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Simone Häderle Ingeberg, LL.M (Oslo) im Porträt 

 

"Norwegen ließ mich nicht mehr los."

Simone Häderle Ingeberg, LL.M. (Oslo), ist Partnerin der norwegischen Großkanzlei SANDS, zertifizierte Mediatorin und im See- und Seeversicherungsrecht tätig. Im Interview spricht sie über ihren Weg nach Norwegen, ihren Arbeitsalltag und die Unterschiede zur deutschen Arbeitskultur. Besonders positiv erlebt sie die in Norwegen gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie den offenen und selbstverständlichen Umgang mit familiären Verpflichtungen.

Frau Häderle Ingeberg, Sie sind Partnerin bei SANDS in Oslo, leiten den German Desk und arbeiten im Bereich Shipping und Offshore sowie als Mediatorin. Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Mein Arbeitsalltag beginnt, wie bei den meisten, mit E-Mails. Die lese ich zuerst, und danach hängt vieles davon ab, was gerade ansteht. Häufig laufen mehrere Fälle parallel. Aktuell bereite ich zum Beispiel Gerichtsverhandlungen vor. In Norwegen sind die Verfahren stark von mündlichen Verhandlungen geprägt, was eine entsprechend gründliche und intensive Vorbereitung voraussetzt.


Gleichzeitig kommen immer wieder neue Fälle dazu. Dann müssen zunächst Interessenkonflikte geprüft und die Themen intern abgestimmt werden. Ich arbeite dabei eng mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen, oft auch über verschiedene Fachbereiche hinweg. Das bedeutet viel Koordination und Austausch, sowohl intern als auch mit Mandantinnen und Mandanten oder anderen Kanzleien.


Ein großer Teil des Tages besteht deshalb aus Gesprächen, Telefonaten und Abstimmungen. Dazu kommen interne Themen, etwa Personalfragen oder auch Dinge wie Rankings und Medienarbeit, die ebenfalls begleitet werden müssen.


Was meinen Arbeitsalltag zusätzlich prägt, ist die internationale Komponente. Ich arbeite sowohl mit deutschem als auch mit norwegischem Recht und bewege mich täglich zwischen Deutsch, Norwegisch und Englisch. Man weiß morgens oft noch nicht genau, wie der Tag verlaufen wird. Man hat einen Plan, und am Ende stellt man fest, dass vieles ganz anders kam. Genau das zeigt aber auch die Vielfalt meines Jobs..

Wenn in Norwegen der Schwerpunkt gerichtlicher Verfahren auf der mündlichen Verhandlung liegt, wie gestaltet sich die eigene Rolle vor Gericht?

 

Ja, in Norwegen liegt der Fokus sehr stark auf der mündlichen Verhandlung, entsprechend ist man auch vor Gericht präsent. Die Vertretung erfolgt dabei auf Norwegisch und in der Regel gemeinsam mit norwegischen Kolleginnen und Kollegen.


Allerdings beschränkt sich die eigene Tätigkeit keineswegs ausschließlich auf den Gerichtssaal. Ein Großteil der Arbeit liegt in anderen Bereichen, sodass Gerichtstermine zwar dazugehören, aber nicht den größten Teil des Arbeitsalltags ausmachen.

Ihr Weg führte Sie vom Ersten Staatsexamen an der Universität Tübingen über das Zweite Staatsexamen in Stuttgart bis zum LL.M. in Oslo am Scandinavian Institute of Maritime Law. Was hat Sie nach der deutschen Ausbildung nach Norwegen gezogen?

Der Weg nach Norwegen begann eher zufällig mit einem Erasmus-Aufenthalt während des Studiums. Eigentlich war Kanada geplant, doch weil sich das nicht anerkennen ließ, fiel die Wahl auf Norwegen. Geplant war zunächst auch nur ein einsemestriger Aufenthalt.


Vor Ort hat dann einfach vieles gepasst: das Studium, das internationale Umfeld, die Stadt – und nicht zuletzt die Nähe zur Natur. Aus dem einen Semester wurde ein ganzes Jahr. In dieser Zeit entstand auch das Interesse am Seerecht, ein Fachgebiet, das in Tübingen so nicht angeboten wurde und gerade deshalb besonders reizvoll war.
Nach diesem Jahr ging es zunächst zurück nach Deutschland, um die deutsche juristische Ausbildung abzuschließen. Doch Norwegen ließ mich nicht mehr los. Nach dem Zweiten Staatsexamen wurde der Gedanke konkreter, dort nicht nur zu leben, sondern auch zu arbeiten.


