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Maria Kalin im Porträt

„Ich glaube fest daran, dass man durch Engagement etwas verändern kann.“

Maria Kalin, Fachanwältin für Migrationsrecht, über ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin im Migrationsrecht, den Umgang mit tragischen Einzelschicksalen ihrer Mandant*innen und ihre Motivation zu ehrenamtlichem Engagement.

Liebe Maria, Du hast Deine beiden juristischen Staatsexamina in Passau absolviert und zusätzlich einen spanischen Doppelabschluss an der Universidad de Castilla-La Mancha in Spanien erworben. Heute bist Du Fachanwältin für Migrationsrecht in Ulm. War das schon Dein Ziel, als Du 2008 mit dem Jurastudium begonnen hast?

Wenn ich meine Arbeit heute ansehe, vielleicht schon. Mein Ziel war es immer, meinen Beitrag zu leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen. Aber dass ich mal Anwältin werde, hätte ich damals nicht gedacht.

 

Jura habe ich studiert, um später in die Politik oder zu einer NGO zu gehen. Mal klassisch juristisch zu arbeiten, erschien mir viel zu steif. Ich hatte daher zunächst auch gar nicht vor, mein zweites Staatsexamen zu machen. Heute bin ich darüber aber froh (lacht), denn als Rechtsanwältin im Migrationsrecht habe ich meinen Traumjob und meine „Nische“ gefunden. Ich empfinde es als große Ehre, eine Kontrollfunktion für meine Mandant*innen in unserem Rechtsstaat zu haben.

Obwohl das Migrationsrecht seit Jahrzehnten ein brisantes gesellschaftliches Konfliktfeld ist, existiert der Fachanwaltstitel erst seit 2015. Du warst eine der ersten, die den Lehrgang absolviert hat. Was macht die Tätigkeit in diesem Rechtsgebiet so besonders?

Die Solidarität zwischen den Kolleginnen und Kollegen. Alle Personen in diesem Bereich engagieren sich über das übliche Maß für unsere Mandant*innen hinaus und versuchen, unser Rechtssystem gerechter und fairer zu machen. Dieses gemeinsame Ziel verbindet und macht Migrationsrecht zum Teamwork, während man sonst in der Anwaltschaft ja häufig als Einzelkämpfer*in unterwegs ist.

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​Welche Persönlichkeitsmerkmale müssen Jurist*innen aus Deiner Sicht mitbringen, wenn sie im Migrationsrecht tätig sein möchten?​

Ohne ein persönliches Interesse und Engagement geht es nicht. Wer sich für Migrationsrecht interessiert, muss auch an Politik und dem Weltgeschehen interessiert sein und den Kampfgeist haben, die Welt besser zu machen. Niemand macht Migrationsrecht aus monetären Gründen.

 

Zudem braucht es manchmal schon eine dicke Haut und eine hohe Frustrationstoleranz, denn es geht um jeden tragischen Einzelfall. Keiner flieht freiwillig und es geht immer um Menschenleben und Schicksale, nicht um Materielles. Dann zweifelt man auch manchmal an unserem Rechtsstaat und auch an der Welt, weil so viel Ungerechtigkeit passiert. Damit habe ich ehrlich gesagt oft sehr zu kämpfen. Durch den tollen Austausch unter den Kolleg*innen, bei denen man sich auch einfach mal aufregen kann, geht es einem dann aber auch wieder besser (lacht).

Zwar hast Du berichtet, dass eine wissenschaftliche Karriere für Dich nie in Frage kam, dennoch bist Du heute (Mit-) Herausgeberin und Autorin zweier Fachbücher zum Migrationsrecht im Nomos Verlag. Wie kam es dazu?

Durch Zufall und das Glück, Co-Autorinnen und Kolleg*innen zu haben, die mich unterstützt haben. Zusammen mit meiner Passauer Kollegin Petra Haubner habe ich in ganz Deutschland Schulungen für ehrenamtliche Helfer*innen zum Migrationsrecht angeboten und die Nachfrage nach einem Schulungsskript war von Anfang an groß. Dieses Skript wurde dann immer dicker (lacht), sodass die Idee aufkam, daraus ein Buch zu machen. Und dann hat der Nomos Verlag tatsächlich genau das angefragt. Sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben (lacht). 

 

Aber bis heute komme ich etwa bei der „Einführung in das Asylrecht“ nicht zur zweiten Auflage, obwohl diese dringend nötig wäre….

Als Mitglied im Gesetzgebungsausschuss für Migrationsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) nimmst Du auch an der rechtspolitischen Debatte zum Thema teil. Was sind derzeit Eure wichtigsten Anliegen?​

Leider wird sich beim Familiennachzug, trotz vieler Ankündigungen, nichts Wesentliches mehr im Gesetz verbessern. Hier hoffen wir, dass wir untergesetzliche Regelungen finden und aufzeigen können. Zudem werden wir die letzten Gesetzesänderungen noch nacharbeiten und den Prozess auf europäischer Ebene beobachten. Die Umsetzung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems wird noch sehr spannend werden. 

Für das Projekt European Lawyers in Lesvos (ELIL) hast Du in der Vergangenheit schon mehrere Wochen kostenlose, unabhängige Rechtsberatung für Geflüchtete in Erstaufnahmelagern vor Ort in Griechenland angeboten. Welche Erfahrungen bringst Du von dort mit?​ 

Zunächst die Erkenntnis, dass auch Europa leider nicht so rechtsstaatlich ist, wie man es sich vorstellt. Dass es so viel Elend innerhalb unseres reichen Kontinents gibt, ist erschütternd. Insbesondere weil die Institutionen davon wissen und dennoch nichts getan wird. 

