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Pia Lorenz im Porträt

"Lächeln Sie Geschwätz einfach mal weg."

Pia Lorenz, Chefredakteurin von LTO, über ihren Weg vom Jurastudium in die Medien, den Alltag einer Chefredakteurin und den Umstand, dass Frauen seltener veröffentlichen als Männer.

Frau Lorenz, Sie sind Chefredakteurin des juristischen Nachrichtenportals LTO. Wie sind Sie zu den Medien gekommen?

Nach meiner juristischen Ausbildung hatte ich den Traum vom Journalismus etwas aus den Augen verloren - für die Tochter eines Notars mit ordentlichen Noten erschien es dann nur natürlich, erst einmal in einer Kanzlei anzufangen. Aber mir wurde recht schnell klar, dass mich der klassische Anwaltsjob nicht glücklich machte.

Ich habe schon immer geschrieben, für die Schülerzeitung und an der Universität, zudem war ich damals mit einem Journalisten verheiratet. Die Idee lag also nahe. Mein Weg zu Wolters Kluwer Deutschland führte dann - wenig spektakulär - über eine Stellenanzeige im Netz, der Anbieter von Fachinformationen, Software und Services suchte Juristen als Schlussredakteure für Fachaufsätze.

So habe ich meinen sicheren Vollzeitjob als Anwältin nach drei Jahren gekündigt und mit damals knapp 20 Wochenstunden als freie juristische Lektorin angefangen. Ich hatte eigentlich vor, nebenbei zu promovieren und mir währenddessen zu überlegen, was ich für den Rest meines Lebens tun will. Elf Jahre und drei Positionen bei Wolters Kluwer später muss ich  sagen: Das lief nicht ganz planmäßig.

Welche Aufgaben hat eine Chefredakteurin im Vergleich zu einer gewöhnlichen Redakteurin oder einem gewöhnlichen Redakteur?

Die Aufgaben sind wie die anderer Teamleiter auch: Sie organisieren, planen und führen natürlich täglich Menschen mit allem, was dazu gehört. Die Hauptaufgabe einer Chefredakteurin ist aber natürlich eine strategische: Leitlinien vorzugeben, Ziele zu definieren und es möglich zu machen, dass das Team sie umsetzen kann.

Während man als Redakteur primär auf die eigenen Themen und einzelne Artikel, deren Inhalt, Sichtbarkeit und Reichweite schaut, muss die Chefredakteurin das große Ganze im Blick behalten.

Und sie muss dafür sorgen, dass die Leitlinien auch umgesetzt werden können, also entscheiden, wie die - zumeist knappen - Ressourcen investiert werden: Was bringt viel Traffic, was ist strategisch relevant? Wichtig ist auch, vorzugeben, was man nicht macht, worauf man verzichten muss oder sollte. Wo muss man mutig sein, wo besser zurückhaltend?

Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Das weiß ich morgens nur in den seltensten Fällen - und das ist das Wunderbare daran, zumindest aus meiner Sicht. Wer keine Monotonie mag, ist in einer Online-Redaktion genau richtig. Ich liebe die Hektik, die spätestens um die Mittagszeit ausbricht, so dass ich oft als ganz normale Redakteurin mit einspringe - wir sind ein kleines Team.

Meine Tage spielen sich also ab irgendwo zwischen klassischer Redakteurstätigkeit, dem Recherchieren, Redigieren oder Schreiben, und strategischen Meetings mit den Kollegen aus Produktmanagement und Sales, um das Produkt LTO fortzuentwickeln. Zwischendurch nehme ich an Redaktionskonferenzen teil, berate Kollegen bei ihren Texten und betreibe Autorenpflege.

Aber ich kümmere mich auch ganz "profan" um die Aufstellung von Redaktionsplänen, die Freigabe von Rechnungen oder die Aufteilung von Überstunden - ganz normale Teamleiteraufgaben eben.

Sie sind Gründungsmitglied der LTO. Welche Schritte braucht es für eine erfolgreiche Gründung?

 

Natürlich braucht man eine gewisse Planung, aber auch den Mut, einfach mal zu machen. Es braucht unterschiedliche Menschen im Team, vom Träumer bis zum Umsetzer, vom Enthusiasten bis zum Zweifler, die einander zuhören und ehrlich miteinander umgehen. Es braucht die Kultur, Fehler zu machen und sie als solche anzuerkennen.