Der LL.M. im Seerecht war dafür der nächste logische Schritt. Er ist eng an die lokale Universität angebunden und gleichzeitig stark praxisorientiert. Man kommt früh mit Kanzleien, Reedereien und anderen relevanten Akteurinnen und Akteuren in Kontakt.


Genau daraus ergab sich schließlich auch der Einstieg in die Praxis: über einen Moot Court entstand der Kontakt zu einer Kanzlei – und damit der Beginn meines beruflichen Weges, der bis heute in Norwegen geblieben ist..

Sie haben sich im LL.M. dann gezielt auf Seerecht und Seeversicherungsrecht konzentriert und sind diesem Bereich auch in Ihrer weiteren Praxis treu geblieben. Was hat den Ausschlag gegeben, sich genau in diesem Fachgebiet zu spezialisieren?

Der Ausschlag für die Spezialisierung lag vor allem darin, in Norwegen Fuß zu fassen. Das Seerecht und Seeversicherungsrecht ist für die norwegische Wirtschaft von zentraler Bedeutung, sodass es nahelag, sich genau in diesem Bereich zu vertiefen. Gleichzeitig bot es die Möglichkeit, früh Zugang zur lokalen Praxis zu bekommen.


Das LL.M.-Programm war stark praxisorientiert und eng mit Kanzleien, Reedereien und anderen relevanten Akteurinnen und Akteuren verknüpft. Viele Veranstaltungen wurden beispielsweise von Praktikerinnen und Praktikern geleitet. Dadurch entstanden früh Einblicke und konkrete Kontakte. Über einen Moot Court stellte ich so auch den Kontakt zu der Kanzlei her, bei der ich später angefangen habe zu arbeiten.


Hinzu kommt das enge Netzwerk in Norwegen. Die juristische Community ist vergleichsweise klein, viele kennen sich, und der Austausch ist entsprechend direkt. Das Netzwerk, das ich durch den LL.M. aufbauen konnte, erleichterte den Zugang zur Praxis deutlich.


Diese Kombination aus Praxisnähe, guten Einstiegsmöglichkeiten und internationalem Bezug hat letztlich den Ausschlag für das Seerecht gegeben. 

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Im Anschluss haben Sie sich entschieden, neben der deutschen auch die norwegische Anwaltszulassung zu erwerben (die sogenannte „advokatbevilling“, also die staatliche Erlaubnis, in Norwegen vollumfänglich als Anwältin zu arbeiten und vor Gericht auftreten zu dürfen). Was waren Ihre Beweggründe für diesen Schritt und wie sah der Weg dorthin aus?

Für mich war der entscheidende Beweggrund, in Norwegen vollumfänglich als Anwältin arbeiten und auch vor Gericht auftreten zu können. Die deutsche Zulassung allein reicht dafür nicht aus, wenn man wirklich im norwegischen Recht tätig sein möchte.


Der Weg war damals vergleichsweise unkompliziert. Voraussetzung war zunächst die deutsche Anwaltszulassung, die ich nach dem Zweiten Staatsexamen bereits hatte. Danach konnte man zwischen zwei Wegen wählen: entweder eine mehrjährige praktische Tätigkeit in einer Kanzlei mit obligatorischem Auftreten vor Gericht oder eine umfassende Prüfung.


Ich habe mich für die Prüfung entschieden, da diese einen zeitnahen Erwerb der Zulassung ermöglichte. Dafür musste ich mich durch ein gewisses Pensum arbeiten und vor allem auch zeigen, dass ich auf Norwegisch sicher arbeiten kann. Die Prüfung bestand aus einem schriftlichen Teil und einer mündlichen Prüfung. Ich habe das gemeinsam mit einer befreundeten deutschen Anwaltskollegin neben der Arbeit in der norwegischen Kanzlei vorbereitet, und wir haben beide bestanden.


Heute gibt es darüber hinaus einen weiteren Weg über die Praxis: Man kann sich zunächst als EWR-Anwältin oder -Anwalt registrieren und nachweisen, dass man über einen gewissen Zeitraum in Norwegen gearbeitet und mit norwegischem Recht praktiziert hat, auch ohne obligatorisches Auftreten vor Gericht. Nach Ablauf dieser Zeit kann dann ebenfalls die norwegische Anwaltszulassung erteilt werden.


