Nina Straßner, LL.M. im Porträt

„Ich habe aus beruflichen

und juristischen Fehlern mehr gelernt als aus jedem Erfolg.“

Nina Straßner, LL.M., Fachanwältin für Arbeitsrecht, Mediatorin und Head of Diversity and Inclusion für SAP Deutschland über den frühen Weg in die Selbstständigkeit, den Umgang mit Angst und die 30-Stunden-Woche.

Nina, seit 2019 bist Du Head of Diversity and Inclusion bei der SAP. Davor warst Du als Fachanwältin im Arbeitsrecht tätig. Was macht eine Head of Diversity and Inclusion und wie unterscheidet sich diese Tätigkeit von klassischen juristischen Berufen?

Zumindest unterscheidet sich meine jetzige Tätigkeit stark von der klassischen anwaltlichen Tätigkeit mit Gerichtsterminen, Aktenjonglage, dem an der Hand festgetackertem Diktiergerät und den ungeschriebenen Regeln im Miteinander in der Anwaltschaft. Anwält*innen denken in ganz besonderen Prozessschritten, in Wirtschaftlichkeit, in Durchsetzbarkeit und wir haben eine starke Dienstleistungsmentalität und Verantwortung gegenüber unserer Mandantschaft. Dazu kommt ein besonderes juristisches Faktenwissen und eine Fokussierung auf Sachlichkeit. Mit Ansprüchen auf der Grundlage von „Es geht mir ums Prinzip!“ können und wollen wir nicht arbeiten.

All diese Erfahrung braucht es in meinem jetzigen Beruf innerhalb eines Unternehmens aber durchaus auch und hat mir den Übergang leichter gemacht als gedacht: Meine „Kundschaft“ sind jetzt alle SAP Mitarbeitenden in Deutschland. Mein Team ist zentral wichtig für Erfolg und Misserfolg, dafür, eine inklusive und vielfältige Kultur zu schaffen und bestimmte Maßnahmen durchzusetzen. Wir brechen Strukturen auf und gehen in Verhandlungen, setzen Impulse. Nur gibt es eben am Ende – und hier liegt der größte Unterschied zu juristisch-personellen Tätigkeiten in Unternehmen – keine richterliche Entscheidung oder überhaupt einen Verfahrensgang. Und es geht sehr häufig ums Prinzip. Die Wege muss ich jetzt kreativ selbst finden, ohne BGB, mit Hilfe eines großen Teams und vielen Ideen und meiner bisherigen Erfahrung.

Welches Potenzial siehst Du in Deiner Position als Head of Diversity and Inclusion, um den Anteil von Frauen oberhalb der „gläsernen Decke“ langfristig zu erhöhen?

Die Position alleine bringt überhaupt gar nichts und ist leider auch manchmal ein Trend, um danach hinter einem Feigenblatt denselben Stiefel zu machen, wie vorher. Wenn keine*r im Unternehmen mitmachen will, die innere Einstellung und Offenheit für diese Themen nicht da ist, kein Problembewusstsein herrscht, wenn blockiert wird und hauptberuflich Bedenken von A nach B getragen werden würden, könnte ich auch den ganzen Tag in den Biergarten gehen und Stammtischreden halten. Es ist das Detail, der gut bestellte Boden, der bei der SAP da ist, diese Themen ernsthaft anzugehen und mal auszuprobieren, was alles geht, sonst wäre ich nicht zu einem Unternehmen gewechselt. Ich hatte ja keine Not, sondern Lust, die Themen, für die ich brenne, woanders sichtbar zu machen. Durch meine Position und mein großes Team ist sichergestellt, dass diese Themen rund um Vielfalt und Inklusion ein ernsthaftes Zuhause haben, einen besonderen Startpunkt. Hinter der Umsetzung steht aber die ganze HR Abteilung. Mein Potenzial steckt also in der Bearbeitung einer Kultur. Wir helfen, wir beraten, wir machen eine Räuberleiter, wir schaffen Aufmerksamkeit und stellen sicher, dass die Nachfolge-Planung, das „Pipelinebuilding“, divers ist und bei gleicher Eignung nicht etwa ein Mann aus stereotypen Gründen bevorzugt wird. Er soll eben wirklich der kompetentere Kandidat sein.

Darüber hinaus warst Du freiberufliche Dozentin, hast Deine eigene Kolumne in der Brigitte MOM und ein Buch geschrieben und verfasst den Blog „Juramama“. Wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Blog zu schreiben?

Ich hatte gerade das zweite Kind gefühlt das 34. Mal an diesem Tag gewickelt, saß mit Breiflecken auf dem T-Shirt irgendwo auf unserem hässlichen Spielteppich und schaute in das Gesicht meiner schwangeren Freundin und der Nachbarin in Elternzeit, die zusammen sogar noch mehr „Warum“ Fragen stellen konnte, als mein dreijähriger Sohn. Am Vortag hatten meine Kinder mal wieder einen Haftpflichtschaden bei Freunden verursacht, indem sie Orangensaft auf das Cordsofa kippten und Überraschungsei reinmassierten und so kombinierte ich diese beiden Eindrücke und meine aktuellen Kern-Skills in einem ersten Blogbeitrag: „Jura, Schreiben, Lehren und mit Kindern leben.“ Das waren auch für mich völlig neue Kombinationen und Sichtweisen auf das Arbeitsrecht, auf das bürgerliche Recht, auf alles eigentlich und damit bediente ich humorvoll und ehrlich eine Nische, die 2014 noch komplett fehlte. Daraus kam die Kolumne und dann das Buch 2017.

