Sarah Tacke

Dr. Sarah Tacke im Porträt

„Mein Treiber ist meine Neugier.“

Dr. Sarah Tacke, Leiterin der ZDF-Rechtsredaktion, über ihre erfüllende Arbeit als Journalistin, die besondere Bedeutung von Medien, wenn es um das Voranbringen von Gleichstellungsfragen geht und ihre bewusste Entscheidung gegen das zweite juristische Staatsexamen.

Sarah, Sie sind Leiterin der ZDF-Rechtsredaktion und moderieren das Wirtschaftsmagazin WISO. Sie haben aber nicht ‚klassisch‘ Journalismus studiert, sondern Jura. Was hat Sie mit einem solchen Studium zum Fernsehen gebracht?

Ich bin tatsächlich beruflich dort angekommen, wo ich immer hin wollte. Jura habe ich schon mit dem Ziel studiert Journalistin zu werden. Und auch weil mir wichtig war, dass ich, wenn das mit dem Journalismus nicht klappt, noch eine berufliche Alternative als Rechtsanwältin oder Richterin habe.

Parallel zum Studium habe ich deshalb von Anfang an für Zeitungen geschrieben und später Radio und Fernsehen ausprobiert. Und da war dann für mich klar, Fernsehen, das ist es.

Sie haben nach Ihrem Studium in Freiburg, Hamburg und Lausanne zunächst eine Promotion abgeschlossen und anschließend ein Volontariat beim NDR gemacht, sozusagen auch noch die offizielle Ausbildung zur Journalistin angehängt. Waren Sie zwischendurch auch mal der langen Ausbildungsdauer müde? Was hat Sie motiviert?

Ich habe das Glück, dass ich immer das geliebt habe, was ich tue. Ich bin sogar richtig gern zur Schule gegangen. Das Jura-Studium war für mich aber sicherlich die prägende Ausbildung; Eine echte Denkschule, die bis heute die Art und Weise, wie ich arbeite, wie ich Themen angehe, bestimmt. Ich habe das Jura-Studium trotz des Drucks wirklich geliebt, weil ich zum ersten Mal gelernt habe strukturiert zu lernen und Vieles, anders als in der Schule, nie wieder vergessen werde. Auch das Schreiben der Doktorarbeit war Dank Stipendiums eine intensive, aber gute Zeit, weil ich mich zu einhundert Prozent fokussieren konnte. Damit will ich sagen, der Weg war das Ziel. Ich habe Studium und Doktorarbeit nicht als Mittel zum Zweck genommen, sondern aufrichtig genossen. Und gleichzeitig war für mich immer klar, dass ich diese Vorstellung vom Beruf der Journalistin zumindest ausprobieren muss. Wäre es Journalismus dann doch nicht gewesen, wäre ich sehr wahrscheinlich auch in einem klassischeren juristischen Beruf glücklich geworden. Deshalb war ich irgendwie nie müde, weil ich nie durchhalten musste.

Nach dem Volontariat haben Sie das zweite Staatsexamen nicht mehr absolviert. Was hat Sie davon abgehalten? Wussten Sie einfach, einmal beim Fernsehen angekommen, dass Sie sicher nicht mehr zurück in die „klassischen Juristenberufe“ wollen?

Ehrlich gesagt hadere ich immer ab und zu damit, dass ich kein Referendariat gemacht habe und mir dieser Teil der Ausbildung und des Einblicks fehlt. Dass ich nach dem Volontariat nicht mehr das Referendariat drangehängt habe, hat zwei Gründe: Der entscheidende: Ich war angekommen. Ich liebe meinen Beruf und kann mir nichts Erfüllenderes vorstellen. Noch während des Volontariats bekam ich das Angebot, eine Nachrichtensendung im NDR zu moderieren und als Inlandskorrespondentin für die ARD zu arbeiten. Hätte ich das ausgeschlagen und wäre noch einmal in die juristische Ausbildung gegangen, wäre ich mit Sicherheit heute nicht dort, wo ich bin.

Und der zweite Grund ist Zeit. Für mich war immer klar, ich würde gern eines Tages auch Mama werden, aber gleichzeitig dann soweit sein, dass ich einen Job habe, mit dem ich das vereinbaren kann. Und obwohl ich nach sechs Fachsemestern mein erstes Staatsexamen geschrieben habe und Dank des Stipendiums im Anschluss auch zügig die Doktorarbeit, kamen danach noch einmal eineinhalb Jahre Volontariat, und wenn dann noch zwei Jahre Referendariat gekommen wären, hätte ich nicht mit Mitte Zwanzig angefangen zu arbeiten und es wäre schwieriger gewesen vor dem ersten Kind eine Position zu erarbeiten, die es mir ermöglicht, Beruf und Familie so gut miteinander zu vereinbaren, wie ich es aktuell kann.

2012 begleiteten Sie für die ARD in Washington, D.C den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama. Gibt es, angesichts der damaligen aufregenden Zeit, ein prägendes Erlebnis oder eine besondere Erfahrung, an die Sie sich gerne zurückerinnern, die Ihre Arbeit in irgendeiner Weise beeinflusst hat?

