Prof. Dr. Isabell Götz im Porträt

"Man muss nicht alles schaffen und es muss nicht alles perfekt sein!"

Prof. Dr. Isabell Götz, Vorsitzende Richterin am OLG München, Bearbeiterin des Palandt, Vorsitzende des DFGT und Honorarprofessorin an der Universität Mannheim über das Schreiben von Erledigungslisten, die Wichtigkeit sich immer wieder auf Neues einzulassen und den familienrechtlichen Reformbedarf in Gleichstellungsfragen.

Liebe Prof. Dr. Götz, neben Ihrer Tätigkeit als Vorsitzende Richterin am OLG München sind Sie u.a. Honorarprofessorin, Bearbeiterin des Palandt, Vorsitzende des Deutschen Familiengerichtstags und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift FamRZ. Wie strukturieren Sie Ihren Alltag angesichts der Fülle dieser Tätigkeiten?

Ich war immer schon ein penibler Planer. Meine Lernlisten vor dem Examen, Urlaubslisten, Einkaufslisten und sonstige Erledigungslisten sind in der Familie legendär und gaben durchaus auch das eine oder andere Mal Gelegenheit zum Spott. Diese Listen, nach Dringlichkeit sortiert, arbeite ich ab. Manche Tage, etwa der Sitzungstag, sind überwiegend für das Gericht reserviert, andere, vor allem, wenn die Abgabe der Überarbeitung bevorsteht, für den Palandt. Mit den Jahren bekommt man ein recht gutes Gefühl dafür, was sich an einem Tag tatsächlich machen lässt. Mit dieser Struktur bin ich bislang ganz gut gefahren. Heimlich schmunzeln muss ich, wenn ich heute sehe, dass meine längst erwachsenen und berufstätigen Kinder Erledigungslisten schreiben.

Sie haben bereits in Ihrem 10. Lebensjahr den Entschluss gefasst, Richterin werden zu wollen. Ihr Einstieg in den Staatsdienst erfolgte über eine Stelle als Regierungsrätin im Bayerischen Staatsministerium. Wie kam es dazu?

Dieser Einstieg kam für mich selbst überraschend, denn ich habe gar nicht mit einer Tätigkeit im Ministerium geliebäugelt, unter der ich mir damals zudem nicht viel vorstellen konnte. Wie Sie ja sagen, war der Richterdienst mein eigentliches Ziel. Eine recht gute Note im 2. Staatsexamen hat dann aber dazu geführt, dass man mir beim Einstellungsgespräch eine Tätigkeit im Ministerium anbot und sie klang (und war dann auch) interessant. Nachdem ich wusste, dass das Richteramt mir nicht wegläuft, bin ich also als Regierungsrätin z.A. dort angetreten. Und mein Weg verlief auch danach einigermaßen "krumm", denn statt der klassischen zwei Jahre war ich fast dreieinhalb Jahre im Ministerium, bevor es in der Praxis weiterging. Ich habe dort aber, zuletzt als Mitarbeiterin im Ministerbüro, viel gelernt, im Ministerbüro zudem über Frauen und Politik. Die damalige Justizministerin Berghofer-Weichner war die erste weibliche stellvertretende Ministerpräsidentin in Bayern, damals noch mit dem Ministerpräsidenten Strauß. Sie war durchsetzungsstark, mutig, sehr zugewandt, hat immer schon viel für Frauen getan und es war eine ungemein spannende Zeit mit ihr.

Haben Sie jemals an Ihrer Entscheidung gezweifelt Richterin zu werden?

Niemals, egal wie grässlich der zu bearbeitende Fall gerade war! Ich freue mich heute noch, wenn ich das Gerichtsgebäude betrete oder die Robe zur Sitzung anziehe, dass dieser Berufswunsch in Erfüllung gegangen ist.

Sie wurden im Alter von 50 Jahren promoviert. Während Ihrer Dissertationszeit waren Sie in Teilzeit als Richterin tätig. Sehen Sie Vorzüge einer Promotion neben dem Beruf?

Unbedingt, denn das eine profitiert vom anderen! Das theoretische Wissen, dass ich während der Arbeit an der Dissertation erworben habe, hat etliche Verfahren vorangebracht. Mein Thema war der Volljährigenunterhalt und ich erinnere mich noch, dass ich damals plötzlich eine Serie von Verfahren bekam, in denen es um den Unterhalt volljähriger Kinder ging. Sicher ein Zufall, aber besser hätte es nicht kommen können. Denn die Verfahren führten mich bei der wissenschaftlichen Tätigkeit zwangsläufig immer wieder zurück zur Frage der praktischen Umsetzbarkeit.

Von wem und inwiefern wurden Sie auf Ihrem Karriereweg besonders unterstützt? Hatten oder haben Sie ein Vorbild/Vorbilder?

