Prof. Dr. Anja Steinbeck im Porträt

 

"Als Professorin ist man nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet."

Prof. Dr. Anja Steinbeck, Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, über eine Frauenquote an den Universitäten, den Alltag als Rektorin und den Umgang mit unpassenden Kommentaren.

Liebe Frau Steinbeck, Sie haben als Professorin an der Universität Köln begonnen und sind nun seit 2014 Rektorin der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf und damit die jüngste weibliche Rektorin einer deutschen Universität. Wussten Sie schon als Studentin, dass Sie Professorin oder gar Rektorin werden wollen?

 

Nein, an beides habe ich im Studium nicht gedacht. Um ehrlich zu sein, hatte ich den Beruf als Professorin als Option gar nicht im Kopf, denn an der Johannes Gutenberg  Universität in Mainz gab es zu meiner Zeit genau eine Professorin, Prof. Dr. Barbara Grunewald. Ansonsten standen bei meinen Vorlesungen nur Männer vorne und haben doziert. Ich dachte eher daran, Richterin zu werden. Das änderte sich erst, als mein Doktorvater mich nach Abgabe meiner Dissertation von sich aus fragte: „Anja, können Sie sich vorstellen an der Universität zu bleiben?“ – Meine unmittelbare Antwort darauf war etwas naiv: „Was soll ich denn da tun?“ (lacht) Ich wusste tatsächlich nicht, was er meint. Er hat mich dann ermutigt mit den Worten, ich würde doch gerne unterrichten und es gäbe keinen Beruf, der so viel Freiheit biete.

In der gleichen Woche wurde ich just mit einem weiteren sehr reizvollen Angebot vom ZDF überrascht. Der Leiter der Rechtsabteilung war durch Zufall über Bekannte auf mich gestoßen. Für meine Entscheidung war folgende Überlegung maßgeblich: Sollte ich nach drei Jahren feststellen, dass es mir an der Universität nicht gefällt, kann ich mit Ende Zwanzig immer noch Richterin werden oder einen anderen Beruf außerhalb der Universität ergreifen. Andersrum, also eine Rückkehr an die Universität, wird schwieriger. Hätte mir mein Doktorvater diese Frage nicht gestellt, hätte ich mit Sicherheit nicht habilitiert. Später, als Professorin, hatte ich dann die Gelegenheit, einige Jahre als Richterin im Nebenamt im 6. Senat des OLG Köln zu arbeiten.

Das Phänomen der wenigen Professorinnen gibt es leider auch heute noch. Woran liegt es, dass an Deutschlands Universitäten immer noch so wenig Professorinnen lehren?

Ich denke, es liegt an den fehlenden Vorbildern. Wenn man im Studium keine Frau in der Professorenschaft erlebt, prägt das die Vorstellung davon, was beruflich möglich ist. Außerdem erlebe ich immer wieder, dass junge sehr talentierte Juristinnen, sogar Doktorandinnen, sich zu wenig zutrauen. In einem Seminar für das 2. Semester habe ich die Studierenden beispielsweise gefragt, was sie beruflich anvisieren. Viele der jungen Männer haben sofort geantwortet: Partner in einer Kanzlei, Richter, Professor, Staatsanwalt etc. Demgegenüber haben viele der Frauen viel zurückhaltender geantwortet: „Wenn ich das Examen bestehe, dann (...).“ Da gibt es eine strukturelle Unsicherheit, die auch dazu führt, dass Frauen sich nicht zutrauen, Professorin zu werden – und es gar nicht erst versuchen.

Kannten Sie diese Unsicherheit auch? Wie sind Sie damit umgegangen?

