Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Katharina Boele-Woelki im Porträt

 

"Seien Sie nicht zu ungeduldig. Irgendwann sind Sie dran."

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Katharina Boele-Woelki, Präsidentin der Bucerius Law School, über den Gestaltungsspielraum ihrer Position, guten Führungsstil, Reformbedarf in der deutschen Juristenausbildung sowie Ursachen und Lösungsansätze mit Blick auf die geringe Zahl an Jura-Professorinnen.

Frau Boele-Woelki, Sie sind seit Oktober 2015 Präsidentin der Bucerius Law School. Welche Aufgaben haben Sie seitdem neben Ihrer Professur?

Ich bilde mit zwei Geschäftsführern die Hochschulleitung und bin für das Akademische in der Lehre und Forschung verantwortlich.


Die Position als Präsidentin der Bucerius Law School gewährt Ihnen großen Gestaltungsspielraum. Welche Schwerpunkte haben Sie bzw. wollen Sie noch setzen?

Meine Schwerpunkte betreffen mehr Interdisziplinarität und mehr Internationalität in der Forschung. Dazu wurden Programme entwickelt, die sowohl von Professor_innen als auch vom juristischen Nachwuchs (Doktorand_innen und Habilitand_innen) genutzt werden können. Wir haben mit Forschungsanträgen und Auswahlkommissionen unsere eigene Exzellenzstrategie geschaffen. In der Lehre werden innovative Lehrformate ausprobiert, denn die Digitalisierung schafft spannende und gleichzeitig zeitsparende Möglichkeiten. Die Generation Y erwartet, dass wir mitziehen, wenn nicht sogar vorauseilen.

Was bedeutet für Sie als Präsidentin guter Führungsstil?

Transparenz und Inklusion sind für mich am wichtigsten. Ich höre aufmerksam zu, bereite wichtige Entscheidungen sorgfältig vor und ich bin auch bereit, eigene Ansichten und Entscheidungen zu revidieren. Ich behalte dabei die Effizienz und die Folgen im Auge. Ich spiele verschiedene Szenarien durch, um die Tragweite eines Standpunktes oder einer Entscheidung gut einschätzen zu können.

Ihr Schwerpunkt liegt im Internationalen Privatrecht und Familienrecht. Was fasziniert Sie an diesen Rechtsgebieten?

Ja, ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem internationalen und vergleichenden Familienrecht. 1996 habe ich mich dem europäischen Familienrecht zugewandt, weil dort ein neues Forschungsgebiet erarbeitet werden konnte. Die Experten im Internationalen Privatrecht beschäftigten sich nicht mit dem vergleichenden Familienrecht und viele Familienrechtler_innen waren weder an der Rechtsvergleichung noch am Internationalen Privatrecht interessiert. Mich fasziniert die Verknüpfung der drei Rechtsgebiete bzw. Methoden zu einem Ganzen. Es gibt viele Anwendungsbereiche. Darüber hinaus bietet sich die interdisziplinäre Forschung bei familienrechtlichen Beziehungen an, denn die Soziologen, Ökonomen und Psychologen beschäftigen sich mit denselben ‚life events‘. Daraus ergeben sich spannende Forschungskooperationen. Schlussendlich reizt mich am Familienrecht, dass jede(r) ohne besondere Rechtskenntnisse über die Probleme mitreden kann (insbesondere qualitative und quantitative Untersuchungen berücksichtigen diesen Umstand) und dass wir viele Fragen, die persönliche Beziehungen betreffen, versuchen zu beantworten. Familienrecht ist nicht nur Geldrecht.

Sie haben seit den 80er-Jahren in Utrecht geforscht und gelehrt. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, in die Niederlande zu gehen?

Ich habe einen Niederländer geheiratet, der sein niederländisches Schifffahrtsunternehmen nicht nach Deutschland verlegen konnte. Daher habe ich mich schon während meines Jurastudiums in Berlin beim Fachbereich Germanistik eingeschrieben und dort Niederländisch gelernt. So kam ich 1980 mit guten Sprachkenntnissen in den Niederlanden an. Sie haben mir bei der Erstellung meiner Dissertation zu einem Thema im Bereich des niederländischen internationalen Familienrechts sehr geholfen.

Warum wollten Sie Professorin werden?

Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte mich die Richterlaufbahn gleichfalls gereizt. So habe ich in Den Haag bei einem internationalen wissenschaftlichen Institut angefangen und der Weg war von da an vorgezeichnet.

An Universitäten gibt es immer noch weniger Professorinnen als Professoren. Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache dafür?

Erst seit wenigen Jahren haben wir in Deutschland die Genderfrage bei der Besetzung von Lehrstühlen auf dem Schirm und zwar in der Weise, dass es keiner besonderen Begründung mehr bedarf, warum sich eine Berufungskommission anstrengen sollte, eine Frau vorzuschlagen. Es wird in Zukunft besser werden. Auch eine kürzere oder längerfristige Teilzeitbesetzung von Lehrstühlen würde dabei helfen. In den Niederlanden ist das üblich. Dort gibt es allerdings auch keine Ausstattung mit „eigenen“ wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen, sondern eine Aufteilung der Fakultät in Departments. Aber die Entwicklung müssen wir im Auge behalten, denn die Zahlen sind heute noch konfrontierend und teilweise nicht nachzuvollziehen.

