Britta Behrendt im Porträt

"Flexibilität ist eine wichtige Eigenschaft, die Bereitschaft immer neue Wege zu gehen – auch ins Ungewisse."

Britta Behrendt, Referatsleiterin im Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat, über ihre Karriere im öffentlichen Dienst, die Bereitschaft neue Wege zugehen und offene, selbstbewusste Kommunikation.

Frau Behrendt, Sie sind Leiterin des Referats zu Grundsatzfragen der Migrations- und Flüchtlingspolitik des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie im Bereich der Migrations- und Flüchtlingspolitik tätig sein möchten?

Nein, das war ganz sicher nicht so. Auch wenn ich das Thema der Migrations- und Flüchtlingspolitik wahnsinnig spannend finde, so zeichnet sich die Arbeit im BMI doch gerade dadurch aus, dass man immer nur für eine bestimmte Zeit mit einem Thema betraut ist. Ich bin seit 2015 als Referentin und seit zwei Jahren als Referatsleiterin für die Migrations- und Flüchtlingspolitik zuständig. Vorher war ich ganz lange Redenschreiberin. Das Thema Migration ist sehr interessant und politisch hoch relevant. Aber das BMI bietet auch viele andere spannende Themen wie die Öffentliche Sicherheit, die Digitalisierung, aber auch den Sport oder die viel diskutierte neue Heimatabteilung. Alle drei bis vier Jahre ist bei uns ein Wechsel des Fachbereichs vorgesehen. Man (oder Frau) hört nie auf, neue Dinge zu lernen.  Das bringt viel Abwechslung mit sich, verlangt einem gleichzeitig aber auch viel Flexibilität ab. Darauf hat mich meine juristische Ausbildung gut vorbereitet. Auch wenn mir das Studium persönlich keinen besonders großen Spaß gemacht hat, eröffnet es mir eine Bandbreite an Möglichkeiten. Heute weiß ich das zu schätzen.

Wie ist Ihre Karriere im öffentlichen Dienst verlaufen?

Nach meinem zweiten Staatsexamen arbeitete ich vier Jahre im Berliner Bundestagsbüro eines Bundestagsabgeordneten. Hier erhielt ich einen super Einstieg in die politische Arbeit. Ich lernte das politische Geschehen und die Arbeitsabläufe im Bundestag von der Pike auf kennen. Diese Erfahrungen helfen mir auch heute noch bei der Arbeit auf Seiten der Regierung.

 

Nach vier Jahren bewarb ich mich über das Juristenauswahlverfahren für eine Tätigkeit im BMI. Über dieses Verfahren stellt das BMI ein- bis zweimal im Jahr juristischen Nachwuchs ein. 2008 nahm ich meine Tätigkeit im Grundsatzreferat im BMI auf. 2009 wechselte ich dann ins Ministerbüro, wo ich für das Verfassen von Reden für den Minister Thomas de Maizière zuständig war. Dadurch kam ich mit allen Themen des Hauses in Berührung und arbeitete mit den verschiedenen Fachreferaten zusammen. 2011 wechselte ich mit Herrn de Maizière ins Verteidigungsministerium. Hier arbeitete ich an ganz anderen Themen wie bspw. Sicherheitspolitik und in einem männlichen dominierten Umfeld. Als Ursula von der Leyen 2013 das Ministerium übernahm, begleitete ich als persönliche Referentin ihren Arbeitsalltag

 

Nach meinem Wechsel zurück ins BMI verbrachte ich eineinhalb Jahre als Verbindungsbeamtin in Rom. Hier beschäftigten mich zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise vor allem Fragen der Migration, aber auch andere Themen wie die Bekämpfung von organisierter Kriminalität.  Nach meiner Rückkehr arbeitete ich ein Jahr im sehr herausfordernden Bereich der Rückführung von islamistischen Gefährdern, bevor ich dann meine jetzige Arbeit im Referat für Migrations- und Flüchtlingsfragen erst  als eine von zwei Referatsleiterinnen aufnahm.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten waren dabei besonders wichtig?