Meine Eltern waren keine Akademiker*innen, unterstützten aber meinen Berufswunsch von Anfang an. Natürlich war auch der berufliche Einstieg über das Justizministerium kein Schaden, so dass ich froh bin, dass mir dieser angeboten und nahegelegt wurde, obwohl ich ja eigentlich auf den Richter fixiert war. Später, als ich schon Familienrichterin war, hat mein damaliger Abteilungsleiter mich für den Familiengerichtstag empfohlen, dort war man auf der Suche nach einer Amtsrichterin für den Vorstand. Im Vorstand lernte ich dann meinen späteren Doktorvater kennen, der mich in der Folge für eine Lehrtätigkeit an der Uni und schließlich auch als Autorin für den Palandt empfohlen hat. Manchmal war ich selbst erstaunt, über die vielen Möglichkeiten, die sich mir eröffnet haben, habe mich aber auch immer gerne auf etwas Neues eingelassen. Das war immer spannend und bis jetzt auch immer gewinnbringend.

Wie treffen Sie wichtige Entscheidungen?

Ich nehme mir, soweit möglich, Zeit, wäge für und wider ab, berate mich mit anderen und setze mir eine Deadline zur Entscheidung. Denn wenn man die wesentlichen Punkte erwogen hat, gleich um welche Entscheidung es geht, muss auch entschieden werden, alles andere verunsichert. Ich entscheide - wohl wiederum berufsbedingt - auch gerne und mit der Methode hat es bis jetzt ohne Reue funktioniert.

Nehmen Sie einmal an, eine Freundin oder Kollegin denkt „Ich verdiene meinen Erfolg nicht“, „Ich bin nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere machen das viel besser als ich“. Was raten Sie ihr?

Heimgehen, Zweifel aufschreiben, ein gutes Glas Wein einschenken, Zweifel durchstreichen und allen, die sie säen, ab diesem Zeitpunkt widersprechen oder zumindest keinen Glauben mehr schenken! Ich weiß wohl, dass manche Frauen (bisweilen auch männlich "beraten") zu solchen Zweifeln neigen, für die es allerdings gar keinen Grund gibt. Natürlich kann nicht jeder alles! Ich kann auch vieles nicht, zum Beispiel kann ich nicht singen, zumindest nicht so, dass jemand das hören möchte. Das ist aber doch kein Grund für umfassende Selbstzweifel. Also bestärken und helfen wir uns gegenseitig, um solche Hemmnisse zu überwinden.

Wie wichtig ist Ihnen Feedback?

Ungemein wichtig, ganz egal in welchem Bereich! Mein Senat würde nicht so gut funktionieren, wenn wir uns nicht gegenseitig Feedback gäben, aber auch die Reaktionen der Anwält*innen und nicht zuletzt der Beteiligten nicht einbezögen. Wenn sich ein (vormaliges) Paar am Ende der Sitzung, die mit einem Vergleich endet ausdrücklich bedankt, wissen wir, dass wir einen guten Job gemacht haben. Wenn am Ende des Familiengerichtstags die Teilnehmer*innen die Tagung bewerten, wissen wir, ob und was wir beim nächsten Mal gegebenenfalls besser machen können. Wenn ein*e Palandtnutzer*in dem Verlag schreibt und auf eine unklare Stelle hinweist, kann ich in der nächsten Auflage umformulieren und klarstellen. Ohne Feedback wäre dies kaum möglich, denn mir selbst erschien die Stelle sonnenklar. Ohne konstruktives Feedback wären viele Verbesserungen nicht möglich und positives Feedback ist ja auch immer ein Grund zur Freude.

An welcher Stelle sehen Sie im Familienrecht derzeit noch Bedarf im Hinblick auf die Gleichstellung von Männern und Frauen?

Da gibt es im Familienrecht noch viel zu tun! Das Kindschaftsrecht und das Recht des Kindesunterhalts gehen nach wie vor vom sogenannten Residenzmodell aus, also davon, dass nach einer Trennung ein Elternteil das Kind betreut, der andere es im Rahmen des Umgangs gelegentlich sieht und zahlt. Tatsächlich werden inzwischen jedoch alle möglichen Modelle der gemeinsamen Betreuung eines Kindes auch durch ein getrenntlebendes Paar praktiziert, sie sind aber im Gesetz nicht abgebildet. Auch das Abstammungsrecht hinkt der Wirklichkeit vollständig hinterher! Betroffen sind Männer und Frauen gleichermaßen, denn es gibt heute eben nicht mehr nur den einen Vater und die eine Mutter und auch für gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern müssen moderne Regeln geschaffen werden.

Nach wie vor machen weniger Juristinnen in der Wissenschaft und Justiz Karriere als Ihre männlichen Kollegen. Können Sie sich erklären worauf das zurückzuführen ist?