 

Ja, ich neige beispielsweise dazu, einen Fehler zuerst bei mir zu suchen. Schreibt beispielsweise ein Kollege, er habe meine E-Mail nicht bekommen, denke ich sofort: „Ohje, ich habe die E-Mail anscheinend nicht abgeschickt.“ Oft stellt sich im nachhinein heraus, dass ich die E-Mail doch abgeschickt habe. Der Kollege hat den Nichterhalt einfach mal so behauptet. Inzwischen habe ich dazu gelernt. Wenn etwas schief läuft, stelle mir bewusst die Frage: „Habe wirklich ICH etwas falsch gemacht?“ Wenn ich dann keinen Fehler erkennen kann und zu dem Ergebnis komme „Nein, ich hätte nicht anders handeln müssen“, dann ist die Unsicherheit überwunden. Früher habe ich solche Überlegungen nicht angestellt.

Kürzlich forderte die ehemalige Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth die CDU auf, stärker Rücksicht auf die Belange von Frauen zu nehmen: Es fehle nicht an Qualifikationen, sondern an den Rahmenbedingungen. Gilt das auch für Universitäten? Befürworten Sie eine Frauenquote?

Überwiegend sind die Rahmenbedingungen an der Universität gut, denn die Universität bietet eine enorme Flexibilität in der Zeiteinteilung. Das ist wichtig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als Professorin hat man die Möglichkeit, abends in der „Prime-Time“ (18-21 Uhr) für Kinder da sein zu können und danach weiter zu arbeiten oder ganze Tage Zuhause arbeiten zu können, wenn eines der Kinder krank ist. Man ist nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und das ist grandios. So selbstbestimmt ist das Arbeiten in der freien Wirtschaft nicht möglich. Im Gegenzug muss man mit dieser Freiheit auch umgehen können und Tag für Tag intrinsisch motiviert sein.

Was leider bleibt ist die Unsicherheit der Habilitanden und Habilitandinnen während der oft in die Familienplanung fallendenden Habilitationszeit, ob und wenn ja wo man einen Ruf bekommt. Hier kann das Tenure-Track-Modell gegensteuern. Das ist eine sechsjährige Bewährungsphase, an deren Ende bei erfolgreicher Evaluation der unmittelbare Übergang in eine unbefristete Professur steht.

Wenn es nicht anders geht, befürworte ich auch die Frauenquote als „Türöffner“. Wir sehen in der Wirtschaft, dass eine Selbstverpflichtung in der Regel nichts bringt. Bei gleicher Qualifikation sollten Frauen besser über die Frauenquote einen Platz am Tisch finden als gar nicht Platz zu nehmen.

Wie dürfen wir uns den Alltag einer Rektorin vorstellen? Wie unterscheidet sich Ihr Alltag von dem als Professorin?

Mein Alltag hat sich grundlegend geändert. Früher habe ich Vorträge oder Vorlesungen vorbereitet, Klausuren korrigiert sowie Aufsätze und Kommentare geschrieben. Heute stehen jeden Tag viele unterschiedliche Dinge an: das reicht von Personalgesprächen, über eher organisatorische Fragen bis hin zur Begleitung wissenschaftlicher Vorhaben aus allen Disziplinen der Universität. Viel Zeit verbringe ich auch in Sitzungen wie beispielsweise der wöchentlich stattfindenden Rektoratssitzung. Hier haben wir zum Beispiel in der letzten Woche über das Design der Webseite der Universität gesprochen oder unser Profil als Bürgeruniversität diskutiert. Wir verstehen uns an der HHU als offene Forschungsstätte und Bildungseinrichtung, die aus dem Elfenbeinturm heraustritt und aktiv den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sucht. Diese internen Termine machen 70 Prozent der Arbeit aus. Weitere 30 Prozent bestehen aus externen Terminen, bei denen ich hauptsächlich die Interessen der Universität vertrete oder repräsentative Aufgaben erfülle, um die Wahrnehmung der Universität zu stärken und ein Netzwerk in der Stadt zu knüpfen. Als Rektorin einer Universität bin ich ähnlich wie ein Manager eines mittelständischen Unternehmens tätig.

