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Mahsa Eggers im Porträt

"Mütter sind die besten Führungskräfte, weil sie fokussierter arbeiten und bestens organisiert sind."

Mahsa Eggers, Executive Director – Compliance Risk Management bei JPMorgan Chase & Co.*, über ihren Wechsel von der Tätigkeit als Rechtsanwältin zur Unternehmensjuristin, die Unterschiede bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Wege, wie sie Frauen bewusst in Führungspositionen verhilft.

Frau Eggers, als Bereichsleiterin bei der Sparda-Bank Berlin eG haben Sie die Themengebiete Recht, Compliance, Tax Compliance, Informationssicherheit und Office Management verantwortet. Wie schaffen Sie es, bei so vielen Themengebieten sowohl fachlich als auch organisatorisch den Überblick zu behalten?

Ich habe ein großartiges Team aus qualifizierten MitarbeiterInnen Und ich habe im Laufe der Jahre gelernt, mich zu organisieren. Hierbei hat es mir sehr geholfen, dass ich zwei kleine Kinder habe. Wenn man mit Kindern Karriere machen will, dann muss man sehr gut organisiert sein. Ich glaube sogar, dass Mütter die besten Führungskräfte sind, weil sie viel fokussierter arbeiten und bestens organisiert sind.

Die Tätigkeit in der Rechtsabteilung einer Bank hängt – wie aktuell – häufig von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ab. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? Kann man überhaupt von „Alltag“ sprechen?

Man kann weder von „typisch“ noch von „Alltag“ sprechen. Jedoch ist es auch das, was ich an meinem Beruf so sehr liebe. Finanzbranche und Recht – das ist eine großartige Mischung, in der viel Dynamik drinsteckt. Bei allen strategischen Entscheidungen „meiner Mandantin“ stellt sich für mein Team und mich nicht nur die Frage, welche juristischen Möglichkeiten man heute hat, sondern meine Aufgabe ist es auch, zu antizipieren, wie sich die Lage entwickeln wird und wie Verbraucherschutz und BGH darauf reagieren werden. Bei der vermeintlich verbraucherfreundlichen Rechtsprechung des BGH ist die Versuchung groß, in vorauseilendem Gehorsam gleich sehr restriktiv an juristische Fragestellung heranzugehen. Stattdessen ermutige ich mein Team stets, mutig zu sein, jedoch nicht töricht.

Die Geschäftswelt allgemein und auch die juristische Welt ist – gerade in führenden Rollen – noch sehr männerdominiert. Wann ist Ihnen das zum ersten Mal bewusst geworden?

Mir ist das zum ersten Mal bewusst geworden, als ich nach dem Studium meinen ersten Job in einer Rechtsanwaltskanzlei begonnen habe. Dort wurde ich zahlreiche Male von Mandanten gefragt, wann sie denn „mit dem Rechtsanwalt sprechen“ können. Damit meinten sie nicht nur jemand älteren als mich, sondern auch einen Mann. Damals konnte ich das immer weglächeln. Nach meiner ersten Elternzeit machte ich jedoch die Erfahrung, dass man es als Frau und Mutter noch schwerer haben kann, als nur solchen Sprüchen ausgesetzt zu sein. In der Kanzlei, in der ich damals arbeitete, war ich plötzlich auf dem „Abstellgleis“: Meetings fanden nachmittags statt. Wenn ich daran aufgrund meiner Verpflichtungen als Mutter nicht teilnehmen konnte, dann war das mein Problem und ich hatte eben die relevanten Informationen nicht.

 

Ganz andere Erfahrungen durfte ich hingegen bei meinem derzeitigen Arbeitgeber machen. Ich habe in den achteinhalb Jahren in der Bank nie das Gefühl gehabt, auf mein Geschlecht oder meine Verantwortung für meine Familie reduziert zu werden. Ganz im Gegenteil kann ich in der Bank beides sehr gut unter einen Hut bringen. Obwohl ich nach meinem Wechsel von der Kanzlei in die Bank noch ein Kind bekam, wurde ich direkt im Anschluss an meine zweite Elternzeit zur Abteilungsleiterin und drei Jahre später zur Bereichsleiterin befördert. Allerdings bin ich eine von lediglich zwei Frauen im oberen Management neben acht Männern. Auch der Vorstand besteht ausschließlich aus Männern und der Aufsichtsrat ist ebenfalls männerdominiert. Ich denke, in Sachen Gleichberechtigung ist noch Luft nach oben.

