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Martina Farkas, LL.M., Maîtrise en droit im Porträt

„Einfach mal machen!”

Martina Farkas, LL.M., Maîtrise en droit, Partnerin im Bereich Corporate / M&A bei Linklaters LLP in Hamburg, über ihre Begeisterung am internationalen Arbeiten, den Mut zum Ausprobieren sowie ihr Modell zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frau Farkas, Sie sind seit kurzem Partnerin im Corporate / M&A bei Linklaters LLP in Hamburg. Wie sieht Ihr Alltag als Wirtschaftsanwältin aus?

Das Schöne ist, dass es keinen richtigen Alltag gibt. Jeder Tag ist anders. Das ist genau das, was mir an diesem Beruf Freude bereitet. Es ist immer sehr dynamisch. Oft schreibe ich mir abends eine To-Do-Liste für den nächsten Tag, um den Überblick über die anstehenden Themen zu bewahren. Wenn ich am nächsten Tag in das Büro komme, muss ich diese To-Do-Liste meistens adjustieren. Entweder weil neue Anfragen reinkommen oder es organisatorische Themen in der Kanzlei gibt, die umgehend gelöst werden müssen.

 

Was begeistert Sie an Ihrer Tätigkeit im Bereich Corporate / M&A?

Es gibt mehrere Aspekte, die mich daran so sehr begeistern. Einerseits ist es das flexible und agile Arbeiten, das dieser Bereich mir ermöglicht. Ich muss mich immer wieder in neue Materien einarbeiten, mit denen ich mich zuvor noch nicht ausführlich beschäftigt habe. In den Transaktionen sind immer wieder neue, exotische Jurisdiktionen involviert. Das führt dazu, dass ich jeden Tag etwas Neues über die unterschiedlichsten Rechtsordnungen lerne. So z.B. wie Anteile an indischen Gesellschaften übertragen werden, ob Boni an die GeschäftsführerInnen ausgezahlt werden können, oder wann man in China eine sog. „wet-ink“ Unterschrift braucht (und auch ob diese in schwarzer oder blauer Farbe zu erfolgen hat). Es sind sehr viele spannende Themen, die sich mir täglich stellen. Wenn ich dann abends nach Hause gehe, denke ich häufig: „Wow!“.

 

Auf der anderen Seite ist es die internationale Teamarbeit im Bereich Corporate / M&A, die mich begeistert. Die meisten unserer Transaktionen zeichnen sich dadurch aus, dass es sich bei den Unternehmen, die verkauft oder gekauft werden, um Unternehmen handelt, die eine Vielzahl von internationalen Gruppengesellschaften haben. Ein nationales Team arbeitet daher selten allein auf den Transaktionen. Vielmehr braucht es Unterstützung aus der ganzen Welt. Gerade an der letzten Transaktion, die ich begleitet habe, waren insgesamt 19 Jurisdiktionen beteiligt. Diese internationale Zusammenarbeit stellt einen vor diverse und ganz praktische Herausforderungen: So muss ich stets die Uhrzeit an den unterschiedlichen Standorten im Auge behalten (nicht immer findet sich sofort ein Termin für ein gemeinsames Telefonat mit chinesischen und amerikanischen KollegInnen), die Gepflogenheiten anderer Kulturen berücksichtigen und mein Wissen über andere Jurisdiktionen auffrischen.

 

An meiner Arbeit fasziniert mich auch, dass ich stets am Puls der weltweiten Wirtschaft mitarbeite. Ich sehe schnell die aktuellen Trends am Markt, z.B. gefragte Sektoren, Konsolidierung gewisser Industriesparten etc. Das so genau mitzubekommen, macht für mich die Arbeit als Rechtsanwältin im Bereich Corporate / M&A aus.

Sie haben an der Humboldt European Law School das Studium zur „Europäischen Juristin“ absolviert. Warum haben Sie gerade hierfür und nicht für das „klassische“ Jurastudium entschieden?

