Ulrike Gantenberg im Porträt

"Es erfordert einen unbedingten Willen und den nötigen Anlauf, um die Glasdecke zu durchbrechen."

Ulrike Gantenberg, Partnerin bei Heuking Kühn Lüer Wojtek, über ständige Erreichbarkeit, gekürzten Schlaf, den Umgang im Berufsleben mit Schwächen und darüber, immer einen Schritt weiterzudenken.

Frau Gantenberg, Sie sind seit 2006 Partnerin bei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Wollten Sie schon immer Anwältin und auch Partnerin in einer Kanzlei werden?

Weder noch. Ich komme aus einer Anwaltsfamilie, deshalb wollte ich in meiner Jugend quasi alles andere als eine Anwältin werden. Das hat sich erst während des Studiums durch meine Teilnahme an einem Moot Court nachhaltig verändert. Als ich dann als Anwältin anfing, habe ich mir lange Zeit gar keine Gedanken über die Partnerschaft gemacht. Mein Ziel war es vielmehr, eine gute Anwältin zu werden.


Was hat Sie konkret ins Schiedsverfahrensrecht verschlagen?

Schlicht die Internationalität. In mir war der Wunsch international tätig zu sein schon immer so stark ausgeprägt, dass ich ursprünglich gerne Botschafterin werden wollte. Inzwischen kann ich mir kaum vorstellen, dass man irgendwo noch internationaler arbeiten kann, als ich es in der Schiedsgerichtsbarkeit tue. In einem Schiedsgericht sitze ich z.B. zusammen mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Die Herausforderung, gemeinsam etwas Nachhaltiges zu schaffen, finde ich sehr spannend.

Daneben war auch das Gesellschaftsrecht mit Schnittstelle zum Kapitalmarktrecht sehr lange mein Steckenpferd. Als ich aber während der Schwangerschaft mit unserer Tochter irgendwann realisierte, dass sich die Ausübung beider Schwerpunkte in gleichem Umfang nicht aufrechterhalten lassen würde, da die Fristen regelmäßig kollidierten, entschied ich mich auch wegen der besseren Vereinbarkeit mit einer Familie für das Schiedsverfahrensrecht. Zwar reise ich dadurch viel, aber meine Abwesenheitszeiten sind viel besser planbar als im Transaktionsgeschäft.

Können Sie uns einen typischen Arbeitstag schildern? Gibt es so etwas überhaupt?

 

Den gibt es nicht. Typisch ist allenfalls, dass ich kaum das schaffe, was ich mir vorgenommen habe und dass ich oft vor 20 Uhr kaum dazu komme, damit anzufangen. Es passieren so viele eher ungeplante Sachen, die zügig eine Lösung fordern. Das erfordert viel Flexibilität, bringt aber mit der nötigen Offenheit auch viel Spannendes, Neues und Abwechslungsreiches mit sich.

Welche Eigenschaft muss man mitbringen, um in einer (Groß-)Kanzlei bestehen zu können?

Gelassenheit, eine dicke Haut und Zähigkeit. Und Freundlichkeit. Es gibt immer Stinkstiefel, aber ich behaupte, die sterben aus.

Im Gegensatz zum Associate muss man als Partner bzw. Partnerin neue Mandanten akquirieren, bestehende Mandantenkontakte pflegen und andere Mitarbeiter führen. Wie bereitet man sich auf diese neuen Aufgabenbereiche am besten vor?

Ich weiß es nicht, da ich mich selbst damals auf nichts vorbereitet habe. Es gibt ein großes Angebot an Ausbildungsprogrammen inhaltlicher Art, zum Beispiel zu den Themen „Speed Reading“ oder „Know Your Client“ oder zum Thema Selbstorganisation. Ob diese Programme im Einzelfall wirklich helfen, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, am wichtigsten ist ohnehin die Persönlichkeit der betreffenden Person, wobei es vor allem darum geht, wie man mit anderen Menschen – seien sie in der Hierarchie über, neben oder unter einem – umgeht. Wichtig ist vor allem, dass man zuhören kann, empathisch ist und Durchsetzungsstärke mitbringt. Diese Eigenschaften lernt man indes wohl meistens in der Kinderstube. Organisationstalent schadet auch nicht.

Welche Rolle kommt Netzwerken für den Karriereverlauf zu?

