Dr. Sarah Wared im Porträt

"Es gibt keinen Masterplan."

Dr. Sarah Wared, Partnerin bei Wolff Theiss in Wien, über die Arbeit im Bereich M&A in zentraleuropäischen Ländern und die Entwicklung individueller Wege zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Dr. Wared, Sie haben in Deutschland, in den USA und in Singapur gearbeitet und haben sowohl in Österreich als auch in Deutschland studiert bzw. sind in beiden Ländern als Rechtsanwältin zugelassen. Welche Schwierigkeiten begegnen einer Juristin im Ausland?

Es ist sicherlich eine große Herausforderung nach dem Studium in ein fremdes Land zu ziehen, um weiter zu studieren oder einen Job anzunehmen und sich mit einer neuen Arbeits- und Rechtskultur zu befassen. Wichtig ist stets, fremden Arbeits- und Rechtskulturen mit Respekt entgegenzutreten.

Welche Vorteile hat es, als Anwältin im Ausland zu arbeiten bzw. gearbeitet zu haben?

Der Vergleich von Strukturen hat den Vorteil, dass man Vorteile anderer Strukturen auf die eigene Vorgehensweise übertragen, neue Perspektiven gewinnen und dadurch die eigene Arbeitsweise effizienter gestalten kann. Zudem schärft sich das Verständnis für fremde Kulturen, was wiederum den Umgang mit global tätigen Unternehmen erleichtert.

Heute sind Sie Partnerin in einer internationalen Kanzlei. Welche Faktoren und Bedingungen waren bei Ihnen entscheidend dafür, dass es mit der Karriere geklappt hat?

Harte Arbeit, Leidenschaft für den Beruf sowie die Neugier, komplexe Probleme zu lösen. Ich habe mir zudem im Laufe meiner Karriere nicht zu konkrete Ziele gesetzt bzw. diese situationsbedingt angepasst und habe aufgrund dieser Flexibilität Möglichkeiten wahrgenommen, welche mir neue Türen geöffnet haben.

Parallel zu Ihrer Anwaltstätigkeit haben Sie in Wien noch Ihre Dissertation geschrieben. Was war der Beweggrund dafür und wie haben Sie sich hierbei immer wieder motiviert?

 

Ich habe schon immer gerne wissenschaftlich gearbeitet. Motivation zu finden war daher nicht das Thema, sondern die Zeit, um neben einer sehr intensiven Anwaltstätigkeit die Doktorarbeit zu finalisieren. Während ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, habe ich einige Privatstiftungen, Stifter und Begünstige beraten. Dadurch war ich also laufend mit dem Thema meiner Doktorarbeit befasst, was sicherlich hilfreich war.

Sie haben mehr als sechs Jahre bei der Kanzlei Cerha Hempel, zuletzt als Counsel gearbeitet. Dann sind sie zu Wolf Theiss gewechselt. Wie haben Sie diese Entscheidung getroffen und was hat Ihnen bei der Entscheidungsfindung geholfen?

 

Ich denke die Entscheidungsfindung in beruflicher Hinsicht wird grundsätzlich mit zunehmender Erfahrung einfacher. Ich habe die bestehenden Möglichkeiten abgewogen und dadurch festgestellt, dass es der richtige Zeitpunkt war, sich beruflich zu verändern. Wichtig war im Rahmen dieser Abwägung nicht nur, dass es sich um eine Tier 1 Kanzlei handelt, sondern auch, dass individuelle Entfaltungsmöglichkeiten in einem internationalen Umfeld vorhanden sind und gefördert werden.

Wie sind Sie zum Bereich M&A gekommen und was reizt Sie daran?

Ich habe am Anfang meiner Karriere schwerpunktmäßig gesellschaftsrechtliche Causen betreut und einen Ausflug in das IT/IP-Recht sowie einige andere Rechtsgebiete unternommen. Die Betreuung von M&A -Transaktionen ist mit zunehmender Erfahrung zu meiner Kerntätigkeit geworden. Der Bereich ist abwechslungsreich und stark wirtschaftlich geprägt. Ich bin überwiegend mit grenzüberschreitenden Transaktionen befasst. Die Internationalität macht den Bereich für mich sicherlich besonders reizvoll.

Was müsste sich verändern, damit mehr Frauen sich dafür entscheiden, in so stark wirtschaftlich geprägten Rechtsbereichen zu arbeiten?

Die Entscheidungsfindung wird sicherlich durch Vorbilder, Mentoren und eine Infrastruktur, welche die Vereinbarkeit von Job und Familie gewährleistet, erleichtert.

Wolf Theiss berät viele Mandanten in den osteuropäischen Ländern. Was macht die Zusammenarbeit mit diesen Ländern aus? Gibt es Unterschiede zu anderen Ländern?