Bevor Du bei SAP angefangen hast zu arbeiten, hast Du zusammen mit Deinem Ehemann eine Kanzlei geführt. Ihr habt die Kanzlei kurz nach dem Berufsstart gegründet. Was hat Dich bewogen, so früh den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

Eigentlich eine frustrierende Verkettung von Umständen, die ich als Studentin niemals für möglich gehalten hätte. Ich war eine sehr gute Schülerin und Studentin, engagiert, motiviert und sehr schnell: Ich hatte mit 25 mein 2. Examen in der Tasche. Mein Mann war zeitgleich mit identischen Schwerpunkten fertig, sechs Jahre älter und ich war auf dem Papier etwas besser qualifiziert. Er wurde zu acht Bewerbungsgesprächen eingeladen – ich zu keinem. Das hat mich total unvorbereitet getroffen, ich war noch in diesem „Leistung setzt sich durch“ Modus. Ich hatte nur die zusätzlichen Hürden nicht auf dem Tacho, die ich nehmen muss, um mich durchzusetzen. Mein Namenswechsel fiel unangenehm auf, frisch verheiratet, ich war wohl damals einfach ein „Risiko“ – mein Mann nicht. Und in einem späteren Bewerbungsgespräch sagte der Personaler am Schluss: „Toll, Sie haben den Job! Dafür dass wir keine Frau einstellen wollten, haben Sie uns ja ganz schön um den Finger gewickelt.“ Da hatte ich endgültig keinen Bock mehr und mir war klar, dass mein Weg in die eigene Kanzlei führen wird. Allerdings ist das 15 Jahre her – ich denke da ist schon viel passiert.

Welche Hindernisse mussten Dein Mann und Du bei dieser frühen Kanzleigründung überwinden?

Abgesehen davon, dass man am Anfang ganz schön auf Sicht fliegt und sowas wie „Angestellte“ haben oder „Monatsabschluss“ völliges Neuland sind, waren die Rollenklischees teilweise krass. Ich wurde am Telefon häufig für die Assistenz meines Mannes gehalten. Mandanten fragten, ob sie „den HERRN Anwalt“ nochmal dazu sprechen können, dabei war ich die Expertin zu dem Mandat. Und ich wurde einfach ständig gefragt, was „eigentlich mit den Kindern ist“. Es wurde aber immer besser mit den Jahren und letzten Endes hat es sich ausgezahlt, da am Ball zu bleiben.

Welche Vor- und Nachteile hat eine „Familienkanzlei“?

Ich finde sie hat viel mehr Vorteile als Nachteile. Dieses „Paare sollten nicht zusammenarbeiten“, halte ich für ein Gerücht mit Hintergedanken. Genauso wie „Frauen können nicht zusammenarbeiten“ oder „Frauen trauen sich nicht.“ Man hat sich genauso viel oder genauso wenig zu erzählen, wie Paare in verschiedenen Berufen oder Lokationen. Der klare Vorteil: Mein Mann konnte mir nie ein X für ein U vormachen, ich wusste ja ganz detailgenau wie stressig sein Alltag ist und was geht, und was nicht geht. Das hat total geholfen, auch im Miteinander in anderen Bereichen. Dementsprechend lief die Aufteilung der Aufgaben zu Hause auch schneller rund und war für uns vielleicht sichtbarer.

Du hast in Deiner bisherigen Laufbahn immer wieder Neues ausprobiert – die Kanzleigründung, die Kolumne, der Blog, das Buch etc. Woher nimmst Du den Mut, immer wieder etwas Neues zu wagen?

Neugier ist das. Und ich glaube daran, dass es gut ist, immer ein kleines bisschen überfordert zu sein. Dann lernt man. Wenn man immer macht, was man schon gut kann, ist das zwar total stabil, aber für mich brauchte es immer irgendwie einen „next step".

Nina, Du schreckst nicht davor zurück offen auch Deine persönliche Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Themen preiszugeben. Was ist Dein Tipp für ein selbstbewusstes Auftreten?

 

Die schlichte Notwenigkeit das zu tun. Menschen machen sich immer ein Bild von einem, ob man will oder nicht. Dann male ich es doch lieber selbst, als dass ich es anderen überlasse, mir eins überzustülpen. Ich habe in letzter Konsequenz nur gute Erfahrungen damit gemacht, klar und ehrlich zu benennen, was aus meiner Sicht Sache ist. So lange man nicht behauptet, Angela Merkel sei ein Echsenmensch oder in Deutschland wäre die Meinungsfreiheit längst beerdigt, reagieren Menschen darauf positiv. Selbstbewusst auftreten bedeutet übrigens keinesfalls laut oder politisch oder aktivistisch zu sein. Es geht darum, selbst für sich ganz klar zu sein. In der Sache. In der Emotion. Selbstbewusst ist also auch, wer leise und zurückhaltend ist – man sollte eben nur selbstbestimmt leise und zurückhaltend sein.