Netzwerke sind wichtig, sind aber auch nicht alles. Natürlich braucht ein Anwalt einen Mandanten, der irgendwo herkommen muss. Wenn ich einfach nur auf dem Sofa sitze, kommt wohl keiner – insofern muss ich mich nach draußen bewegen. Wenn aber die Leistung nicht gut ist oder der Anwalt sozial inkompatibel, kann man auch den ganzen Tag netzwerken, ohne damit Erfolg zu haben.

Sie haben innerhalb von fünf Jahren den Weg von Associate zur Partnerin bestritten. Hatten Sie zu dieser Zeit schon Kinder? Wie gut lassen sich Job und Familie für Sie vereinbaren?

Ich habe meine Kinder erst bekommen, als ich schon Partnerin war.

Die Frage ist wohl, wie man „gut vereinbaren“ definiert. Ich gehe jedenfalls nicht um 12 Uhr mittags nach Hause. Es lässt sich aber trotzdem vereinbaren, wenn es ein Geben und Nehmen mit der Kanzlei, in der man tätig ist, gibt. Die Kanzlei muss dazu bereit sein, von Standardmustern abzuweichen. Die betroffene Person muss dafür flexibel sein. An dieser Stelle sage ich bewusst „Person“, da das Thema nicht allein Frauen betrifft. Ich persönlich genieße, dass ich in vieler Hinsicht sehr flexibel arbeiten kann. Dafür geht mein Engagement in Beruf und Familie bisweilen sehr an mein Schlafkontingent. Aber es ist machbar, solange man sich von anderen (z.B. den Großeltern oder Externen) helfen lässt und einen toleranten Partner hat.

Ist die moderne Kommunikation und ständige Erreichbarkeit für Sie eher Fluch oder Segen, wenn es um die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht?

Es ist sicherlich beides zugleich. Es ist fantastisch, dass man selbst am Rande eines Hockeyplatzes unglaublich viel erledigen kann. Auf der anderen Seite kann es auch ein Fluch sein, dass man immer erreichbar ist. Hier bisweilen auch Grenzen zu setzen, muss man meines Erachtens schlicht lernen. Es ist aber auch in Ordnung, nicht zu jeder Zeit erreichbar zu sein. Wenn ich im Flugzeug sitze, bin ich auch vorübergehend nicht erreichbar. Mein Eindruck ist jedoch, dass wir Frauen uns mit dem Setzen von Grenzen bei der Erreichbarkeit leider etwas schwerer tun, als viele Männer.

War es für Sie eine bewusste Entscheidung Familie und Karriere zu vereinbaren oder hat sich das einfach ergeben?

Ich habe das, was ich tue, schon immer unglaublich gerne getan. Insofern stand für mich, auch als ich die Entscheidung fällte Kinder zu bekommen, fest, dass ich weiter arbeiten würde. Wie sich meine Karriere weiterentwickeln würde, wusste man zu dem Zeitpunkt natürlich nicht, aber das war für mich kein Grund, keine Kinder zu bekommen. Noch immer finde ich meine Arbeit sehr spannend und investiere entsprechend Zeit in sie. Da ich auch unbedingt Zeit mit meinen Kindern verbringen möchte, kürze ich eben meinen Schlaf. (Lacht.)

Warum schaffen es nur so wenig Frauen an die Spitze, sei es als Partnerinnen in Kanzleien oder anderen Berufsfeldern? Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit der Weg nach ganz oben auch für Frauen selbstverständlich ist oder wie muss sich frau ggf. ändern?

Ich glaube, dass sehr viele Faktoren zusammenkommen. Vonseiten der Frauen erfordert es einen unbedingten Willen und den nötigen Anlauf, um die Glasdecke zu durchbrechen. Daneben muss man sehr zäh, durchsetzungsfähig und auch mal leidensfähig sein. Kurz gesagt muss man sich durchkämpfen können und wollen.

Ich finde aber auch, dass die Arbeitgeber noch flexibler werden müssen. Dazu gehört, dass gerade in der Anwaltschaft Leistung nicht nur in Geld gemessen werden darf. Das ist zwar eine grundsätzlich eine legitime Methode. Allerdings ist es eine Methode, die es aufgrund der dafür erforderlichen Zeit gerade jemandem mit Familie – und am meisten vielleicht stillenden Müttern – sehr schwer macht, eine Leistung auf höchstem Niveau zu erbringen. Hier würde es helfen, nicht nur auf die Zahlen, sondern vermehrt auf die Entwicklungsmöglichkeiten der betreffenden Person zu achten. Daneben müssen sich Arbeitgeber vor Augen führen, dass es für weibliche Kandidatinnen schlicht eine unnatürliche Situation ist, wenn in vielen entscheidenden Gremien nur Männer sitzen.

