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Dr. Neda von Rimon, LL.M. im Porträt

„Das Leben ist keine Checkliste zum Abhaken!“

Dr. Neda von Rimon, LL.M., Head of Corporate Office bei ABOUT YOU Holding SE, über Fairness im Arbeitsalltag, die Tätigkeit als Syndikusrechtsanwältin und wann es sich lohnt, mutig zu sein und auf das Bauchgefühl zu hören.

Neda, in unserem Vorgespräch hast Du erzählt, dass Du schon früh wusstest, dass Du gerne Jura studieren möchtest, weil Du einen ausgeprägten Fairness-Gedanken in Dir trägst. Findet sich dieser Gedanke auch jetzt noch in Deiner täglichen Arbeit wieder?

Ein klares „Ja“. Fairness bedeutet für mich keine dogmatische Gleichmacherei, sondern ein ausgewogenes Ausbalancieren der verschiedenen Stakeholder-Interessen. Ein Großteil meiner Tätigkeit besteht darin, die unterschiedlichen Ziele und Interessen von ABOUT YOU als Emittent (Anm. d. Red.: Ein Emittent ist ein Herausgeber von Wertpapieren), dem Aufsichtsrat und Vorstand zu erkennen und mit den rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen, sodass letztendlich das jeweilige Projekt erfolgreich abgeschlossen werden kann. Über das Einhalten der rein rechtlichen Rahmenbedingungen hinaus ist mir dabei besonders wichtig, dass sich jeder einzelne Stakeholder involviert und auch bedeutend für das Gelingen fühlt.

Fairness kann meines Erachtens jede*r in seinem alltäglichen Handeln abbilden. Dazu bedarf es nicht immer großer Ideen und Initiativen. Letzteres hat ABOUT YOU zwar auch und macht diese auch immer wieder öffentlichkeitswirksam zum Thema, wie z.B. auf der ABOUT YOU Fashion Week unter dem Motto „Welcome the unexpected“ oder den ABOUT YOU Awards. Aber auch im Unternehmensalltag wird diese Überzeugung tagtäglich gelebt, wodurch insgesamt eine sehr faire, inklusive und diverse Unternehmenskultur entstanden ist.

Nach dem ersten Staatsexamen hast Du ein Jahr in den USA für einen LL.M. und ein Praktikum verbracht. Wie sind Deine Erinnerungen an diese Zeit?

Auf persönlicher Ebene bin ich in diesem Jahr stark gewachsen, habe viele inspirierende Persönlichkeiten kennen gelernt, zu denen ich mich immer noch nach über zehn Jahren eng verbunden fühle. Auf beruflicher Ebene hat der LL.M. meinen Lebenslauf natürlich positiv geprägt und dazu beigetragen, dass sich einige Türen für mich etwas leichter geöffnet haben, wie z.B. das sich damals direkt anschließende Praktikum in der Compliance Abteilung der Commerzbank in New York. Es war zu der Zeit ein Novum, dass die Bank jemanden, der kein internes Trainee Programm absolvierte, in ein bezahltes Praktikum in die USA schickt und ich bin heute noch dankbar für diese Chance.

Bei der Commerzbank in New York habe ich meine fachlichen Kenntnisse aus dem Schwerpunktstudium mit Fokus auf Banken-Compliance angewandt und einzigartige Einblicke in Anti-Geldwäsche Compliance international agierender Banken erhalten. Insgesamt bin ich aber überzeugt, dass man auch ohne Auslandsstudium eine sehr erfolgreiche Juristin ein kann, da die Juristerei – auch in internationalen Großkanzleien – sehr national geprägt ist. Die Zeit im Ausland ist allerdings ein Beschleuniger für die Persönlichkeitsentwicklung in jungen Jahren und den Aufbau eines beruflichen Netzwerkes. Dies sollte daher bei der Entscheidungsfindung im Vordergrund stehen.

Während des Berufseinstiegs hast Du überwiegend in einem reinen Männerteam in einer internationalen Kanzlei gearbeitet. Wie war das für Dich?