Ich konnte damals auf einer Wahlkampfveranstaltung Barak Obama zurufen „Mister President one question“ – und er hat mich gehört, angesehen, sein Obama Strahlen gelacht und ist weiter gegangen. Das war auf der einen Seite beeindruckend für mich, zumindest einen kleinen Obama Moment gehabt zu haben. Auf der anderen Seite zeigt es auch genau das, was mich an der Berichterstattung aus den USA gestört hat: als deutscher Journalist spielt man eine sehr untergeordnete Rolle – denn nicht die Deutschen wählen den Präsidenten. Das heißt, die Möglichkeit Politiker zu interviewen, kritisch zu hinterfragen, die man als Reporter in Deutschland hat, hat man dort nicht.

Eindrucksvoll bleibt mir aber in Erinnerung wie in der Wahlnacht, als schnell klar war, dass Obama wiedergewählt ist, junge Menschen feiernd und tanzend zu tausenden durch DC zogen – diese besondere Energie aus dieser Nacht habe ich damals für einen Bericht in den Tagesthemen eingefangen und für immer in meinen Erinnerungen. 

In Ihren Sendungen und Reportagen, auch als ehemalige Korrespondentin der Tagesschau bzw. der Tagesthemen bei der ARD, berichten Sie oft über Missstände und Ungerechtigkeiten in der Wirtschaft und/oder in der Gesellschaft. Haben Sie ein besonderes Bedürfnis gerade diese Themen zu behandeln und falls ja, weshalb?

Genau dafür bin ich Journalistin geworden. Ich empfinde es als einmaliges Privileg, dass es mein Job ist, wenn ich irgendwo eine Ungerechtigkeit, einen Missstand wittere, dieser Vermutung nachzugehen, zu recherchieren und dann sobald sich meine Vermutung bestätigt, diesen Missstand auch öffentlich zu machen und das zum Beispiel im Heute Journal vor mehr als 4 Millionen Zuschauern. Das wiederum kann bewirken, dass sich Missstände ändern. Diese Möglichkeit so gestalten zu können, aufklären zu können, den Scheinwerfer drauf zu halten, bedeutet viel Verantwortung aber auch echte Erfüllung.

D.h. Sie bringen hohe Ideale mit. Glauben Sie, dass der gewählte Beruf notwendigerweise mit dem eigenen Wertekanon im Einklang stehen muss, um beruflich erfolgreich zu sein?

Mein Treiber ist meine Neugier. Und die größte Herausforderung ist es, die Themen zu durchdringen. Ich bin kein großer Anhänger des Haltungs-Journalismus und ich brauche ewig bis ich mir eine Meinung gebildet habe. Mein berufliches Glück besteht vor allem darin, Dingen auf den Grund zu gehen. Und dass ich Fragen und Themen, die ich selbst durchdrungen habe, dann vielen anderen Menschen erklären kann.

Seit 2019 sind Sie Leiterin der ZDF- Rechtsredaktion. Wie unterscheidet sich diese Position von der einer reinen Redakteurin?

Durch die Redaktionsleitung habe ich eine ganz neue Gestaltungsmöglichkeit und eine neue Verantwortung, die ich sehr ernst nehme. Ich habe natürlich das Ziel, eine gute Chefin zu sein, das Team voran zu bringen, jeden zu sehen und mitzunehmen, zu fordern und zu fördern. Mir ist es wichtig, klar zu sein in Erwartungen und Vorgaben, gerade und offen.

Sie sind gerade zum Zweiten Mal Mutter geworden – Glückwunsch! Welche Veränderungen kommen nun auf Sie zu und wie vereinbaren Sie Ihre Rolle als Mutter mit dem doch eher routinefreien Beruf einer Journalistin, die viel unterwegs ist und immer flexibel sein muss?

Routinefreiheit ist genau der Kern der Herausforderung. Mein Job geht im Grunde nur in Vollzeit und auch kaum aus dem Homeoffice. Wenn ich WISO moderiere bin ich nicht vor 22 Uhr zu Hause. Denn alle Sendungen sind live und werden auf dem Lerchenberg in Mainz produziert. Außerdem weiß ich morgens oft nicht, dass eine Nachrichtenlage entsteht, durch die ich spontan noch bis zum Heute Journal berichten muss. Dann bin ich erst kurz vor Mitternacht zurück, obwohl ich morgens dachte, dass ich um 16 Uhr die Kinder aus der Kita abholen kann.

Diese Flexibilität habe ich nur, weil wir seit unserem ersten Kind und meinem beruflichen Wiedereinstieg eine Kinderfrau haben, die immer da ist, bis ich nach Hause komme. Außerdem unterstützt uns meine Mama rund um die Uhr. Mein Mann arbeitet noch sehr viel mehr Stunden als ich, so dass ich selbst um Mitternacht in der Regel der erste Elternteil bin, das nach Hause kommt. Meine Mama und unsere Kinderfrau sind wirklich der Schlüssel. Unsere Kinder fühlen sich so wohl mit ihnen, dass ich morgens ohne Tränen das Haus verlassen kann und weiß, dass sie glücklich sind, auch wenn Mama und Papa arbeiten.