Zuerst einmal die gute Nachricht: Es werden ja langsam mehr! Aber dennoch: Alte Strukturen wirken nach, Männer vernetzen sich sofort, während Frauen das nicht selten noch lernen müssen und vielleicht liegt eine Antwort auch in den von Ihnen oben beschriebenen Zweifeln, die ja vor allem viele Frauen plagen. Auf einer Veranstaltung saß ich vor einigen Jahren neben einer Generalstaatsanwältin. In einem Vortrag wurde die Behauptung, Frauen würden sich verantwortungsvolle Posten nicht zutrauen, mit Verve bestritten und als männliche Ausrede für das Fernhalten von Frauen gebrandmarkt. Da raunte mir die Generalstaatsanwältin zu: "Aber genauso ist es" und sie berichtete mir, dass sie eine Frau aus ihrer Behörde für eine Beförderungsstelle aufbauen wollte. Alles lief glänzend, bis die Aspirantin mit ihrem Ehemann Rücksprache hielt und die Sache danach nicht weiterverfolgte. Diese Geschichte habe ich nie vergessen und das meinte ich vorher auch mit der Formulierung "männlich beraten".

Sie sagen von sich selbst, dass Sie in Bezug auf Ihre Karriere eine Spätzünderin waren. So richtig los ging es, als Sie im Jahr 2000 ins Familienrecht wechselten. Inwiefern hat Sie Ihr Mann dabei unterstützt? Hatten Sie eine klare Aufgabenverteilung vereinbart?

 

Mein Mann und ich hatten vereinbart, dass wir (wenn möglich) zwei Kinder und beide arbeiten wollen. Beides haben wir hingekriegt, wobei er meine Berufstätigkeit immer unterstützt hat. Dass ich zunächst, als die Kinder klein waren, etwas mehr zurückgesteckt habe als mein Mann, hat mich nicht gestört, denn bei der Justiz führt eine Teilzeittätigkeit ja nur dazu, dass weniger Verfahren zu bearbeiten sind, nicht aber die Tätigkeit eine weniger qualifizierte wäre. Außerdem blieb mir so Zeit auch für andere Tätigkeiten, etwa Unterrichtstätigkeiten, die ich immer schon gerne gemacht habe. Als sich die Frage stellte, ob ich für den Vorstand des Familiengerichtstags kandidieren soll, hat mein Mann dies sofort bejaht und während meiner nachfolgenden häufigen Reisetätigkeit Kinder und Hund übernommen. Als sich die Möglichkeit der Promotion eröffnete, tagte ein Familienrat, der einstimmig beschloss, dass ich mich an die Arbeit machen soll. Und in der Folge hielt mein Mann mir immer mehr den Rücken frei. Auch wenn ich heute unterwegs bin, sorgt er dafür, dass der Laden zu Hause läuft. Die Kinder brauchen zwar schon lange keine Betreuung mehr, wohl aber - immer noch - der Hund.

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Wie gelingt bzw. gelang es Ihnen und Ihrem Mann eine Balance zwischen Familie und Ihrem anspruchsvollen Beruf zu schaffen? Welche Tipps würden Sie jungen, berufstätigen Eltern geben?

Zunächst einmal: Ansprüche überdenken. Man muss nicht alles schaffen und es muss nicht alles perfekt sein! Die Wohnung muss sich nicht wie auf dem Titelbild einer Hochglanzzeitschrift präsentieren. Ein Freitagabend nach einer anstrengenden Woche darf in bequemer Klamotte mit Pizza und einem Film ausklingen, auch wenn Kinder sicher etwas Gesünderes essen und pädagogisch wertvoller bespaßt werden könnten. Sport ist wichtig, aber so, dass er immer noch Spaß macht und nicht zum zwanghaften Pflichtprogramm wird. Achtsam miteinander umgehen und dem anderen - auch ohne Zuruf - etwas abnehmen, wenn es möglich ist.

Gibt es einen Rat, den Sie zu Beginn Ihres Studiums oder Ihrer Karriere gut gebrauchen hätten können?

Ja, nämlich möglichst rasch herauszufinden, was für ein Lerntyp ich bin. Ich höre zwar gerne zu, lerne aber durch Lesen und Schreiben. Ein Repetitorium wäre für mich daher eine völlig unnötige Geldausgabe gewesen, aber bis zu dem Moment, an dem die Entscheidung darüber fiel, hatte ich es Gott sei Dank schon selbst herausgefunden.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Frau Professor Mayer aus Regensburg. Sie ist eine junge Professorin mit einer bemerkenswerten Habilitationsschrift, die vor allem uns Familienrechtler*innen sehr berührt und zur Diskussion anregt. Sie hat bereits diverse Auszeichnungen erhalten und ist eine passionierte Bergsteigerin: trittsicher, mutig und schwindelfrei. Eigenschaften, die Frauen in jeder Hinsicht zugutekommen!

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

 

München/Berlin, 24. April 2020. Das Interview führte Dr. Christine Straub.

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