Katherine Kitur im Porträt

„Ich finde es unfassbar wichtig Austausch zwischen Disziplinen zu schaffen!“

Katherine Kitur, Studentin der Rechtswissenschaft, Trägerin der Honours Degree der Universität Passau und Mitglied des Talentprogramms Bayerns Frauen in Digitalberufen über ihre Passion für das IT-Recht und interdisziplinäres Arbeiten.

Katherine, Du studierst im 9. Semester an der Universität Passau Rechtswissenschaften. Neben Deinem Studium arbeitest Du und engagierst Du Dich im Bereich IT-Recht. Was begeistert Dich an diesem Feld?

Mich faszinieren generell „weltbewegende“ Phänomene, wie eben die Digitalisierung, aber auch die Globalisierung. Deswegen fand ich schon am Anfang meines Studiums Rechtsgebiete wie IT-Recht oder auch Völkerrecht sehr interessant. Letztendlich habe ich mich dann für IT-Recht entschieden, weil ich den konstanten und rasanten Wandel in der digitalen Welt unglaublich spannend finde. Insbesondere da man üblicherweise gerade das Gegenteil von Rechtswissenschaften und dem Jurastudium behaupten könnte und behauptet. Genau dieses Verhältnis finde ich besonders spannend.

Wie bist Du schon während Deines Studiums in diesen Bereich eingestiegen?

Ich hatte die Ehre oder die Chance im dritten Semester am IT- Rechtslehrstuhl von Prof. Heckmann anzufangen. Dort habe ich viele tolle Einblicke in dieses Rechtsgebiet bekommen. Das hat mich dann letztendlich dazu motiviert mehr darüber zu erfahren. Glücklicherweise ist die Universität Passau, eine der wenigen Universitäten in Deutschland, die einen Schwerpunkt in IT-Recht anbieten. Deswegen konnte ich im Rahmen meines Schwerpunkts meine IT-Rechtskenntnisse erweitern.

 

Nebenbei hatte ich auch viel Unterstützung. Insbesondere von Christina-Maria Leeb, die mir schon seit langem ein Vorbild ist. Mittlerweile sehe ich sie als Mentorin an, da sie mich, seit ich am Lehrstuhl angefangen habe auf diesem Weg begleitet und mich motiviert.

Was würdest Du (angehenden) JuristInnen raten, die anfangen wollen, sich mit IT-Recht zu beschäftigen?

Ich glaube die aktuelle Lage ist eigentlich perfekt für angehende JuristInnen, die erste Erfahrungen in IT-Recht sammeln. Denn zumindest nach meiner Wahrnehmung gibt es immer mehr Veranstaltungen, die IT-rechtsbezogene Themen behandeln, da die Themen beliebter und zu Buzz-Wörtern werden.

Gerade weil wir uns momentan in einer Pandemie befinden, gibt es viele virtuelle Veranstaltungen, sodass man auch unabhängig von seinem Aufenthaltsort auf viel mehr Angebote zugreifen kann. Es gibt nicht nur kleine Formate wie einzelne Vorträge oder Veranstaltungsreihen, sondern mittlerweile auch Zertifikatprogramme an Universitäten. Da sollte man einfach mal schauen, was einem je nach verfügbaren Kapazitäten besser passt. Und wie immer gibt es ziemlich viele Blogs, mit denen man sich befassen kann, die auch als leichter Einstieg in diese Thematiken fungieren können.

Vor kurzem wurdest Du in das Talentprogramm für Bayerns Frauen in Digitalberufen (BayFiD) aufgenommen. Worum geht es bei dem Programm?

BayFiD ist ein Talentprogramm des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales, das zum Ziel hat, mehr junge Frauen (zwischen 18 und 30) für digitale Berufe zu begeistern. Zu diesem Zwecke haben wir sehr informative Seminare und Konferenzen besuchen können, wie Personal Branding, Robotik oder künstliche Intelligenz. Zudem haben wir zahlreiche Unternehmensbesuche genießen können und hierbei die Gelegenheit bekommen tiefere Einblicke in Unternehmen zu gewinnen, die man sonst nicht so einfach bekommt. Aber genauso wichtig ist auch die Chance mit anderen Teilnehmerinnen und Mentorinnen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu networken. In meinem Jahrgang gibt es nur drei Juristinnen und 47 Frauen aus anderen Fachbereichen. Alleine die Chance mit diesen Frauen zu networken und hierdurch einen gewissen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen, finde ich sehr bereichernd und erfrischend.

Das hört sich an, als wäre Dir interdisziplinärer Austausch sehr wichtig. Was genau schätzt Du daran?

