Valentina Daiber

Valentina Daiber im Porträt

„Lieber mal in die falsche Richtung laufen, als gar nicht anzufangen.“

Valentina Daiber, Vorständin Recht und Corporate Affairs bei Telefónica Deutschland, über Vielfalt und Interdisziplinarität im Unternehmen, eine gesunde Work-Life-Balance und den Mut, Karriereschritte zu gehen.

Liebe Frau Daiber, Sie sind seit 2017 Mitglied des Vorstandes der Telefónica Deutschland Holding AG und dort für den Bereich Recht sowie Corporate Affairs zuständig. Wie gelangt man als Juristin in den Vorstand eines börsennotierten Unternehmens?

Das war ein kontinuierlicher Weg, den ich als Rechtsreferentin begonnen habe. Im Laufe der Zeit habe ich die verschiedensten Aufgaben und Positionen übernommen. Das Unternehmen war im Grunde immer in Bewegung. Und ich war im Unternehmen in Bewegung. Kein Tag war langweilig! Dazu gehörte auch, dass ich gemeinsam mit meinem Team Aufgaben außerhalb des Rechtsbereiches übernommen habe. So war das Team beispielsweise eine ganze Zeit dem Kommunikationsbereich zugeordnet, und ich hatte gar nicht mehr so viel mit dem Recht im engeren Sinne zu tun.

Es ist genau diese Interdisziplinarität, die die Arbeit im Unternehmen so spannend macht. Reine Chefjurist*innen sind in deutschen Vorstandsetagen selten. In der Regel werden die Rechtsfragen mit anderen Themen gebündelt. Deshalb ist der Blick nach links und rechts besonders wichtig.

Sie hatten schon während Ihres Studiums Berührungspunkte mit dem Medienrecht. Dies war dann im Referendariat auch der Fall. Wollten Sie schon immer in einem Unternehmen wie der Telefónica arbeiten oder haben Sie sich Ihre juristische Karriere bei Beginn Ihres Studiums anders vorgestellt?

Zu Beginn meines Jura-Studiums dachte ich, dass die Arbeit im Unternehmen sehr einseitig ist und in erster Linie daraus besteht, Verträge aufzusetzen. Deswegen hatte ich damals auch nicht gedacht, dass ich in einem Unternehmen landen würde. Die Vielfalt der juristischen Arbeit im Unternehmen ist aber groß. Das hatte ich mir so niemals vorgestellt.

 

Während des Studiums habe ich begonnen, als freie Mitarbeiterin im Institut für Europäisches Medienrecht zu arbeiten. Damit habe ich die Weichen für einen interdisziplinären Weg gestellt, auf dem ich mich mit einer Kombination aus Ökonomie, Recht und Technik beschäftigt habe. Das war sehr spannend! Entsprechend habe ich diesen Rechtsbereich im Referendariat weiterverfolgt. Mein weiterer Weg war dann das logische Ergebnis – dabei hatte ich aber keinen starren Karriereplan.

Was empfanden Sie auf dem Weg hin zu Ihrer heutigen Position als größte Herausforderung?

Es gab eine Vielzahl von Herausforderungen, die am Ende immer meine Arbeit und mein persönliches Leben bereichert haben. Aber nichts, das ich jetzt als die eine, größte  Herausforderung hervorheben könnte.

Mit Blick auf mein berufliches Umfeld war und ist es sicherlich herausfordernd, sich immer wieder mit neuen Themen zu beschäftigen und diese zu durchdringen. Beispielsweise Themen, die sich durch Veränderungen am Telekommunikationsmarkt ergeben. Oder unseren Zusammenschluss mit E-Plus im Jahr 2014 – eine solche große Transaktion rechtlich zu begleiten ist eine Riesen-Herausforderung! Im privaten Umfeld war es mir immer wichtig eine gesunde Work-Life-Balance zu finden. Also neben dem Beruf genügend Zeit für die Familie, Freunde und mich selbst zu haben.

Bei der Telefónica sind Sie unter anderem für die Bereiche Recht, Compliance, Corporate Security und Datenschutz sowie Regulierung, Public Relations und Corporate Responsibility zuständig – von Ihren zahlreichen nebenberuflichen Tätigkeiten und Engagements einmal abgesehen. Wie sieht ein gewöhnlicher Tag in Ihrem beruflichen Leben aus?

Gewöhnliche Tage gibt es in meinem Job nicht (lacht). Ein fiktiver Tag könnte allerdings wie folgt bei mir aussehen: Vorstandssitzung zur Unternehmensstrategie, Teilnahme an einer politischen Diskussion zum Thema XY, Videoaufnahme für die Kommunikationsabteilung, Besprechung zur Klimastrategie und dann noch weitere telefonische Besprechungen zu unterschiedlichen Themen.

Die Vielfalt meiner Tätigkeit macht den Reiz meiner Arbeit aus. Dabei finde ich es in all den unterschiedlichen Konstellationen extrem wichtig, das Gespür für Menschen und das Gesamtbild zu behalten. Ich finde es toll Menschen kennenzulernen und versuche von jedem Kontakt etwas mitzunehmen. Es kommt allerdings manchmal vor, dass ich am Ende des Tages durch das viele Sprechen und Austauschen heiser bin.

