Christina Sontheim-Leven, LL.M.

"Junge Frauen müssen sich engagieren und ihr Wissen teilen."

Christina Sontheim-Leven, LL.M., Geschäftsführerin der Spiekermann Consulting Engineers GmbH, über die "Doppelspitze", facettenreiche juristische Tätigkeiten wie Rechtsinformatik, den Erfolg divers aufgestellter Unternehmen und darüber, dass man nicht jeden Fehler selber machen muss.

Sie sind Geschäftsführerin der Spiekermann GmbH Consulting Engineers. Wie sieht ein gewöhnlicher Tagesablauf bei Ihnen aus?

Einen wirklich gewöhnlichen Tagesablauf gibt es bei mir nicht, insbesondere nicht in Corona-Zeiten. Derzeit ist mein Tagesablauf anders als sonst; ich kümmere mich natürlich um das Geschäft, Kundenbeziehungen und Finanzen. In diesen außergewöhnlichen Zeiten, haben die Sorgen der Mitarbeiter aber eine hohe Priorität. Menschen zuzuhören ist besonders in Krisenzeiten ganz wichtig. Und vor allem: nur wer zuhört, kann auch Entscheidungen ableiten. Ich bin Geschäftsführerin einer Ingenieursgesellschaft und selber keine Ingenieurin, das bedeutet, dass ich das Geschäft und die Mitarbeiter*innen gut verstehen muss, um im Sinne der Gesellschaft zu agieren.  Parallel dazu steht das Thema Digitalisierung gerade ganz oben auf meiner Liste.

Zuletzt waren Sie Mitglied des Executive Boards der Postcon Deutschland B.V. & Co. KG. Davor steuerten Sie eine Rechtsabteilung, waren bei Peek & Cloppenburg und der METRO AG tätig. In wieweit haben diese Stationen Ihre heutige Position beeinflusst?

Diese Stationen gaben mir die Gelegenheit, ganz verschiedene Arten juristischer Tätigkeiten kennenzulernen: Die Arbeit in einer großen, internationalen Rechtsabteilung wie der METRO AG – einem DAX Konzern, die Tätigkeit in einem inhabergeführten Unternehmen wie Peek & Cloppenburg und dann Tommy Hilfiger mit direkter Anbindung nach New York zum Mutterkonzern, waren für mich wichtige Stationen, um unterschiedliche Erfahrungen und auch ganz viel an "Best Practice", zu sammeln – der Umgang mit Mitarbeiter*innen, Innovation, interne und externe Prozesse. Während meiner letzten Tätigkeit bei der Postcon habe ich vor allem Board Erfahrung gesammelt. Diese Tätigkeit hat mich auch maßgeblich auf meine Position als Geschäftsführerin bei Spiekermann vorbereitet. Es gab natürlich auch viele juristische Themen, aber die Erfahrung Teil eines Boards zu sein, einen wirtschaftlich geschärften Blick für die Geschäfte zu lernen und intensivieren, war besonders wichtig für mich.

Sie sind nebenberuflich als ehrenamtliche Richterin am Landesarbeitsgericht in Düsseldorf tätig und darüber hinaus Aufsichtsrätin. Was sind Ihre Aufgaben in der jeweiligen Position?

Am Landesarbeitsgericht (LAG) sind bei den Sitzungen 3 Richter*innen und 2 beisitzende Richter*innen zugegen. Von den beisitzenden Richter*innen vertritt einer oder eine die Stimme der Arbeitnehmer*innen, etwa ein Betriebsrat oder eine Betriebsrätin und einer oder eine die Stimme des Arbeitgebers, in der Regel ist das jemand aus dem Unternehmen. Die Aufgabe besteht darin beizusitzen und die Erfahrung aus dem Unternehmensalltag einfließen zu lassen, damit das Gericht eine gerechte Entscheidung treffen kann.

Als Aufsichtsrätin bin ich beratend für das Unternehmen in allen wirtschaftlichen und juristischen Themen tätig und ich bin auch eine Impulsgeberin für Sachen, die das Unternehmen noch nicht "auf dem Schirm" hat. Andererseits ziehe ich aus dieser Tätigkeit auch Wissen für meine Aufgaben als Geschäftsführerin bei Spiekermann.

Sie haben einen Master of Laws (LL.M.) in Rechtsinformatik. Warum haben Sie sich für einen Master in diesem Fachbereich entschieden und inwieweit hilft Ihnen das erlernte Wissen bei Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin bei der Ingenieursgesellschaft?

