schritt zu wagen?

Ehrlich gesagt habe ich diesen Schritt mit meiner dritten Schwangerschaft fast schon provoziert. Das Fass zum Überlaufen hat schließlich der Sohn meines damaligen Chefs in der Kanzlei gebracht. Er ist 18 Tage älter als ich. Mit seinem Eintritt ist er – weil er eben der Sohn des Chefs war – automatisch mein Chef geworden. Eines Tages kam er zu mir ins Büro und sagte: „Katharina, Du bist doch Feministin!“ An und für sich habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn mich jemand Feministin nennt. Aber er hat das auf eine so provokative Art und Weise gesagt, dass mir klar war, dass ich das nicht mehr aushalte. Die einzige Lösung war zu gehen und selbstständig zu werden!

Siehst Du in der Selbstständigkeit besondere Risiken oder Chancen für Frauen? Was würdest Du Frauen, die diesen Schritt erwägen, raten?

Weil Spezialisierungen im Anwält*innenberuf so gefragt sind, würde ich dazu raten, sich nicht alleine selbstständig zu machen. Außerdem merke ich, dass wir Frauen uns immer stärker fühlen und tatsächlich auch stärker sind, wenn wir von „uns“ anstatt von „ich“ sprechen. Der „Wir-Trick“ ist übrigens ein allgemeiner Kniff, den ich gelernt habe. Zum einen macht er uns unterbewusst stärker. Zum anderen ist auch die Rücksprache mit anderen Frauen, und sei es, um sich einfach nochmal kurz über einen Fall auszutauschen, ungemein gewinnbringend. Als Alleinkämpferin macht es außerdem einfach nicht so viel Spaß! Das Teamwork muss dabei gar nicht unbedingt an einem Ort stattfinden. Zum Beispiel haben wir eine virtuelle Bürogemeinschaft. Darüber hinaus habe ich noch zwei wichtige Tipps:

 

Erstens: Habe einen detaillierten Plan! Wir haben mit unserer Firma ziemlich blauäugig angefangen. Wir hatten keinen großartigen Businessplan ausgearbeitet, sondern nur ein grobes Konzept. Mittlerweile habe ich durch die Erfahrung bei meinen anderen Aktivitäten gemerkt, dass es essential ist, einen detaillierten Plan zu haben. Das würde ich im Nachhinein unbedingt empfehlen! Zudem haben wir bei Zero – ohne einen einzigen Mandanten – angefangen. Das war nicht einfach! Wir sind wirklich ins kalte Wasser gesprungen. Natürlich ist das Ganze auch abhängig von Wettbewerbsklauseln (meine war rechtswidrig). Ich wollte es mir vor Ort aber natürlich auch nicht verscherzen. 

Zweitens, und noch wichtiger: „Frau prüfe gut, wer sich bindet!“ Wir haben uns gleich im ersten Jahr mit unserer dritten Partnerin nicht gut verstanden. Daher möchte ich den anderen Kolleginnen mit auf den Weg geben: Frau prüfe gut, wer sich bindet. Das gilt tatsächlich nicht nur in privaten Partnerschaften, sondern auch in geschäftlichen Partnerschaften. Es ist ganz wichtig zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Mittlerweile wurden einige Tools entwickelt, mit deren Hilfe diese Aspekte abgeprüft werden können. Obwohl es irrwitzig klingt, empfehle ich, psychologische Tests miteinander zu machen. Viel sprechen, viel nachfragen (auch Allgemeines: etwa: Was erwartest Du vom Leben? Was sind Deine Werte?), insgesamt einfach keine Hemmungen haben! Wir sollten uns sehr gut kennen und wissen, wie weit wir aufeinander bauen und vertrauen können.

Deine Söhne sind mittlerweile 2, 5 und 7 Jahre alt. Zudem ist Dein Mann auch selbstständig. Wie habt Ihr es geschafft, Familiengründung und Karriere miteinander zu vereinbaren?

Die Vereinbarung ist nicht immer ganz einfach. Vor allem, wenn wieder einmal Ferien sind gibt es täglich neue Herausforderungen. Urlaub gibt es eigentlich nicht. Es helfen nur sehr viel Gelassenheit, sehr viel Humor und Grenzen zu setzen. Sowohl gegenüber dem Beruf als auch gegenüber den Familienmitgliedern. Darüber hinaus ist eine gute Infrastruktur zentral. Bei uns läuft alles einigermaßen gut, weil meine Schwiegereltern uns unterstützen. Ohne diese Unterstützung wäre es schier unmöglich.

