Ina Steidl, LL.M., im Porträt

"Frauen müssen sich rechtfertigen, wenn sie ambitioniert berufstätig sind und Kinder großziehen."

Ina Steidl, LL.M., geschäftsführende Partnerin bei Schollmeyer & Steidl, über den perfekten Arbeitgeber, Fehler in der Bewerbungsphase, den Verein "Working Moms" und die Notwendigkeit für Frauen sich zu fördern und unterstützen.

Frau Steidl, Sie sind Gründerin und geschäftsführende Partnerin von Schollmeyer & Steidl, eine auf Jurist*innen spezialisierte Recruitmentagentur mit Sitz in Frankfurt. Wie sind Sie zum Bereich Recruitment gekommen?

Es war Zufall und nicht schon immer mein Lebenstraum. Die Idee kam mit den Großkanzleien die nach Deutschland kamen. Ich arbeitete damals in einer Großkanzlei und wusste, dass ich diesen Beruf nicht immer machen wollte. Häufig war ich mit auf Bewerbermessen und das hat mir Spaß gemacht. Eines Tages habe ich betreute Jurist*innen einer (heute schlechten) Konkurrenz getroffen und mir gedacht - das kann ich doch besser. Zufällig habe ich dann eine Jobanzeige bei Hays für eine Unternehmensstelle gefunden, auf die ich mich gemeldet habe. Mit meiner späteren Kollegin habe ich länger gesprochen - die Unternehmensstelle schien mir nicht spannend, jedoch suchte Hays legal auch intern jemand - die Beschreibung traf genau auf mich zu fand ich. Diese Stelle habe ich angetreten und auf diesem Weg meinen Gründungspartner Daniel Schollmeyer kennengelernt. 2006 gründeten wir dann die erste deutsche Beratung von Jurist*innen für Jurist*innen. Diese Entscheidung habe ich seitdem keine Minute bereut.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie auf dem Arbeitsmarkt für Jurist*innen?

Der Arbeitsmarkt ist so gut wie schon lange nicht. Jurist*innen werden immer gesucht, die Einstellungskriterien in Bezug auf die Examensnoten sind gesunken - was jedoch viele Bewerber*innen unterschätzen ist die Bedeutung von sehr guten Englischkenntnissen.

Die Herausforderung für die Jurist*innen liegt in der Vielfalt von Unternehmen und in dieser Masse einen Platz zu finden, der ihr oder ihm liegt und insbesondere in dessen Struktur sie oder er sich wohlfühlt.

An Ihrem Werdegang fällt auf, dass Sie in Berlin, London und St. Andrews studiert haben. Was können Jurist*innen tun, um sich auf dem Arbeitsmarkt von Mitbewerbern abzusetzen oder kommt es ohnehin vor allem auf zwei gute Staatsexamina an?

Ich selbst bin zweimal knapp am  vollbefriedigenden Staatsexamen vorbeigeschrammt, aber ich habe einen LL.M. gemacht. Spezialisierungen - auch bereits während des Studiums - halte ich für wichtig. Es kommt aber natürlich auf das Stadium an, in dem man sich befindet: als Berufsanfänger benötigt man eine gute Grundlage, die man in der Regel in der Großkanzlei bekommt. Wichtig ist dabei aber, eine kritische Haltung für sich zu bewahren. Dann ist es essentiell einen Bereich zu finden, an dem man Spaß hat. Man sollte dabei auch nicht immer machen, was alle sagen, sondern das, was man gern macht; nur dann ist man auch gut.

Welche Fehler sollte man in der Bewerbungsphase tunlichst vermeiden?

 

(Frau Steidl lacht) Es kommt sehr drauf an. Arbeitet die Bewerberin oder der Bewerber mit Personalberatern zusammen, sollte sie oder er ehrlich sein und beispielsweise sagen, was sie oder er bisher gemacht hat und wo sie oder er bereits eine Bewerbung hingeschickt hat - doppelt bewerben macht keinen guten Eindruck. Ansonsten ist es wichtig, sich nicht zu verstellen, weil man sonst spätestens im Job merkt, dass die Tätigkeit nicht zu einem passt. Ehrlich sein - zu sich selbst und zu anderen, ist also hilfreich. Fehler vermeidet man aus meiner Sicht, indem man Vertrauen auf sein eigenes Bauchgefühl hat und für sich selbst die Frage beantwortet: wo bin ich glücklich und mit welchen Menschen komme ich klar?

