Wiebke Winter  Gottfried Schwarz

Foto: © Gottfried Schwarz

Wiebke Winter im Porträt

Mein Job als Politikerin ermöglicht es, aus meiner Hubble rauszukommen!

Wiebke Winter, Mitglied im CDU-Bundesvorstand, Landesvorsitzende der JU Bremen, Deputierte in der Bremischen Bürgerschaft und Doktorandin, über die Herausforderungen als junge Politikerin und die Repräsentanz von Frauen in der Politik.

Wiebke, Du bist Landesvorsitzende der Jungen Union Bremen und außerdem Mitglied im CDU-Bundesvorstand. Wieso lohnt es sich Politikerin zu sein?

Es gibt viele Gründe, warum es sich lohnt Politikerin zu sein. Am wichtigsten ist für mich, dass man als Politikerin die Gesellschaft mitgestalten kann. Politiker*innen treffen die wichtigsten Entscheidungen in Deutschland. Politik bestimmt im Endeffekt unser ganzes Leben. Wer unser Zusammenleben mitgestalten möchte, ist in der Politik genau richtig. Ich kann nur an jede*n appellieren, sich politisch zu betätigen.

Was gefällt Dir an diesem Job besonders gut?​

Ich liebe es, mich in neue Sachverhalte einzuarbeiten. So kann ich mir ein breites Wissen aneignen. Heute bin ich zum Beispiel bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Raumfahrt“ eingeladen. Ein spannendes Thema, mit dem ich mich sonst als Juristin eher nicht beschäftigt hätte. Abgesehen von der thematischen Vielfalt, mit der man zwangsläufig konfrontiert wird, gefällt mir an meinem Job aber vor allem auch, dass ich die Gelegenheit habe, besonders viele unterschiedliche Menschen und deren Perspektiven kennenzulernen. Man lernt viel über die Welt, wenn man den direkten Austausch zu anderen Menschen sucht. Mein Job ermöglicht es mir, aus meiner eigenen Bubble rauszukommen. Das macht mir besonders viel Spaß. 

Wann und warum hast Du Dich entschieden, Dich parteipolitisch zu engagieren? War das schon immer Dein Plan?

 

Ich habe mich tatsächlich schon immer für Politik interessiert, wobei ich auch mal über Journalismus nachgedacht habe. Ich wollte schon immer wissen, wie Gesellschaft und Gesetzgebung funktionieren. Nach meinem Abi habe ich mich dann für Jura entschieden, weil man mit diesem Studium recht breit aufgestellt ist und auch thematisch flexibel bleibt. Ich bin dann an die Bucerius Law School, weil ich einerseits erstmal aus Bremen raus wollte und die Bucerius Law School andererseits nicht allzu weit entfernt ist. Abgesehen davon war für mich das internationale Profil der Uni wichtig. Ich bin aber schon 2012 in die CDU eingetreten. Denn ich wollte mich für eine bessere Bildungspolitik in Bremen einsetzen. Im Gegensatz zu politischem Aktivismus kann man durch eine Mitgliedschaft in einer Partei direkter an Entscheidungen mitwirken. Das war mir wichtig.

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Gibt es den richtigen Zeitpunkt für eine politische Karriere?

Überhaupt nicht! Es ist vollkommen egal, ob man mit 12 oder 75 Jahren anfängt, sich politisch zu engagieren. Es geht ja gerade darum, dass verschiedene Ansichten in politische Entscheidungen eingebracht werden. Eine Partei profitiert von den Perspektiven unterschiedlicher Generationen. Es ist also wirklich nie zu spät.

Was empfandest Du am Anfang Deiner politischen Karriere als besonders herausfordernd?

Eigentlich hat mir bisher immer alles sehr viel Spaß gemacht. Klar, kann man vieles anfangs noch nicht so gut. Ich empfand das aber nicht als negativ. Vielmehr habe ich mich immer gefreut, etwas dazu zu lernen. Man lernt, die eigenen Argumente zu schärfen und sich auf verschiedene Menschen einzulassen. Und ganz nebenbei fördert der Job als Politikerin auf jeden Fall das eigene Namensgedächtnis.

Was würdest du jungen Jurist*innen raten, die sich parteipolitisch betätigen möchten? Wie findet man z.B. die passende Partei?​

Einfach hingehen! So habe ich das damals auch gemacht. Vorher ist es sinnvoll, sich zu informieren, mit welcher Partei man die meisten gemeinsamen Schnittpunkte hat. Das setzt voraus, dass man sich überlegen muss, welche Themen für einen selbst am wichtigsten sind. Man darf nur nicht erwarten, dass es eine Partei gibt, die zu hundert Prozent die eigene Meinung widerspiegelt. Man kann aber immer auch eigene Themen auf die Agenda bringen und vorantreiben. Ich habe mich in der Vergangenheit zum Beispiel für die Ehe für alle und ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare stark gemacht. Derzeit setze ich mich stark für Klimaschutz in meiner Partei ein.

Du bist das jüngste gewählte Mitglied im CDU-Bundesvorstand. Wird man als junges Mitglied der Partei hinreichend ernst genommen? Hattest Du jemals negative Erfahrungen diesbezüglich?

Zwar werde ich schon immer wieder mit Fragen zu meinem Alter konfrontiert, allerdings eher außerhalb meiner Partei. Manche Personen muss man eben erst von sich überzeugen. Aber da zählen die Argumente und nicht das Alter.