 

Ich finde es unfassbar wichtig Austausch zwischen Disziplinen zu schaffen! Gerade das Jurastudium ist sehr zeitintensiv und langwierig. Daher tendieren viele dazu sich nur auf das Minimum zu beschränken – also die Pflichtpraktika, Scheinklausuren etc. – und machen darüber hinaus kaum mehr. Das kann ich natürlich verstehen. Aber ich glaube, insbesondere weil ich in Zukunft weiterhin im Bereich IT- Recht tätig sein möchte, dass der einseitige Blick auf die juristischen Fragen und Gesichtspunkte nicht genügen wird. Man hört es ja immer wieder, dass die Digitalisierung nahezu jeden Bereich beeinflusst. Gerade deswegen ist es wichtig, bspw. die technologischen, politischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Gesichtspunkte und Grundlagen zumindest im Auge zu behalten. In Zukunft werden genau diese Schnittstellen zwischen Jura, Technologie oder Politik usw. einen noch wichtigeren Stellenwert einnehmen.

Aber auch konkret auf mich selbst bezogen hat die interdisziplinäre Arbeit unglaubliche Vorteile mit sich gebracht. Die Möglichkeiten und Chancen, die ich bisher bekommen habe, würden wohl nicht existieren, wenn ich nicht über den Tellerrand geschaut hätte. Dadurch, dass ich diverse Sachen in unterschiedlichen Bereichen gemacht habe, habe ich die Gelegenheit gehabt mein Netzwerk zu vergrößern und hierrüber mehr Sichtbarkeit erreicht. Ich glaube, dieses Interview ist ein gutes Beispiel dafür. Ich würde es nicht führen, hätte ich nicht „mehr“ über das reguläre Jurastudium hinaus gemacht.

Eine weitere Sache, die Du neben dem regulären Jurastudium gemacht hast, ist das Honours Degree in Digital Technology und Entrepreneurship an der Universität Passau absolviert. Worum ging es dabei?

Das Honours Degree ist ein praxisnahes Zertifikatsprogramm an der Schnittstelle zwischen Unternehmertum und Technologie. Während des neunmonatigen Programms haben wir in Teams gearbeitet um konkrete digitale Projekte zu erarbeiten und umzusetzen. Hierzu haben wir Einblicke in verschiedene Module wie Marketing, psychologische Testverfahren oder StartUp Rechtsfragen bekommen. Also nochmal sehr interdisziplinär (lacht).

Wie schaffst Du es, Deine Examensvorbereitung, Deine Arbeit im Bereich IT-Recht, das Talentprogramm und das Honours Degree zeitlich zu managen?

Ich habe ziemlich lange darüber nachgedacht und meine Antwort ist – auch wenn das trivial klingen mag, weil man das immer wieder hört – man muss die richtigen Prioritäten setzen. Und konkret auf mich bezogen meine ich, dass mir das Honours Degree, das Talentprogramm usw. eben auch wichtig sind, fast genauso wichtig wie mein Studium. Das hieß dann, dass ich eventuell nicht die Schnellste bin in meinem Jahrgang – sprich die Erste mit einem Abschluss. Indem ich mir Klarheit über meine Prioritäten geschafft habe, ist es mir möglich eine Balance zwischen meinem Studium und meinen Tätigkeiten außerhalb meines Studiums im engeren Sinne zu schaffen.

 

Jetzt wo ich dem Examen ein bisschen näher komme schaut meine Prioritätensetzung natürlich ganz anders aus als vor zwei Jahren. Aber genau diese Erkenntnis ist mir wichtig; nämlich das ständige Evaluieren meiner Prioritätensetzung und dementsprechend zu handeln.

Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass Du in Nairobi in Kenia aufgewachsen bist, und als Siebzehnjährige zum Jurastudium nach Passau gezogen bist. Was hat Dich dazu bewogen?

Meine Eltern haben meine Geschwister und mich als wir sehr klein waren ermutigt Fremdsprachen zu lernen, weil sie erkannt haben, dass die Welt immer globalisierter wird. Meine Brüder haben sich jeweils für Französisch, Spanisch und Japanisch entschieden und ich mich für Deutsch. Da es in Nairobi eine deutsche Schule gibt, habe ich auch dort mein Abitur gemacht. Das erklärt, warum ich mich für ein Studium in Deutschland entschieden haben.

 

Warum ich mich dann ausgerechnet für ein Jurastudium entschieden habe, lag an vielen Faktoren. Aber ein entscheidender Punkt war mein älterer Bruder, der in Kenia Jura studiert hat. Ich habe gemerkt, wie er innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums viel bewusster und dezidierter in seiner Ausdrucksweise geworden ist. Für mich ist es natürlich ein bisschen anders und vielleicht auch schwieriger, weil ich keine Deutsch- Muttersprachlerin bin. Aber das ist eine Fähigkeit, die ich mir sehr gerne aneignen möchte. Unter anderem deswegen habe ich mich für ein Jurastudium in Deutschland entschieden.