Flexibilität war dabei sicherlich eine wichtige Eigenschaft, die Bereitschaft immer neue Wege zu gehen - auch ins Ungewisse. Diese Erfahrung habe ich in meiner Karriere zweimal gemacht: Zum einen als ich mit dem Minister Thomas de Maizière vom BMI in das Verteidigungsministerium gewechselt bin. Damals bot ich an, ihn als Redenschreiberin zu begleiten. Dass ich mir damals ein Herz gefasst habe, das macht mich heute noch glücklich. Der Wechsel war eine spannende Erfahrung. Ich konnte komplett neue Themen kennenlernen und arbeitete in einem männlich geprägten Bereich

 

Zum anderen war die Arbeit als Austauschbeamtin 2015/ 2016 in Rom ein solcher Schritt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Mutter von zwei Töchtern und hatte einen tollen Job im Ministerbüro. Ich bezog damals die ganze Familie in die Entscheidungsfindung ein. Dieser Schritt erforderte schon Neugier und eine gewisse Abenteuerlust, aber es hat die ganze Familie bereichert.

 

Außerdem ist eine Grundvoraussetzung für die Arbeit in der Politik, dass man gerne mit Menschen zusammenarbeitet, neugierig ist, neue Menschen kennen zu lernen und herauszufinden, was hinter ihnen steckt.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

An einem normalen Arbeitstag bin ich ab acht oder neun im Büro, gehe erst mal mit einem Kaffee den Tag durch und mache mir eine to-do Liste. Dann arbeite ich in vielen Besprechungen mit meinem Team und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ministerien zusammen an unseren Schwerpunkt-Themen. Dazu kommt eine Vielzahl an Dienstreisen. Daher sehe ich meine Familie unter der Woche leider erst gegen Abend. Jetzt in Corona-Zeiten erleben wir ja gerade einen ganz anderen Arbeitsalltag und ich hoffe, dass die Akzeptanz für flexiblere Arbeitsbedingungen dadurch steigt. Nachdenken kann ich selbst am besten in der Natur.

In Ihrer Position als Referatsleiterin für Grundsatzfragen der Migrations- und Flüchtlingspolitik sind Sie an für den oder die Einzelne schicksalhaften Fragen beteiligt. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Ich halte es für unabkömmlich, das Einzelschicksal niemals auszublenden, sondern sich die ganz konkreten Auswirkungen unserer Entscheidungen auf das einzelne Menschenleben vor Augen zu führen. Daher versuche ich mir, wo immer es geht, ein Bild vor Ort zu verschaffen bevor ich die Dinge bewerte oder Entscheidungen treffe. So war ich letztes Jahr in einem Flüchtlingslager in Bosnien- Herzegowina oder im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Gerade als Beamtin möchte ich es mit aller Macht vermeiden, zur "Schreibtischtäterin" zu werden.

Das BMI wurde stark für die rein männliche Besetzung der Staatssekretäre kritisiert. Wie bewerten Sie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im BMI?

Die Kritik hat das BMI klar verdient. Die Zahl der männlichen Staatssekretäre ist nun mal so wie sie ist. Zwar haben wir mittlerweile eine weibliche Staatssekretärin, aber prozentual sind wir von einer paritätischen Besetzung Lichtjahre entfernt. Das geht meiner Ansicht nach für ein Haus wie das BMI nicht. Vor allem weil wir schon einmal soweit waren, dass beide Staatssekretärsposten mit Frauen besetzt waren (Frauenquote von 100 %). Gerade diese negative Entwicklung finde ich sehr bedauerlich. Aber nicht nur das BMI selbst, sondern auch die nachgeordneten Sicherheits-Behörden wie die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz werden durch Männer geleitet. Auch hier gibt es künftig hoffentlich etwas mehr Frauen-Power.

 

Davon getrennt zu betrachten ist die Gleichberechtigung in der Zusammenarbeit "der Arbeitsebene", wie das so schön bei uns heißt. Hier sehe ich im täglichen Miteinander keine Probleme. Eher im Gegenteil: wir stellen nach meinem persönlichen Eindruck mittlerweile mehr selbstbewusste junge Frauen als Männer ein - vielleicht weil sie oftmals mit besseren Noten abschließen.

