Dr. Vera Rothenburg im Porträt

„Alle Fäden laufen bei uns GesellschaftsrechtlerInnen zusammen.“

Dr. Vera Rothenburg, Partnerin im Gesellschaftsrecht bei Gleiss Lutz in Stuttgart, über die kleinen und großen Stellschrauben bei der Frauenförderung in Kanzleien, reformbedürftige Standardfragen an erfolgreiche Mütter und ihre Leidenschaft für die Gremienberatung.

Dr. Rothenburg, Sie sind seit nunmehr 15 Jahren bei Gleiss Lutz, davon sechs Jahre als Partnerin und bekannt für Ihre Expertise im Gesellschaftsrecht mit Schwerpunkt Gremienberatung. War es schon immer Ihr Traum, eines Tages Partnerin zu werden?

Dass ich schon immer davon geträumt habe, Partnerin zu werden, wäre zu viel gesagt. Ich hätte mir verschiedene Karrierewege vorstellen können, mich hätte z.B. auch eine Inhouse-Karriere gereizt. Mir hat damals im Referendariat die Tätigkeit in Anwaltskanzleien am meisten Spaß gemacht. Neben den spannenden Mandaten habe ich mich schnell in dem Umfeld wohl gefühlt. Mir hat vor allem die Teamarbeit mit hoch motivierten KollegInnen gefallen, von denen viele eine große Leidenschaft für ihren Beruf haben.

Als ich dann bei Gleiss Lutz einstieg, war für mich schnell klar: Hier wollte ich Partnerin werden. Der Gestaltungsspielraum und die Freiheiten der Partnerrolle haben mich sehr gereizt. Außerdem macht es mir Freude, die Zukunft der Kanzlei mit zu formen. Ich kann mich in Strategiefragen einbringen, aber auch den schnellen Dienstweg für kleine, aber entscheidende Neuerungen wählen, z.B. wenn es um Frauen- oder Nachwuchsförderung in unserer partnerschaftlich geprägten Kanzlei geht.

Welche Fertigkeiten und Erfahrungen sind Ihrer Auffassung nach Voraussetzung für langfristigen Erfolg in einer Position wie dieser?

Die Grundvoraussetzung ist natürlich, dass man eine hervorragende Juristin ist. Das allein reicht aber nicht aus. Man muss die juristischen Erkenntnisse den MandantInnen auch so vermitteln, dass die AnsprechpartnerInnen sie verstehen und etwas damit anfangen können. Sich in den Empfänger hineinzudenken und Kommunikationsgeschick zu zeigen, ist unverzichtbar. Nur bei gegenseitigem Verständnis kann man langfristige Beziehungen aufbauen, intern und zu MandantInnen. Bei gegenseitigem Respekt entwickelt sich schnell Vertrauen und man arbeitet gerne mit- und füreinander.

Sie gehören zu dem Kernteam, das eines der bekanntesten Mandate der Kanzlei, die Beratung des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, führt. Mögen Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Arbeit gewähren?

Ich könnte stundenlang von meinen Erfahrungen mit diesem Mandat erzählen, denn es ist unfassbar vielseitig. Ständig kommen neue Aufgaben und Herausforderungen hinzu. Kern unserer Tätigkeit ist die Untersuchung, ob Vorstandsmitglieder im Zusammenhang mit der Dieselthematik Pflichtverletzungen begangen haben. Daneben beschäftigen uns aber auch eine Menge anderer Themen, von Fragen im Zusammenhang mit den zahlreichen noch laufenden Verfahren gegen VW über Corporate Governance Themen bis hin zu Hauptversammlungen und Personalthemen, um nur einige Beispiele zu nennen. Es gibt viel zu koordinieren und zu steuern. Langeweile kommt hier wahrlich nicht auf.

Das Mandat genießt enorme Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Wenn wir wieder einen Meilenstein bewältigt haben, über den die Zeitungen berichten, dann bin ich stolz auf das, was wir leisten.

Welche Ihrer Fähigkeiten kommt bei diesem bedeutenden Mandat besonders zum Tragen?

