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Zweites Staatsexamen mit Baby: Ein Erfahrungsbericht

„Der Schlüssel ist eine große Portion Gelassenheit.“

Unsere Porträtierte hat ihr zweites juristisches Examen mit einem Säugling geschrieben. Sie berichtet im Interview über die praktische Gestaltung des Referendariats, Schwierigkeiten und Lehren aus der Zeit.

Du hast das Referendariat mit einem Säugling absolviert. Wie hast Du Deinen Ausbildungsgang gestaltet?

Vorweg möchte ich anmerken, dass es sich bei meinen Schilderungen um eine individuelle Erfahrung handelt. Es gibt sicherlich genug Mütter und Väter mit Babys und Kleinkindern, die das Referendariat und das zweite Staatsexamen ganz anders erlebt haben.

 

Nach meinem ersten Staatsexamen im Jahr 2012 habe ich mich für eine Promotion entschieden. Drei Jahre später stieg ich in das Referendariat ein. Zu dem Zeitpunkt war meine Doktorarbeit noch nicht fertig, sodass Referendariat und Dissertation die ersten fünf Monate parallel liefen. Doch damit nicht genug: Zeitgleich mit dem Beginn des Referendariats wurde ich schwanger, weshalb die ersten Monate sehr aufregend waren.

Als meine Tochter zur Welt kam, war ich gerade mit der Strafstation fertig und bin nach einer fünfmonatigen Elternzeit wieder in die Anwaltsstation eingestiegen. So habe ich nur einen Examens-Durchlauf pausiert.

Habt Ihr den Zeitpunkt der Schwangerschaft bewusst gewählt?

Mein Mann ist sechs Jahre älter als ich, weswegen wir schon länger mit dem Gedanken gespielt hatten, ein Kind zu bekommen. Uns erschien es passend, ein Kind im Referendariat zu bekommen, da typische Probleme, die sich bei einem Arbeitsverhältnis ergeben, gar nicht aufkommen. Zum einen gibt es keinen klassischen Arbeitgeber, den man mit einer Schwangerschaft verärgert und mit dem die Elternzeit und der Wiedereinstieg in den Beruf besprochen werden muss. Ob man im Referendariat ein halbes oder ein ganzes Jahr zu Hause bleibt, ist dem Justizministerium ziemlich egal. Zudem kommt, dass die Zeiteinteilung im Referendariat sehr flexibel ist. Egal ob beim Gericht, der Staatsanwaltschaft oder in der Kanzlei: wann man wie lange kommt, kann ganz individuell abgesprochen werden. Und auch fast alle AGs finden bei uns in Baden-Württemberg nur am Vormittag statt. Der Rest der Zeit kann flexibel eingeteilt werden.

Wurden Eure Erwartungen erfüllt?

Wie gehofft und geplant wurde ich direkt mit Beginn des Referendariats schwanger. Im Juli 2016 wurde meine Tochter geboren und Mitte Dezember 2016 stieg ich wieder ins Referendariat ein. Mein Mann übernahm für neun Monate die Kinderbetreuung. So haben wir die 14 Monate bezahlte Elternzeit vollständig ausgeschöpft.

 

Wichtig war mir, dass ich nur einen Examens-Durchgang, also höchstens ein halbes Jahr, aussetze. Nach einem ganzen Jahr Elternzeit hätte ich wahrscheinlich alles bis dahin Gelernte vergessen. Da ich nach dem ersten Examen durch die Dissertation schon eine "Pause" von drei Jahren hatte, waren meine juristischen Kenntnisse ohnehin schon ziemlich zusammengeschrumpft. Daher gab es für mich auch nur ein bestimmtes Zeitfenster für die Geburt. Einen Geburtstermin zu nahe am Examen wollte ich nicht. Die Zeit nach der Strafrechts- und vor der Anwaltsstation war günstig. So hatte ich schon zwei Stationen vor der Geburt geschafft, das Examen war nach dem Wiedereinstieg aber noch ein Jahr entfernt.

Wie habt Ihr Euch nach Deinem Wiedereinstieg in das Referendariat arrangiert?​

Damit ich vormittags in die AG gehen konnte, haben wir unsere Tochter im fünften Monat an die erste Breimalzeit gewöhnt. Das bedeutete, dass ich im Dezember morgens noch schnell stillte und mein Mann während des Kurses Brei fütterte. Um 13 Uhr war ich wieder zur Stelle. Die weiteren Breimahlzeiten führten wir ebenfalls sehr zügig ein. Stillen und die Beikosteinführung sind wichtige Themen für Eltern. Zwar kann man einfach sagen, jede Mutter müsse für sich selbst entscheiden, ob und wie lange sie stillen möchte, aber es kommt auch sehr auf das Kind und dessen Ansprüche an. Bei uns hat es glücklicherweise mit der Beikost gut funktioniert. Ansonsten gibt es natürlich die Möglichkeit, Milch abzupumpen oder auf Milchpulver umzusteigen.

