Magdalena Oehl im Porträt

"Es ist essentiell, ein starkes, hochmotiviertes und kompetentes Gründerteam zu präsentieren!"

Magdalena Oehl, Gründerin und Geschäftsführerin von TalentRocket, über den perfekten Kick-off für die Unternehmensgründung, das Gewinnen von Investoren und darüber, mit anderen Gründerinnen im selben Boot zu sitzen.

Liebe Frau Oehl, Sie sind Gründungsmitglied und Geschäftsführerin von zwei Start-ups. Wie sieht insbesondere der Alltag bei TalentRocket, einer Legal Tech Plattform im Bereich Recruiting, aus?

Extrem Abwechslungsreich mit täglich neuen Herausforderungen.

Neben Jura haben Sie Kommunikationswissenschaften studiert. Wussten Sie schon im Studium, dass es sie abseits der typischen juristischen Berufe zieht?

Rückblickend kann man schon sagen, dass es überhaupt erst durch mein Interesse für andere Dinge zu diesem Doppelstudium kam. Zu dem Zeitpunkt dachte ich aber eher, dass ich dadurch eine gute Grundlage für eine Tätigkeit als Anwältin im Medienrecht schaffe, wenn ich Jura und Kommunikationswissenschaften studiert habe. Als ich dann nach meinem Examen promotionsbegleitend den klassischen Weg in der Kanzlei eingeschlagen habe, merkte ich schnell, dass die tägliche Arbeit der Anwältin nicht das ist, was ich langfristig wollte. Zusammen mit meiner Mitgründerin Yacine Coco, die damals noch in der Unternehmensberatung tätig war, nutzte ich deswegen recht schnell jede freie Minute, um an unserer eigenen Idee „TalentRocket“ zu feilen. Diese entstand letztlich aus einer persönlichen Erfahrung: ich fand es damals selbst schwer mir einen guten Überblick über sämtliche juristische Arbeitgeber zu verschaffen. Zu diesem Zeitpunkt lief die Suche nach einem passenden Arbeitgeber zumindest an meiner Uni noch sehr „oldschool“ ab. Das dortige Careercenter bestand aus einem Regal mit Ordnern, in denen dann ausgedruckte Kanzleivorstellungen zu finden waren. Da dachten wir: „Das muss auch zeitgemäß und digital gehen!“ Und hier wurde mir dann sehr schnell klar, dass ich mit der Kombination aus „selbst etwas vom weißen Blatt an umzusetzen“ und den unterschiedlichen Bereichen einer Firma wie Finance, Operations, IT, Product und Sales, meinen persönlichen Traumjob gefunden zu haben.

In der Gründungsphase von TalentRocket haben Sie ein Jahr mit Ihrer Co-Gründerin Yacine Coco zusammen im Entrepreneurship Center der LMU verbracht. Wie kann man sich die Arbeit dort vorstellen?

Die Arbeit dort kann ein perfekter Kick-off für die Gründung sein, man kommt dort mit vielen anderen Gründern zusammen, die alle in einer sehr frühen Phase der Unternehmensgründung stecken. Nutzt man den Austausch dort intensiv, kann man viele Dinge beschleunigen. Das eine Start-up hat sich vielleicht bereits umfassend zu einem Thema informiert, das man selbst als nächstes auf der „to do list“ hat. Durch die Art „Schicksalsgemeinschaft“, in der man steckt, baut man außerdem ein extrem starkes Netzwerk auf.

Wie wichtig sind solche Unterstützungsmodelle für Gründer*innen?

 

Ich halte sie für sehr wichtig, damit eine Idee nicht nur eine Idee bleibt, sondern auch in die spannende Phase der Umsetzung kommt. Ich höre oft von anderen, die gerne gründen wollen, dass sie gar nicht wissen, wie sie anfangen sollen. Genau dieses an-die-Hand-nehmen bei den ersten Schritten übernimmt eine Einrichtung wie das LMU Entrepreneurship Center. Hier wird allerdings nicht zwischen männlichen Gründern und weiblichen Gründerinnen unterschieden.

Aber auch spezielle Frauen-Netzwerke können helfen. Wichtig ist, wie bei allen Veranstaltungen dieser Art, dass sie einen Zweck verfolgen. Geht es um eine Erweiterung des Netzwerks, ist es wichtig, dort auch proaktiv auf andere zuzugehen und die Kontakte im Nachgang zu pflegen.