Ich habe mein Team immer wertgeschätzt und empfand die Arbeit insgesamt als sehr fachorientiert und unaufgeregt. Insbesondere zu meinem damaligen Leitpartner habe ich mit der Zeit eine enge Verbindung aufgebaut und schätze ihn natürlich nicht nur fachlich aufgrund seines einzigartigen Beratungsansatzes, sondern auch menschlich. Insgesamt habe ich immer gerne mit Männern zusammengearbeitet und tue dies auch weiterhin gerne. Für mich bedeutet Diversität aber mehr als nur ein ausgewogener Geschlechter-Mix. Was mich dazu bewegt hat, die internationale Kanzleiwelt zu verlassen war eher die ausbaufähige Diversität im Hinblick auf Ausbildung, Background, Interessen und Neigungen, Gedanken usw. Das liegt zugegebener Maßen aber auch an der Natur der Sache: In einer Wirtschaftskanzlei arbeiten zum Großteil Jurist*innen mit einem ganz bestimmten Notenschnitt und diese Personen kommen üblicherweise aus einer ganz gewissen Familienstruktur und haben in ihrer Jugend ähnliche Freizeiterlebnisse gehabt. Insgesamt habe ich mich nach Inspiration und Wachstum gesehnt, und zwar nicht auf fachlicher, sondern auf menschlicher Ebene. Dies habe ich glücklicherweise bei ABOUT YOU gefunden: Unsere Unternehmenssprache ist Englisch, der Altersdurchschnitt ist 28 Jahre und die Kolleg*innen haben größtenteils unterschiedliche internationale Lebenswege, die sich in ihrer Ausbildung und Herkunft zeigen. Es ist unglaublich spannend und bereichernd, in einem dynamischen Wachstumsunternehmen zu arbeiten. ABOUT YOU ist bunt und laut und mutig und das macht für mich Vielfalt aus und – um auf die erste Frage zurückzukommen – auch Fairness.

Von Zeit zu Zeit trifft man berufliche Entscheidungen, mit denen man hadert. Was rätst Du jungen Jurist*innen in einer solchen Situation?

Mut und auf sein Bauchgefühlt zu hören! Auch wenn wir analytisch denkenden Menschen das oft nicht wahr haben wollen: Unsere Intuition und unser Bauchgefühl sind die essentielle und unersetzliche Ergänzung zum analytischen Denkvermögen.

 

Ich denke, es ist am allerwichtigsten, sich selbst kennen zu lernen und zu wissen, welchen Weg man im Leben gehen möchte, welche „Long Term Goals“ einem wichtig sind und wie man sich auf dem Weg dahin fühlen möchte. Das Leben ist keine Checkliste zum Abhaken und so ist auch die Karriereplanung kein starr vorgegebener Weg.

 
Während der Corona-Pandemie hast Du gemeinsam mit einer anderen Juristin, Dr. Susann Brackmann, den Podcast „High Road to Growth“ gestartet. Wie kam es dazu?

Auslöser war unser Streben nach Inspiration und Wachstum, und zwar außerhalb unseres fachlichen Kerngebiets. Uns beiden war schnell bewusst, dass wir uns zwar ganz gut zurechtfinden in einer hochleistungsstarken Branche, in der die Unternehmenssteuerung oft nach harten Kennzahlen und Zahlen erfolgt. Aber so richtig dahinter stehen konnten wir auch nicht, es fehlte uns manchmal eine nachhaltigere Unternehmenskultur, mit der man sich identifizieren kann und aus der „Role Models“ hervorgebracht werden. Wir haben als Menschen eine ganzheitliche Persönlichkeit: Diese lässt sich auf Dauer nicht einteilen in die eine, die im Beruf Entscheidungen nüchtern und nur faktenbasiert trifft und die andere, die im Privatleben empathisch ist und Wert legt auf eine ausgewogene Ernährung, genügend Schlaf und ein gesundes Leben. Wenn wir Menschen authentisch und nachhaltig erfolgreich und glücklich sein möchten – und zwar beruflich und privat, denn das kann man meiner Meinung keinen Unterschiedlichen Ansatz wählen – dann ist es wichtig, seine gesamte Persönlichkeit in allen Lebensbereichen auszuleben. Aus dieser Überzeugung heraus haben wir uns entschlossen mit High Road to Grwoth unterschiedliche Expert*innen zu interviewen, um selbst dazu zu lernen, was z.B. gute Führung ausmacht, warum man einen Burnout bekommt und was man dagegen tun kann, dass ausreichend Schlaf essenziell ist (ja das wissen wir, aber das ignorieren wir gerne) und wie man auch in Vertragsverhandlungen gewinnen kann, wenn man auch das Gegenüber gewinnen lässt.

 

Ich finde diese Themen kommen in unserer Ausbildung, sei es in der Schule oder im Studium, leider viel zu kurz und im Berufsleben – besonders in Großkanzleien – zählen dann aufgrund des Geschäftsmodells vorrangig das verkaufte Produkt und die dazugehörigen „Billables“ (Anm. d. Red.: Abrechnungsfähige Stunden sind Arbeitsstunden, die Mandant*innen in Rechnung gestellt werden).