Als meine Tochter 12 Monaten alt war, begann mein Mann, sie in der Kita einzugewöhnen. Die Eingewöhnung klappte problemlos und mit 14 Monaten wurde unsere Tochter ab circa 8:00 bis 14:30 Uhr betreut. Über ein „Justiz-Kontingent“ sind wir unkompliziert an einen Kitaplatz gekommen. Die Suche nach einem Kitaplatz oder einer Tagesmutter ist oft aber sehr mühselig, vor allem wenn man einen fixen Wiedereinstiegstermin bei der Arbeit oder eben dem Referendariat hat. Das muss man bei der Planung unbedingt bedenken. Auch kann die Eingewöhnung länger dauern als geplant – jedes Kind ist eben anders. Wichtig ist, dass beide Elternteile von dem überzeugt sind, was sie tun. Unsicherheit bei den Eltern führt zu einer Verunsicherung des Kindes und so zu Problemen bei der Kitaeingewöhnung. Dasselbe gilt übrigens auch für die Breieinführung oder die Umstellung auf Flaschennahrung.

 
Hattest Du das Gefühl, den zahlreichen Aufgaben im Referendariat gerecht zu werden? Gibt es hier ein Erfolgsrezept?

Zuerst hat alles genauso geklappt, wie von uns geplant. Während der Elternzeit meines Mannes konnte ich genau wie alle anderen Referendare an den AGs und den Verhandlungen oder Mandantengespräche meiner Ausbilder/ -innen teilnehmen. Obwohl ich keine „Sonderbehandlung" als Mutter benötigte, hatte ich aber das Gefühl, dass alle sehr wohlwollend und entgegenkommend reagierten, wenn sie erfuhren, dass ich bereits ein Kind habe.

 

Allerdings hatte ich übersehen, dass die Elternzeit meines Mannes genau drei Monate vor meinem Examen endete und er wieder in Vollzeit anfing zu arbeiten. Dass diese letzten drei Monate in der "Tauchstation" der Zeitraum sind, in dem man sich am intensivsten auf das Examen vorbereiten kann, hatte ich nicht bedacht. Ich hatte gedacht, dass mir die Zeit zum Lernen reichen würde und wurde eines Besseren belehrt: Plötzlich hatte ich nur noch einen halben Tag zum Lernen, obwohl ich gerade jetzt viel mehr Zeit gebraucht hätte. Um mich zu entlasten, wurde unsere Tochter am Donnerstagnachmittag von meinem Mann und am Freitagnachmittag von meinen Eltern betreut. Ich beschränkte meinen Lernplan auf das Nötigste und versuchte, so effizient wie möglich zu lernen.

 

In diesen letzten Monaten vor dem Examen muss die Kinderbetreuung unbedingt gut geplant werden, so dass wirklich genug Zeit zum Lernen bleibt. Denkbar sind eine längere (unbezahlte) Elternzeit oder eine Halbtagstätigkeit des Partners, die Wahl einer Kita mit längeren Betreuungszeiten, oder auch die Einbeziehung von Freunden oder den eigenen Eltern.

 

Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass das Lernproblem schon früher anfing: Bereits während der Elternzeit meines Mannes konnte ich mich nicht richtig auf das Lernen konzentrieren – es war Frühling bzw. Sommer und mein Mann und unsere Tochter machten schöne Ausflüge, die Kleine wurde immer munterer und ich fand das alles natürlich viel spannender, als mich in die StPO usw. reinzuknien. Zudem kam, dass ich keinen Ort zum Lernen fand, an dem ich mich wohlfühlte. Deshalb habe ich oft daheim gelernt, was natürlich zu viel Ablenkung durch das Kind, aber natürlich auch durch den normalen Haushalt führte (bevor man anfängt zu lernen, muss natürlich „dringend“ erstmal das Zimmer aufgeräumt werden, oder man macht noch „ganz schnell“ die Wäsche, usw.). Eine Haushaltshilfe hatten wir leider nicht.

 

Zudem war ich latent erschöpft. Der Alltag mit Babys und Kleinkindern ist oft so anstrengend, dass ich nicht mehr die Energie hatte, richtig zu lernen oder gar eine fünfstündige Probeklausur zu schreiben. Insbesondere den mangelnden Schlaf darf man nicht unterschätzen. Meine Tochter hat, bis sie zwei Jahre alt war, nicht besonders gut geschlafen. In unserer hellhörigen Altbauwohnung hörte ich nachts jeden Ton von ihr, auch wenn mein Mann aufstand, um sie zu beruhigen.