Für mich war die direkte Prüfung der effizientere Weg. Sie erleichterte mir das Ankommen in Norwegen erheblich und ermöglichte mir schon bald, gleichwertig und umfassend mit meinen norwegischen Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten.

Sie haben sowohl in deutschen als auch in norwegischen Kanzleien gearbeitet: Wo liegen für Sie die größten Unterschiede im Kanzleialltag?

 

Ich habe die Unterschiede vor allem in der Arbeitskultur wahrgenommen. In Deutschland habe ich die Strukturen als deutlich hierarchischer und formeller erlebt. Der Umgang war förmlicher, und es gab insgesamt weniger Frauen, insbesondere auf Partner*innen-Ebene. Themen wie Familie, Schwangerschaft oder Elternzeit waren damals eher die Ausnahme und wurden teilweise noch als Herausforderung gesehen.


In Norwegen ist die Struktur deutlich flacher. Der Umgang ist direkter und weniger formell, man spricht sich mit Vornamen an, und die Zusammenarbeit ist insgesamt offener. Gleichzeitig ist das Thema Gleichstellung stärker verankert. Auch wenn es gerade im Bereich Shipping und in der Anwaltschaft noch nicht überall gleich viele Frauen in Führungspositionen gibt, ist man insgesamt weiter.


Was mich besonders beeindruckt hat, ist der Umgang mit Familie. Es ist selbstverständlich, den Arbeitsplatz zu verlassen, um Kinder abzuholen, und später weiterzuarbeiten. Viele haben Familie, und darüber wird offen gesprochen. Diese Akzeptanz ist deutlich spürbar.


Was die Sprache angeht, spielt Norwegisch im Arbeitsalltag eine wichtige Rolle, insbesondere im Kontakt mit Mandantinnen und Mandanten und vor Gericht. Englisch ist ebenfalls präsent, gerade im internationalen Kontext, aber langfristig ist es entscheidend, auch auf Norwegisch sicher arbeiten zu können.

Nach einigen Jahren in der Kanzlei sind Sie zu Skuld gewechselt, einem P&I-Versicherer, und waren dort in einer Führungsrolle tätig. Was waren für Sie die größten Unterschiede zwischen der Arbeit in einer Kanzlei und der als „Inhouse“-Anwältin?

Der größte Unterschied lag für mich in der Arbeitsweise. In der Versicherung ist man näher an den Fällen und bearbeitet deutlich mehr Fälle parallel, oft auch im direkten Austausch mit Versicherten und Geschädigten. Die Arbeit ist dabei nicht immer rein juristisch: sie reicht von alltäglichen Fällen bis zu komplexen Schadens- und Vertragsfragen. Größere, juristisch besonders anspruchsvolle Fälle werden häufig an externe Kanzleien abgegeben, während man selbst eher die Rolle der Koordinatorin übernimmt. Neben der juristischen Arbeit kamen Personalverantwortung, Budgetthemen und vertriebliche Aspekte hinzu, was sehr spannend, aber auch fordernd war.


Ein weiterer Unterschied ist die Arbeitsstruktur: Inhouse-Positionen lassen sich oft besser mit Familie vereinbaren, auch wenn sich Kanzleien in diesem Bereich ebenfalls weiterentwickelt haben.

Heute sind Sie wieder in einer Kanzlei – als Partnerin. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

 

Ausschlaggebend war für mich der Wunsch, wieder stärker juristisch zu arbeiten und mich intensiver mit komplexen Fragestellungen zu beschäftigen. Genau das bietet mir die Tätigkeit in der Kanzlei.

Welche konkreten Ratschläge würden Sie einer deutschen Juristin geben, die einen ähnlichen Weg ins Ausland plant?

 

Zunächst sollte man sich ehrlich fragen, ob man wirklich im Ausland arbeiten möchte. Die Tätigkeit lässt sich nicht einfach eins zu eins übertragen. Weder wird deutsches Recht in gleichem Maße gebraucht, noch funktionieren Kanzleien überall gleich.


Wichtig ist deshalb, offen für eine andere Kultur, eine andere Sprache und neue Arbeitsweisen zu sein. Es hilft, wenn das Interesse über das rein Juristische hinausgeht.
Außerdem sollte man sich früh überlegen, in welchem Fachbereich man arbeiten möchte. Das erleichtert die Orientierung im neuen Umfeld.