Sie waren über mehrere Jahre hinweg die einzige Partnerin im Management Ihrer Sozietät. Hat sich dies irgendwie auf die Zusammensetzung der Partnerschaft ausgewirkt?

Ich denke, das wird sich noch zeigen. Wir haben im Nachwuchs sehr viele talentierte Frauen. Wie die meisten der Wirtschaftskanzleien verlieren wir überdurchschnittlich viele Frauen auf dem Karrieretrack, etwa an die Justiz. Das ist sehr schade und hängt meines Erachtens viel damit zusammen, dass wir noch mehr Vorbilder schaffen und neue Wege für Frauen aufzeigen müssen. Als ich im Management war, haben wir für unsere Anwältinnen ein Coachingprogramm aufgesetzt zum Thema „Mut zur Karriere“. Das gibt es heute noch, auch wenn wir es inzwischen auch für unsere Anwälte geöffnet haben. Ich hoffe, dass wir schon bald sehen, dass das Programm bei unseren Anwältinnen Früchte trägt und wir schon sehr bald endlich Frauen aus dem eigenen Nachwuchs zu Partnerinnen machen können.

Was können Frauen insbesondere am Anfang Ihrer Karriere machen, um diese möglichst erfolgreich zu gestalten?

Das Gestalten und Planen einer Karriere von Anfang an finde ich schwierig, genau wie auch übergroßen Ehrgeiz bei jungen Kollegen und Kolleginnen. Man kann aber Einsatzbereitschaft zeigen, sich für weniger spannende Arbeiten nicht zu schade sein (und wenn man im schlimmsten Fall den Kaffee kocht) und immer einen Schritt weiterdenken, auch wenn man ungewöhnliche Wege beschreitet, um an das gewünschte Ziel zu kommen. Kurz gesagt: Den Kopf anschalten und bereit sein, alles zu geben. Daneben hilft es sicher, die Ohren offen zu halten und wissbegierig zu sein und die Freude am Leben nicht zu verlieren.

In einem anderen Interview gaben Sie an, nur einen Punkt in der Strafrechtsprüfung im Staatsexamen bekommen zu haben. Wie offen darf man im Berufsalltag mit seinen Schwächen oder einer schwachen Leistung umgehen? Gelten hier für Frauen besondere Maßstäbe?

Genau deshalb habe ich ja kein Strafrecht in meinen Beruf aufgenommen! Ich bin der Ansicht, dass wir uns alle viel zu wichtig nehmen. Das blockiert das Miteinander, das Schaffen von guten Lösungen und ich glaube, ehrlich gesagt, auch die Weiterentwicklung. Wie sollen junge Kollegen oder Kolleginnen den Mut finden, Karriere zu machen, wenn alle vor und über ihnen Giganten sind? Keiner ist ausschließlich ein Gigant! Das muss man doch zugeben und sich mal selbst auf die Schippe nehmen können.

Ob Frauen weniger Schwäche im Berufsalltag zeigen dürfen, weiß ich nicht. Aber ich glaube schon, dass Frauen noch immer durchschnittlich bessere Leistungen vorweisen müssen, um erfolgreich Karriere zu machen. Umso wichtiger ist es, dass sie wissen, dass sie auch mal eine Schwäche zugeben können.

Welchen Rat würden Sie jüngeren Juristinnen mitgeben?

Den Rat, insbesondere Mut zu haben, immer wieder durchzuatmen und Beharrlichkeit zu zeigen. Es wird keiner kommen und sagen: „Toll, dass Du da bist. Jetzt schauen wir mal, wie wir gemeinsam die Hürden beseitigen.“ Wobei ich glaube, dass auch das Leben männlicher Kollegen – gerade etwa, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht – nicht einfach ist. Insofern müssen wir gemeinsam daran arbeiten, die Welt zu verbessern und für mehr Respekt und Flexibilität werben.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Es gibt ganz viele Frauen, die einzigartig und fantastische Vorbilder sind. Sie einzeln aufzuzählen sprengt den Rahmen!

Vielen Dank für das spannende Interview und die persönlichen Einblicke!

Düsseldorf / Frankfurt am Main, 9. August 2018. Das Interview führte Nadja Harraschain.

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