Ist es Dir schwergefallen, Hilfe anzunehmen?

Hilfe anzunehmen ist mir ungeheuer schwergefallen, vor allem als Deutsche. In Spanien ist das Gute, dass von Anfang an klar und gewollt ist, dass die Großeltern praktisch schon mit der Geburt des Enkelkindes eingespannt werden. Darüber wird erst gar nicht diskutiert. Zu Anfang fiel es mir sehr schwer, das zu akzeptieren. Will ich das überhaupt? Mischen sie sich nicht zu sehr in mein Leben ein? Will ich nicht unabhängig sein? Aber dann habe ich begriffen, dass es den Kindern mit ihren Großeltern prima geht und wir so eine schöne Großfamilie haben. Ich begriff, dass ich damit viel Freiheit, Unabhängigkeit, Platz und Raum für andere Dinge gewinne.

  

Wie sehr haben die Kinder Deinen Karriereverlauf beeinflusst?

Jedes Kind hat uns auf seine eigene eine Art und Weise anders beeinflusst. Als ich ganz frisch wusste, dass es meinen nun 7-jähriger Sohn Noah geben wird, brach für mich erstmal eine Welt zusammen. Ich hatte große Angst davor, was auf mich zukommen würde. Ich hatte gerade meine erste Festanstellung. Ich habe mir das zusammen nicht zugetraut, hatte Angst um meinen Job und konnte mir absolut nicht vorstellen, wie beides zu vereinbaren sein soll.

Mit der Zeit hat sich das alles gelegt. Vor allem die Gespräche mit meinem Mann, der mich immer wieder ermahnte, mir nicht so viele Sorgen zu machen, haben mir dann geholfen. Immerzu machte er mir klar, dass das Leben immer weitergeht, egal was passiert. Und wir realisierten, dass es einfach zu schön ist, ein neues Menschenleben zu haben, um Angst vor einem Karriereknick zu haben.

Als Noah dann auf die Welt kam, gab es für mich nichts Tolleres und Großartigeres, als dieses kleine Wesen auf dem Arm zu haben. Es ist mir wahnsinnig schwergefallen, nach vier Monaten zurück in die Kanzlei zu gehen und von 7 bis 19 Uhr zu arbeiten. Am liebsten hätte ich ihm immer bei mir gehabt. Zu der Zeit hat mein Mann dann zuhause das Zepter übernommen.

Nach Noah hatte ich eine Fehlgeburt. Das kleine Mädchen hatte einen genetischen Defekt. Der Körper hat den Fetus ausgeschieden. Das gehört zum Mensch sein leider dazu.

Als ich dann mit Gabriel schwanger war, wusste ich was kommt, alles war bereits routinierter. Die Freude war von Anfang an sehr groß. Alles klappte schon viel besser. Ich habe aber lange gewartet, bis ich in der Kanzlei etwas gesagt habe. Ich wollte meine Ruhe haben und Geborgenheit für uns schaffen.

Bei der Schwangerschaft mit Alexander war die Routine bereits so groß, dass ich dachte: Krass, alles gar kein Problem. Ich reiste noch viel, machte noch dieses und jenes. Allerdings hat mir die Natur dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Mutterkuchen war nicht richtig ausgebildet und konnte Alexander nicht richtig ernähren. Der kleine Alexander kam zu früh, war zu klein und zu leicht. Wieder wurde mir klar, dass wir doch nur ein Geschöpf auf der Welt sind. Es hat mich geerdet und mir gezeigt, dass es viel wichtigere Dinge auf der Welt gibt als Karriere. Nämlich: kleine Kinder und Mutter Natur.

So hat uns jedes Kind auf seine Art und Weise beeinflusst. Vor allem aber hat das Kinderbekommen dazu geführt, dass ich meinen Blick für das Wesentliche geändert habe, für das was wirklich wichtig ist.

Junge Frauen fragen sich oft, wann eigentlich der richtige Zeitpunkt für Kinder ist. Plant man sie um die Karriere rum oder die Karriere um die Kinder? Oder kommt es, wie es kommt?