Natürlich muss man das relativieren: Wir haben LTO ja von Anfang an als Angestellte für das etablierte Unternehmen Wolters Kluwer Deutschland gemacht - unsere Gehälter am Ende des Monats waren also sicher. Und auch wenn der - nicht zuletzt wirtschaftliche - Erfolg von LTO am Anfang keineswegs garantiert war, hat Wolters Kluwer uns über Jahre viel Zeit und Spielraum gegeben, um unterschiedliche Ideen auszuprobieren.

Ich persönlich habe vor allem gelernt, darauf zu achten, wem man zuhören sollte und wem nicht. Es gibt kaum Hilfreicheres als die konstruktive Kritik und ernsthaften Ratschläge kluger, wohlgesonnener Menschen. Tratsch, Gerüchte und Herablassung aber sollte frau einfach ignorieren - das ist sehr hilfreich für die gute Laune.

Wie gut lässt sich eine Karriere in den Medien planen?

 

Das ist eine schwierige Frage, wenn man sie so wenig geplant hat wie ich. Allerdings muss man sich von Anfang an damit beschäftigen, dass man mit diesem Berufsziel ein Risiko eingeht, das um einiges größer ist als das einer Karriere im klassischen Rechtsmarkt. Die Medienhäuser haben - auch wenn uns dies mit der LTO gelungen ist - noch immer kein Patentrezept gefunden, um Journalismus im Online-Zeitalter profitabel zu gestalten. So liegen die Gehälter weit unter dem, was man als Jurist im Idealfall verdienen kann, immer mehr Stellen werden gestrichen und speziell den Bereich des Rechtsjournalismus leisten sich nur noch wenige überregionale Tageszeitungen. Es gibt also nur einen sehr kleinen Markt.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Journalismus ist ein wunderbarer Beruf, auch und gerade, weil das Internet die strikte Trennung zwischen den Fach- und den Publikumsmedien aufhebt. Aber wer sich dafür entscheidet, ihn auszuüben, sollte sich bewusst machen, dass er damit auf Einkünfte, vielleicht auch auf Prestige verzichtet und der Job womöglich nie so sicher sein wird wie in einem klassischen juristischen Tätigkeitsfeld. Dafür bekommt man die Chance, etwas zu tun, was man liebt. Was einem im Leben wichtig ist, muss jede und jeder für sich selbst abwägen.

Welche Karriereschritte halten Sie dabei für unerlässlich?

Es ist unbedingt sinnvoll, eine bestimmte Expertise zu erwerben, bevor man in den Journalismus geht, also zum Beispiel die Ausbildung an einer Journalistenschule und/oder ein Volontariat an ein Studium eines ganz anderen Fachs anzuhängen. Recht liegt dafür nahe, es bietet wunderbare Geschichten und Jura ist für Laien relativ schwer zugänglich, in Journalistenkreisen verfügt man also über einen echten USP.

Aber das Wichtigste: Schreiben Sie, und zwar für Menschen. Jobben Sie bei der Lokalzeitung. Gehen Sie als Gerichtsreportern zu Gericht, lernen Sie die Grundlagen. Wer die Werkbank nicht beherrscht, hat leicht einen Hang zu verfälschender Abstraktion.

Absolvieren Sie Seminare zum Thema Recht und Journalismus. Machen Sie Praktika, versuchen Sie, in den politischen Betrieb hinein zu schauen.

Wie kann man schon sein Jurastudium gezielt nutzen, um eine Karriere im juristischen Journalismus vorzubereiten?

Natürlich kann man, neben den angesprochenen Jobs, um das Schreiben zu erlernen, Seminare zum Thema Recht und Journalismus absolvieren und sollte unbedingt Praktika in den Rechtsredaktionen des Landes absolvieren.

Aber wichtig ist aus meiner Sicht noch etwas anderes: Distanzieren Sie sich von der juristischen Fachsprache, die Sie täglich lesen. Juristen glauben, sie könnten gut mit Sprache umgehen. Das ist nicht zwingend richtig, oft ist das Gegenteil der Fall. Lange, verschwurbelte Sätze voller Nomen sind keine gute Sprache. Fach- und Behördensprache dienen, gegenüber Nichtjuristen eingesetzt, allenfalls dazu, einen Status zu manifestieren, sich zu distanzieren, oft sollen sie sogar etwas verschleiern. Fachsprache führt gerade nicht dazu, dass man verstanden wird. Dabei sollte man immer für seine Zielgruppe schreiben und sprechen - ob nun als Journalist oder als Jurist.

Frauen veröffentlichen durchschnittlich seltener als Männer. Was glauben Sie, woran das liegt?

Naheliegenderweise an der Sozialisation von Frauen. Männer, die präsent sind, gelten als durchsetzungsstark und kompetent. Frauen, die präsent sind, drängen sich in den Vordergrund, sind zu laut oder zu vorlaut.