Ich war damals schon eine Exotin mit der thematischen Wahl dieses Masters. Das Thema klang sperrig, aber ich hatte immer eine Affinität zu Digitalisierung und Innovation. Das Potenzial dieses Fachbereichs habe ich früh gesehen. In der Uni hatte ich beispielsweise einen Nebenjob als IT-Support. Für den Master hatte ich ein Stipendium und habe ihn in Hannover und in Oslo absolviert. Die Inhalte, die ich in dem Studiengang gelernt habe, sind für mich immer noch präsent – und meine Leidenschaft für Digitalisierung habe ich bis heute behalten. Mir fällt es leicht, technologischen Fortschritt zu verstehen und ich kann ihn dadurch mit einer relativ niedrigen Schwelle implementieren. Besonders im Ingenieurswesen ist das essentiell: was früher auf dem Reißbrett stattfand, ist jetzt digital und wird am Computer gemacht. Es bieten sich ganz neue vielfältige Möglichkeiten wie die Verknüpfung mit virtueller Realität: etwa kann sich jemand schon vorher sein Gebäude anschauen, so dass dadurch auch traditionelle Branchen in das Zeitalter der Digitalisierung gehoben werden.

Spiekermann GmbH Consulting Engineers wird von insgesamt zwei Geschäftsführerinnen geführt. Wie teilen Sie sich die Aufgaben und Verantwortlichkeiten untereinander auf?

Wir haben sog. "Rules of Procedure", also einen Geschäftsverteilungsplan. Ich bin insbesondere für Recht, Digitalisierung, Compliance und HR zuständig, meine Geschäftsführerin-Kollegin ist für die klassischen Ingenieursthemen, Projekte und Finanzen verantwortlich. Damit es nicht zu Unstimmigkeiten kommt, haben wir ein explizites Agreement: zu großen strategischen Linien stimmen wir immer gemeinsam ab.

Wie sehen Sie das Modell einer Doppelspitze? Kann ein Unternehmen mit diesem Modell erfolgreich sein oder kann es am Ende nur eine oder einen geben, die oder der die finale Entscheidung trifft und auch die Verantwortung dafür trägt?

Ich finde, dass ist ein tragbares Führungsmodell, wenn wie in unserem Fall die Aufgaben und Verantwortlichkeiten klar verteilt sind. Denn: Warum muss einer allein perfekt sein? Ich glaube nicht nur persönlich daran, sondern auch bei uns in verschiedenen Teams hat sich gezeigt, dass dieses Modell funktionieren kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Doppelspitze nicht aus Profilneurotikern besteht, sondern aus zwei Menschen, die zusammenarbeiten wollen und sich gegenseitig unterstützen.

Es ist leider heute noch eine Besonderheit, dass eine Ingenieursgesellschaft ausschließlich von Geschäftsführerinnen geführt wird. War die weibliche Spitze der Spiekermann GmbH Consulting Engineers eine bewusste Entscheidung?

Bestimmte Fähigkeiten waren gefragt und nicht, ob die Geschäftsführung aus Frauen und/oder Männern besteht. Es war und ist aber insbesondere der Geschäftsführung bewusst, dass Frauen gewisse Eigenschaften zur Unternehmenskultur beitragen, was uns bei Spiekermann sehr wichtig ist. Mehr Vielfalt im Topmanagement macht den größten Unterschied – das ist auch das zentrale Ergebnis der aktuellen McKinsey-Studie (vgl. https://www.mckinsey.com/de/news/presse/neue-studie-belegt-zusammenhang-zwischen-diversitat-und-geschaftserfolg). Danach verdoppelt sich bei deutschen Unternehmen die Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein je diverser sie aufgestellt sind. Besonders groß ist dieser Zusammenhang bei dem Frauenanteil im Topmanagement (Vorstand plus zwei bis drei Ebenen darunter). Unternehmen, die hier besonders gut abschneiden, haben eine 21% größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich erfolgreich zu sein, so das Ergebnis der McKinsey-Studie. Es ist also sicherlich ein Pluspunkt, dass ich eine Frau bin, die daneben aber auch noch einen Strauß unterschiedlicher wichtiger Fähigkeiten mitbringt.

Vermissen Sie Diversität im Geschäftsführerinnen-Team?

Ganz im Ernst – nein. Die Ebene darunter besteht nur aus Männern, daher sind wir immer noch unterrepräsentiert. Außerdem besteht Diversität ja nicht nur aus "Männchen und Weibchen", sondern darin, dass jeder seine speziellen Fähigkeiten einbringen kann. Und das ist bei uns im Unternehmen der Fall.

Agiert aus Ihrer Sicht ein weibliches Geschäftsführerinnen-Team anders als ein gemischtes Team oder ein rein mit Männern besetztes Geschäftsführerteam?

Dazu kann ich nur sagen, was mir widergespiegelt wird: Frauen haben häufig einen anderen Blickwinkel und andere Ideen als Männer. Beispielsweise habe ich kürzlich ein Eltern-Kind Büro bei uns im Unternehmen eröffnet. Besteht ein (spontaner) Betreuungsengpass können Mitarbeiter*innen ihr Kind oder ihre Kinder mit zur Arbeit bringen. Das ist aus Unternehmenssicht und auch für die Eltern besser, als wenn sie nicht arbeiten. Ja, ich glaube also wir agieren anders als Männer.

Sie haben zwei Kinder. Wie meistern Sie den beruflichen und privaten Alltag?