Das Grund- und Hauptstudium ist bei beiden Studiengängen identisch. Idealerweise absolviert man parallel zum Studium noch eine juristische Fremdsprachenausbildung, damit man das juristische Jargon von Anfang an mit erlernt. Die Besonderheit an der Humboldt European Law School ist, – zumindest als ich dort studiert habe – dass man im ersten Staatsexamen noch eine zusätzliche europarechtliche Klausur geschrieben hat. Nach dem ersten Staatsexamen gehört es zum Studienplan, dass man einen „Master of Laws“ in England und eine „Maîtrise en droit“ in Frankreich absolviert. Ich empfand es als sinnvoll, – gerade mit Blick auf mein Interesse am internationalen Arbeiten – im Rahmen meiner Ausbildung für einen längeren Zeitraum in andere Jurisdiktionen hineinzuschnuppern. Überzeugend fand ich auch, dass man jeweils einen Titel aus der Zeit im Ausland erwirbt. So ist für mein Gegenüber, der bzw. die möglicherweise aus dem Ausland kommt, ersichtlich, dass ich mich mit anderen Rechtssystemen auseinandergesetzt habe. Auch fand ich großartig, dass ich meine Sprachfähigkeiten in Englisch und Französisch „an der Quelle“ weiter vertiefen konnte. Diese Ausbildung hat mir ganz sicher den Weg geebnet, mich im internationalen Transaktionsgeschäft so sehr zu Hause zu fühlen. Ich bin froh darüber, dass ich trotz meiner nationalen Qualifikation einen Beruf gefunden habe, der es mir ermöglicht grenzüberschreitend mit KollegInnen aus der ganzen Welt zu arbeiten. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine öffentliche Übernahme auf Französisch begleitet. Ich glaube nicht, dass ich das hätte machen können, wenn ich nicht zumindest den sprachlichen Background gehabt hätte. Die französischen Mandanten haben es in jedem Fall sehr geschätzt. Eine [längere] Zeit im Ausland zu verbringen, kann ich jedem nur Empfehlen!

Warum haben Sie sich nach dem Referendariat für den Berufseinstieg in der Großkanzlei entschieden?

 

Nach dem Abschluss des zweiten Staatsexamens stand ich vor der Entscheidung, was ich zukünftig machen will. Für mich kamen sowohl ein Unternehmen als auch eine internationale Wirtschaftskanzlei für den Berufseinstieg in Betracht. Über die Entscheidung habe ich mir damals sehr viele Gedanken gemacht. Aus meiner heutigen Perspektive bereue ich etwas, dass ich mir im Referendariat den Arbeitgeber „Unternehmen“ nicht angeschaut habe. Im Nachhinein hätte ich mich im Referendariat bei der Auswahl der Stationen etwas breiter aufstellen sollen. Letztendlich habe ich mich für den Beruf der Rechtsanwältin entschieden. In der internationalen Wirtschaftskanzlei hatte mir die Arbeit im Referendariat bereits viel Spaß bereitet und ich wusste, dass dort mein Interesse an internationaler Arbeit bedient werden würde. Auch hat mich überzeugt, dass größtenteils auf Englisch und in internationalen, jungen und dynamischen Teams zusammengearbeitet wird. Viele meiner KollegInnen, mit denen ich damals gemeinsam angefangen habe, sind heute meine FreundInnen.

Was sind Ihre Tipps für ReferendarInnen mit Blick auf die Wahl von Referendariatsstationen?

 

Ausprobieren. Sich Dinge wagen. Experimentieren. Viele junge JuristInnen haben die Sorge, dass sie sich eines Tages bei einem bzw. einer Arbeitgeber/in bewerben und der rote Faden im Lebenslauf fehlt. Diese Sorge höre ich ganz oft im Rahmen des Mentoring-Programms von meinen Mentees. Sie fragen sich, welchen Schwerpunkt sie im Studium wählen, wo sie ein Praktikum machen oder welche Stationen sie im Referendariat absolvieren sollen, damit der rote Faden im Lebenslauf nicht verloren geht. Ich bin der Meinung, dass ein solcher roter Faden im Lebenslauf nicht erforderlich ist, um einen bzw. eine Arbeitgeber/in von sich zu überzeugen. Man sollte das Referendariat als Chance begreifen, in alle möglichen Fachbereiche hineinzuschauen und die Angst verlieren, etwas Neues auszuprobieren. Manchmal ist das, was man von vornherein für sich ausgeschlossen hat, am Ende doch genau das Richtige. Woher soll man auch wissen, was einem Freude bereitet, ohne es vorher ausprobiert zu haben. Viele kritisieren, dass sie doch schon wissen würden, was sie später beruflich machen wollen und daher beispielsweise die Station bei der Staatsanwaltschaft im Referendariat verschwendet sei. Das sehe ich anders. Die Stationen im Referendariat sind eine sehr überschaubare Zeitspanne und man bekommt einen ersten richtigen Einblick in die unterschiedlichen Facetten der Berufswelt. Und selbst wenn einem eine Station keinen Spaß gemacht hat, ist diese Erkenntnis ein Mehrwert. Für mich ist erst dann ein „roter Faden“ im Lebenslauf, wenn sich der bzw. die Bewerber/in auf etwas Neues eingelassen und über den Tellerrand geblickt hat.

