Dr. Dorothee Ruckteschler im Porträt

 

"Höre nicht auf das, was "man macht", sondern darauf, was für Dich das Richtige ist."

Dr. Dorothee Ruckteschler, Partnerin im Bereich Konfliktlösung bei CMS Hasche Sigle, darüber wie Frauen von einem Doktortitel profitieren, wie sie selbst ihre Karriere mit ihrer Familie erfolgreich vereinbarte und welchen Rat sie Juristinnen bei der Familiengründung heute noch mitgeben würde.

Dorothee, Du bist seit vielen Jahren Partnerin bei CMS Hasche Sigle im Bereich Konfliktlösung. Im Rahmen dessen vertrittst Du Mandanten vor staatlichen Gerichten und Schiedsgerichten. Was fasziniert Dich bis heute an dem Bereich?

 

Das ist leicht zu beantworten: Die fehlende Routine. Auch wenn man sich in jeden Fall erst mal einarbeiten muss und man in jedem Fall Schriftsätze schreibt, ist jeder Fall einzigartig. Fast immer ist ein anderes Rechtsgebiet oder eine andere Industrie involviert, sodass die Lernkurve in jedem Fall extrem hoch ist. Daneben macht mir die Ermittlung des Sachverhalts sehr viel Spaß. Insbesondere mag ich es, hinter die Vordergründe zu schauen, d.h. herauszufinden, worüber die Parteien eigentlich in Streit geraten sind, und anschließend Strategien zu entwickeln, die über das aktuelle Verfahrensstadium hinausgehen und das gesamte zu erwartende Verfahren in den Blick nehmen. Auch diese Fragen sind bei jedem Fall neu. Dadurch gestaltet sich die tägliche Arbeit hoch spannend, da man nie einfach auf ein Muster zurückgreifen kann.

Du bist außerdem regelmäßig als Schiedsrichterin tätig. Dies erfordert in der Regel eine Benennung durch die Parteien oder eine Schiedsgerichtsinstitution, sodass es gar nicht so einfach ist benannt zu werden. Wie hast Du es geschafft, Dich so auf dem Markt zu etablieren, dass Du regelmäßig benannt wirst?

Das kann ich nicht mit Sicherheit beantworten, da die mich benennenden Parteien bzw. ihre Parteivertreter mir ihre Überlegungen für die Benennung nicht offenlegen. Ich glaube aber, dass ich den Ruf habe, immer sehr sorgfältig vorbereitet zu sein, den Fall bis zur mündlichen Verhandlung durchdacht zu haben. Mit ist Integrität sehr wichtig. D.h. ich lehne auch spannende Mandate ab, obwohl kein echter Interessenskonflikt mit einer anderen Tätigkeit von CMS besteht, wenn ich mich durch die Verbindung nicht mehr wohl fühle, z.B. wenn mein Eindruck ist, dass meine Kollegen sich bei einer Schiedsrichtertätigkeit von mir nicht wohl fühlen. Denn sich selbst unwohl zu fühlen, ist schon ein Indiz dafür, nicht völlig unabhängig zu sein. Im Übrigen braucht es Jahre, eine Reputation aufzubauen.

Du bist Trägerin eines Doktortitels. Welche Rolle spielen aus Deiner Sicht heute ein Doktor- oder LL.M.-Titel für eine Karriere in einer international tätigen Kanzlei?

 

Auch wenn gerade erst ein Artikel in der JUVE nahegelegt hat, dass der LL.M. für Großkanzleien inzwischen wichtiger als der Doktortitel sei, glaube ich eher, dass das dahinterstehende Bedürfnis vernünftige Englischkenntnisse betrifft. Aber gerade für Frauen im deutschsprachigen Raum ist ein Doktortitel meiner Ansicht nach immer noch wichtig, da man damit oft ernster genommen wird. Dabei geht es aber nur um den Titel - Thema und Note sind unerheblich. Das ist anders im englischsprachigen Raum, wo weder dem Doktortitel noch dem LL.M. eine herausragende Rolle zukommen.

Welchen Tipp würdest Du Berufseinsteigern oder Berufseinsteigerinnen geben, die sich für eine Tätigkeit in einer international tätigen Wirtschaftskanzlei wie CMS interessieren?

So viele Bereiche wie möglich auszuprobieren. Je mehr man während der Ausbildung ausprobiert, desto besser bekommt man ein Gefühl dafür, was einen interessiert.

Du hast zwei erwachsene Söhne, die Du nach mehreren Jahren Berufserfahrung bekommen hast (mit 34 und 36). Das galt damals als sehr spät. Würdest Du heute den Zeitpunkt wieder so wählen?