Noch schlimmer aber ist, dass viele Frauen glauben, gar nicht genug zu sagen zu haben. Dabei haben sie meist weit mehr Substanzielles mitzuteilen als viele Männer. Natürlich ist das jetzt eine Verallgemeinerung, aber Männer tendieren dazu, sich zu über-, Frauen dazu, sich zu unterschätzen.

Was könnte man tun, um solche Hemmschwellen oder Hindernisse abzubauen? 

Das muss früh ansetzen, Mädchen sollten viel stärker motiviert werden, vor Gruppen zu sprechen und die eigene Meinung zu vertreten - laut zu sein eben. Und natürlich können (Fach-)Medien sich intern Vorgaben dafür geben, verstärkt Frauen als Autorinnen anzuheuern. Aber die muss man eben auch finden.

Wichtig wäre aus meiner Sicht zum Beispiel, dass die großen Kanzleien, die über eigene PR-Abteilungen verfügen und Redaktionen häufig eigeninitiativ Texte zu bestimmten Themen anbieten, verstärkt darauf achten, dass diese von Frauen geschrieben werden. Diese PR-Leute sind eine wichtige Schaltstelle, sie wissen genau, wer inhaltlich etwas drauf hat. Und sie könnten viel dazu beitragen, dass nicht immer nur die Lauten gehört werden..

Das würde mittelfristig sicherlich auch das Bewusstsein von Frauen dafür ändern, wie sehr Sichtbarkeit Karriere fördert.

Sie haben einst auf LTO dafür geworben, dass mehr Frauen Eigeninitiative zeigen und Beiträge auf LTO veröffentlichen sollen. Hat der Aufruf die gewünschte Wirkung entfaltet?

Nein, leider nicht, jedenfalls nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte. Natürlich schreiben auch Frauen für LTO, in der Redaktion sind wir sogar mehr Frauen als Männer. Aber interessanterweise ist noch immer rund 60 % der LTO-Leserschaft männlich - die gute Nachricht daran ist, dass es vor acht Jahren noch fast 80 % waren. Aber Fakt ist, dass aus der traditionell konservativen Rechtsbranche für meinen Geschmack noch immer viel zu wenige Gastbeiträge von Frauen kommen.

Sie wurden 2018 als „Woman of Legal Tech“ ausgezeichnet. Für wie wichtig halten Sie Auszeichnungen für besondere fachliche Verdienste?

Sie sind sehr wichtig - und ich fasse mir auch an die eigene Nase, wenn ich dazu aufrufe, dass wir Frauen uns das noch viel stärker bewusst machen und für uns selbst damit werben sollten. So wie es jeder Mann auch tut, ganz selbstverständlich.

Halten Sie es für sinnvoll, eigene Auszeichnungskategorien für Frauen zu schaffen?

Ich persönlich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis. Natürlich besteht immer die Gefahr, nicht für die fachliche Kompetenz wahrgenommen, sondern mit "Frauenthemen" assoziiert zu werden. Unter dem Aspekt der Sichtbarkeit halte ich eigene Auszeichnungskategorien aber jedenfalls in Bereichen, in denen die berühmte strukturelle Ungleichheit evident noch besteht, für durchaus sinnvoll.

Welchen Tipp würden sie angehenden Journalistinnen mit auf den Weg geben?

Fragen Sie sich, quasi als Lackmus-Test in jeder Lebenslage: Was würde ein Mann tun? Achtung: Nicht etwa, weil die Antwort die richtige wäre! Sie zeigt Ihnen bloß, welche Entscheidung jemand treffen würde, der sich nicht ständig selbst hinterfragt.

Lernen Sie, nicht alles anzunehmen, was Ihnen jemand sagt. Lächeln Sie Geschwätz einfach mal weg.

Sagen Sie Nein. Wenn Sie von anderen erwarten, Ihre Grenzen zu akzeptieren, stecken Sie sie selbst ab.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Ihr Engagement für Selbstbestimmtheit und Freiheit ist herausragend. Ihren Rücktritt vom Ministeramt aus Gewissensgründen, weil sie den Großen Lauschangriff damals nicht mittragen wollte, bewundere ich. Und an ein Interview mit ihr, das schon lange zurückliegt, denke ich noch heute mit Respekt und Vergnügen zurück. SLS ist eine sehr scharfsinnige und analytische Person mit Überzeugungen und Humor - eine seltene Kombination.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

Hürth, 9. Januar 2020. Frau Lorenz hat das Interview schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Dr. Nadja Harraschain.

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