Sie haben für vier Monate ein Secondment in der Rechtsabteilung der Continental AG absolviert. Was ist das Besondere an einem solchen Secondment?

Ich habe mich total gefreut, dass ich durch mein Secondment die Möglichkeit bekommen habe, einen Einblick in das Unternehmen zu bekommen. Insbesondere weil ich im Referendariat davon keinen Gebrauch gemacht hatte. Dieser Einblick war für mich als beratende Rechtsanwältin eine wahnsinnig wichtige Erfahrung. Ich konnte die Arbeit der Kanzlei plötzlich aus der Sicht des Unternehmens und der MandantInnen sehen. Hierdurch bekommt man sehr schnell den Überblick dafür, was z.B. eine gute von einer schlechten E-Mail abhebt. Im Unternehmen haben die Inhouse-JuristInnen häufig sehr viel Arbeit, die sie größtenteils allein bewältigen. Eine gute juristische Beratung für die Unternehmen muss nicht nur juristisch richtig sein, sondern für diese auch verständlich dargestellt werden. Man lernt, sich auf das Wesentliche zu beschränken und keine seitenlangen E-Mails zu verfassen. Auch mit Blick auf die „Narratives“, also unsere genauen Tätigkeitsbeschreibungen für die MandantInnen, hat sich mein Bewusstsein sensibilisiert. Als Rechtsanwältin dachte ich, dass der bzw. die Mandant/in ja wisse, was ich auf dem Projekt gemacht habe. Erst durch den Perspektivenwechsel musste ich feststellen, dass ohne detaillierte „Narratives“, eine Rechnungsprüfung durch den bzw. die Mandanten/in schlichtweg unmöglich ist. Wer was wann gemacht hat, wird für den bzw. die Mandanten/in nur dann nachvollziehbar, wenn dies ausführlich dokumentiert wird. Sehr bereichernd war auch generell der Einblick hinter die Kulissen des Unternehmens. Erst durch meine Zeit vor Ort habe ich mitbekommen, was im Hintergrund passiert und welche internen Gremien gewissen Maßnahmen zustimmen müssen. Diese Unternehmensstrukturen kennenzulernen empfand ich als sehr wertvoll, sowohl für mich persönlich als auch für meine Arbeit. Es war eine großartige Erfahrung!

Sie haben zwei kleine Kinder. Wie organisieren Sie den Alltag mit Beruf und Familie?

Letztendlich ist es immer ein Spagat zwischen Beruf und Familie. Ich habe mittlerweile einen sehr schönen Weg gefunden. Bei uns in der Familie ist der Morgen heilig; das ist die Zeit, wo wir die Ruhe und Muße miteinander haben. Das Handy klingelt nicht und ich vereinbare in der Zeit grundsätzlich keine Termine. So kann man sich sehr gut aufeinander einlassen und die Zeit intensiv und nachhaltig miteinander verbringen. Ich finde es wichtig, dass man am Tag Zeiten für sich findet, die man jeweils ausschließlich mit der Familie und dann auch dem Beruf verbringt. Tagsüber ist die Kinderbetreuung immer eine logistische Herausforderung und spielt eine wesentliche Rolle. Man kann Beruf und Familie miteinander verbinden. Es bedarf dafür aber Unterstützung – welcher Art auch immer. Es kommt mit kleinen Kindern und der internationalen Arbeit oft vor, dass man einen Plan B haben muss. Ganz allein bekommt man es meines Erachtens mit einer Vollzeitstelle auf Dauer nicht hin. Ich spreche mich sehr viel mit meinem Mann ab, wer wann da ist. Darüber hinaus haben wir auch familiäre Unterstützung. Mit diesem Netzwerk funktioniert der Spagat und man bleibt flexibel für einen ggf. spontan notwendigen Alternativplan am Tag.

