Alexandra Engel

Dr. Alexandra Engel im Porträt

„Nur wer für sich selbst den richtigen Weg findet, kann langfristig erfolgreich sein.“

Dr. Alexandra Engel, Chefsyndikus und Leiterin des Bereichs Corporate Governance & Legal bei Bankhaus Lampe, über die Erkenntnis, dass es langfristig oft klüger ist, sich zunächst durch gründliche Arbeit zu behaupten und in dieser Zeit über den einen oder anderen skeptischen Blick hinwegzuschauen.

Frau Dr. Engel, Sie sind Chefsyndikus und Leiterin des Bereichs Corporate Governance & Legal bei Bankhaus Lampe. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, in die Finanzwelt zu gehen?

Das war eine Entwicklung, die sich erst im Laufe meiner ersten Berufsjahre ergeben hat. Ich habe meine Karriere als Beraterin im Datenschutzrecht begonnen, da ich meine Dissertation über ein datenschutzrechtliches Thema geschrieben hatte. Eine meiner Hauptaufgaben war es damals, den unternehmenssteuernden Bereichen der von uns beratenen Unternehmen die Themen Datenschutz und IT-Sicherheit für ihre täglichen Arbeitsabläufe zu vermitteln. Um meine Ansprechpartner*innen und deren Prozesse besser zu verstehen, habe ich nebenher ein BWL-Aufbaustudium mit dem Schwerpunkt Finanzen und Kreditwirtschaft absolviert. Das hat Spaß gemacht, und gleich auf den ersten Blick schienen mir Finanzinstrumente auch juristisch spannend zu sein. Nun war ich zufällig für diesen ersten Job als Datenschutzberaterin ohnehin von Berlin nach Frankfurt gezogen. Da lag es plötzlich auf der Hand, dass ich mich bei einer Bank, damals der Dresdner Bank, bewerbe.

Wie sehen Ihre täglichen Aufgaben in der Bank aus?

Mein Bereich umfasst neben der Rechtsabteilung auch das Büro der Geschäftsleitung. Zusätzlich leite ich die Abteilung Governance, die das interne Kontrollsystem der Bank koordiniert und den Produkteinführungsprozess steuert. Angesichts der Fülle und Vielfalt der damit verbundenen Themen verwende ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit für Management- und Führungsaufgaben. Auch diese sind vielfältig und resultieren einerseits aus der Verantwortung für die Erfüllung der meinem Bereich zugewiesenen Aufgaben. Neben den inhaltlichen Abstimmungen zum laufenden Geschäft beschäftige ich mich zum Beispiel mit der rechtzeitigen Identifikation und Umsetzung neuer regulatorischer Herausforderungen, der Ressourcenplanung und -steuerung, einer effizienten Gestaltung von Arbeitsprozessen, der Ausübung von Kontrollfunktionen und natürlich der Mitarbeiterauswahl und -führung. Daraus folgen andererseits die klassischen Aufgaben der Personalverantwortung, also beispielsweise die Aufgabenverteilung, Zielvereinbarungen und Beurteilungen, regelmäßige Mitarbeiter*innengespräche, Mitarbeiter*innenentwicklung oder Vergütung. Daneben bin ich in diverse bereichsübergreifende Abstimmungsprozesse eingebunden, koordiniere gelegentlich bankweite Sonderaufgaben und bin Mitglied in bankinternen Gremien wie dem Produktausschuss oder projektbezogenen Steering Committees. Bei den zahlreichen nicht-juristischen Fragestellungen und Entscheidungen ist übrigens mein BWL-Aufbaustudium sehr nützlich. Zuweilen arbeite ich aber auch noch ganz klassisch an juristischen, insbesondere bankaufsichts- und gesellschaftsrechtlichen Fragestellungen, die die Bank als Gesellschaft oder ihre Corporate Governance betreffen, und begleite Gerichtsverfahren. Außerdem nehme ich als ständiger Gast an der Geschäftsleitersitzung und dem Kreditausschuss teil und führe Protokoll bei der Sitzung des Beirats, also dem Aufsichtsorgan der Bank.

Wie viele der klassisch-juristischen Werkzeuge, wie wir sie aus dem Studium kennen, wenden Sie in der täglichen Praxis an?

Das Werkzeug brauche ich noch immer. Gerade wenn ich einen Vertrag entwerfe oder mich mit einer etwas kniffeligeren Rechtsfrage beschäftige, subsumiere ich noch genauso sorgfältig und präzise, wie ich es im Studium gelernt habe. Ich orientiere mich sicherlich etwas zielgerichteter an der herrschenden Meinung und schaue, wie die Rechtsprechung die zu lösende oder ähnliche Fragen bewertet. Am Ende geht es schließlich darum, pragmatische Lösungen zu finden und gleichzeitig die Bank vor einem Rechtsrisiko zu schützen.