Es handelt sich um ein sehr komplexes Mandat. Der Sachverhalt hat viele Facetten, es stellen sich unzählige Rechtsfragen und viele unterschiedliche AkteurInnen sind beteiligt. In dieser Situation ist es eine Herausforderung, den Überblick zu behalten: Die entscheidenden Punkte nicht aus den Augen zu verlieren, erfordert Erfahrung. Gar nicht so einfach! Aber den Blick für das Wesentliche kann man üben. Ich trete immer wieder einen Schritt zurück und denke an das große Ganze, um bei einzelnen Entscheidungen die Weichen richtig zu stellen.

Welche Leistungen oder Charaktereigenschaften machen eine gute Anwältin ganz generell, aber auch Sie speziell aus? Wie kultivieren Sie diese?

Jede Anwältin muss sich als Dienstleisterin für die MandantInnen verstehen und sich von diesem Selbstverständnis leiten lassen. Dabei kann es auch notwendig werden, den MandantInnen dabei zu helfen, ihre Interessen herauszufinden. Dafür muss man genau zuhören und die richtigen Fragen stellt. Wenn mehrere AnsprechpartnerInnen bei einem Mandanten bzw. einer Mandantin unterschiedliche, gar diametrale Interessen verfolgen, braucht es eine Lösung, mit der alle leben können. Ein gewisses Gespür für Menschen und Kommunikation macht den Unterschied. Es ist wichtig, gründlich zu analysieren, aktiv weiter zu denken und auf dieser Basis die bestmögliche Lösung zu finden. Aber gerade, wenn Sie die langfristigen Interessen Ihrer MandantInnen im Blick behalten, schaffen Sie die besten Voraussetzungen für eine dauerhaft gute Geschäftsbeziehung.

Ein wichtiger Rat ist außerdem: Schauen Sie sich an, wie Ihr Umfeld agiert. Vor allem in meinen ersten Berufsjahren habe ich viel von erfahrenen KollegInnen gelernt. Da kann man sich viele Anregungen holen und etwas abschauen. Jede(r) geht auf ganz eigene Art mit Situationen und Konflikten um. Ich versuche, auch heute noch sehr offen für hilfreiche Ideen und Vorschläge von anderen Teammitgliedern zu sein. Vor allem jüngere AnwältInnen oder z.B. auch wissenschaftliche MitarbeiterInnen haben einen erfrischend anderen Blickwinkel und oft gute Ideen. Wir können viel voneinander lernen, wenn wir uns gegenseitig zuhören und als Team verstehen. Das gilt für fachliche Diskussionen, aber auch Prozessabläufe und die Zusammenarbeit. Wenn jeder seine Fähigkeiten einbringen kann, erreicht man gemeinsam das beste Ergebnis für die MandantInnen. Diese Zusammenarbeit im Team macht einen wesentlichen Teil meiner persönlichen Begeisterung für den Anwaltsberuf aus.

Gab es jemanden, die bzw. der Sie früh als Anwältin bestärkt oder gefördert hat?

Auf meinem Weg haben mich viele Partnerinnen und Partner innerhalb der Kanzlei motiviert. Ich konnte von der Eigenart jedes einzelnen viel lernen und habe mich dadurch natürlich gestärkt gefühlt. Es gab einen besonderen Moment zu Beginn meiner Karriere für mich, der mich sehr beflügelt hat. Wir fertigten damals in Zusammenarbeit mit einer anderen absoluten Top Kanzlei einen Schriftsatz an und der von mir entworfene Abschnitt wurde im Telefonat explizit hervorgehoben und gelobt. Das Lob stammte von keinem anderen als einem sehr angesehenen und für seine fachliche Exzellenz bekannten Partner der anderen Kanzlei. Ich war natürlich sehr stolz – und einer unserer erfahrensten Partner, mit dem ich damals gemeinsam in diesem Mandat gearbeitet habe, hat die Freude ehrlich mit mir geteilt.