Das würde ich wieder so machen. Das liegt in meinem Fall aber auch daran, dass für mich lange nicht klar war, ob ich Kinder haben möchte.

Dein Mann ist ebenfalls beruflich sehr eingespannt. Wie habt Ihr damals Eure beiden Jobs sowie das Familienleben miteinander vereinbart?

Erstens haben wir uns viel externe Hilfe geholt und alles delegiert, was sich delegieren ließ. Denn uns war wichtig, die wenige Zeit für die Familie bewusst als quality time zu nutzen, also keine Hausarbeiten oder Einkäufe währenddessen zu erledigen oder nebenher zu arbeiten. Zweitens habe ich, bis mein jüngerer Sohn in der Oberstufe war, Teilzeit gearbeitet, erst 50%, dann 60% und später offiziell 80%, auch wenn es faktisch oft mehr als 80% waren. Das war psychologisch für mich wichtig, um ohne schlechtes Gewissen die Kanzlei verlassen zu können, um meine Kinder etwa zu Sportereignissen oder Musikveranstaltungen begleiten zu können. Ich habe es immer genossen, viel dabei zu sein und viel von meinen Kindern mitzubekommen. Drittens haben mein Mann und ich in dieser Hinsicht einen Kompromiss geschlossen. Ich habe Teilzeit gearbeitet, aber er hat z.B. darauf verzichtet, ins Ausland zu gehen, obwohl dies zugleich einen Verzicht auf den nächsten Karriereschritt bedeutet hat. Ein Auslandsaufenthalt war für uns zwar nicht per se ausgeschlossen, musste aber mit meiner Karriere bei CMS vereinbar sein.

Glaubst Du, eine solche Aufteilung ist heute noch genauso gut machbar?

Ja, absolut. Wichtig ist, dass man im Team eine gute Lösung für die Teilzeittätigkeit findet, die auch die betreffende Familie gut verträglich ist. Da sollten beide Seiten sehr flexibel sein, und das sind wir bei CMS.

Unterschieden sich die damaligen Verhältnisse für berufstätige Eltern in vergleichbaren Positionen deutlich von den heutigen?

In einiger Hinsicht ja, in anderer Hinsicht nein. 'Technisch' ja, da es in den 90ern kaum Kitas und schon gar keine Plätze bis 15 Uhr oder später gab. Wir mussten z.B. unglaublich dafür kämpfen, dass der Kindergarten seine Öffnungszeiten am Vormittag auf 7:30-12:30 Uhr ausweitete, damit Mütter täglich vier Stunden arbeiten konnten. Da wurde uns z.T. entgegengehalten, es ginge uns gar nicht ums Arbeiten, sondern darum, länger Shoppen gehen zu können. Aber auch nach der Ausweitung machte der Kindergarten immer noch eine Mittagspause. Daneben gab es keine elektronischen Kommunikationsmittel, also keine E-Mails etc., wodurch ein immenser Druck bestand, alles bis mittags fertig zu bekommen. Es war regelrecht revolutionär, als mir ein privat angeschafftes Telefax-Gerät ermöglichte, Texte zu redigieren, die meine Assistentin in meiner Abwesenheit nach Diktat geschrieben hatte, und ihr meine Korrekturen mit der Bitte, die Sachen danach rauszuschicken, zurückschicken konnte. Ein Nachteil war damals also der zeitliche Druck. Ein Vorteil war demgegenüber aber, dass es keine ständige Erreichbarkeit gab.

Insgesamt denke ich, dass sich an der Herausforderung aber nichts geändert hat: Der Spagat zwischen den Anforderungen als Mutter und im Beruf ist nach wie vor derselbe. Die mentale Belastung ist daher unverändert oder durch elektrische Kommunikationsmittel noch größer geworden.

Eine Anwältin Deiner Sozietät verriet mir einmal, dass Du als Partnerin mit Kindern auch innerhalb der Kanzlei Vorbildfunktion für andere Anwältinnen hast. Hast Du den Eindruck, dass junge Juristinnen auch heute noch stark nach weiblichen Vorbildern in Fürhungspositionen suchen obwohl sich die Partnerinnenquote im Vergleich zu früher schon verbessert hat?

Das weiß ich nicht. Ich hatte keine Vorbilder. Es gab keine, daher habe ich nie nach welchen gesucht. Ich weiß auch nicht, wie ich intern wirke, also ob ich von anderen in der Hinsicht als Vorbild oder als abschreckend wahrgenommen werde. Ich habe auch noch nie so darüber nachgedacht, da mich Mitarbeiterinnen aus anderen Bereichen nicht darauf ansprechen. Gut möglich, dass sie sich nicht trauen Fragen zu stellen. Wir überlegen aber gerade, ein deutschlandweites Coaching-Programm zu entwickeln.