Nur über eine gute Vernetzung können innovative Projekte verwirklicht werden, wie zum Beispiel der Verein „Wissensregion Düsseldorf e.V.“. Zweck des Vereins ist es, Düsseldorf als Bildungs- und Ausbildungsstandort sichtbarer zu machen und innovativen Lehrformate zu entwickeln. Hierzu zählen Projekte, in denen Studierende und Auszubildende zusammenarbeiten, um zwischen den Ausbildungssträngen Brücken zu bauen.

Ob mir die Tätigkeit als Rektorin Freude macht? Ja, ich finde die Abwechslung herrlich und jeden Tag etwas gestalten zu können, ist sehr befriedigend!

Damit haben Ihre Aufgaben heute kaum juristische Bezüge. Inwieweit hat Sie Ihre Ausbildung auf die Rolle als Rektorin einer Universität vorbereitet?

Ich profitiere heute sehr von dem Jurastudium, weil man hier lernt, Probleme zu clustern, so etwa in Fragen des „Ob“ und des „Wie“. Wenn sich eine Besprechung im Kreis dreht, hilft es häufig, die vorhandenen Meinungen abzuschichten und dann zu analysieren, um zu einer guten Lösung zu finden. An der Spitze einer Institution muss ich viele Entscheidung treffen. Dabei hilft mir insbesondere meine 10-jährige Erfahrung als Richterin. Ich habe vor Gericht erlebt, dass es für eine unterliegende Partei besonders schlimm ist, wenn sie das Gefühl hat, die Richter haben ihr Anliegen nicht gehört oder nicht richtig verstanden. Ich versuche deswegen immer, alle Standpunkte zu verstehen und angemessen zu berücksichtigen. Natürlich kann ich nicht immer allen Interessen gleichermaßen gerecht werden.

Was braucht es Ihrer Meinung nach außerdem für einen Job wie Ihren?

Einen langen Atem und eine hohe Toleranzschwelle. Bei jedem Vorschlag, den man in einer so großen Institution wie einer Universität unterbreitet, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass erst einmal 25 Prozent der Mitglieder dagegen und 50 Prozent indifferent sind. Meine Idee, das Profil der Heinrich-Heine-Universität als Bürgeruniversität auszubauen, wurde mit den Worten kommentiert: „Wollen Sie etwa eine Volkshochschule aus dieser Universität machen?“ Manche Wissenschaftler verwechseln Verständlichkeit mit fehlendem intellektuellem Anspruch. Es heißt also, Geduld haben, nicht zu sehr an sich zweifeln und unbeirrt weiter machen. Das erfordert aber auch den Mut, sich einen neuen Weg zu überlegen, wenn der alte nicht der richtige war.

Nach dem Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität wurde in der Presse unter anderem Ihr Kleid gelobt. So etwas passiert männlichen Rektoren wahrscheinlich seltener. Werden Sie in Ihrem Alltag mit Vorurteilen und Sexismus konfrontiert? Wie gehen Sie damit um?

Ja, leider erlebe ich derartige Situationen häufig. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Kommentar eines männlichen Kollegen, als ich einen längeren Rock trug: „Oh, Sie haben heute einen längeren Rock an? Ich habe Sie fast nicht wiedererkannt“. Solche Kommentare sind am Arbeitsplatz unpassend und unprofessionell. Ehrlich gesagt, können sie mich aber nicht wirklich ärgern. Meistens lächle ich, sage: „Danke für das Kompliment“ und denke mir, Du armer Kerl.

Was raten Sie jungen Frauen im Umgang mit unpassenden Kommentaren?

Das muss jede Frau für sich selbst entscheiden und wenn sie schlagfertig ist, kann sie sicherlich auch gut verbal parieren. Mein Tipp ist: Einfach niederlächeln und drüberstehen.

Sie haben neben dieser beeindruckenden Laufbahn auch zwei Kinder bekommen. Zu welchem Zeitpunkt war das? Haben Sie einen Rat für die Kinderplanung?