 

Über den Podcast bist Du auch auf Deinen Job bei ABOUT YOU aufmerksam geworden. Warum bist Du von der Kanzlei in ein Unternehmen gewechselt?

 

Wir haben Annika in der Beek als Director Human Resources zu dem Thema „Glamourizing Overworking“ und der Arbeitskultur bei ABOUT YOU interviewt. Das Gespräch war kurzlebig, inspirierend und hat mich weiter in meinem Wunsch bestätigt, mich beruflich zu verändern. In der Zeit wurde mein Wunsch, unternehmerischer tätig zu sein immer größer. Ich wollte von der reinen Juristerei zu einer Tätigkeit wechseln, in der meine juristischen Tools zwar essenziell bleiben, ich aber zugleich kreativ und gestalterisch arbeiten kann. Eines Tages rief mich Annika an und schlug mir die damals ganz frisch ausgeschriebene Stelle als Head of Corporate Office vor. Die Position wurde mit dem Börsengang von ABOUT YOU geschaffen und enthielt exakt meinen bisherigen beruflichen Zuschnitt und deckte somit alle Themen ab, die ich fachlich mit Leidenschaft betreue. Das Schöne an der Rolle und an ABOUT YOU ist, dass ich mich neben meiner Rolle als Syndikusrechtsanwältin auch an unternehmerischen Themen beteilige und eine klassische Schnittstellenfunktion ausübe. In dieser arbeite ich regemäßig gemeinsam mit Kollegen aus Investor Relations, Finance, Legal oder auch mit Teams aus der Produktenwicklung oder Tech zusammen. Das macht den Job abwechslungsreich, nie langweilig und man lernt immer wieder Neues dazu!

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus? 

Die Themen, an denen ich arbeite, sind sehr divers: Ich begleite die Aufsichtsratssitzungen, in dem ich den Kick-Off und die Agenda verantworte, nach den Sitzungen platziere ich die Themen gemeinsam mit dem Vorstand als Follow-up bei den verschiedenen Stakeholdern im Unternehmen und schaue parallel, dass die rechtlichen Anforderungen aus Aktiengesetz, Deutschem Corporate Governance Kodex und sonstigen Regularien eingehalten werden. Darüber hinaus bin ich für die Hauptversammlung zuständig, die ich gemeinsam im Team mit Investor Relations und Legal vorbereite und durchführe. Neben diesen turnusmäßig wiederkehrenden Themen verantworte ich kapitalmarktrechtliche Folgepflichten, die ABOUT YOU als Emittent einzuhalten hat. Alles in allem liegt bei mir all das, was mit dem Börsengang ABOUT YOU als Emittenten zusammenhängt und vor allem die beiden Organe Vorstand und Aufsichtsrat betrifft. Ich sorge dafür, dass die rechtlichen Spielregeln von Vorstand und Aufsichtsrat gewahrt werden, während sich die jeweiligen Organmitglieder auf ihr unternehmerisches Tagesgeschäft kümmern – quasi eine Art Corporate Bodyguard.

Außerdem übernehme ich das Projektmanagement bei ausgewählten Projekten, in denen ich nicht juristisch berate, sondern eher den Blick eines internen Unternehmensberaters einnehme, um die unterschiedlichen Workstreams und Timelines zusammen zu führen, damit diese am Ende des Projekts auch ineinandergreifen.

Du hast mir erzählt, dass Du die „Eckpfeiler-Entscheidungen“ in Deinem Leben mit dem Bauch und die „Zwischenschritt-Entscheidungen mit Deinem Kopf getroffen hast. Was genau meinst Du damit?

Das ist schwierig in Worte zu fassen, aber ich versuche es mal: Für mich war immer zweifelsfrei klar, dass ich Jura studieren wollte und dass ich eines Tages im Unternehmen arbeiten möchte. Ich war schon immer von den gesellschaftlichen und philosophischen Aspekten der Rechtswissenschaften fasziniert und wusste daher, dass ich Jura studieren möchte. Zugleich fand ich Unternehmen, Börsen und Kapitalmärkte interessant und so landete ich auch in New York bei der Commerzbank nach meinem LL.M. Ich habe also die großen Eckpfeiler Jura, Ausland, Referendariatsstationen und Berufseinstieg sehr bewusst getroffen. Für den Weg dahin habe ich mir ausreichend Flexibilität gegeben und musste auch manchmal mutige Umwege zu gehen, um letztendlich hier und heute zu sein, wo ich bin.

