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Niuscha Bassiri im Porträt

„Geht nicht, gibt's nicht.“

Niuscha Bassiri, Rechtsanwältin und Partnerin bei Hanotiau & van den Berg in Brüssel, über ihren Blick auf das deutsche Jurastudium, die Vorteile als Partnerin Mutter zu werden, und den Umgang mit ihrer Brustkrebsdiagnose.

Niuscha, Du bist deutsche Rechtsanwältin in Brüssel mit Berufserfahrung in New York und London. Neben Deiner Tätigkeit als Anwältin lehrst Du an den Universitäten in Genf, Miami und Singapur. Wie siehst Du mit Deiner internationalen Erfahrung die Ausbildung deutscher Jurist*innen?

Bereits während meines Erasmus-Studienjahres in Barcelona ist mir im Vergleich zum deutschen Jurastudium aufgefallen, wie theoretisch das deutsche Studium ist, aber gleichzeitig auch, wie tiefgreifend analytisch. Damit haben deutsche Jurastudent*innen auf jeden Fall einen großen Vorteil: Sie erlernen Eigenständigkeit im Umgang mit Normen. In der Praxis werden sie zunächst ins kalte Wasser geworfen, denn sie müssen eigenständig die Theorie am konkreten Fall anwenden und gegebenenfalls Analogien herleiten, um zur Lösung zu kommen. Diese Eigenständigkeit im Umgang mit Normen hat mir im Berufsleben sehr geholfen, um mich in anderen Jurisdiktionen wohlzufühlen und keine Scheu davor zu haben, unbekannte Rechtssysteme und -gebiete anzugehen. Dennoch finde ich die Ausbildung deutscher Jurist*innen nicht adäquat im Hinblick auf die Vorbereitung des Anwaltsberufes, dem ja die Mehrzahl der Absolvent*innen nachgehen. Die praktische Erfahrung kommt viel zu kurz; die Erfahrung, das Anwaltsleben von Nahem zu betrachten zu spät. Es ist erfreulich zu sehen, dass engagierte Professor*innen und Universitäten diesem Manko entgegentreten. Sie binden Praktiker*innen in die Vorlesungen ein und organisieren kreative, praktische Projekte für Student*innen. Gleichwohl hängen praktische Wahlmöglichkeiten vom persönlichen Engagement der Student*innen selbst ab.

Was würdest Du am deutschen Jurastudium reformieren, wenn Du alle Möglichkeiten hättest?

Die Fokussierung auf das Prädikatsexamen ist extrem belastend. Es sollten zeitlich früher gestaltete Zwischenprüfungen stattfinden, die den Jurastudent*innen aufzeigen, wo sie stehen. Damit ließe sich auch die psychische Belastung des Ersten Staatsexamens vermeiden. Es darf nicht sein, dass Student*innen bei einem durchgefallenen Ersten Staatsexamen im Alter von Mitte 20 nur mit einem Abitur und einem Führerschein in der Hand dastehen! Zwischenprüfungen mit obligatorischen Praktika sollten ebenfalls in die Endnote eingehen, so wie die Prüfungen des Ersten Staatsexamens selbst. Ferner sollten Vorträge und mündliche Prüfungen auch außerhalb des Staatsexamens zur Norm gehören. Die Präsentations-Skills und Debattierkunst der Jurist*innen sollten schon früh geschliffen werden.

Du bist in Deiner Kindheit mehrmals mit Deiner Familie zwischen dem Iran und Deutschland gependelt. Diese Umzüge haben Deine Grundschulzeit geprägt. Wie blickst Du heute auf diese Zeit zurück?

Ich hatte eine tolle Kindheit, in der Spielen, Abenteuer, Reisen, Familie und Freunde im Vordergrund standen und Hausaufgaben und andere schulische Verpflichtungen im Hintergrund. Ich bin meinen Eltern zutiefst dankbar, dass sie mir eine unbeschwerte Kindheit ermöglicht haben, trotz der schweren Entscheidungen (Verlassen der Heimat und Neubeginn unserer Existenz in Deutschland) und Umstände (Revolution, Krieg). Dennoch denke ich im Nachhinein, dass die vielen Wechsel der Umgebung mich negativ beeinflusst haben. Sprachlich hatte ich weniger Probleme, da ich bereits im deutschen Kindergarten in Teheran Deutsch gelernt habe. Allerdings haben mich die Wechsel schulisch oft wegen des verpassten Unterrichtsstoffes zurückgeworfen. Während meiner Grundschulzeit in Deutschland und im Iran hatte ich immer das Gefühl, dass ich große Kenntnislücken zu füllen hatte und ich zu langsam war. Zehn von zehn Punkten hatte ich selten.