Nach dem Studium waren Sie zunächst für einige Jahre in einer auf das Bankrecht spezialisierten Wirtschaftskanzlei als Rechtsanwältin tätig. Wieso haben Sie Ihre Karriere nicht direkt als Unternehmensjuristin begonnen? Würden Sie das heute anders machen?

 

Tatsächlich war für mich schon während des Studiums klar, dass ich Unternehmensjuristin werden möchte. Studienbegleitend habe ich auch immer in Unternehmen gearbeitet. Allerdings fehlte mir im Studium die Ausbildung zur Rechtsanwältin. Weder die außergerichtliche Kommunikation mit der Gegenseite noch das Führen von Gerichtsverfahren lernt man im Studium oder im Referendariat so richtig. Für mich gehört dieser praktische Teil der Ausbildung jedoch dazu, um eine wirklich gute Juristin sein zu können und das Unternehmen in allen Bereichen optimal beraten zu können. Ich würde es immer wieder so machen, zumindest solange sich an der Ausbildung im Studium der Rechtswissenschaften nichts ändert. Ich profitiere tagtäglich von meinen Erfahrungen aus der Zeit als Rechtsanwältin.

Welcher Teil Ihrer Tätigkeit als Unternehmensjuristin macht Ihnen am meisten Spaß, welcher Teil eher weniger?

 

Mir macht alles daran Spaß – am meisten, dass ich meine „eine“ Mandantin so gut kenne, weiß, worauf es ihr ankommt und wie ich sie bestmöglich beraten kann. Ich schätze die Vielfalt der Themen und Rechtsgebiete, ohne dass es dabei thematisch zu breit wird.

Nachdem Sie zur Sparda-Bank gewechselt sind, haben Sie schnell Führungsverantwortung und damit eine Vorbildrolle für junge Kolleg*innen übernommen. Welche Rolle spielen für Sie Vorbilder bzw. Mentor*innen?

Ich habe Vorbilder, jedoch müssen diese für mich nicht zwingend weiblich sein. Ein Vorbild ist für mich jemand, der in einer Hinsicht etwas kann, woran ich noch arbeite oder der mich zu etwas inspiriert, woran ich vorher noch nicht dachte. Gerade in den sozialen Medien kann man so viele tolle, einflussreiche Frauen beobachten. Frau Dr. Nikutta beispielsweise, Vorstandsvorsitzende der DB Cargo AG ist für mich ein absolutes „role model“. Es inspiriert mich, wie sie ihren Weg geht, ohne sich zu verbiegen und dabei auch immer anderen Frauen Mut macht, nicht aufzugeben und ihren eigenen Weg zu verfolgen.

Wie würden Sie das Bewusstsein für die Themen Familiengründung, Betreuung und Elternzeit in Unternehmen und Kanzleien beschreiben? Bestehen dabei Ihrer Wahrnehmung nach Unterschiede?

 

Meiner Erfahrung nach bestehen große Unterschiede. Während es in einer Kanzlei immer auf den Profit des einzelnen Rechtsanwalts ankommt, ist die Arbeit in einem Unternehmen mehr geprägt von Teamwork. Allein deshalb sind Familiengründung, Betreuung und Elternzeit besser mit der Arbeit vereinbar. Ich erlebe immer wieder, dass das Team diese Zeiten gut auffängt und die betroffenen KollegInnen unterstützt. Das ist bei uns ein Geben und Nehmen.

Als zweifache Mutter und Führungskraft stehen Sie vor der Herausforderung, Familie und Beruf im Alltag unter einen Hut zu bekommen. Welchen Weg haben Sie dafür als Familie gefunden?