Du empfindest bei der Arbeit relativ spät erst Stress, solange du verhältnismäßig selbstbestimmt tätig sein kannst. Wie kann man als Berufsanfängerin mutig und selbstbewusst sein, sich sowohl zeitliche auch als gestalterische Freiräume zu nehmen?

Es fällt mir schwer eine allgemeingültige Empfehlung zu geben. Einige Menschen bevorzugen ein selbständiges, freies Arbeiten mit gestalterischen Spielräumen, während dies andere Persönlichkeitstypen abschrecken würde. In jedem Fall sollte man sich seinen individuellen Mehrwert bewusst machen. Dabei kann auch ein Business Coaching helfen, denn manchmal fällt es einem selbst schwer, seine Stärken – und wie mein Coach Jens Alsleben sagt, die dazugehörigen „blinden Flecken“ – zu sehen. Ich bin überzeugt, dass man nur, wenn man sich seine Arbeit auch so gestaltet, dass man in seiner vollen Stärke steht und aus diesen Kräften schöpfen kann, seinen eigenen Ansprüchen genügt. Dann kann man abends nach Feierabend ein positives Gefühl seiner Arbeit und sich selbst gegenüber entwickeln und stolz auf den vergangenen Tag blicken. Dies ist nicht nur für einen persönlich von unschätzbarem Wert, sondern auch für Arbeitgeber*in, Kund*in oder Kolleg*innen, die somit ja „das Beste“ von einem erhalten, das man bieten kann. Und dieses Beste kommt dann aus einem ganz natürlich heraus, schenkt Kraft, anstatt von ihr zu zehren und macht einen selbst und das Umfeld zufrieden. 

Oft entsteht der Eindruck, dass das „Life“ in Work-Life-Balance untrennbar mit der Betreuung von Kindern oder Care-Arbeit verbunden ist. Hast Du Tipps, wie man als Juristin ohne Kinder damit umgeht?

Ich vertrete auch hier einen holistischen Ansatz: Work und Life sind keine getrennten Zeiten, genauso wie wir keine getrennten Persönlichkeiten für Work und Life besitzen. Wir leben ein Leben und haben eine Persönlichkeit mit vielen bunten Facetten. All diese Facetten dürfen gelebt werden – sowohl beruflich als auch privat. Und dafür sollte es keiner Rechtfertigung und keines allgemein gesellschaftlich anerkannten Grundes bedürfen, wie Kinderbetreuung oder Care-Arbeit.

Das ist ein sehr idealistisches Denken, aber ich bin überzeugt, dass wir uns gesellschaftlich auf dem richtigen Weg befinden und dies auch in Wirtschaftskanzleien immer mehr Anklang finden wird. Solche Entwicklungen brauchen einfach Zeit und hier wäre wieder der Mut eines jeden Einzelnen gefragt, für seine eigenen Lebensgestaltung einzustehen und sich nicht fremden Mustern zu beugen.

 

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Ich habe viele weibliche Juristinnen in meinem beruflichen sowie privaten Umfeld, die ich fachlich und menschlich sehr schätze und jede von ihnen bringt etwas Einmaliges mit. Die Entscheidung fällt mir daher sehr schwer, aber da ich mich nur für eine Juristin entscheiden kann, nominiere ich Dr. Nina Holzmann. Wir haben uns während unserer gemeinsamen Großkanzleizeit in Hamburg kennen gelernt, mittlerweile ist sie Head of Legal bei der Hasso Plattner Foundation in Potsdam und verantwortet dort ein breites Themenfeld an juristischen Themen einer philanthropischen Stiftung.

Nina ist für mich ein Vorbild, weil sie intelligent, unglaublich sympathisch, spirituell, ehrlich und authentisch ist. Sie ist beruflich erfolgreich, bleibt sich dabei treu und ist allgemein eine beliebte und geschätzte Person. Ich vermute mal, das liegt daran, weil sie sich im inneren treu geblieben ist und daher ihre Handlungen nach außen im Einklang mit ihren Werten sind. Das ist für mich Authentizität und das wird in der Regel von allen Menschen wertgeschätzt und gemocht.

Vielen Dank für das spannende Interview!

München / Hamburg, 19. September 2022. Das Interview führte Dr. Franziska Huber. Dr. Neda von Rimon. LL.M. beantwortete die Fragen schriftlich.

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