Viele angehende Jurist*innen plagt die Angst zu scheitern und sie unterschätzen ihre eigenen Kompetenzen. Was würdest Du Berufseinsteiger*innen diesbezüglich raten?

Die Angst vor der Angst muss weg. Ich habe zum Beispiel ständig vor irgendwas Angst. Angst mich zu verzocken, Angst was zu verpassen, Angst vor Konsequenzen einer Entscheidung. Angst vor Magen-Darm Viren der Kinder. Völlig normal und ich glaube, die haben alle. Sie geben es nur nicht zu und nennen es dann „Risikofreunde“ oder „Entdeckergeist“. In Wahrheit ist doch diese „Angst vor dem Scheitern“ hauptsächlich aus „Respekt“ gespeist und ein Zeichen, dass man konzentriert ist und die Situation erfasst. Manchmal ist es auch einfach Empathie für die Bedeutung der Entscheidung für andere Menschen oder den eigenen Lebensweg. Wir Jurist*innen haben doch alles gelernt, was man für den Umgang mit der Angst vor dem Scheitern braucht: Die Systematisierung von Problemen.

 

Deswegen rate ich total unpopulär dazu, nicht soviel auf den Bauch zu hören, der hat manchmal nämlich einfach nur Hunger oder Lampenfieber. Verlasst Euch lieber darauf, dass ihr die Probleme schon systematisch lösen werdet, wenn sie denn dann überhaupt kommen. Hört lieber darauf, was Euch aufregt, im positiven Sinne: Wo liegt die Leidenschaft? Mach ich das, was ich plane zu tun, aus oder mit Passion? Zumindest in großen Teilen? Dann geht nichts schief, denn in Wahrheit wird man eh wahrscheinlich ein Leben nach nur besser im Scheitern. Ich hab aus beruflichen und juristischen Fehlern mehr gelernt als aus jedem Erfolg.

In einem Interview mit der SZ sprichst Du Dich für eine 30-Stunden-Woche aus. Welche Chancen siehst Du für die Gesellschaft in diesem Konzept?

Arbeit hat sich seit dem Ende meines Studiums so stark verdichtet, dass man dabei zusehen kann. Ich habe meine Hausarbeit noch im Computerraum der Bibliothek geschrieben, Internet hatte ich zu Hause nicht. Oder so ‘ne komische AOL CD und ein Modem mit Außerirdischengeräuschen. Banking, Reisebuchung, Erreichbarkeit, Information, Shopping – wofür ich vor einigen Jahren noch 2 Tage brauchte, reicht nun eine halbe Stunde im Wartezimmer bei der Kinderärztin. Wo ist diese Zeit? Sie ist nicht bei „uns“. Deswegen glaube ich, dass wir sozial nur funktionieren, wenn wir unserem Leben mehr Raum geben, so dass Arbeit sich wie Leben anfühlt. So bleiben wir gesund, neugierig, wir haben Zeit für Engagement und Ideen und das was wir sonst noch so lieben oder tun müssen. Ich hätte niemals eine junge Anwältin eingestellt, die kein aktives soziales Leben hat und 60 Stunden pro Woche reinhauen kann. Schon rein utilitaristisch betrachtet zieht das! Sie wird nur in der Interaktion mit anderen Menschen Mandate an Land ziehen, sich zeigen, ein Aushängeschild, eine Anlaufstelle, falls mal jemand Probleme hat.

Inwiefern ermöglicht das Homeoffice eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Wenn die Betreuung funktioniert, die Schulen und Kitas geöffnet haben, dann gibt das Homeoffice Eltern eine notwendige Flexibilität. Wenn ich an zwei oder drei Tagen die Woche in Ruhe zu Hause in die Tasten hauen kann, mir den Arbeitsweg und die Businessklamotte sparen kann, arbeite ich effektiv und kann sogar meine Arbeitszeit erhöhen. Zwei Stunden am Tag. Das macht an fünf Tagen die Woche schon aus zwanzig Stunden eine vollzeitnahe Tätigkeit. Oder gibt mir Raum, in der gesparten Zeit meine Eltern zu pflegen und einen Kuchen für das Buffett im Sportverein zu kaufen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte?

Ich finde Nina Diercks (Fachanwältin für IT Recht) macht einen großartigen Job auch auf Social Media!

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast! 

 

Walldorf, 13. August 2020. Nina Straßner beantwortete die Fragen schriftlich. Die Fragen stellte Dr. Ilka Beimel, die sich herzlich bei Simone Ruf für die freundliche Unterstützung beim Entwurf des Fragenkatalogs bedankt.

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