Sind Sie als Frau im Verlaufe Ihrer Karriere auf Probleme gestoßen? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Ich hatte das Glück, immer Vorgesetzte zu haben, die mich gefördert haben. Aber als meine Kinder noch kleiner waren und ich in Teilzeit arbeitete, wurde mir einmal von einem Vorgesetzten gesagt, er könne mir nicht die Bestnote für meine Arbeit geben, da ich im Gegensatz zu meinem Kollegen nur in Teilzeit arbeiten würde (!). Leider habe ich die Erfahrung nicht als Einzige gemacht. Eine Kleine Anfrage der Linken, die zwar nicht gerade "meine" Partei ist, an die Bundesregierung zeigt, dass in Ministerien Frauen, insbesondere wenn sie in Teilzeit tätig sind, schlechtere Bewertungen erhalten. Ich habe damals gegen die Bewertung protestiert und habe Unterstützung bei meinem damaligen Unterabteilungsleiter gesucht (und gefunden). Ich halte es für ausgesprochen wichtig, Ungerechtigkeiten direkt anzusprechen und seinen Standpunkt klar zu vertreten.

 

Insgesamt denke ich, sind wir Frauen aber nicht gut beraten, uns zu sehr darauf zu versteifen, was um uns herum alles schlecht ist. Wir sollten uns auch mal selbstkritisch hinterfragen, wo wir es uns selber (zu) schwer machen. Mehr Gelassenheit und Freundlichkeit - auch im Umgang mit uns selbst - das wünsche ich mir oftmals gerade für uns Frauen. 

Sie haben zum Thema Frauen in Führungspositionen ein Manuskript mit dem Titel „Das Leitstutenprinzip“ verfasst. Wie kam es zu diesem Titel? Und was raten Sie anderen Frauen in Ihrem Manuskript?

Der Anstoß für das Leitstutenprinzip war die Bekanntmachung der Besetzung der Staatssekretäre im BMI. In Gesprächen mit Freuden und Freundinnen sowie Kollegen und Kolleginnen fragte ich mich, wie es zu solch einer Entscheidung kommen konnte. Ein Grund hierfür ist sicherlich das unterschiedliche Karriereverhalten von Männern und Frauen. Aber das konnte sicher nicht der einzige Grund sein.

 

Gleichzeitig besitze ich eine große Leidenschaft für das Reiten und verbringe viel Zeit auf dem Reiterhof. Und dort habe ich beobachtet, dass Pferdeherden gemeinsam von einer Leitstute und einem Leithengst geführt werden. Indem sie kooperieren, sichern sie das Überleben der Herde. Wie führt die Leitstute? Was zeichnet sie aus? Wie löst sie Konflikte? Wie geht sie mit Hengst und Wallach um? All diese Beobachtungen habe ich mit meinen eigenen Erfahrungen im BMI und im männlich dominierten Umfeld des Verteidigungsministeriums kombiniert und weiterentwickelt. Das ist natürlich nicht immer ganz todernst, aber im Kern ist es mir doch ein ernstes Anliegen. Denn mit dem Leitstutenprinzip will ich jungen Frauen am Anfang ihres Berufslebens Mut machen, auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und sich von Niemandem von den eigenen Zielen abbringen zu lassen.

 

Momentan befindet sich das Manuskript in der Finalisierung, und ich hoffe, es bald veröffentlichen zu können.

Neben Ihrer Tätigkeit als Referatsleiterin verfassen Sie Bücher, sind passionierte Reiterin und Mutter von zwei Töchtern. Wie managen Sie dies?

Ich kann wirklich sagen, dass ich alles was ich mache mit großer Leidenschaft und viel Spaß tue. Das macht natürlich Vieles einfacher.  Die Schwierigkeit ist dann eher, alles in eine Balance zu bringen und sich gleichzeitig nicht selber zu vergessen. Ich habe sicherlich immer viel gearbeitet und hätte mehr Zuhause sein können. Aber wenn ich heute meine beiden Töchter anschaue, dann bin ich so stolz auf die Beiden und ich habe nicht wirklich das Gefühl, dass da irgendetwas schief gelaufen ist.