 

Aber meine Zeit auf Lesbos hat mich auch gelehrt, wieviel es bedeuten kann, Menschen respektvoll zu behandeln. Viele Geflüchtete wurden durch uns erstmals über das Verfahren aufgeklärt und auch, wenn ich dann noch nicht direkt helfen konnte, waren diese Personen unglaublich dankbar dafür, als Menschen mit eigener Geschichte gesehen und behandelt zu werden und nicht nur als durchlaufende Nummer in einem System.

Können sich auch angehende Jurist*innen schon bei ELIL engagieren?​ 

Sogar sehr gerne. ELIL ist immer auf der Suche nach Personen im Referendariat oder jungen Jurist*innen mit zwei Examina. Hilfreich ist es natürlich, wenn man schon Vorkenntnisse im Migrationsrecht hat, z.B. durch die Tätigkeit bei einer Refugee Law Clinic. Informationen gibt es unter www.europeanlawyersinlesvos.eu.

Die Liste Deiner ehrenamtlichen Tätigkeiten ist lang und sehr beeindruckend. Neben dem DAV und ELIL bist Du u.a. auch Betreuerin bei der Refugee Law Clinic Passau und bei den Grünen aktiv. Was motiviert Dich zu so vielfältigem Engagement neben Deinem Beruf?

 

Ich glaube fest daran, dass man durch Engagement etwas verändern kann. In meiner anwaltlichen Tätigkeit erreiche ich dies zumeist in Einzelfällen, aber durch meine ehrenamtliche Arbeit kann ich meinen Beitrag dazu leisten, auch die Gesellschaft, die Gesetzgebung und den Rechtsstaat durch kleine, aber wichtige Impulse zu beeinflussen. Demokratie und unser soziales Miteinander leben vom Engagement und es macht mir einfach auch Spaß.

Besonders im Kopf bleiben auch die konkreten Fälle, von denen Du berichtest, wenn es um Deine Anwältinnentätigkeit geht. Die menschlichen Schicksale dahinter sind häufig kaum fassbar. Wie ist das für Dich mental zu bewältigen?

Manchmal nur sehr schwer. Ich hatte da den Fall eines Kindes, das über Jahre von seinen Eltern und Geschwistern getrennt in einem Flüchtlingslager leben musste, weil der Familiennachzug nicht klappte – es gab einfach keine verfügbaren Termine. Da konnte ich dann nächtelang nicht schlafen. Zwar ist der Junge jetzt nach fünf Jahren bei seiner Familie, aber ob der jetzt Siebenjährige diese traumatischen Jahre je überwindet, weiß ich nicht. Umso motivierter bin ich dann aber auch wieder beim nächsten Fall. Dieser Wunsch nach Gerechtigkeit und Humanität treibt mich an.

 

Allerdings gab es auch schon Phasen, in denen es mir mental überhaupt nicht gut ging und ich auch nicht wusste, ob ich meinen Job noch weitermachen kann. Ich habe das Thema Depressionen und mentale Gesundheit lange ziemlich unterschätzt, bis es dann auf einmal gar nicht mehr ging. Glücklicherweise habe ich in meinem Umfeld sehr schnell Gehör gefunden und mir professionelle Hilfe gesucht. In der Therapie habe ich zum Beispiel gelernt, besser damit umzugehen, den Leuten nicht immer helfen zu können. Man darf sich nicht immer so verantwortlich zu fühlen. Meine Mandant*innen sind teilweise schon um die halbe Welt geflohen, und ich dachte immer, sie kommen ohne mich nicht klar – das stimmt aber einfach nicht.

 

Unsere Kräfte sind endlich, das müssen wir lernen zu akzeptieren und zu kommunizieren.

Dein Ehemann ist auch Jurist und Ihr habt einen fünfjährigen Sohn. Wie organisiert Ihr Euer Familienleben, um beide in so hohem Umfang beruflich und ehrenamtlich tätig sein zu können?

Ohne meine Familie könnte ich nicht so arbeiten oder mich engagieren. Es braucht hier viele Absprachen, Verständnis und eine gute Kinderbetreuung. Ich habe das Glück, dass auch meine Kanzlei viel mitträgt.

 

Die Herausforderungen zwischen Beruf, Ehrenamt und Familienalltag sind dennoch enorm und ich musste lernen, dass nicht immer alles möglich ist. 

Was hättest Du gern rückblickend über die Vereinbarkeitsthematik schon gewusst, bevor Du Mutter geworden bist?

Es wäre schön gewesen, einen realistischeren Blick zu haben. Man bekommt oft vermittelt, alles sei möglich: Familie und Karriere und Gleichberechtigung. Dem ist aber nicht so. Mehr Verständnis für verschiedene Lebensmodelle müsste her. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen, wenn ich arbeite, aber auch nicht, wenn ich wegen meines Kindes mal zu Hause bleiben muss.

 

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Auf Eurer Seite habe ich schon viele tolle Frauen entdeckt! Kerstin Müller, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Migrationsrecht aus Köln, fehlt zum Beispiel noch. Sie ist ein Vorbild für mich und hat mich sicherlich auch dazu inspiriert, Migrationsrechtlerin zu werden. 

 

Außerdem möchte ich hier gern meine großartigen Kolleginnen Lena Ronte, die unermüdlich für Frauen kämpft, und Dr. Kati Lang, die sich für „Recht gegen rechts“ einsetzt, nennen.

 

Es gibt sicher noch viele weitere tolle Juristinnen und ich bin gespannt, wen ich in Zukunft noch so bei breaking.through entdecken darf.

Vielen Dank für das spannende Interview!

 

Ulm / Nürnberg, 12. April 2024. Die Fragen stellte Dr. Marie-Katrin Schaich.

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