Vor dieser Herausforderung stehen viele – ob Führungskraft oder nicht ist da erstmal nebensächlich. Für mich war sehr früh klar, dass ich Kinder haben, aber dennoch arbeiten und meinen beruflichen Weg gehen möchte. Ich brauche diese Balance, um sowohl privat als auch beruflich mein Bestes geben zu können. Ich habe das große Glück, einen Mann zu haben, der das akzeptiert und respektiert. Für meinen Mann ist es ein Selbstverständnis, seiner Rolle in der Familie gerecht zu werden und nicht in an alten Rollenmustern zu denken. Gott sei Dank ist er auch stark genug, sich nicht von unserem Umfeld beeinflussen zu lassen. Man glaubt gar nicht, wie oft wir Menschen begegnen, ob Frau oder Mann, die es „merkwürdig“ finden, dass mein Mann die Kinder nachmittags abholt oder den Haushalt mitmacht. Wir können über derartige Sprüche nur den Kopf schütteln.

„Women empower Women“ oder „Stutenbissigkeit“ – herrscht Ihrer Wahrnehmung nach in der Praxis zwischen Kolleginnen gegenseitige Unterstützung oder doch eher Konkurrenz? Gibt es dabei Unterschiede in Kanzleien und Unternehmen? 

„Women empower Women“ ganz klar – über diese Antwort musste ich nicht eine Sekunde nachdenken. Ich habe in meiner ganzen beruflichen Laufbahn bislang, egal ob in Kanzlei oder Unternehmen, nie so etwas wie Stutenbissigkeit erlebt. Ich denke, dass wir Frauen intuitiv wissen, dass wir uns gegenseitig unterstützen müssen, wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, wenn wir wollen, dass Frauen öfter die Chancen bekommen, die ihnen zustehen.

Männer hingegen, die aus Angst vor weiblicher Konkurrenz um sich schlagen, habe ich viele erlebt und erlebe ich immer noch viel zu häufig. Diese Männer, die zu schwach sind für weibliche Konkurrenz, werden sich warm anziehen müssen (lacht).

Welche Maßnahmen ergreifen Sie in Ihrer Position als Führungskraft, um Ihre weiblichen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg zu unterstützen?  

Die Förderung von jungen Frauen ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich begegne immer wieder jungen Frauen, teilweise Müttern, die sich selbst eine Führungsposition nicht zutrauen. So paradox es klingt, höre ich von diesen Frauen Sätze wie „Ich weiß nicht, ob ich das kann“ oder „Ich möchte mein Kind nicht vernachlässigen“. Mein Führungsteam besteht nur aus Frauen, beeindruckenden junge Frauen, die einen grandiosen Job machen und die ich ermutige, sich dennoch ausreichend Zeit für ihre Familien zu nehmen, ihre Frau zu stehen und sich ihrer Stärken bewusst zu sein. Frauen, die ich ermutige, sich von Männern nicht einschüchtern zu lassen.

Was halten Sie von Teilzeit- bzw. Tandem-Führungsmodellen, um mehr Führungspositionen mit jungen Frauen (mit oder ohne Kindern) zu besetzen?

Davon halte ich sehr viel. Was auch immer es benötigt, um jungen Frauen eine Brücke in Führungspositionen zu bauen, hilft meiner Meinung nach. Ich selbst habe ein Führungstandem aus zwei jungen Frauen etabliert – zu diesem Zeitpunkt ein Novum in unserer Bank – und das funktioniert ausgezeichnet!

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie aus Ihrer Sicht als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Mich beeinflussen in der Regel nicht die fachlichen, sprich juristischen, Inhalte, sondern andere Merkmale, wie Engagement und Einflussnahme. Deshalb ist für mich beispielsweise Tijen Onaran ein echtes Role Model, weil sie für eine Sache brennt und es authentisch lebt.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Berlin, September 2022. Mahsa Eggers hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Kathrin Klose.

 

*Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews war Mahsa Eggers Bereichsleiterin Recht & Compliance bei der Sparda-Bank Berlin eG.

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