Du bringst zunehmend grüne Themen auf die Agenda Deiner Partei. Stößen derartige Veränderungen auf internen Widerstand? Wie setzt man sich intern diesbezüglich am besten durch?​

Natürlich gibt es dazu intern ganz unterschiedliche Meinungen. Das ist ganz normal und nur Ausdruck dafür, dass auch innerhalb einer Partei Positionen verhandelt werden müssen. Ich muss aber sagen, dass ich beim Thema Klimaschutz auf weniger Widerstand gestoßen bin, als ich dachte. Um sich erfolgreich behaupten zu können, muss man sich vor allem zwei Sachen zu Herzen nehmen: Erstens muss man die Fakten kennen und zweitens muss man sich vorher mit den Gegenargumenten auseinandersetzen, um diese entkräften zu können. Aber am wichtigsten ist es, nicht aufzuhören, für die eigenen Ziele und das, wofür man einstehen will, zu kämpfen, auch wenn man mal eine Niederlage einstecken muss.

Bei der Bundestagswahl 2021 möchtest Du als Direktkandidatin Deines Wahlkreises in den Deutschen Bundestag einziehen. Nebenbei arbeitest Du derzeit auch noch an Deiner Dissertation. Wie sieht Dein Alltag momentan aus?​ 

Mein Tag ist derzeit absolut durchgeplant. Es ist schön, dass ich auf die Unterstützung von einem tollen Team zählen kann. Ich habe vieles gleichzeitig im Kopf und muss viele Entscheidungen treffen. Da ist es unentbehrlich, dass man sich auf sein Team verlassen kann. Mein Tag sieht momentan so aus, dass mein Wecker um halb sieben klingelt und ich dann erstmal Zeitung lese. Dann habe ich bis mittags einen festen Zeitslot für die Diss eingeplant, den mir mein Team glücklicherweise immer freihält. Das ist sehr wichtig, sonst würden immer andere Sachen dazwischen kommen. Ab mittags ist dann Politik angesagt. Da ich aktuell im Wahlkampf bin, habe ich auch abends sehr viele Veranstaltungen. Viel Zeit für Freizeit habe ich gerade nicht. Wenn ich Glück habe, kann ich einen halben Tag pro Woche frei machen.

Inwiefern spielt Deine juristische Ausbildung für Deine Arbeit als Politikerin eine Rolle?

Meine juristische Ausbildung hilft mir sehr. Ich kann Zusammenhänge verstehen und weiß, wie man Gesetze liest und versteht. Vor allem, wenn es darum geht, Normen zu interpretieren und auszulegen, kann ich auf das im Studium Erlernte zurückgreifen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Baugebiete zu planen, kenne ich das normative System dahinter und kann die Dinge besser verstehen und einordnen.

Was wäre Dein „Plan B“ abseits einer politischen Karriere?

Das ist ehrlich gesagt undenkbar für mich. Es macht mir so unglaublich viel Spaß Politikerin zu sein, dass ich mir gar nicht vorstellen möchte, dass dieser Traum platzt. Ich möchte auf jeden Fall als Abgeordnete in einem Ministerium oder im Senat arbeiten. Im Zweifel würde ich aber wahrscheinlich erstmal das Referendariat und mein Zweites Staatsexamen machen.

Noch immer sind Frauen in politischen Ämtern unterrepräsentiert. Wie kann man künftig mehr Frauen für Politik begeistern?

Wir müssen für alle und insbesondere für Frauen die Bedeutung der Politik deutlich machen. Wir müssen junge Frauen motivieren, sich politisch zu engagieren. Wie in technischen Berufen ist auch die Politik noch eine Männerdomäne. Ich bin gegen Quotenregelungen, da es vielversprechende Alternativen gibt. Ich würde zum Beispiel gerne eine politische Elternzeit einführen. Außerdem müssen wir Frauen empowern, sich politisch zu engagieren. Ich denke daran, dass man bestimmte Skills, die in der Vergangenheit vor allem bei Männern gefördert wurden, auch bei Frauen geschult werden müssen. Dazu gehört zum Beispiel Verhandlungs- und Rhetoriktraining. Frauen haben einen biologischen Nachteil, da tiefere Stimmen mehr Kompetenz und damit Wählbarkeit vermitteln als helle Frauenstimmen. Dies ließe sich aber über entsprechende Trainings ausgleichen. Ich sehe da vor allem die Jugendorganisationen der Parteien in der Verantwortung, junge Frauen für Politik zu motivieren.

Viele Politiker*innen sehen sich mit Kritik, aber auch zunehmend mit Hass konfrontiert. Hast Du selbst Erfahrungen diesbezüglich gemacht und wenn ja, welche und wie gehst Du damit um?

Ja, ich bekomme selbst viele Hasskommentare ab. Ich hatte auch schon einen Stalker und habe Morddrohungen erhalten. In meinen Augen gibt es da nur eine Option: Die Personen anzeigen. Hass und Hetze sind demokratiefeindlich und -schädlich, weil sie darauf zielen, dass Menschen Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Das müssen wir unbedingt verhindern.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Ruth Bader Ginsburg. Sie war Vorkämpferin der Frauenrechte in Amerika und hat nie aufgegeben und sich von nichts abbringen lassen.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Berlin / Hamburg, 28. Juni 2021. Die Fragen stellte Dr. Simone Ruf.

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