[Christina Sontheim- Leven lacht] Mit Mühe. Ich habe Ihnen ja gerade erzählt, dass es harte Zeiten sind. Vor einigen Wochen rief ich sogar eine Petition ins Leben, die darauf gerichtet ist, dass die Politik die Bedürfnisse von Kindern und Familien bei Corona-Öffnungen berücksichtigen (vgl. https://www.openpetition.de/petition/online/beduerfnisse-von-kindern-und-familien-bei-corona-oeffnung-beruecksichtigen). Und ich habe das große Glück, dass mein Mann sich genauso in das Familienleben einbringt und mir gut den Rücken frei hält. Ohne ihn würde ich es nicht schaffen. Nur wenn Eltern anständig zusammenarbeiten, können Beruf und Familie nebeneinander funktionieren. 

Ihr Lebenslauf liest sich wie im Bilderbuch: Sie vereinen Familie, einen anspruchsvollen Beruf und zahlreiche Nebentätigkeiten hervorragend. Gab es berufliche Situationen, die Sie aus heutiger Sicht anders gemacht hätten?

 

Das ["Ihr Lebenslauf liest sich wie im Bilderbuch"] haben Sie gesagt [Frau Sontheim-Leven und die Redakteurin lachen]. Das sieht vielleicht so aus, ist es aber nicht immer. Ich mache beides mit Leidenschaft – Familie und Beruf – das hilft mir, die Energie zu finden. Meine Familie ist der Ausgleich dafür, dass ich Energie in den Beruf stecken kann und der Beruf hilft, dass ich bei der Familie wieder anders sein kann. Und es ist immer wieder eine bewusste Entscheidung – ich möchte beides machen. Natürlich ist das auch eine Herausforderung. Auf die Frage, ob ich etwas anders gemacht hätte, kann ich nur sagen, dass ich alle Erfahrungen sehr schätze. Das Thema Netzwerken hätte ich allerdings früher begreifen müssen. Am Anfang der Karriere denkt man es sei wichtig, den Job gut zu machen und das würde reichen. Die Sichtweise ist aber nicht richtig – der Job muss natürlich immer gut gemacht werden, aber Netzwerke helfen, von anderen Erfahrungen zu profitieren: man muss nicht jeden Fehler selber machen.

Sie sind aktives Mitglied der Initiative Women into Leadership e.V. Wie sind Sie dazu gekommen und wofür steht die Initiative?

Die Initiative ist ein gemeinnütziger Verein zur nachhaltigen Entwicklung weiblicher Führungskräfte. Wir haben Spitzenpersönlichkeiten im Team, machen Cross-Mentoring für Führungspositionen und führen einen persönlichen Dialog – auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Ich habe über Sabine Hansen von der Initiative gehört.  Selber habe ich erst spät im eigenen Berufsleben gemerkt, dass es wichtig ist jemanden vertraulich fragen zu können und auch von ihrer oder seiner Erfahrung zu profitieren. Daher finde ich ist nun "pay back time" und ich nehme mir gerne Zeit für den Erfahrungsaustausch mit meinen Mentee.

Wie wichtig sind und waren Netzwerke für Ihre Karriere und wie haben Sie diese Netzwerke geknüpft?

Sie waren und sind enorm wichtig. Kennen Sie den Spruch "There is a place in hell for women who don’t support other women”? Wir müssen besser im Netzwerke-Leben werden, dann haben wir auch mehr Schlagkraft. Jungen Frauen müssen sich engagieren, ihr Wissen teilen und nicht nur nach dem Motto handeln, "was kann ich persönlich mitnehmen?", sondern auch, "was kann ich geben?". Außerdem rate ich jeder und jedem, auch einfache Gelegenheiten zu ergreifen wie z.B. Lunchen zu gehen, um den Dialog mit anderen zu suchen und um dadurch andere Perspektiven zu hören.

Wie wichtig waren Vorbilder insbesondere am Anfang Ihrer Karriere für Sie?

Es gibt Menschen, die ich großartig finde und die mich stark geprägt haben, wie meine Mutter. Ich hätte aber gerne auch im Beruf mehr positive Vorbilder gehabt. Menschen, die von Anfang an Vorbilder hatten, beneide ich. Wir erfahrenen Juristinnen müssen diese Rolle besser ausfüllen.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Mir ist Karin Holloch eingefallen, sie ist Partnerin bei Jones Day und ich kenne sie aus Zeiten der METRO AG. Sie war schon im Jahr 2005 jemand, der das Compliance Thema erkannt hat. Sie ist aber auch eine Inspiration für viele Jurist*innen, weil sie sich zum Beispiel schon damals getraut hat, Kinder und Karriere offen zu vereinbaren - sie hat beispielsweise ihre Kinder auch mal mit ins Büro gebracht. Außerdem ist sie auch ein Vorbild dafür, dass es für Juristen nicht ein "entweder Kanzlei oder Unternehmen" gibt. Sie hat beides gemacht und ich bin sicher, sie könnte auch jederzeit wieder von der Kanzlei ins Unternehmen wechseln und umgekehrt!

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie Sich dafür genommen haben! 

 

München/Düsseldorf, 13. Mai 2020. Das Interview führte Marina Arntzen, LL.M.

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