Ein ganz entscheidender Punkt ist das Netzwerken. Gerade in Norwegen läuft vieles über persönliche Kontakte. Weil das Land vergleichsweise klein ist, kennen sich viele untereinander. Wer von außen kommt, sollte deshalb aktiv daran arbeiten, ein eigenes Netzwerk aufzubauen – etwa über Universitäten, Veranstaltungen oder Initiativen und Berufsverbände.

 

Sie haben die Bedeutung von Netzwerken hervorgehoben und sind selbst auch bei WISTA aktiv, einem internationalen Netzwerk für Frauen in der maritimen Wirtschaft. Welche Rolle hat dieses Netzwerk für Ihren eigenen Weg gespielt? Welche Unterstützung kann es Juristinnen bieten?

 

Zu WISTA bin ich erst einige Jahre nach meinem Start in Norwegen gekommen. Meine ersten beruflichen Kontakte habe ich über das Studium, den LL.M. und die Kanzlei aufgebaut. Der eigentliche Zugang zu WISTA entstand dann mit meinem Wechsel in die Versicherungsbranche.


Inzwischen bin ich dort im Vorstand aktiv. Besonders prägend ist für mich das Mentoring. Junge Frauen werden mit erfahrenen Personen aus der maritimen Wirtschaft zusammengebracht – aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Recht, Technik oder Business.


In diesen Gesprächen geht es oft um sehr konkrete Fragen: Wie organisiert man sich im Berufsalltag? Wie geht man mit bestehenden Strukturen um? Und wie baut man ein eigenes Netzwerk auf? Genau hier bietet WISTA wertvolle Unterstützung.


Auch die Veranstaltungen sind wichtig. Sie schaffen einen offenen Rahmen, in dem man schnell mit anderen ins Gespräch kommt und Kontakte knüpfen kann.


Ein großer Vorteil ist außerdem die internationale Ausrichtung. Es gibt Gruppen in vielen Ländern, sodass sich Netzwerke auch über Ländergrenzen hinweg entwickeln lassen.


Mein Rat ist daher, solche Netzwerke aktiv zu nutzen. Gerade zu Beginn helfen sie dabei, Orientierung zu gewinnen und Kontakte aufzubauen.

Norwegen gilt als Vorreiter in der Gleichstellung. Gleichzeitig sind Führungs- und Partner*innenpositionen auch in der maritimen Branche weiterhin überwiegend männlich besetzt. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung – insbesondere in Norwegen?

Es gibt definitiv Fortschritte, und man sieht auch positive Entwicklungen. In manchen Bereichen funktioniert Gleichstellung schon recht gut. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass gerade in der Anwaltschaft und im Shipping-Bereich weiterhin ein deutlicher Unterschied besteht.


Viele Kanzleien starten mit 50 Prozent oder mehr Frauen auf Berufseinsteiger*innen-Ebene, aber auf Partner*innenebene sinkt dieser Anteil deutlich. Auch bei uns liegt er aktuell nur bei etwa 20 Prozent und damit sind wir schon vergleichsweise gut aufgestellt. In vielen anderen Kanzleien ist der Anteil noch niedriger.


Mit der Initiative „40 by 30“ hat WISTA Norway eine Selbstverpflichtung ins Leben gerufen, die es Unternehmen ermöglicht, ihr aktives Engagement für Vielfalt in der maritimen Industrie sichtbar zu machen. Das wesentliche Ziel besteht darin, den Anteil von Frauen in Führungspositionen bis zum Jahr 2030 auf 40 Prozent zu erhöhen – ein bedeutender Bestandteil der Diversitätsstrategie. Die Initiative schafft Verbindlichkeit und setzt klare Vorgaben. Es genügt jedoch nicht, lediglich Ziele festzulegen; vielmehr ist es notwendig, aktiv an deren Umsetzung zu arbeiten.

Wo sehen Sie zentrale Herausforderungen, die dazu führen, dass der Frauenanteil auf höheren Ebenen trotz gleicher Einstiegszahl deutlich sinkt?

Das ist ein sehr komplexes Thema, für das es keine einfache Lösung gibt. Ein Faktor ist sicherlich, dass Frauen noch nicht immer in gleicher Weise für Führungspositionen in Betracht gezogen werden. In bestehenden, oft männlich geprägten, Strukturen wird häufig eher nach ähnlichen Profilen rekrutiert.