Diese eigene Erfahrung lässt mich aber umso mehr Freude daran finden, dass unser Sohn selbstbewusst durch die belgische Grundschule geht. Er schneidet definitiv viel besser ab als ich es jemals in meiner Grundschulzeit gemacht habe!

Du sprachst in unserem Vorgespräch auch von einer Prüfungsangst, die Dich seit der Schulzeit begleitet. Im Jurastudium und in den Examina hat diese dazu geführt, dass Deine Noten nicht Dein Können widerspiegelten. Was rätst Du jungen Jurist*innen, die im Studium oder Examen unter Prüfungsangst leiden?​

Die Anzeichen der Prüfungsangst früh zu erkennen, ist das Wichtigste. Im Umgang mit Prüfungsangst habe ich es leider verpasst, eine therapeutische Methode zu entwickeln. Ich hätte dies noch im Jurastudium mit psychologischer Unterstützung angehen sollen; dadurch hätte ich viel Zeit und mentale Stabilität gewinnen können.

Ich habe aber bereits seit meinem 13. Lebensjahr Meditation praktiziert. Dies hilft ungemein, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die negativen Spiele des Geistes auszuschalten. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich bei Erhalt der Akte zur einstündigen Vorbereitung für den Aktenvortrag im Zweiten Staatsexamen zunächst zwei Minuten meditiert habe, bevor ich die Akte aufgeschlagen habe. Mir fehlte zwar die volle Stunde, dafür hat es mir ermöglicht, das abstrakte Schuldanerkenntnis, das sich in der Fallakte „versteckt“ hatte, zu erkennen. Später teilte mir die Prüfungskommission mit, dass ich damit an dem Prüfungstag die einzige Assessorin im Land NRW war!

 
Du bist zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben Personen begegnet, die Deine Karriere beeinflussten – beispielsweise auf einer fachlichen Konferenz einem der Partner der Kanzlei, in der Du nun selbst Partnerin bist. Wie würdest Du vorgehen, wenn Du aktiv Unterstützer*innen suchen möchtest?

Wenn man von jemandem beeindruckt ist und denkt, etwas von dieser Person lernen zu können, sollte diese direkt angeschrieben werden. Die meisten Menschen fühlen sich geschmeichelt und werden sich die Zeit für jemand anderen nehmen, *der oder *die sie nett und freundlich nach Ratschlägen fragt.

 

Neben Zusammenkünften mit Unterstützer*innen hast Du in verschiedenen Lebenssituationen einen Schritt ins Ungewisse gewagt und hierbei besonderen Einsatz gezeigt: Bei der Bewerbung für Deine Wahlstation in einer Großkanzlei hast Du so lange nicht lockergelassen, bis Du den verantwortlichen Rechtsanwalt persönlich von Deiner Motivation überzeugen konntest. Was treibt Dich an, wenn Du Schritte ins Ungewisse wagst?​

Die Gewissheit, dass alles, was man erreichen möchte, möglich ist. Mein Motto ist: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Dieses Motto lege ich auch meinem siebenjährigen Sohn immer wieder ans Herz.

Niuscha, in unserem Vorgespräch hast Du resümiert, dass die private Partnerwahl für die eigene berufliche Entwicklung wichtig sein kann. Was genau meinst Du hiermit?​ 

Harmonie und Gleichberechtigung spielen für mich eine sehr große Rolle. Dies kann man, glaube ich, in einer Partnerschaft nur aufrechterhalten, wenn beide Partner sich gegenseitig respektieren und unterstützen, ohne in einen Wettbewerb zu geraten.

Ich habe beobachtet, dass gerade bei Männern die Partnerwahl und das Verhalten im Zusammenleben eventuell durch das, was ihre Mütter vorgelebt haben, geprägt ist. Daher mein Tipp: „Check out the mother first!"