Als Partnerin in einer internationalen Wirtschaftskanzlei, die auch Mutter ist, begegnen Ihnen sicherlich des Öfteren Vorurteile. Was setzen Sie diesen entgegen?

Offene Vorurteile, die vor einigen Jahrzehnten noch verbreitet waren, kommen erfreulicherweise heute kaum noch vor. Trotzdem kann ich bestimmte Fragen wie „Wo sind denn Ihre Kinder heute?“ oder „Wie schaffen Sie das bloß alles?“ nicht mehr hören.

Männlichen Kollegen werden diese Fragen nie gestellt – und das ist in meinen Augen genau der Punkt: Sie sind Ausdruck davon, dass es eben immer noch nicht als normal angesehen wird, als Frau Familie und Karriere zu haben.

 

Ich antworte dann meistens unaufgeregt und nüchtern, eine ehrliche Aussage ist wohl der pragmatische Weg. Gleichzeitig ist es mir wichtig, entschlossen meinen Weg weiter zu gehen, in der Hoffnung, jüngere Kolleginnen mitzuziehen. Je häufiger solche Lebensmodelle vorkommen, desto weniger müssen wir uns hoffentlich künftig dafür rechtfertigen.

Welches Führungsleitbild möchten Sie in Ihrer Position für Ihre MitarbeiterInnen und MandantInnen verkörpern?

 

Ich möchte, dass man innerhalb der Kanzlei weiß, dass meine Tür für jede(n) offen ist und ich ansprechbar bin. Eine große Kanzlei muss vor allem als Team funktionieren. Das geht nur, wenn das Verhältnis untereinander und auf den Bürofluren allgemein stimmt. Ich möchte jederzeit für mein Team da sein und das auch ausstrahlen. Ich gebe weiter, was mir früher beigebracht wurde. Es geht mir um einen konstruktiven Umgang. Natürlich muss man auch Kritik äußern und annehmen können.

Wir leben eine Arbeitskultur, in der es auf das richtige Mindset ankommt. Engagement und Einsatz werden vorausgesetzt, aber wenn sie vorhanden sind, schenke ich meinen MitarbeiterInnen auch Vertrauen. Selbstverständlich gehe ich individuell auf die Lebensmodelle meiner Teammitglieder ein und erwarte im Gegenzug auch entsprechendes Commitment von ihrer Seite. Verlässlichkeit und Begeisterung für unsere Tätigkeit sind mir sehr wichtig.

Wenn ich von Lebensmodellen spreche, dann gilt das sowohl für die Frauen als auch für die Männer, vor allem für die Mütter und Väter im Team. Insgesamt ist es in der Gesellschaft noch weniger akzeptiert, wenn Männer Elternzeit nehmen – das fängt bei der Planung an und setzt sich nach dem Wiedereinstieg fort. Im Bewusstsein aller muss hier noch viel mehr passieren.

Wie möchten Sie dazu beitragen, dass in Zukunft mehr Frauen diesen Weg gehen?

Wie ich schon sagte, sind das Bereiche, in denen ich mich sehr engagiere. Ich möchte gerne mehr Frauen als Partnerinnen und allgemein in Spitzenpositionen sehen, dabei mit Vorurteilen abrechnen und zeigen, dass es (besser) geht. Meine persönlichen Vorbilder innerhalb der Kanzlei waren und sind Katrin Haußmann und Gabriele Roßkopf, die beide schon sehr lange Partnerinnen sind und ebenfalls Familie haben. Es hat mir damals die Entscheidung für einen Berufseinstieg bei Gleiss Lutz erleichtert, dass es Vorbilder gibt, die diesen Weg so schon gegangen sind