Wie findet man den perfekten Arbeitgeber?

 

Oh (Frau Steidl lacht), den Ratschlag kann ich auch nicht verteilen. Das ist eine ganz individuelle Sache. Und einmal mehr gilt der juristische Grundsatz - es kommt darauf an. Die oder der eine findet ihren oder seinen perfekten Arbeitgeber in der Großkanzlei, die oder der andere in einer Boutique oder im Unternehmen. Was einem dabei helfen kann, ist sich - bereits im Studium und in den Referendariatsstationen - verschiedene Arbeitgeber anzuschauen.

War für Sie selbst schon früh klar, dass Sie gründen und Ihre eigene Chefin werden würden?

Nein. Ich bin in  Ostberlin großgeworden, komme nicht aus einer Juristenfamilie, aber habe keine Angst vor Herausforderungen und übernehme gerne Verantwortung. Die Selbständigkeit kann eine logische Folge sein, war mir aber nicht immer so klar.

Sie setzen für Ihren Alltag auf viele Coachings. Was lässt sich aus Ihrer Sicht mithilfe von Coachings optimieren?

Um in Zeiten des Optimierungswahns, der überall herrscht, eine Sache vorweg zu nehmen: Mir geht es bei den Coachings nicht um Optimierung. Vielmehr suche ich Unterstützung um selbst zu neuen Erkenntnissen zu kommen -  in Bezug auf die  Partnerschaft, sportliche Ziele und natürlich auch im beruflichen Umfeld. Kurz gefasst - ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen. Ziel der Coachings ist Spaß und Freude an dem was ich mache und wie ich lebe.

Sie sind Mutter von zwei Kinder. Wie sind Sie und Ihre Familie organisiert?

Bei uns bin ich die Hauptverdienerin, mein Mann ist Architekt und kann sich wegen seiner Projektarbeit mehr um die Kinder kümmern. Er hat damals auch mehr Elternzeit genommen als ich. Sonntagabends sitzen wir regelmäßig zusammen und planen  die anstehende/n Wochen, d.h. wann wer wo ist und wie wir die Betreuung der Kinder organisieren. Unsere Töchter sind auf einer Privatschule, weil es dort eine Ganztagsbetreuung gibt und wir haben ein Kindermädchen und 2 Babysitterinnen sowie glücklicherweise eine Großmutter in der Nähe. "Es braucht ein ganzes Dorf um Kinder großzuziehen", finde ich sehr treffend und wichtig für die Kinder.

Glauben Sie, dass Ihre Kinder in eine Generation heranwachsen, in der mit Blick auf eine erfolgreiche Karriere Chancengleichheit für Jungen und Mädchen besteht? 

 

Ich wünschte, ich könnte sagen ja - befürchte aber, es ist noch nicht erreicht. Die Zeiten sind besser denn je für Mädchen, aber so viele Dinge im Alltag prägen die Kinder schon in eine chancenungleiche Richtung. Beispielsweise habe ich eine Kindergärtnerin sagen hören, dass blau eine "Jungenfarbe" sei und Mädchen lieber rosa mögen sollten. Oder die Aussage "das machen Mädchen nicht" begegnet mir heute immer noch. Da gilt es entgegenzuwirken. Es ist noch einiges zu tun. Schaut man auf den Job, haben Mädchen/Frauen gute Chancen - sie müssen sich nur trauen, alles auszuprobieren. Meinen Töchtern bringe ich bei, etwas zu machen, dass ihnen Spaß macht ohne vorher zu lange darüber nachzudenken. Der Rest wird sich von alleine finden.

Außerdem haben Rollenbilder - Vorbilder in die eine oder andere Richtung - eine große Auswirkung auf die Berufswahl. Ich selber warte auf den Tag, an dem ich nicht mehr erklären muss, was ich tue. Aber das wird dauern. Für mich war es immer selbstverständlich zu arbeiten und Kinder großzuziehen. Nach dem Mauerfall musste ich mich dafür plötzlich rechtfertigen. Das war anfangs wirklich verstörend für mich diesem Frauenbild entgegentreten zu müssen; inzwischen habe ich mich dieser Herausforderung gestellt und nehme sie mit Gelassenheit und Humor an.

Haben Sie den Eindruck, dass manche Frauen in dieser Richtung auch Rückschritte machen?