Du hast Deinen Sohn bekommen, nachdem Du zur Kanzlei-Partnerin befördert wurdest. Welche Vor- und Nachteile hat es, ein Kind in diesem Stadium des Berufslebens zu bekommen?​ 

Obwohl ich keine Frau dazu motivieren will, mit der Familiengründung zu lange zu warten, kann ich von mir behaupten, dass ich nur Vorteile daraus gezogen habe, meinen Sohn als Kanzlei-Partnerin zu bekommen. Als Partnerin und junge Mutter lassen sich Freiheiten leichter erkämpfen, wie beispielsweise flexible Arbeitszeiten. Gleichzeitig bestehen logischerweise bereits mehr Lebenserfahrungen. Mit diesen Lebenserfahrungen können beide Rollen, das heißt Elterndasein und Partnerschaft, besser im eigenen Sinn gestaltet werden. Ich musste nie eine der Rollen zu Gunsten der anderen aufgeben. Mein Ehemann und ich teilten und teilen uns die Kinderbetreuung außerhalb der Kita und Schule gleichmäßig auf, was unter anderem dank gewisser Flexibilität in meinen Arbeitszeiten als Partnerin möglich ist.

Vor einigen Monaten haben Dich gleich mehrere Schicksalsschläge ereilt: Du hast einen nahen Menschen verloren, ein Dir lieber Mensch hat eine erschütternde Diagnose erhalten und bei Dir selbst wurde Brustkrebs diagnostiziert. Was hat Dir geholfen, damit umzugehen?​ 

Zum einen die Gewissheit, dass ich viel Glück mit meiner Diagnose hatte, die einzig und allein auf präventiver Früherkennung beruht. Zum anderen hat mir meine Arbeit geholfen, mit den Schicksalsschlägen umzugehen. Obwohl meine Operation und die anschließenden Therapien etwa drei Monate meiner gesamten Zeit beanspruchten, habe ich nie wirklich ganz mit der Arbeit aufgehört. Das Arbeiten gab mir Struktur. Auch haben mich der Zuspruch, die Unterstützung und die Fürsorge durch meine Familie, Freund*innen und Kolleg*innen ungemein stabil gehalten. Ich bin ihnen allen unendlich dankbar!

Wie verändern diese Schicksalsschläge Dein privates und berufliches Leben? 

Ich bin mir dadurch meiner körperlichen und geistigen Grenzen viel bewusster geworden. Überanstrengungen vermeide ich seitdem, was bedeutet, dass ich viele Treffen, Abendessen und Veranstaltungen nicht mehr wahrnehme. Auch Vorträge und das Unterrichten musste ich im Jahr 2022 absagen.

 

Mit diesem Bewusstsein geht einher, dass ich viel wählerischer geworden bin, auch wenn es mir oft schwer fällt Veranstaltungen und Treffen zu verpassen. Im positiven Sinne bin ich sowohl privat als auch beruflich fokussierter geworden; ich sage nicht zu allem „ja“, schöpfe nicht alle Möglichkeiten aus, lasse mich nicht von anderen und der Vorstellung anderer hetzten und – viel wichtiger – ich bin mir selbst nicht mein größter Feind, indem ich Ansprüche an mich zu hoch ansetze. Ob diese Entwicklung nur durch die Diagnose Brustkrebs oder auch durch mein Alter und die Erfahrungen der Covid-Pandemie zum Vorschein gekommen ist, kann ich nicht beurteilen. Das Leben im Hier und Jetzt zu leben ist schon immer mein Ansinnen gewesen. Daher kann ich sagen, dass der Brustkrebs mich wieder näher zu mir selbst gebracht hat. Dafür bin ich dankbar!

Nach Deiner Krebsdiagnose begleiten Dich nun Therapien und die Überlegung, wem gegenüber Du wie offen was kommunizierst. Nach welchen Parametern wägst Du ab, wie offen Du mit Deiner Geschichte umgehst?​ 

Zunächst muss ich in der Rückschau sagen, dass ich mit der Diagnose und mit dem bisherigen Heilungsverlauf großes Glück hatte.

Grundsätzlich bestimmt bei einer Krebsdiagnose die Krankheit zeitweise den Verlauf des Lebens. Ich habe für mich aber entschieden, dass ich der Krankheit diese Entscheidungsfreiheit nicht geben will. Ob andere Menschen in meinem Umfeld sich die Freiheit nehmen lassen, über meine körperliche und geistige Fassung zu entscheiden, kann ich leider nur zu einem gewissen Grad beeinflussen. Oft ist das Handeln anderer einer kranken Person gegenüber von Gutmütigkeit geprägt und davon, die kranke Person nicht zu belasten. In meinem Fall kann sich diese Gutmütigkeit darin widerspiegeln, dass Institutionen, Kolleg*innen und Parteien mich erstmal nicht als Schiedsrichterin oder Rechtsvertreterin bestellen. Ich kann das Handeln anderer nicht beeinflussen. Daher gibt es keine fixen Parameter, nach denen ich abwäge, wie offen ich mit meiner Geschichte umgehe. Ich habe mich entschieden, grundsätzlich offen zu sprechen.