Wie findet man eine Finanzierung für die erste Gründungsphase?

Auch hier ist es wichtig frühzeitig Kontakt aufzubauen, im Idealfall nicht erst, wenn man die Finanzierung braucht. Spannende potentielle Investoren trifft man häufig auf Veranstaltung oder indem man ihnen von einem Kontakt vorgestellt wird. Dann macht es Sinn am Ball zu bleiben, immer mal wieder Updates über den Fortschritt und die Entwicklungen zu geben. Da das Start-up in der ersten Gründungsphase häufig noch wenig Umsätze vorzuweisen hat, ist es hier essentiell ein starkes, hochmotiviertes und kompetentes Gründerteam zu präsentieren. Häufig investieren Investoren viel mehr in das Team als nur die Idee.

Parallel zu TalentRocket haben Sie „Catchys“, eine Online-Suchmaschine für Secondhand-Mode gegründet. Wie behält man so viele Bälle erfolgreich gleichzeitig in der Luft?

Indem man als starkes Team agiert und immer an seiner Selbstorganisation arbeitet. Und gleichzeitig Akzeptanz dafür entwickelt, dass trotzdem nicht immer alles nach Plan verläuft.

Gründerinnen gibt es noch immer weniger als Gründer. Macht sich dies beim Gründen bemerkbar und falls ja, wie?

Es macht sich bemerkbar, indem man auf Veranstaltungen häufig noch in der Unterzahl ist. Gleichzeitig habe ich aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Frauen die im gleichen Boot sitzen, sich intensiv gegenseitig unterstützen. Wichtig finde ich hier auch, dass man auch in Vorleistung geht, wenn es darum geht andere zu unterstützen und nicht sofort darüber nachdenkt, ob sich daraus auch eine Gegenleistung ergibt.

Gab es für Sie weibliche Vorbilder, an denen Sie sich orientieren konnten?

Es gab immer wieder Personen, sowohl weiblich als auch männlich, von denen ich mir etwas abschauen konnte. Ich halte hierbei das Geschlecht überhaupt nicht für entscheidend.

Sie sind Mutter einer kleinen Tochter. Lässt sich die Selbstständigkeit wirklich so gut mit Familie vereinbaren, wie es manchmal scheint?

Viele haben die Vorstellung, dass man sich die Zeit in seiner eigenen Firma völlig frei einteilen kann. Das stimmt aber nur bedingt. Hat das Team, wie bei TalentRocket mit fast 40 Mitarbeiterin eine gewisse Größe erreicht, sind feste Strukturen wichtig und unabdingbar für eine funktionierende Firma. Deswegen ist es auch bei einer Selbstständigkeit eine Planbarkeit und Verbindlichkeit der Arbeitszeiten extrem wichtig.

Was halten Sie für die größte Herausforderung mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Für mich war die wichtigste Erkenntnis, dass ich es nicht alleine schaffen kann und muss. Als Mutter tappt man häufig in die Falle des schlechten Gewissens. In der Zeit, in der man arbeitet, wirft man sich vor, dass man keine Zeit für das Kind hat und in der Zeit, die man mit seinem Kind verbringt, denkt man an die Aufgaben, die auf dem Schreibtisch liegen geblieben sind. Schafft man hier für sich eine gute Betreuungsgrundlage, bei der man weiß, dem Kind geht es gut und es genießt die Zeit, ist plötzlich beides mit einem guten Gefühl möglich.

Wie sind Sie mit Ihrer Familie organisiert, um Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut zu bekommen?

Auch hier ist eine gute Infrastruktur entscheidend ist. Durch Familie vor Ort ist mir in vielen unvorhersehbaren Situationen und auch bei kurzfristigen Terminen extrem geholfen.

Mit das Wichtigste ist in meinen Augen aber auch, dass der Partner zu 100% am gleichen Strang zieht und die Berufsstätigkeit der Frau nicht nur akzeptiert, sondern unterstützt. Hier habe ich großes Glück mit meinem Mann.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Juli Zeh, ich finde sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie weit man als Juristin über den Tellerrand hinausblicken kann und sie schreibt tolle Bücher.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

 

München, 30. Mai 2020. Magdalena Oehl hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Dr. Nadja Harraschain.

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