Sie starteten bei VIAG Interkom. 2006 erfolgte die Übernahme durch die Telefónica und 2012 der IPO, um nur einige bedeutende Eckpunkte in der ereignisreichen Unternehmensgeschichte zu nennen. Hinzu kommen zahlreiche Innovationen in der Telekommunikationstechnologie. Welche Einflüsse hatten die Umstrukturierungen im Konzern auf Sie und Ihre Arbeit?

 

Je komplexer das Unternehmen und Umfeld ist, desto wichtiger ist es nach meiner Einschätzung, dass man sich als Vorstand*Vorständin nicht zu wichtig nehmen darf. Das bedeutet insbesondere, dass man nicht alles wissen kann und muss, wertschätzend mit der Arbeit von Fachabteilungen und Kolleg*innen umgeht und sich auf das Fachwissen der einzelnen Teams verlassen kann. Für mich gehört auch dazu, dass ich auch mal über mich selbst lachen darf.

Den wahren Wert der Begriffe "Wertschätzung" und "Teamarbeit" habe ich mit jeder Entwicklung im Unternehmen immer mehr erkannt. Leider kommen uns diese Begriffe im Alltag viel zu oft über die Lippen, ohne dass wir uns ihrer Bedeutung bewusst sind. Sie werden quasi zur Floskel. Zwar habe ich als Vorständin letztlich die Verantwortung und häufig das letzte Wort, aber ich vertraue auf die Expertise der Anderen und lasse mich gerne beraten. In diesem Zusammenhang sind Teamarbeit und Wertschätzung unerlässlich. Mein Motto ist dabei "Lieber mal in die falsche Richtung laufen, als gar nicht anzufangen." Wenn was schief geht, dann erkennen wir das im Team gemeinsam und erarbeiten eine Lösung. Fängt man allerdings gar nicht an, dann kann man die Probleme und Lösungen gar nicht finden.

Welchen Rat würden Sie jungen Jurist*innen geben, die sich für eine Tätigkeit im Unternehmen interessieren?

Unternehmen zeichnen sich durch ihre Vielfalt aus. Dabei ist gerade die Teamarbeit bei der Verfolgung komplexer Themen von Anfang bis zum Ende spannend. Als Beispiel: Im Bereich Public Affairs spüren wir gesellschaftliche Entwicklungen auf. Diese analysieren wir dann im Detail. Was bedeutet das für unser Unternehmen? Was sagen die Fachabteilungen? Was sagt die Gesellschaft? Wie setzen wir das im Unternehmen um? Was macht jeder Bereich dazu? Und was ist das Resultat. Das ist insbesondere der Fall, wenn Gesetze erlassen werden, die wir im Unternehmen umsetzen müssen.

Ein solches Vorgehen erfordert Teamarbeit und Interdisziplinarität. Wer das mag, der ist im Unternehmen richtig aufgehoben. Mein Rat ist, dass man sich nicht nur einen Rechtsbereich anguckt, sondern auch andere Bereiche ausprobiert. Unternehmensjurist*innen brauchen ein Verständnis für mehrere Bereiche. Zwei davon sind gesetzt: Recht und Ökonomie. Weitere Bereiche können dann beispielsweise Technologien oder Kommunikation sein. Selbstverständlich muss man nicht alles am Anfang können, denn dafür gibt es den Input aus den einzelnen Fachbereichen, durch den man dann das entsprechende Wissen erwirbt. Auf dem Weg durch das Unternehmen gibt es viele Gelegenheiten, neue Weichen zu stellen.

Ihnen eilt der Ruf voraus eine große Förderin von Frauen in Ihrem beruflichen Umfeld zu sein. Worauf sind Sie in diesem Zusammenhang besonders stolz?

Ich hoffe, dass mir vor allem der Ruf vorauseilt, dass ich alle Talente fördere und nicht nur Frauen. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mag es sein, dass ich Kolleginnen "besser" unterstützen kann, aber mir geht es nicht darum nur Frauen zu fördern. Wichtig ist mir vor allem, dass Frauen auf jeden Fall die gleichen Chancen wie ihre männlichen Kollegen bekommen.

Seit mittlerweile 16 Jahren sind Sie in unterschiedlichen Führungspositionen tätig. Was macht in Ihren Augen eine gute Führungskraft aus?

Das sind für mich vor allem drei Dinge: Die oben angesprochene Erkenntnis, dass man nicht alles wissen muss. Dass man seinen Mitarbeiter*innen genügen Freiraum zur Gestaltung lässt und nicht zuletzt, dass man in die Fähigkeiten der Mitarbeiter*innen vertraut.

2001 sind Sie Mutter eines Sohnes geworden. Wie haben Sie Ihren Job nach der Geburt und den Folgejahren organisiert?