Aus der möglichen Folge nicht als Schiedsrichter*in benannt zu werden, resultiert wahrscheinlich auch die Ansicht, dass Jurist*innen und andere Akteure in der Schiedswelt perfekt und belastbar auftreten müssen. Ich sehe darin die Gefahr, dass wir in der Schiedswelt nicht offen über Krankheiten sprechen. Bei der Statistik Brustkrebs – eine von acht Frauen in Belgien – kann ich mir nicht vorstellen, dass nur eine Handvoll mir bekannter Kolleginnen betroffen ist. Ich wünsche mir daher, dass wir in unserer Gesellschaft kranke Menschen nicht stigmatisieren. Jede Krankheit verläuft anders und jede*r durchläuft eine Krankheit anders. Ob sich jemand für eine bestimmte Rolle und zu einer Aufgabe im Stande sieht, sollte eine höchstpersönliche Entscheidung sein, die von der betroffenen Person selbst getroffen wird.

Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der von Dir beschriebenen Stigmatisierung ist Mental Health als Schlagwort im professionellen Kontext mittlerweile angekommen. Kannst Du ausführen, wie sich die Schiedswelt hier aufstellen sollte?​ 

Auf institutioneller Seite finde ich es begrüßenswert, dass die ICC Commission for Arbitration eine Disability Task Force gegründet hat und hoffe, dass Mental Health auch in dieser Task Force zum Thema wird.

Daneben muss gerade jüngeren Kolleg*innen ein Raum angeboten werden, in dem sie frei über mentale Belastungen sprechen können. Dieser kann in Kanzleien beispielsweise durch Benennung eines Junior Partners bzw. einer Junior Partnerin geschaffen werden, *der oder *die sich für Gespräche zur Verfügung stellt. In jungen Berufsjahren sind wir sehr empfänglich für jede Art von Druck. Lassen wir diesen zu, wird er größer. Dies sollte verhindert werden, zum Beispiel durch regelmäßige Gespräche innerhalb der Kanzlei. Falls dieser Gesprächsraum nicht von Seiten der Partnerschaft geschaffen wird, ermutige ich junge Kolleg*innen früh anzuzeigen, wenn sie mit einer Arbeitssituation nicht zurechtkommen. Dadurch signalisieren sie der Partnerschaft, dass auf die jüngeren Mitarbeiter*innen Acht gegeben werden muss.

Gerade heute – am 9. Juni 2022 – habe ich das Gespräch mit einer jüngeren Kollegin gesucht, von der ich das Gefühl hatte, dass sie überlastet war und unter Druck stand. Als ich sie im Verlauf des Gesprächs fragte, wer Druck auf sie ausübt, hat sie resümiert, dass sie es selbst sei. Ich habe ihr geraten zu entschleunigen und nicht auf ihren Sommerurlaub zu warten, sondern sich jetzt schon freie Zeit unter der Woche zu nehmen.

Überbelastung bringt Müdigkeit, Müdigkeit bringt Depressionen. Soweit darf es nicht kommen! Kanzleien sind hier als Arbeitgeber in der Pflicht, Vorsorge zu betreiben. Das gilt in der Schiedswelt, aber auch in allen anderen Bereichen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso

Carolyn Lamm, Partnerin bei White & Case, Washington, D.C. Sie musste nach ihrem Jurastudium in Miami, Florida – ihrer Heimatstadt – mit der Situation umgehen, dass keine einzige Kanzlei in Miami eine Frau einstellen wollte. Daher hat sie den Entschluss gefasst, in einer völlig anderen Umgebung Fuß zu fassen und ist in einem anderen Bundesstaat ansässig geworden. Sie ist eine der einflussreichsten Juristinnen in dem Gebiet des internationalen Schiedsverfahrensrechts weltweit, die ihre hilfsbereite Art beibehalten hat.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Brüssel / Düsseldorf, Juni 2022. Die Fragen stellte Dr. Ilka Beimel. Niuscha Bassiri hat die Fragen schriftlich beantwortet.

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