Mein erstes Kind habe ich drei Jahre nach Beginn meiner Habilitation, mein zweites Kind kurz nach Abgabe der Arbeit bekommen. Das war natürlich nicht ganz einfach und in der Zeit, in der die Kinder klein waren, musste die Forschung zurücktreten. Da sieht man schon, dass Kollegen an einem vorbeiziehen, weil sie mehr auf Tagungen gehen können und mehr veröffentlichen. Ich glaube aber, es gibt nie einen „richtigen“ Zeitpunkt für das Kinderkriegen. Das Wichtigste ist doch, dass man den richtigen Partner findet. Und dann sage ich immer: Wenn man schwanger wird, sollte man sich einfach nur freuen. Der Rest fügt sich.

Ihr Mann ist als Anwalt in einer Großkanzlei ebenfalls beruflich stark eingespannt. Wie funktioniert das alles: erfolgreiche Karriere beider Partner und zwei Kinder?

 

Das geht natürlich nur, wenn alle gesund sind und bleiben. Das Entscheidende ist darüber hinaus eine gute Organisation. Das heißt insbesondere, dass man Geld für eine gute Kinderbetreuung in die Hand nehmen muss, wenn man nicht gerade Oma und Opa in der Nachbarschaft hat. Wir haben immer ein Au-Pair im Haus gehabt und das hat sehr gut funktioniert. Außerdem konnte ich –  da die Tätigkeit als Professorin sehr flexibel ist – fast jederzeit zuhause bei den Kindern sein, wenn ich das wollte. Und das war mir wichtig! Was tagsüber nicht geschafft wurde, musste dann eben abends erledigt werden, wenn die Kinder im Bett waren. In diesen Jahren blieb natürlich wenig Zeit für Freundinnen oder Hobbys.

Gibt es trotz der guten Organisation Momente, in denen Sie zweifeln? Wie gehen Sie damit um?

 

Richtige Verzweiflungsmomente hatte ich weniger. Dafür stelle ich mir immer wieder Fragen wie: Ist das richtig so, bin ich genug für meine Kinder da? Genüge ich beruflich, wenn ich entsprechend Zeit mit den Kindern verbringe? Aber ich denke dann in Ruhe über diese Fragen nach und gebe mir ehrliche Antworten. Manchmal muss etwas geändert werden und manchmal darf man sich dann auch einfach sagen: Nein, es ist gut so, Du gibst Dein Bestes.

Hatten Sie im Studium Vorbilder, die Sie für Ihren beruflichen Werdegang inspiriert haben?

 

Für mich war es wesentlich, dass es Frau Prof. Barbara Grunewald an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz gab. Es hat mich inspiriert und ermutigt, dass sie es als Mutter von drei Kindern geschafft, den Beruf als Professorin auszuüben. Sie hat sich damals viel Zeit für ein Gespräch genommen, als meine Entscheidung für oder gegen eine Habilitation anstand. Das war für meine Entscheidungsfindung sehr wichtig.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Eine Frau, die ich wirklich bewundere, ist Anne-José Paulsen, ehemalige Präsidentin des OLG Düsseldorf und 1. Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen sowie Vorsitzende des Hochschulrates der Universität Düsseldorf. Sie wird hier auch anerkennend die „Königin von Düsseldorf“ genannt, weil es ihr gelingt, sich in den Gremien bedingungslosen Respekt zu verschaffen und dabei gleichzeitig immer einnehmend freundlich zu bleiben.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Düsseldorf / Berlin, 18. Mai 2018. Das Interview führte Clara zu Löwenstein.

Spannende Porträts, die Dich ebenfalls interessieren könnten:

 

Dr. Dorothee Ruckteschler, Partnerin bei CMS Hasche Sigle, darüber wie Frauen von einem Doktortitel profitieren und welchen Rat sie Juristinnen bei der Familiengründung heute noch mitgeben würde. Weiterlesen

 

Louise Barrington, arbitrator, mediator and educator, about the beginning of ArbitralWomen, women in law in Canada and Hong Kong and what it takes to pursue a career in international arbitration. Weiterlesen