Auch im Bereich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind Führungspositionen wie die des Chefredakteurs oder des Intendanten mehrheitlich männlich besetzt. Was raten Sie jungen Frauen, die eine solche Karriere anstreben?

Durchhalten, vernetzen und jede Chance nutzen, die kommt. Denn ich glaube die Zeiten sind zumindest besser als je zuvor für Frauen, die führen wollen.

Kinder als Karrierekiller und Armutsrisiko – so liest man es in den Medien immer wieder. Nicht selten schreckt das Frauen ab, bei der vermeintlichen Entscheidung Karriere oder Kind, sich für das Kind zu entscheiden. Wie gehen Sie mit dieser insb. deutschen Denkweise um und welche Möglichkeiten gibt es bei ARD und ZDF beides miteinander zu vereinen?

Das ZDF hat mich in meiner ersten Elternzeit zur Redaktionsleiterin befördert. Natürlich bin ich nicht aufgestiegen, weil ich ein Kind bekommen habe, aber, und darum geht es ja, es war auch nicht das Ende meiner Karriere - ganz im Gegenteil.

Grundsätzlich ist im ZDF Führen in Teilzeit möglich und das gilt natürlich nicht nur für Frauen. Kürzlich hat ein Redaktionsleiter seine Arbeitszeit reduziert, um mehr Zeit für seine Familie zu haben.

Beim ZDF wurde eine Dokumentation zum Thema Gleichstellung in Deutschland mit dem Titel: „Was Frauen wollen und Männer denken“ ausgestrahlt. Sie waren leitende Redakteurin und haben die Präsentation im Film selbst übernommen. Hat Sie dieses Thema besonders berührt?

Ganz klar ja – besonders berührt hat mich eine Frau, Djamila, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die ihre Familie mit 2 Jobs über Wasser hält und die ihre kleine Tochter morgens um 5 wecken muss, um sie vor der Arbeit in die Kita bringen zu können. Ich habe einen unglaublichen Respekt vor Alleinerziehenden. Gerade für sie ist die Vereinbarung von Familie und Beruf ein täglicher Drahtseilakt.

In der Dokumentation konnten wir intensiv der Frage nachgehen, wieso Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, auch in denselben Jobs und wesentlich häufiger im Alter arm sind und wie sich das ändern kann, muss und auch wird. Dieser Film war für mich eine lehrreiche Reise zu den vielen verschiedenen Facetten der Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit.

Vielfach herrscht der Eindruck, die Gleichstellung sei schon so weit gekommen, dass man in diesem Bereich nicht mehr aggressiv oder proaktiv Veränderungen vorantreiben müsse. Ihre Dokumentation legt dar, dass dem nicht so ist. Wie kann das Medium Fernsehen bei der Realisierung von Emanzipation behilflich sein?

Das, was Menschen sehen, prägt ihr Denken und schafft Bewusstsein. Dadurch, dass ich früh Fernsehjournalistinnen gesehen habe, war für mich klar, das kann ich auch erreichen. Deshalb ist es uns beim ZDF wichtig, so viele Expertinnen wie möglich zu den verschiedensten Themen zu interviewen. Am besten noch mit Migrationshintergrund, ohne, dass es um Fragen der Migration geht. Wenn wir hier eine Selbstverständlichkeit haben, können so bei anderen jungen Mädchen und Frauen berufliche Ziele geweckt werden.

Was würden Sie jungen Juristinnen raten, die gerne einen Fuß in die Tür für eine Karriere im Bereich Medien bzw. beim Fernsehen oder Hörfunk bekommen würden?

Wir suchen Juristinnen im ZDF – und auch die meisten anderen Medienhäuser tun das – die journalistisch arbeiten wollen und können. Dafür sollte man zusätzlich zur juristischen Ausbildung so viel journalistische Praxis bekommen, wie möglich. Und natürlich ist eine journalistische Ausbildung durch eine Journalistenschule oder ein Volontariat hilfreich. Denn Journalismus ist ein Handwerk, das man meiner Meinung nach am besten im Rahmen einer Ausbildung lernt und nicht im Studium an einer Uni. 

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Elke Büdenbender – sie hat mich auf die Idee gebracht, Jura zu studieren; sie hat mir als Schülerin gesagt, Jura das ist was für dich. Und sie hatte Recht. Besonders beeindruckt mich an Elke Büdenbender, dass ihr Weg zur Richterin einer mit Umwegen war. Erst Realschule, dann Ausbildung, dann Studium – das gibt es viel zu selten. Da ist sie ein leuchtendes Vorbild und sie ist eine leidenschaftliche Juristin.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Frankfurt, 15. Februar 2021. Dr. Sarah Tacke hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Alicia Pointner.

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