Im Alltag finden sich genug kleine Stellschrauben, die wirklich viel bewegen können. Ich schaue mir die Kolleginnen aktiv an, bringe sie ins Gespräch, wenn ich positive Erfahrungen mit ihnen gemacht habe. Ich schlage sie aktiv für bestimmte Positionen vor und mache mich für ihren Erfolg innerhalb und außerhalb der Kanzlei stark. Als ich etwa gesehen habe, dass eine Bewerberin im Vorstellungsgespräch ausschließlich mit männlichen Kollegen gesprochen hat, habe ich HR direkt angerufen und dafür gesorgt, dass von nun an bei jeder Bewerberin mindestens eine Kollegin dabei ist. Neben diesen kleinen Anstößen engagiere ich mich aktiv in unserem eigenen Frauennetzwerk „Women in Business“, das sich an Kolleginnen, Mandantinnen und Nachwuchs-Juristinnen richtet. Außerdem bin ich mit Begeisterung Mitglied der „Working Moms“, wo ich schon viele beeindruckende Frauen kennengelernt habe.

Ihr Weg bringt ein bedeutendes Netzwerk mit sich. Welche Ratschläge haben Sie zum gezielten Netzwerken für junge Juristinnen und Juristen?

Fangen Sie früh genug an! „Zu früh“ gibt es hier nicht. Ihre Mitstudierenden und MitschülerInnen können vielleicht später ein hilfreicher beruflicher oder privater Kontakt sein. Aber Vorsicht! Das sollte nicht die Hauptmotivation sein. Ein Netzwerk wächst im Idealfall ganz natürlich und sollte nicht mit einem opportunistischen Hintergrund geschaffen werden. Seien Sie offen für neue Kontakte; ganz gleich, ob in der Schule, im Studium oder im Freundeskreis der Eltern. Früh übt sich, wer mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Es ist für mich auch ganz wichtig – auch wenn es jetzt klingen mag wie aus einem Ratgeber – dass „Geben vor Nehmen“ kommt. Sie können schon früh viel für andere tun und es macht Spaß! Wenn Sie z.B. eine Kollegin fachlich richtig gut finden, dann empfehlen Sie sie weiter oder schlagen sie bei passender Gelegenheit für eine Auszeichnung vor. So pflegen Sie Ihr Netzwerk und können im geeigneten Moment viel besser auf die Unterstützung anderer zurückgreifen.

Wie bewahren Sie in herausfordernden Situationen Ruhe und Kraft?

Ich habe das Glück, dass ich von Natur aus relativ ausgeglichen bin. Wichtig finde ich daneben, dass man sein Lebensglück nicht nur auf eine Säule stützt, z.B. nur auf den beruflichen Erfolg. So hilfreich ein eindeutiger Fokus sein mag, zum Leben gehört doch immer mehr dazu: Sei es die eigene Familie, der Freundeskreis oder ein mit Leidenschaft ausgeübtes Hobby. Wenn es in einem Bereich mal nicht so gut läuft, dann zieht man aus den anderen Bereichen Kraft.

Welchen Fußabdruck möchten Sie als Anwältin, Mutter und (Führungs-)Persönlichkeit hinterlassen?

Das passt gut zu der Antwort auf die Frage nach meinem Beitrag zur Frauenförderung: „Es darf nicht auf das Geschlecht ankommen, ob man etwas erreichen kann. Wir können das alle.“ Das ist der Satz, den nicht nur meine Tochter in ihr Selbst- und Weltverständnis aufnehmen soll, sondern vor allem auch mein Sohn, aber natürlich auch mein berufliches Umfeld. Ich würde mich freuen, wenn ich beruflich oder privat Vorbild sein könnte. Keine junge Juristin soll denken, dass sie bestimmte Positionen als Frau mit Familie nicht erreichen kann. Sie können!

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Sie haben schon viele beeindruckende Frauen portraitiert. Bisher fehlt Ihnen aber noch eine Juristin, die in einem Unternehmen die allerhöchste Führungsebene erreicht hat: Ein Paradebeispiel dafür ist für mich Renata Jungo Brüngger. Sie hat es bei Daimler in den Vorstand geschafft, nachdem sie zuvor General Counsel war. Sie strahlt von Natur aus eine unaufgeregte Souveränität aus. Leider gibt es noch viel zu wenige Frauen in solchen Positionen!

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

 

Stuttgart, 17. Juni 2020. Das Interview führte Anna Sophie Eckers.

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