Wir bezeichnen unsere Region als Zentraleuropa. Generell ist Zentraleuropa sehr differenziert zu betrachten: es gibt zentraleuropäische Länder, welche politisch stabil und in vielen Bereichen sehr gut entwickelt sind. Hingegen gibt es meines Erachtens andere Länder, wo vor allem die politische und wirtschaftliche Situation teilweise reformbedürftig ist. Wolf Theiss hat insgesamt 13 Büros in Zentral- und Südosteuropa. Insbesondere aufgrund der geographischen Lage Österreichs ist das Netzwerk in Zentraleuropa essenziell. Insgesamt beobachten wir reales Wachstum in Zentraleuropa und enormes Investitionsinteresse - sowie damit verbunden - eine steigende Anzahl an Unternehmenstransaktionen.

Inwiefern unterscheidet sich Ihrer Erfahrung nach die Zusammenarbeit mit anderen Frauen von der Zusammenarbeit mit Männern? 

Ich differenziere im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit ungerne zwischen der Zusammenarbeit mit Männern und jener mit Frauen, da ich durch eine solche Differenzierung nicht bestimmte Eigenschaften zu Lasten des jeweils anderen Geschlechts hervorheben möchte. Ganz grundsätzlich sind es Eigenschaften wie etwa Loyalität, Belastbarkeit und Zuverlässigkeit, die sich langfristig durchsetzen.

Auf dem Weg zur Partner-Ebene lässt der Anteil an weiblichen Anwältinnen in den deutschen Büros der internationalen Kanzleien merklich nach. Ist das in Österreich auch so?

Leider ja, wobei fast alle internationalen Kanzleien in Österreich bereits daran arbeiten, den Anteil der Partnerinnen zu erhöhen. Auf internationaler Ebene ist zu beobachten, dass sich viele Kanzleien konkrete Ziele gesetzt haben wie sie den Frauenanteil auf Partner-Ebene bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erhöhen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass in stark wirtschaftlich geprägten Bereichen nicht ausreichend qualifizierte Anwältinnen mit entsprechender Erfahrung verfügbar sind.

Was ist Ihrer Meinung nach ein gutes Rezept, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?

Es kommt auf den Bereich und die entsprechende Unternehmenskultur an. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass es nicht nur wichtig ist Offenheit gegenüber Frauen zu zeigen, sondern konkrete Maßnahmen zu ergreifen, wie etwa das Aufsetzen von Richtlinien, welche konkrete Förderprogramme beinhalten.

In welchem Abschnitt der Karriere empfehlen Sie Kinder zu bekommen?

Es gibt keinen falschen Zeitpunkt. Es handelt sich um eine sehr individuelle Entscheidung, bei der verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Ich empfehle generell, die Familienplanung nicht zu strategisch anzugehen, da sich das berufliche Umfeld laufend ändern kann.

Welche Handhabe hat sich bei Ihnen bei der Vereinbarkeit von Familie und Arbeitsalltag bewährt?

Es gibt keinen Masterplan. Ich habe nach einer Struktur gesucht bzw. diese umgesetzt, und das hat in meinem Fall gut funktioniert. Ich habe eine gute Kinderbetreuung und hatte Unterstützung von meiner Mutter. Wichtig ist natürlich, dass für den Lebenspartner die Gleichberechtigung selbstverständlich ist und daher die Familienplanung eine gemeinsame Planung ist. Zudem gehe ich insgesamt sehr bewusst mit meiner Zeit um.

Was raten Sie jungen Juristinnen, die eine Karriere in einer global tätigen Kanzlei anstreben bzw. beginnen?

Jungen Juristinnen ist gerade am Anfang der Karriere zu empfehlen, verschiedene Bereiche auszuprobieren bevor sie eine Spezialisierung wählen. Die Juristerei ist sehr facettenreich. Mir ist aufgefallen, dass sich Juristinnen auf einen Bereich konzentrieren und selten in Frage stellen, ob der Bereich an sich ideal für sie ist. Hingegen stellen sie oft die Frage, ob der Anwaltsberuf generell oder die Großkanzlei ihnen liegt. Es gibt Bereiche, welche entsprechend der individuellen Fähigkeiten und Lebenseinstellung mittel- und langfristig besser geeignet sind als andere. Zudem ist es sehr wichtig, Auslandserfahrung zu sammeln und wissenschaftlich zu arbeiten.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Es gibt viele exzellente Juristinnen. Grundsätzlich möchte ich jedoch allgemein jene Frauen hervorheben, die "trotz" Familie in ihrem Beruf herausragende Leistungen erbracht und dadurch in der Wirtschaft etwas bewegt haben.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

Wien / Zürich, 8. Januar 2020. Frau Dr. Wared hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Charlotte Rosenkranz.

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