Dr. Chiara Balbinot im Porträt

„Größtes Hindernis für Chancengleichheit ist das Festhalten an traditionellen Arbeitsstrukturen.“

Dr. Chiara Balbinot, Anwältin und Steuerberaterin bei Dissmann Orth, über die Faszination des Steuerrechts, den Anwaltsberuf als "Gesamtpaket", und ihre beruflichen Erfahrungen in Deutschland, Italien und UK.

Liebe Chiara, Du bist als Rechtsanwältin und Steuerberaterin qualifiziert und bei Dissmann Orth tätig. Du berätst seit über fünf Jahren überwiegend im Steuerrecht. Was fasziniert Dich an dem Fachbereich Steuerrecht?

Meine erste Reaktion auf den Bereich Steuerrecht ist so ausgefallen wie wohl auch bei vielen anderen: "trocken und technisch". Fasziniert haben mich auf den zweiten Blick und nun schon seit über zehn Jahren die individuelle Herausforderung, die mit der Komplexität der Materie einhergeht, die Abbildung, aber auch Gestaltung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen mittels nationaler und internationaler Steuerpolitik und nicht zuletzt die hohe Relevanz des Steuerrechts für wirtschaftliche Entscheidungen auf den unterschiedlichsten Ebenen.

Du hast promoviert und die Steuerberaterprüfung absolviert. Wie wichtig schätzt Du den Doktortitel und die Steuerberaterprüfung für Dein Berufsleben ein?

Als Rechtsanwältin, die im Steuerrecht berät, halte ich beide Titel für sehr hilfreich, gleichzeitig aber auch nicht für unbedingt notwendig. Die Berufsqualifikation als Steuerberaterin erleichtert es mir als Rechtsanwältin, meine Expertise im Steuerrecht nach außen zu tragen und führt bei Mandant*innen und Kolleg*innen sicher zu mehr Anerkennung. Gleiches gilt für den Doktortitel.

Jedoch habe ich mir keines der beiden Projekte nur wegen des Titels ausgesucht. Sowohl die Zeit der Promotion als auch die Vorbereitung auf die Steuerberaterprüfung habe ich so gestalten können, dass sie in persönlicher und beruflicher Hinsicht bereichernd waren.

Aus welchen Gründen hast Du Dich für den Anwaltsberuf entschieden?

Ich habe während des Studiums, des Referendariats und der Promotionszeit viele verschiedene juristische Berufe in Praktika, Nebentätigkeiten und Stationen im Referendariat ausprobiert. Natürlich sind solche vorübergehenden Tätigkeiten nicht so richtig mit der späteren Ausübung des Berufs vergleichbar, dennoch bekommt man einen ersten Eindruck vom Arbeitsumfeld, der Art der Tätigkeit und den Kollegen. Dann habe ich schlicht nach Bauchgefühl entschieden. Der Grund war damit letztlich nicht ein bestimmtes Berufsbild, sondern das „Gesamtpaket“. Ich konnte und kann mir aber immer noch vorstellen, etwas anderes zu machen, da ich nie auf den Anwaltsberuf fixiert war – wichtig war mir immer, im Steuerrecht tätig sein zu können.

Du hattest seit dem zweiten Staatsexamen drei unterschiedliche Arbeitgeber: Zunächst während der Promotion das Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, danach warst Du bei Milbank und seit 2018 bist Du bei Dissmann Orth. Welche Erfahrung verbindest Du mit welchem Arbeitgeber?

Mit dem Max-Planck-Institut und dabei an erster Stelle meinem Doktorvater Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Schön verbinde ich wissenschaftlichen Diskurs auf höchstem Niveau, gleichzeitig große Freiheit in der Gestaltung der eigenen Tätigkeit, ein weitreichendes und vielfältiges berufliches Netzwerk und wichtige Freundschaften. Bei Milbank habe ich eine anspruchsvolle und fundierte Ausbildung genossen, die gerade in den ersten Berufsjahren unerlässlich ist. Davon profitiere ich auch heute noch jeden Tag in meiner Tätigkeit. Auch bei Dissmann Orth lerne ich täglich sehr viel dazu. Ich arbeite jetzt unternehmerischer und selbstständiger, meine Anwaltspersönlichkeit steht stärker im Vordergrund. Außerdem arbeite ich nun wieder mit zwei Kollegen vom Max-Planck-Institut zusammen – so schließt sich der Kreis.

Was war ausschlaggebend für Deine Entscheidung, von einer internationalen Transaktionskanzlei zu einer kleineren Einheit zu wechseln?

Ich fand das Transaktionsgeschäft zwar interessant, allerdings brachte es doch viele Einschränkungen mit sich. Ich habe mich dann gefragt, ob mich persönlich die Tätigkeit so begeistert, dass ich diese Einschränkungen hinnehmen möchte. Die Antwort war ein recht klares Nein, so dass ich mir dann überlegt habe, ob ein anderer Zuschnitt besser zu mir passen würde. Zwei Jahre nach meinem Wechsel sehe ich, dass dies der Fall ist.

Wie sieht Dein Tagesablauf grundsätzlich aus? Wie unterscheidet er sich jetzt von Deinen Tätigkeiten bei Milbank?