Es kommt tatsächlich wie es kommt. Bloß nicht anfangen, nachzudenken! Wenn wir anfangen nachzudenken, gibt es immer Gründe, die gegen Kinder sprechen. Weil wir in der Ausbildung sind, kein Geld haben oder gerade angefangen haben zu arbeiten. Die wenigsten Gründe sprechen dafür. Das einzig wichtige für uns Frauen ist, den richtigen Partner zu haben. Einen der zu uns steht, uns unterstützt und auch Kinder liebt und haben möchte.

Hat es in Deiner Karriereplanung eine besondere Rolle gespielt, dass Du eine Frau bist? Hast du Unterschiede zu den männlichen Kollegen gespürt?

Immer, immer, immer habe ich Unterschiede gespürt. In der Kanzlei beispielsweise, weil ich die einzige und jüngste Anwältin war. Die haben mich einfach nicht ernst genommen. Das einzig Positive war, dass mein „soziales Ranking“ hier in Spanien gut war, schon alleine dadurch, dass ich Deutsche war. Ansonsten aber ist das Ranking einer weißen Frau unterhalb dessen eines weißen Mannes. In Businessgesprächen spüre ich das bis heute. Belegen kann ich es aber leider nicht. Oft könnte ich aber wetten, dass Gespräche anderes gelaufen wären, wenn ein Mann dabei gewesen wäre.

Neulich zum Beispiel: Wir hatten ein Gespräch mit einem älteren Herrn um die 60. Mitten im Gespräch fing er an, mit seiner Brille zu spielen. In dem Moment ist irgendwas mit mir passiert, ein unbewusster Mechanismus: Ich fühlte mich plötzlich in die Grundschule zurückversetzt. Diese Mechanismen sind schwierig zu durchbrechen.

Wie hast Du es geschafft, den „Mechanismus Grundschule“ zu durchbrechen?

In dem Augenblick, als ich mich wieder wie eine Grundschülerin gefühlt habe, habe ich mir dann selbst gesagt: Jetzt reiß Dich zusammen, Du bist fast 40 Jahre alt, eine erwachsene Frau! Dann habe ich einfach alles gegeben. Trotzdem hat es letztlich nicht gereicht. Vielleicht lag es an der Sekunde, die sicher auch der Mann gespürt hat. In diesen Augenblicken ist es immens wichtig, sich immer wieder auf sich selbst und auf seine eigenen Werte zu besinnen.

Was möchtest Du jüngeren Juristinnen mitgeben?

Ganz frisch, froh, fröhlich und sie selbst zu sein, das Leben zu genießen und auf sich selbst und die eigenen Kenntnisse zu vertrauen. Niemals das Licht unter den Scheffel stellen! Und immer ganz selbstbewusst und aufs Neue auf die Leute zugehen.

Gab es Frauen, die Dich unterstützt haben?

Ich habe immer wieder inoffizielle „Mentorinnen“ gesucht. Je nach Lebenssituation auch durchaus neue, denn auch die Lebenssituationen verändern sich. Ich habe viele Fragen gestellt, die Frauen beobachtet und mit ihnen diskutiert. Ich empfehle, sich immer wieder Leute zu suchen, die einem gefallen. Ich finde immer Frauen toll, die mich inspirieren. Sobald eine da ist, lasse ich nicht locker!

Was genau bedeutet das "nicht locker Lassen" bei Dir dann?

Das heißt Kontakt suchen, Fragen ob wir Kaffee trinken können, ob ich etwas tun kann um die Frau zu unterstützen, einen Artikel für sie schreiben oder was auch immer. Einfach Nähe suchen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte?

Maria Louisa de Contes inspiriert mich. Sie ist Kartellrechtlerin und arbeitet schon ihr Leben lang bei Renault. Früher war sie Generalsekretärin bei Renault, nun ist sie die Direktorin für Diversity weltweit. An Maria Louisa de Contes begeistert mich, dass sie so herzlich ist. Sie ist sehr eigen und dominant, aber die Herzlichkeit macht alles wett.

Jemand Deutsches fällt mir gerade gar nicht ein. Denn diejenigen, die ich erlebt habe, waren meist ohne Familie und für mich daher kein Vorbilder, denn ich wollte ja immer alles haben - Familie und Karriere. In Deutschland habe ich immer vermittelt bekommen, dass ich mich entscheiden muss. Das hat aber nicht meinem Naturell entsprochen. Die tollen Juristinnen, die ich kenne, fand ich immer sehr hart. Ich wollte aber nie so hart werden.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast!

Freiburg im Breisgau / Madrid, 29. März 2018. Das Interview führte Sita Rau.

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