 

Welche Teile Ihrer Arbeit motivieren Sie besonders? Welche gehören schlicht dazu, bringen Ihnen aber weniger Spaß?

Die Vielfalt begeistert mich. Ich mag auch neue Herausforderungen. Es ist spannend, beim Steuern der einzelnen Themen Zusammenhänge zu erkennen und Querverbindungen zu ziehen. Dank der Helikopterperspektive des Geschäftsleitungsbüros habe ich einen guten Überblick über viele Themen und kann meine Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen auch an der ein oder anderen Stelle fachlich zusammenführen. Es motiviert mich sehr, wenn dadurch neue Entwicklungen angestoßen oder Prozesse verbessert werden können. Was ich nicht so mag, sind politische Spielchen unter Kolleg*innen. Das nervt und kostet Arbeitszeit, die man eigentlich braucht, um gemeinsam in den Sachthemen voranzukommen.

Bis vor etwa zweieinhalb Jahren leiteten Sie das Policy Center des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, in dem ein optimaler Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte und ihre Akteure erforscht wird. Wie hat sich die Finanzwelt für Jurist*innen in Ihren Augen seit der Finanzkrise verändert?

Insbesondere die Regulierung ist sehr viel komplexer geworden. Nicht zuletzt als Folge der Finanzkrise hat das Juristische in der täglichen Arbeit einer Bank daher noch mehr an Bedeutung gewonnen. Niemand will sich regulatorisch etwas nachsagen lassen, sodass Jurist*innen früh in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Die Kehrseite dieser Regulierung ist, dass auch die Funktionsweise einer Bank immer komplexer wird. Die Eigenkapitalregeln – nur als Beispiel – konnte man vor 15 Jahren im Wesentlichen noch mit einfacher Schulmathematik erklären. Die Formel ergab sich im Grunde für alle nachvollziehbar aus dem Gesetz. Mittlerweile kann man die erforderliche Eigenkapitalunterlegung nicht mehr mal eben so über den Daumen peilen. Derartige Entwicklungen machen es schwieriger – auch für Jurist*innen.

Sie haben zuletzt im Sommer 2018 den Job gewechselt. Ab wann fühlt man sich nach einem Jobwechsel wieder sicher?

 

Unsicherheit würde ich es nicht nennen wollen, sondern eher Neugier und Vorfreude. Mit jedem Jobwechsel wird man natürlich gelassener – aber die Begeisterung lässt zum Glück nicht nach.

Das Finanzwesen ist nach wie vor von Männern dominiert. Wie ist Ihre Erfahrung damit, sich als Frau in diesem Bereich zu behaupten?

Als ich noch jünger war, hatte ich schon gelegentlich den Eindruck, dass Geschäftspartner erstaunt waren, wenn sie die junge Frau, mit der sie großvolumige Verträge verhandelten, zum ersten Mal persönlich trafen. Da kam schon mal ein verblüfftes: „Ach, Sie sind Frau Dr. Engel?“. Inzwischen weiß ich aber, dass es jüngeren männlichen Kollegen genauso gehen kann.

Unterschätzt zu werden, kann eine tolle Chance sein, um zu überraschen. Ich erinnere mich an eine Situation in meinen frühen Berufsjahren, in der meine Geschäftspartner mir offensichtlich nicht viel zutrauten und mich zu Beginn auch so behandelten. Ich war mir damals aber sicher, dass meine Leistungen und meine Persönlichkeit überzeugen würden. Also habe ich mich durchgekämpft. Die Rechnung ging auf und ich wurde nach kürzester Zeit sehr ernst genommen. Vielleicht sogar ernster als Kolleg*innen – auch männliche –, die diese Hürde nicht nehmen mussten. Mein Tipp daher: Nicht so schnell verunsichern lassen, sondern einfach zeigen, dass man es draufhat!

Haben Sie das Gefühl, dass es – ganz generell – für Frauen heutzutage noch eine gläserne Decke gibt?

Ich selbst habe das bisher zum Glück nicht erlebt, zumindest nicht bewusst. Im Laufe der Jahre konnte ich in meinem beruflichen und privaten Umfeld aber immer mal Situationen beobachten, in denen Frauen Nachteile erlitten haben, für die es kaum eine andere Erklärung gab als die gläserne Decke.

Was halten Sie von der Frauenquote?