Deshalb ist es wichtig, Rekrutierungsprozesse bewusst zu gestalten und aktiv nach vielfältigen Kandidatinnen und Kandidaten zu suchen. Wenn man immer nur ähnliche Profile einlädt, wird man auch ähnliche Entscheidungen treffen.


Gleichzeitig sehe ich, dass Frauen häufig zurückhaltender sind. Männer treten oft früher selbstbewusst auf und bewerben sich auch dann, wenn sie noch nicht alle Anforderungen erfüllen. Frauen hingegen warten häufiger, bis sie sich perfekt geeignet fühlen – was auch zur Überqualifizierung oder zu einer verspäteten Bewerbung führen kann. Deshalb ist es wichtig, sie gezielt zu ermutigen und anzusprechen.


Ein weiterer Punkt sind fehlende Vorbilder. Wenn es nur wenige Frauen in Führungspositionen gibt, fehlt oft die Orientierung. Gerade wenn es um die Vereinbarkeit von Karriere und Familie geht. Gleichstellungsinitiativen und gesetzliche Quotenvorgaben können einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Vielfalt leisten.

Sie haben fehlende Vorbilder angesprochen. Haben Sie das selbst einmal konkret erlebt?

 

Ja, vor allem im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Während meines Referendariats in Deutschland gab es in der Großkanzlei zum ersten Mal eine schwangere Anwältin. Das wurde damals fast wie eine Ausnahmesituation behandelt. Was im Rückblick eigentlich absurd ist, aber die Realität gut widerspiegelte.


In Norwegen habe ich das später ganz anders erlebt. Als ich selbst mein erstes Kind bekommen habe, war der Umgang viel selbstverständlicher. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt, wie viele Frauen in Führungspositionen das tatsächlich vorleben.


Genau deshalb sind weibliche Vorbilder so wichtig. Man muss sehen können, dass sich Familie und Karriere vereinbaren lassen und wie das konkret funktioniert. Ich versuche heute auch selbst, das offen anzusprechen und den Dialog zu suchen: Wie lässt sich das organisieren? Was braucht es dafür?


Meine Erfahrung ist, dass sich vieles lösen lässt, wenn man früh darüber spricht. Der Anwält*innenberuf bietet oft mehr Flexibilität, als man denkt. Man muss sie nur bewusst nutzen.

Wenn wir den Blick von der maritimen Branche weg und auf Ihren Lebensmittelpunkt richten: Was schätzen Sie an Ihrem Leben und Ihrer Arbeit in Oslo besonders?

 

Was ich an Oslo besonders schätze, ist die Kombination aus Großstadt und Natur. Man hat hier alles, was eine Hauptstadt bietet: ein internationales Umfeld, Kultur, Restaurants und spannende berufliche Möglichkeiten. Gleichzeitig ist die Stadt vergleichsweise klein und überschaubar.


Das Besondere ist, dass man in sehr kurzer Zeit entweder am Wasser oder im Wald ist. Diese Nähe zur Natur, kombiniert mit den Möglichkeiten einer Hauptstadt, ist eine Lebensqualität, die man so selten findet.

Gibt es ein persönliches oder berufliches Ziel, das Sie sich für die nächsten Jahre gesetzt haben und auf das Sie sich besonders freuen?

 

Ich bin vor wenigen Jahren aus der Versicherungsbranche zurück in die Kanzlei gewechselt und habe das Gefühl, dort noch weiter ankommen und mich weiter etablieren zu wollen. Ein wichtiges Ziel ist für mich, das Team weiterzuentwickeln und zu sehen, wie sich die jüngeren Kolleginnen und Kollegen entfalten.
 

Welche Juristin oder welches andere weibliche Vorbild hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Zum einen meine Großmutter. Sie hat ihr ganzes Leben in einem kleinen Dorf verbracht, war aber unglaublich offen, neugierig und interessiert an der Welt. Diese Haltung hat mich sehr beeindruckt und begleitet mich bis heute.


Zum anderen Trine-Lise Wilhelmsen. Sie ist Professorin in Oslo im Bereich Seeversicherungsrecht. Als eine der ersten weiblichen Professorinnen, der ich begegnet bin, hat sie mich fachlich wie persönlich nachhaltig inspiriert.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Oslo/Mannheim, 25. März 2026. Das Interview führte Jennifer Kneisl.

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