Für Passau als Standort gab es sowohl fachliche als auch persönliche Gründe. Die Universität schneidet in Rankings gut ab, die Betreuung ist sehr gut und es gibt viele Schwerpunkte, aus denen man sich etwas aussuchen kann. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich zwar noch nicht was ein Schwerpunkt ist, aber eine Auswahl aus 24 klang schon mal ganz gut (lacht).

Persönlich wollte ich eine kleinere Stadt haben. Der Studienstart an sich war schon schwer genug. Mit einer überschaubareren Stadt wollte ich es mir ein bisschen einfacher machen. Dort hat man weniger Angst unterzugehen und kann relativ schnell soziale Kontakte knüpfen. Das war meine Motivation und in meinem Fall auch richtig.

Wie ist Dir der Studienstart auf einem anderen Kontinent gelungen?

Das war am Anfang ziemlich schwer. Wie bereits gesagt, ist der Studienstart an sich schwierig genug. Zum einen aufgrund des Sprungs von der Schule hin zur Uni und zum anderen der Auszug aus dem Elternhaus und ins „Erwachsenen“- Leben hinein. All das gilt noch mehr, wenn man nur 17 ist und das Elternhaus auf einem ganz anderen Kontinent liegt.

Deswegen habe ich am Anfang für mich selbst festgestellt, dass es zumindest im ersten Semester wichtiger war anzukommen und fußzufassen. Am Anfang meines Studiums habe ich viel Zeit damit verbracht mich an Bayern zu gewöhnen (lacht) und soziale Kontakte zu pflegen. Ich glaube das hat mir unheimlich geholfen. Denn sobald man sich wohlfühlt, kommt der Rest von allein.

Welche Tipps hast Du für andere internationale Studierende?

Wie schon gesagt, ist es zum einen von erheblicher Bedeutung, sich seinen sozialen Bedürfnissen zu widmen – gerade am Anfang. Insbesondere Jurastudierende haben in ihrem langen Studium die Zeit dazu.

Dann muss man für sich selbst analysieren, welcher Standort einem passt. Ich selbst wollte in eine kleinere Stadt. Andere Leute möchten vielleicht in Großstädte um noch mehr Kontakte knüpfen zu können. Das muss natürlich jede/r für sich selber wissen. Die Hauptsache ist, man unterschätzt den sozialen Aspekt nicht. Akademische Aspekte sind natürlich auch wichtig, aber nicht der einzige Fokus.

In unserem Vorgespräch hast du erwähnt, dass in Kenia viele Rechtsanwältinnen ihre eigenen Kanzleien gründen. Wie siehst du insgesamt die Chancengleichheit zwischen Juristen und Juristinnen in Kenia im Vergleich zu Deutschland?

In Kenia werden dieselben Probleme wie auch in Deutschland diskutiert, bspw. die gläserne Decke oder Frauenquoten in Großkanzleien.

Grundsätzlich gibt es in Kenia mehr Juristinnen als Juristen, insbesondere unter angehenden JuristInnen. Im Jahrgang meines Bruders waren es bspw. 80% Studentinnen. Trotzdem gibt es viel zu wenige Anwältinnen in höheren Positionen – genauso wie in Deutschland. Die Atmosphäre in vielen Kanzleien ist nicht sonderlich offen für Frauen. Sei es, dass Männer ihre Gruppen bilden und sich dann nur gegenseitig unterstützen, aber auch sexuelle Belästigungen. Daher gibt es einen Trend, dass Frauen einfach ihre eigenen Kanzleien gründen.

In der Justiz ist 48% der Richterschaft weiblich, aber mit geringeren Chancen. Bisher hatten wir nur männliche Chief Justices und man hat so getan, als wäre es ein großer Fortschritt weibliche Stellvertreterinnen zu haben. Aber zum ersten Mal gibt es nun eine weibliche oberste Richterin, jedoch nur in einer Interimsposition.

Die jetzige Verfassung wurde vor 10 Jahren verabschiedet und hat dabei die Frauenförderung mit Quoten verankert. So langsam werden deren Auswirkungen spürbar, aber halt langsam. Immerhin geht es in die richtige Richtung.

​​​Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Meine Mentorin Christina-Maria Leeb wurde bereits von breaking.through interviewt. Daher nominiere ich Prof. Louisa Specht. Sie war vor einigen Jahren Professorin an der Uni Passau bevor sie einen Ruf an die Uni Bonn bekommen hat. Zu dieser Zeit war sie eine der sehr wenigen Professorinnen in Passau und gleichzeitig eine der jüngsten ProfessorInnen in ganz Deutschland. Sie war meine erste Professorin im Studium und daher auch eins meiner ersten Vorbilder in meiner bisherigen juristischen Karriere. Deshalb muss ich sie nennen!

Vielen Dank für das spannende Interview und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast!

 

Berlin / Passau, 21. Januar 2021. Das Interview führte Paulina Kränzlein.

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