Als Partnerin beobachtest Du Juristinnen auf dem Weg zur Partnerschaft aus einer besonderen Perspektive. Gibt es Fehler, die speziell Frauen häufiger machen, die sie besser vermeiden sollten?

Fehler ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Wir haben alle zu wenig Selbstvertrauen. Dagegen hilft nur eine eigene Standortbestimmung, bei der man sich fragt: Was will ich? Und zwar nur ich selbst, d.h. niemand sonst - nicht mein Mann, nicht die Familie, nicht irgendjemand anderes. Das gilt nicht nur für Juristinnen, sondern für jede unternehmerische Tätigkeit. Dabei muss man sich darüber klar werden, ob man Partnerin werden will, und falls ja warum. Geht es etwa um den eigenen Ehrgeiz oder einen unternehmerischen Geist? Habe ich eine innere Motivation?

Eine Frau die ein eigenes Unternehmen aufbaut, kann auch nicht nur von 8:00-12:00 Uhr arbeiten. Will man eine Familie, muss man sich also überlegen, wie man beides schaukelt. Wenn man beides will, findet man auch Mittel und Wege. Ist man sich darüber im Klaren, hat man den ersten Schritt in Richtung Selbstvertrauen gemacht. Nicht zwingend dahingehend, dass ich sicher bin, dass ich es kann, sondern dahingehend, dass ich ausprobiere, ob ich es kann

Frauen nehmen viele Chancen nicht an, weil sie glauben, dass sie es nicht schaffen. Sei es, weil sie in Teilzeit arbeiten oder weil sie noch nie eine vergleichbare Erfahrung gesammelt haben. In solchen Situationen muss man mutig sein und die Gelegenheit ergreifen und dann schauen, ob man was daraus machen kann. Falls es nicht klappt, hat man trotzdem immer etwas gelernt und auch Selbstvertrauen gewonnen, da man sich so besser kennenlernt. Das fehlende Selbstvertrauen gibt es natürlich auch bei Männern, allerdings seltener als bei Frauen. Hilfreich ist in jedem Fall, wenn einen das private Umfeld dabei unterstützt und Selbstvertrauen vermittelt.

Gibt es einen besonders wichtigen Rat, den Du Juristinnen, die ihre Karriere mit einer Familiengründung vereinbaren wollen, mitgeben kannst?

 

Auch allgemein mit Blick auf Kinder ist mein wichtigster Rat: Höre nicht auf das, was "man macht", sondern darauf was für Dich das Richtige ist. Man ist in dieser Phase ohnehin viel zu sehr fremdbestimmt aufgrund ständiger fremder Ratschläge.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Inka Hanefeld. Mir ist bis heute ein Rätsel wieso Freshfields, wo sie schon relativ früh weit gekommen ist, sie hat gehen lassen. Die Hintergründe für ihren Weggang kenne ich aber nicht. Sie hat danach zunächst mit anderen eine Boutique eröffnet, und als sie merkte, dass dies für sie nicht passte, hat sie relativ jung den Sprung gewagt und eine eigene Schiedsverfahrensrecht-Boutique in Hamburg alleine eröffnet. Nach und nach hat sie weitere Anwälte eingestellt und dann eine Kanzlei und Reputation aufgebaut, die ihresgleichen sucht.

Insgesamt hat sie m.E. sich ihr bietende Gelegenheiten am Schopf ergriffen und sich voll dahinter gestellt. Zum Beispiel hat sie eine Zeitlang an der NYU Summer School unterrichtet, zu der sie Kind und Nanny einfach mitgenommen hat. Sie hat nicht gesagt "das kann ich nicht", sondern "ich muss schauen wie ich das hinkriege".

Ich habe sie als jemanden kennen gelernt, der genau wie ich sehr gut vorbereitet ist. Sie hat alles gelesen und durchdacht und ist extrem professionell. Dadurch überzeugt sie, was auch an ihrer entsprechenden Reputation erkennbar ist. Dabei ist sie ein toller Mensch geblieben, weshalb ich sie auch persönlich sehr mag. Besonders wichtig sind auch ihr ihre Integrität und sich zu fokussieren.

Vielen herzlichen Dank für das spannende Gespräch und dafür, dass wir Dich am 5. Juni 2018 bei unserem Event zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Großkanzlei begrüßen durften!

Frankfurt am Main / Stuttgart, 13. April 2018. Das Interview führte Nadja Harraschain. 

Kontakthinweis:

Dr. Ruckteschler hat freundlicherweise angeboten, sich nach Möglichkeit Zeit für individuelle Fragen zur Karriereentwicklung zu nehmen. Sie ist erreichbar unter Dorothee.ruckteschler@cms-hs.com.

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