Ich hatte am Anfang meine Probleme damit. Wie viele andere Frauen auch, fürchtete ich den Beigeschmack, nicht mehr allein wegen meiner Arbeitsleistung befördert zu werden. Und es lädt Missgünstige geradezu zu der Behauptung ein, man habe nur von der Frauenquote profitiert, selbst wenn man tatsächlich ausschließlich wegen seiner Arbeitsleistung befördert wurde.

Inzwischen sehe ich das ein bisschen gelassener. Zum einen habe ich noch nie einen Mann erlebt, der sich für seine Beförderung gerechtfertigt hätte. Und zwar selbst, wenn eine weibliche Kandidatin offensichtlich fachlich stärker war und man – damit meine ich Männer wie Frauen – sich eine Frau in der Rolle aber aus Gewohnheit einfach noch nicht vorstellen konnte.

Zum anderen ging es ganz ohne Quote bei dem Thema Frauenförderung auch nicht wirklich vorwärts. Allein die Diskussion über die Quote hat schon einiges bewirkt. Ein früherer Kollege fühlte sich dadurch tatsächlich motiviert, leistungsstarke Frauen zu identifizieren und sie zu fördern. Sein Credo: Wenn wir jetzt die richtig guten Frauen nach vorne bringen, zwingt man uns später nicht, die weniger guten zu nehmen, nur um eine Quote zu erfüllen. Das hat zwar seine eigene Logik, war aber der Sache in diesem konkreten Fall dienlich. Zugleich zeigt es allerdings auch die größte Schwäche der Frauenquote auf: Ihre sachdienliche Erfüllbarkeit ist nicht zuletzt von Branche bzw. beruflicher Disziplin und dortiger Präsenz von Frauen abhängig.

Insgesamt betrachte ich die Frauenquote daher eher als ein weiteres Werkzeug, mit dem man auf die Glasdecke einschlägt. Ob damit ein weiterer kleiner oder sogar der ganz große Durchbruch gelingt, wird man sehen. Einen Versuch ist es aber trotz aller Vorbehalte sicherlich wert.

Ihr Beruf stellt hohe Anforderungen an Sie. Wie bringen Sie Ihr Privatleben dabei unter?

Kein leichtes Thema. Insbesondere wenn der Job mit einem spannenden, abwechslungsreichen Leben lockt, kann die freie Zeit schnell mal in Attraktivität hinter dem Beruf zurückstehen oder sogar die Motivation fehlen, sich ein ebenso attraktives Leben außerhalb des Berufs überhaupt erst aufzubauen. Zumal das Privatleben nicht immer nur aus Freizeit besteht. Auch ich hatte früher ein großes Bedürfnis, mich ohne Ablenkung hundertprozentig auf meinen Job zu konzentrieren. Vor einigen Jahren habe ich mir aber bewusst eine Auszeit genommen und quasi den Reset-Knopf gedrückt. Um völlig überrascht festzustellen, dass mich ein erfüllendes Privatleben ganz nebenbei auch im Beruf noch stärker macht. Hin und wieder lohnt es sich offenbar, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen.

Welche Erkenntnis über Ihr Berufsleben hätten Sie gerne schon früher gehabt?

Keine, das wäre ja total langweilig! (lacht.) Im Ernst: Es wäre um jede Erfahrung schade, die ich gemacht habe, die guten wie die weniger schönen. Selbst erlebte Erfahrungen empfinde ich in späteren Entscheidungen als sehr viel wertvoller als solche, die ich nur vom Hörensagen oder aus der Beobachtung kenne. Es war alles spannend und toll, selbst die Phasen, in denen es mal nicht so glatt lief. Sie gehören einfach dazu und machen stark für den Rest des Lebens.

Haben Sie Tipps für die Phasen, in denen es mal nicht so glatt läuft? Wie geht man mit diesen um?

Manche Menschen möchten sich in solchen Phasen zurückziehen und mit sich selbst sein, andere sich lieber mitteilen. Coaches sind sicherlich für Viele eine große Hilfe. Wir sind da aber alle im Grunde sehr verschieden, ist meine Beobachtung. „Meine Lösung ist nicht deine Lösung“, lautet eigentlich die Antwort. Den richtigen Weg muss jede*r für sich selber herausfinden.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Christine Gärtner, Partnerin bei Clifford Chance in Frankfurt. Sie ist eine sehr zielstrebige Kollegin, die aber bei allem Ehrgeiz nicht vergessen hat, junge Frauen mitzuziehen. Das finde ich in Kanzleien besonders wichtig, weil es dort überdurchschnittlich viele Berufsanfängerinnen gibt.

 

Vielen Dank für das spannende Interview!

 

Düsseldorf, 29. August 2019. Das Interview führte Sita Rau.

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