 

Mein Mantra ist: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Man muss die Dinge gelassen sehen und sich nicht von Hektik anstecken lassen. Insbesondere in Krisensituationen ist es als Führungskraft wichtig, gelassen zu reagieren und selber die Ruhe zu beanspruchen, um Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite muss man Entscheidungen treffen und darf sich nicht davor drücken. Denn dadurch werden die Dinge meistens nicht gerade besser.

 

Außerdem ist es wichtig, im Hinterkopf zu haben, dass man nicht alles perfekt machen kann: eine perfekte - aber verspätete - „Goldrandlösung“ nützt niemandem. 

Als Verbindungsbeamtin waren Sie für das BMI eineinhalb Jahre in Rom stationiert. Wie haben Sie diese Zeit mit Ihrer Familie organisiert?

 

Die Tätigkeit als Verbindungsbeamtin in einem fremden Land hat mich sehr gereizt. Die Entscheidung habe ich gemeinsam mit meinem Mann und meinen Kindern getroffen und umgesetzt. Ich bin mit meinen Töchtern nach Rom gezogen, während mein Mann unter der Woche in Berlin gearbeitet hat und an dem Wochenende zu uns gependelt ist. Das erforderte viel Organisation, Mut und Abenteuerlust von der ganzen Familie, aber es hat uns alle bereichert. Ohne den Rückhalt meines Mannes und meiner Familie wäre dies aber sicherlich nicht möglich.

Darüber hinaus haben Sie ein Jahr in Pisa studiert, an Austauschprojekten in Simbabwe teilgenommen und einen LL.M. in Kapstadt absolviert. Inwieweit haben diese Auslandsstationen zu Ihrer fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung beigetragen?

Meine wichtigsten Erfahrungen habe ich ganz sicher nicht im Hörsaal, sondern während meiner Auslandsaufenthalte gemacht. In Pisa lernte ich zwar viel über Italien gelernt, aber auch mindestens genauso viel über mich selbst und mein Verhältnis zu meinem eigenen Heimatland. Auch meine Aufenthalte in Afrika haben mich sehr geprägt. Hier bin ich viel gereist und habe so ganz andere Lebensweisen kennen gelernt. Gleichzeitig habe ich aber auch viele sehr traurige Missstände gesehen. Insbesondere die Nachwirkungen der Apartheid in Südafrika waren immer spürbar. Diesen Erfahrungen kann man sich zwar durch die Literatur oder durch Filme annähern, aber richtig erleben kann man das nur, wenn man sich selbst immer wieder in diese kleinen Abenteuer stürzt. 

 

Ich kann nur jedem oder jeder empfehlen, ins Ausland zu gehen und seinen bzw. ihren Horizont zu erweitern. Auch wenn es vielleicht unbequem ist und für die Karriere nicht unmittelbar und auf den ersten Blick zielführend. Für die Persönlichkeitsentwicklung ist es wichtig zu wissen, wie es woanders auf der Welt  zugeht. Lehrjahre sind Wanderjahre. Da ist was dran.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Frau Dr. Meike Birkenmaier als Bereichsleiterin für Personal und Recht der GASAG AG wäre sicherlich eine spannende Interviewpartnerin für Sie. Sie ist von Anfang an sehr zielstrebig ihren Weg gegangen und hat dabei bis heute ihre heitere Gelassenheit niemals verloren. Einige Zeit ihrer Karriere war sie in einem französischen Unternehmen tätig. Hier wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz anders gelebt und der Vergleich wäre sicherlich interessant.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

 

Berlin, den 20. April 2020. Das Interview führte Paulina Kränzlein.

Spannende Porträts, die Dich ebenfalls interessieren könnten:

Ina Brock, Managing Partnerin Clients & Industry bei der Kanzlei Hogan Lovells, über ihre Faszination an Massenprozessen im Gesundheitsbereich und wie es war, erste Teilzeit-Partnerin zu werden. Weiterlesen 

Dr. Julia Schneider, Partnerin bei Menold Bezler, über die Teilzeitpartnerschaft, die Bedeutung von Selbstbewusstsein für Frauen und die Kombination von Beruf und Familie als Geschenk. Weiterlesen