Das ist Typsache. Für mich war es immer wichtig unabhängig zu sein. Manche Frauen scheinen mir etwas "bequem" zu sein. Das ist auch in Ordnung, sie müssen sich nur über die Konsequenzen bewusst sein. Damit spiele ich z.B. auf das Thema Altersvorsorge an. Auch muss die Partnerschaft das aushalten. Ggf. hat das Paar dann keine gemeinsamen Themen mehr - der Mann will nicht jeden Tag nur Kindergeschichten hören und die Frau interessiert sich nicht für seine Arbeitsthemen.

Sie sind bei den Working Moms in Frankfurt aktiv. Wie zeichnet sich die Tätigkeit der Working Moms aus?

Die Working Moms sind ein Verein von Frauen die dafür stehen, dass Frauen selbstverständlich beides haben können: Kinder und Karriere. Es ist ein Interessenverein. Die Gründerin sagte immer, ich brauche andere, mit denen ich mich über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie austauschen kann. Inzwischen bestehen die Working Moms deutschlandweit aus etwa 600 Frauen. Dabei gibt es Rollenmodelle in verschiedenen Varianten - Diversität ist uns wichtig; beruflich und privat. Es gibt zum Beispiel zwei lesbischen Frauen mit Kindern, alleinerziehende Frauen, einer arbeitet/beide arbeiten und so weiter. Wir versuchen zusammen, wichtige Themen an die Öffentlichkeit zu bringen, etwa durch Mentoringabende, wir gehen an Schulen und Unis, coachen uns gegenseitig bzw. die Älteren, die Jüngeren und vernetzen uns standortübergreifend und auch mit anderen Fraueninitiativen, z.B. in der Berliner Erklärung.

Welchen Vorteil sehen Sie in Netzwerken wie die Working Moms?

Ich denke, es ist ein wichtiges Tool, um Frauen zu unterstützen, Männer unterstützen sich ohnehin. Frauen können sozial netzwerken, aber noch nicht immer gut genug beruflich. Frauen sind untereinander leider manchmal noch etwas "bitchy". Dem treten wir klar entgegen. Die Working Moms sind inzwischen auch ein berufliches Netzwerk, wir empfehlen, unterstützen und fördern uns gegenseitig - es muss nicht jede alles alleine schaffen. Natürlich sollte man auch mit Männern netzwerken, aber für Frauen ist es m.E. beruflich wichtig auch in "geschützten Bereichen" Kontakte zu knüpfen.

Was sollten interessierte Mütter mitbringen, die sich für eine Aufnahme interessieren?

Es gibt harte Kriterien: Mindestens 30 Stunden müssen Frauen ambitioniert arbeiten, um aufgenommen zu werden. Sie müssen darüber hinaus natürlich zu unserem Motto stehen "Kinder und Karriere". Außerdem ist eine Empfehlung einer anderen Working Mom hilfreich und es muss die Motivation bestehen, sich selbst einzubringen (und nicht nur zu konsumieren), beispielsweise auch einen Abend zu gestalten und zu organisieren.

Wie sieht der Aufnahmeprozess üblicherweise aus?

Idealerweise wird der Bewerberin (sofern sie nicht schon eine solche hat) eine Patin zugeteilt, die sich beispielsweise vorab zum Mittagessen mit ihr zum Austausch trifft. Dann wird die Bewerberin zu zwei Abenden eingeladen und danach wird über die Aufnahme entschieden. Anschließend erhält sie einen Aufnahmeantrag und muss eine  Datenschutzerklärung unterzeichnen; dann gibt inzwischen auch schon On Boarding Prozesse, denn die Working Moms gibt es nun schon über 10 Jahre.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Es gibt positive und negative Beispiele. Ich habe lange überlegt, wen ich nenne. Aus der Ferne fällt mir Juliane Kokott ein. Sie ist Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, Titularprofessorin an der Universität St. Gallen und hat 5 Kinder. Als ich früher über sie gelesen und gehört habe, dachte ich sofort, sie muss etwas drauf haben. Inspirierend fand ich auch immer die inzwischen historischen Figuren wie z.B. Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes, weil sie sich trotz aller Widerstände nie hat von ihrer Idee abbringen lassen. Mich selber haben tatsächlich viele Männer gefördert und bestärkt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben! 

Frankfurt, 10. Januar 2020. Das Interview führte Marina Arntzen, LL.M. mit redaktioneller Unterstützung von Dr. Nadja Harraschain.

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