 

Wichtig ist, sich immer wieder zum Lernen und zu den Probeklausuren zu überwinden und jede Minute zu nutzen. Dabei muss es egal sein, wie müde man ist oder ob das Kind gerade im Stadtgarten Laufen lernt, glücklich auf dem Balkon im Schwimmbecken plantscht oder zuerst „Papa“ anstatt „Mama" sagt. Um den Schlafmangel und das Energiedefizit auszugleichen, haben mir z.B. kinderfreie Übernachtungen bei meinen Eltern geholfen und mein Mann hat häufig alleine mit unserer Tochter übers Wochenende Freunde und Verwandte besucht.

Wie lief dann das Examen selbst?​

Das Examen lief dann leider nicht so gut, wie ich es erwartet hatte. Mit viel Anstrengung und der Unterstützung meines Mannes und meiner Eltern kam ich in der mündlichen Prüfung aber dann doch auf eine Note, mit der ich zufrieden war. Ich habe auch ganz bewusst entschieden, dass ich keine Notenverbesserung versuchen würde. Ich wusste, dass ich mir – und meiner Familie – den ganzen Stress nicht nochmal antun konnte. Denn natürlich war ich in dieser Zeit auch keine besonders entspannte Mutter und Partnerin. Ich kann mich an einen Moment erinnern, als ich unsere Tochter wickeln wollte, sie sich dagegen wehrte und laut schrie. Ich stand verzweifelt und wütend am Wickeltisch. Ich konnte die ganze Zeit nur daran denken, was ich alles noch lernen musste und dass dieser Wickeltisch wirklich der letzte Ort war, an dem ich gerade sein wollte. Wut bringt einen in der Kindererziehung aber nie weiter…

Würdest Du aus heutiger Sicht noch einmal denselben Zeitpunkt für ein Kind wählen?​ 

Darauf gibt es aus meiner Sicht zwei Antworten:

 

Die eine ist die einer Mutter. Ich bin unendlich dankbar für meine Tochter. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es sie nicht geben sollte und freue mich jeden Tag über unsere Entscheidung. Kinder sind wunderbar, ich bin gerne Mutter und deshalb haben wir dieses Jahr auch eine zweite Tochter bekommen.

 

Als ehemalige Referendarin aber rate ich von der Planung einer Schwangerschaft bzw. einer Geburt im Referendariat ab. Das Referendariat selbst ist nicht das Problem, aber am Ende steht das Examen und die Zeit zum Lernen ist sowieso immer zu kurz. Zwar ist das Ganze nicht mehr so anstrengend wie das erste Examen, trotzdem befindet man sich wieder in einem Ausnahmezustand. Als frischgebackene Mutter mit Säugling oder mit einem Kleinkind befindet man sich aber in einem ganz anderen Ausnahmezustand und das passt einfach nicht gut zusammen. Das beginnt auch schon in der Schwangerschaft. Alles was damit zusammenhängt, ist so aufregend und neu (zumindest beim ersten Kind), dass natürlich schon dann das Referendariat in den Hintergrund rückt. Außerdem sollte man immer bedenken, dass eine Schwangerschaft Komplikationen mit sich bringen kann, die einen bereits dann vom Lernen abhalten können (z.B. extreme Müdigkeit, Schwangerschaftsübelkeit, wochenlanges Liegen, usw.). .

 

Nicht zu unterschätzen ist zudem der „Faktor Kind“: Es gibt entspannte und es gibt anspruchsvollere Kinder. Manche schlafen den ganzen Tag, andere schreien stundenlang. Später in der Kita stecken sie sich mit allen möglichen Krankheitserregern an und geben diese sehr gerne an die Eltern weiter. Ganz zu schweigen davon, dass Kinder bereits mit mehr oder weniger schwerwiegenden Krankheiten auf die Welt kommen können. Das soll nicht heißen, dass man nicht ein zufriedenstellendes Examensergebnis mit Kind schaffen kann. Aber die bewusste Entscheidung, im Referendariat ein Baby zu bekommen und nur ein halbes Jahr auszusetzen, würde ich so nicht mehr treffen. Denn nicht nur das Referendariat gestaltet sich schwieriger: Um das Leben als frischgebackene Mutter zu genießen, sollte man sich auch auf das Baby einlassen können und nicht ständig im Kopf bei der Examensvorbereitung sein.


Sollte man aber doch als Referendarin Mutter werden (wollen), dann ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Referendariat eine große Portion Gelassenheit: Denn egal, wie das Examen läuft – Du hast das mit Kind geschafft.

Vielen Dank für Deinen Bericht!

 

Unsere Porträtierte hat Ihren Erfahrungsbericht schriftlich verfasst. Der Erfahrungsbericht wurde redaktionell von Jantje Niggemann betreut.

Für weitere Fragen steht die Porträtierte gern zur Verfügung, wendet Euch dafür bitte an das Team von breaking.through.

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