Zunächst habe ich nach der Geburt meines Sohnes ein Jahr Elternzeit genommen und bin dann in Teilzeit zurückgekehrt, zuerst mit 20 Stunden, die ich später auf 30 Stunden aufgestockt habe. Dabei war ich allerdings immer flexibel verfügbar, was im Unternehmen sehr gut ankam und das Vertrauen in die Zusammenarbeit gestärkt hat. Bei so einem Modell merkt man selbstverständlich schnell, dass man plötzlich deutlich mehr arbeitet als eben nur Teilzeit. Ich habe spätestens damals gelernt, Grenzen  zu setzen. Ich und auch jede*r andere muss da seine*ihre eigene Work-Life-Balance finden. Denn kein*e Chef*in der Welt wird sagen: "Hören Sie auf zu arbeiten". Da ist jede*r für sich selbst verantwortlich.

Apropos Elternzeit: Was ist Ihre Meinung zum aktuell heftig diskutierten Thema Mutterschutz und Elternzeit für Vorständ*innen?

Ich unterstütze ausdrücklich die Stay-on-Board Initiative wie auch die Änderung des Aktiengesetzes. Es muss möglich sein, dass man sein Amt für sechs Monate liegen lässt und anschließend wiederaufnimmt. Selbstverständlich müssen die Unternehmensinteressen gewahrt werden. Aber solange das der Fall ist, spricht für mich nichts dagegen. Das muss im Übrigen auch für Männer gelten und nicht nur für Frauen. Es sollte auch nicht nur um Mutterschutz und Elternzeit gehen, sondern  beispielsweise auch die Pflege von Familienmitgliedern. Familie und gesellschaftliche Themen sollten nicht im Widerspruch zum Amt der*des Vorständin*Vorstandes stehen.

Haben Sie jemals eine Entscheidung bewusst für die Karriere bzw. für die Familie getroffen?

Ja, das klang wahrscheinlich sogar schon ein wenig durch. Im meinem Zeitmanagement muss und musste ich permanent Entscheidungen sowohl für die Karriere als auch für die Familie treffen, denn ich wollte immer beides unter einen Hut bringen. Den Weg bin ich mit einer positiven Grundhaltung gegangen.

Beispielsweise habe ich einmal auf einen möglichen Karriereschritt verzichtet, um mich auf meinen Sohn konzentrieren zu können. Mein Sohn war zu dem Zeitpunkt am Ende der Grundschule auf dem Weg zur höheren Schule. Ich hatte das noch als eine betreuungsintensive Phase wahrgenommen. Ich dachte, dass noch viel Kapazität in die familiäre Situation fließt und ich deswegen nicht genügend Zeit und Konzentration für eine neue Aufgabe im Unternehmen habe.

 

Aus heutiger Betrachtung würde ich sagen, dass ich damals nicht mutig genug war, den Karriereschritt zu gehen. Ich glaube nämlich, dass ich das geschafft hätte. Ich bereue die Entscheidung aber auf keinen Fall. Zu dem Zeitpunkt war das für mich definitiv der richtige Weg. Alles andere hätte mich sehr viel Kraft gekostet. Mein Rat an junge Kolleginnen ist an der Stelle: Trauen Sie sich! Manchmal muss man einfach springen und Neues ausprobieren. Dann stellt man fest, ob das funktioniert oder nicht! 

Durch Ihre Arbeit bei einem Telekommunikationsunternehmen sind mit den Themen der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz regelmäßig konfrontiert. Wo sehen Sie die größten Vorteile und Herausforderungen bei der Anwendung von digitalen Technologien und KI im Rechtsbereich in den nächsten Jahren?

Wir werden in der Tat immer mehr Software Anwendungen sehen, die den Jurist*innen ihre Arbeit erleichtern. Einfache, wiederkehrende Aktivitäten werden mehr und mehr automatisiert werden. Wir haben beispielsweise im vergangenen Jahr im Rahmen einer Due Diligence eine künstlich-intelligente Suchmaschine genutzt, um Verträge zu analysieren. Damit schafft die Digitalisierung Zeit für andere, anspruchsvollere Themen. Oder für die immer größere Fülle an Themen, in denen juristisches Fachwissen benötigt wird. Unternehmen brauchen neue Jobprofile wie Legal Digital / Operations Manager. Jurist*innen die Spaß an der Gestaltung der juristischen Arbeit selbst haben, sie einfacher, besser und schneller zu machen – mit den Mitteln der Technologie. Es wird meines Erachtens immer wichtiger für Jurist*innen, ein Verständnis für Technologie und Prozesse zu haben.

Welche Juristin hat Euch so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Ich habe länger über diese Frage nachgedacht und möchte gerne Iris Plöger nominieren. Sie ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim BDI und macht sich stark für Frauen in der Technologie und Digitalisierung. Dafür hat sie gemeinsam mit weiteren Frauen shetransformsIT gegründet. Die Initiative hat zum Ziel, Frauen in der IT und der Digitalisierung sichtbar zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben!

München / Frankfurt, 21. Januar 2021. Das Interview führte Karen Kelat. Herzlichen Dank für die redaktionelle Unterstützung an Anjuli Theresa Wiencke.

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