Was müsste sich ändern, damit es mehr Professorinnen an Universitäten gibt?

Die Juniorprofessuren mit tenure track finde ich eine gute Einrichtung. Sie ermöglichen Planung und geben mehr Sicherheit als die sechs Jahre Habilitationszeit. Ferner denke ich, dass Lehrprofessuren und Forschungsprofessuren - beides zeitweise - mehr Flexibilität bieten würden. Eine Wahlmöglichkeit wäre für Frauen wichtig.

Was raten Sie Juristinnen, die ebenfalls eine Karriere in der Wissenschaft anstreben möchten?

Seien Sie nicht zu ungeduldig. Gute Forschung und gute Lehre werden von Ihren Kolleg_innen und den Studierenden sehr schnell entdeckt. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeitsgebiete, seien Sie nicht ein Hans Dampf in allen Gassen, sagen Sie auch mal nein. Gehen Sie ins Ausland, um neue Eindrücke zu gewinnen und bauen Sie Ihr eigenes Netzwerk auf. Irgendwann sind Sie dran.

Gibt es allgemein etwas, auf das man als Frau in der Karriereplanung besonders achten sollte?

Fokussieren Sie sich auf Ihre Expertise und suchen Sie sich eine(n) Mentor(in). Mit dieser Person sollten Sie auch Ihre Bedenken und Ängste besprechen können. Ein(e) gute(r) Mentor(in) hält ja nur einen Spiegel vor. Dadurch gewinnen Sie selbst die für Sie wichtigen Erkenntnisse.

Was ist Ihrer Meinung das Wichtigste, das Jurastudierende während des Studiums lernen sollten?

Strukturen und Zusammenhänge erkennen. Jurastudierende sollten lernen, für jedes Problem eine Lösung erarbeiten zu können. Welche Gesetze sind einschlägig, welche Rechtsprechung ist relevant? Wie finde ich den Weg im Dickicht der Vorschriften, Interpretationen und Ansichten? Ferner geht das Jurastudium über die reine Rechtsanwendung hinaus. Erforderlich ist eine kritische Haltung, die das Recht hinterfragt und die neue Lösungsansätze entwickelt. Nur so bleibt das Recht in Bewegung, und es findet - wo notwendig - eine stetige Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen statt.

Sehen Sie einen Reformbedarf in der deutschen Juristenausbildung?

Ich habe 20 Jahre in den Niederlanden unterrichtet. Dort gibt es keine Staatsexamen, dennoch werden dort auch gute Jurist_innen ausgebildet. Es gibt also auch andere Wege, die nach Rom führen. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland war ich jedoch wieder von der Vielseitigkeit und Breite, die die Absolvent_innen der Bucerius Law School am Ende ihres Studiums vorweisen, beeindruckt. Der Examensdruck ist allerdings sehr hoch, während es an ausländischen Fakultäten viel entspannter zugeht. Ich könnte mir vorstellen, zwei Klausuren durch ein Essay zu ersetzen. Es geht schlussendlich um die Darstellung einer Diskussion, um die Abwägung von Argumenten und die Begründung des eigenen Lösungsansatzes. Das braucht nicht notwendigerweise mit der Lösung eines Sachverhaltes unter Beweis gestellt zu werden.

Sie sind unter anderem Vorsitzende der Commission on European Family Law und Präsidentin der International Academy of Comparative Law. Was haben Sie durch diese Ämter gelernt?

Ich habe gelernt, dass es auf internationaler Ebene genauso wie in der eigenen Organisation zugeht. Jede Stimme will gehört und ernst genommen werden. Einbeziehung aller ist nicht immer möglich, aber sollte der Ausgangspunkt sein. Protokolle und Hierarchien sind danach auszurichten. Als Vorsitzende und Präsidentin dieser beider Organisationen habe ich auch gelernt, nicht abzuwarten, bis etwas geschieht, sondern selber Initiativen zu ergreifen. Das wird auch erwartet. Entscheidungen müssen schlussendlich getroffen werden. Wichtig ist, die Verfahren deutlich zu erklären und Standpunkte zu begründen.

Hatten Sie ein Vorbild, das Sie auf Ihrem Weg inspiriert hat?

Ich hatte große Bewunderung für Jutta Limbach. An der FU Berlin hörte ich bei ihr Handels- und Gesellschaftsrecht. Bei einem der vielen Studentenstreiks hat sie in ihrer Vorlesung mit uns diskutiert. Das hat großen Eindruck auf mich  gemacht. Später hat sie sich als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts auch mit der Frage der Harmonisierung der Familienrechte in Europa beschäftigt. Wir haben uns darüber ausgetauscht. Sie hätte die erste Bundespräsidentin Deutschlands werden sollen. Leider ist es nicht dazu gekommen.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte und wieso?

Frau Limbach wäre bei breaking.through sicherlich dabei gewesen, wenn sie noch leben würde. Ich gebe den Stab weiter an Doris König, meine Vorgängerin an der Bucerius Law School und Richterin des Bundesverfassungsgerichts.

Vielen Dank für das spannende Interview und die persönlichen Einblicke!

Hamburg, 19. September 2018. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Boele-Woelki, hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen wurden von Jennifer Seyderhelm erstellt.

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