Mein Tag besteht im Wesentlichen aus Besprechungen mit Mandant*innen, Kolleg*innen oder der Finanzverwaltung, juristischer Recherche und Gedankenaustausch mit Kolleg*innen sowie dem Entwurf von Dokumenten. Die wesentlichen Unterschiede zu meiner Tätigkeit bei Milbank sind, dass ich mir die Arbeitszeit noch freier einteilen kann und dass es weniger knappe Deadlines gibt. Auch die ständige Verfügbarkeit ist kein so großes Thema mehr.

Der Bereich Wirtschaftsrecht ist nach wie vor sehr männerdominiert. Sowohl bei Milbank als auch bei Dissmann Orth bist Du eine der wenigen Rechtsanwältinnen. Was sind die größten Herausforderungen im Umgang mit Kollegen einerseits und mit Mandaten andererseits?

Ich arbeite gerne mit Frauen und Männern zusammen, allein der Umstand, „eine der Wenigen“ zu sein stellt für mich noch keine besondere Herausforderung dar. Es gibt wohl überall männliche – und vermutlich auch weibliche – Kolleg*innen oder Mandant*innen, die junge Frauen im Beruf weniger oder gar nicht ernst nehmen. Das kann sich von Anfang an manifestieren oder auch erst in Situationen, in denen es „um etwas geht“. Und oft sind sich die Personen, die solches Verhalten an den Tag legen, ihrer zugrundeliegenden Vorurteile auch gar nicht bewusst. Den Umgang mit solchen Situationen sehe ich als größte Herausforderung. Meine Reaktion darauf: Ich versuche, dem durch fachlich fundierte Expertise und selbstsicheres Auftreten entgegenzutreten. In manchen Fällen helfen der Doktortitel und gute Abschlüsse. Hier muss jeder seinen eigenen Weg finden; ein Patentrezept gibt es sicherlich nicht.

Du hast mehrere Auslandsaufenthalte absolviert, u.a. in Italien und England. Hast Du dort Unterschiede beobachtet in Bezug auf Themen wie "work-life-balance" und Chancengleichheit?

 

Als Jurist*innen haben wir es in Deutschland nach meiner Erfahrung im Vergleich zu Italien oder UK ganz gut, da wir mit unserer Ausbildung auch gute Jobchancen haben, wohingegen beispielsweise in Italien allein eine gute Ausbildung noch keine Garantie für einen guten Job bietet. Bei der „work-life-balance“ war mein Eindruck, dass es in Kanzleien keine großen Unterschiede zwischen Deutschland und dem Ausland gibt.

In puncto Chancengleichheit kann es je nachdem, was man darunter versteht, nach meiner Erfahrung schon länderspezifische Unterschiede geben: Die italienische Gesellschaft hinkt ganz allgemein und entsprechend auch im beruflichen Umfeld der Entwicklung hinterher. In UK ist man da vielleicht schon weiter als bei uns in Deutschland. Auch hier gibt es noch viel zu tun: Das größte Hindernis für Chancengleichheit sehe ich derzeit darin, dass wesentliche Arbeitsstrukturen sich in den letzten Jahrzehnten kaum gewandelt haben, Ausgangspunkt ist für Männer wie Frauen der klassische Vollzeitjob. Dies führt dazu, dass Abweichungen davon oft unmittelbar zu beruflichen Nachteilen führen, egal ob Frau oder Mann. Gleichzeitig besteht gesellschaftlich die Erwartung, dass Frauen sich um Kinder oder andere Familienangehörige kümmern, ein Teilzeitjob wird da eher akzeptiert, aber auch erwartet, der Karriereknick wird hingenommen. Diese Dynamik zu durchbrechen erfordert noch großes Umdenken, das ich derzeit kaum beobachte.

Wie wichtig sind und waren Netzwerke für Deinen Karriereweg?

Für mich sind und waren Netzwerke sehr wichtig, dies können institutionalisierte Netzwerke sein, aber auch einfach das persönliche Netzwerk, das man über die Jahre bildet. Am wichtigsten für mich war dabei sicher das Max-Planck-Institut

Wie hast Du Dir bisher ein Netzwerk aufgebaut?

Ich habe zum einen versucht, meine beruflichen Stationen über die konkrete Zeit hinaus zu nutzen, indem ich mit vielen Personen persönlich in Kontakt geblieben bin. Darüber hinaus sind Tagungen und Vorträge ein guter Ort, um ehemalige Kolleg*innen zu treffen und sich auszutauschen.

Hast und hattest Du Vorbilder, die Deine berufliche Laufbahn bisher geprägt haben?

Meine größten Vorbilder – privat wie beruflich – sind meine Großmutter und meine Mutter, die unter viel schwierigeren Bedingungen als ich beide erfolgreich und vor allem zufrieden ihren Weg gegangen sind – meine Mutter sucht sich dabei immer wieder neue Herausforderungen, als nächstes eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike.

Beruflich hat mein Doktorvater Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Schön meinen Weg mitgeprägt, als Vorbild sehe ich daneben auch meine ehemalige Kollegin am Max-Planck-Institut, Dr. Federica Pitrone, die leidenschaftliche Steuerrechtlerin ist und gleichzeitig andere Aspekte im Leben nicht vernachlässigt

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte?

Meine ehemalige Kollegin Vanessa van Weelden, die allen Herausforderungen immer mit größter Begeisterung entgegentritt!

Vielen Dank für das spannende Interview! 

 

München, 28. Juli 2020. Dr. Chiara Balbinot hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte

Marina Arntzen, LL.M.

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