Sie haben sich nach der Geburt Ihrer beiden Kinder jeweils dazu entschieden, wieder in Vollzeit zu arbeiten. Haben Sie den Eindruck, dass man sich als Mutter für diese Entscheidung oft rechtfertigen muss?

 

Ehrlicherweise leider ja. Ich muss mich für die Entscheidung, dass ich in Vollzeit arbeite, immer wieder rechtfertigen. Oft bekomme ich die Frage gestellt, warum ich in Vollzeit arbeite, wenn ich doch zwei kleine Kinder habe. Ich glaube es ist immer noch etwas, was in Deutschland nicht salonfähig ist. Wir sind derzeit noch in einem Transformationsprozess. Ich habe eine Mutter, die immer in Vollzeit gearbeitet hat und das auch heute noch tut. Für mich ist es etwas Selbstverständliches, dass eine Mutter in Vollzeit arbeitet. Dennoch habe ich nach der Geburt beider Kinder hinterfragt, ob es für mich der richtige Weg ist. Aufgrund der Vorprägung und der positiven Erlebnisse durch meine Mutter habe ich mich beide Male dazu entschlossen, wieder in Vollzeit einzusteigen. Ich wollte es selbst ausprobieren. Mit dieser Einstellung habe ich nie etwas bereut. Ich wusste zu den Zeitpunkten jeweils nicht, wie es ist in Vollzeit mit einem bzw. zwei Kind(ern) zu arbeiten. Woher auch? Klar hatte ich schon vorher in Vollzeit gearbeitet, aber da hatte ich auch noch die alleinige Kontrolle über die mir zur Verfügung stehende Zeit. Natürlich hatte ich mir manche Abläufe anders vorgestellt, als sie sich dann tatsächlich dargestellt haben. Hier gilt das Motto: „Trial and Error!“. Dennoch wünsche ich mir für meine Tochter, dass sie sich für ihre Entscheidungen nicht rechtfertigen muss. Ich glaube jedoch, dass das erforderliche Umdenken noch über Generationen andauern wird.

Im Vorgespräch haben Sie berichtet, dass Sie oftmals von anderen Frauen hören, dass sich das „teure Investment“ in eine umfassende Kinderbetreuung nicht „lohnen“ würde. Was meinen Sie damit und warum sind Sie der Auffassung, dass sich dieses Investment „lohnt“?

Das Investment lohnt sich, weil es ein Investment in die eigene Karriere ist. Viele meiner FreundInnen stecken das Geld, das sie verdienen, vollumfänglich in die Kinderbetreuung. Das ist ohne Frage ein hoher finanzieller Aufwand. Und natürlich kann man sich die Frage stellen, ob es sich lohnt, fast das gesamte Nettoeinkommen in die Kinderbetreuung zu investieren oder ob man nicht lieber zu Hause bei den Kindern bleibt. Das ist natürlich ein gangbarer Weg, das möchte ich nicht in Abrede stellen! Wenn man jedoch eine bestimmte Karriere anstrebt und das Ziel verfolgt, auch zukünftig, das heißt, wenn die Kinder größer werden, einen bestimmten Beruf auszuüben, sollte man nicht nur den Ist-Zeitpunkt betrachten. Man investiert das Geld in die Kinderbetreuung, um sich zu ermöglichen sich fortzubilden und weitere Berufserfahrung zu sammeln. Das ist meines Erachtens ein sehr sinnvolles Investment.

 

Letztlich muss man für sich immer abwägen, wie wichtig es einem ist, mit der Peergroup, mit der man zusammen den Berufseinstieg gewagt hat, mitzuziehen. Die Beförderungen für JuristInnen finden in der Regel in dem Zeitraum zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr statt. Das fällt nun einmal für viele JuristInnen mit dem Zeitpunkt der Familiengründung zusammen. An sich ist es für die eigene Karriere nicht relevant, ob man zwei bis drei Jahre zu Hause bleibt und dann wieder einsteigt. Das Thema Kinderbetreuung ist allerdings ein Thema, das Eltern über einen langen Zeitraum begleitet. Die Frage, ob man überhaupt wieder arbeiten geht, ob Vollzeit, Teilzeit oder mit unterschiedlichen Modellen, je nach Alter der Kinder, stellt sich sicherlich nicht nur einmal im Leben. Es sind unterschiedliche Lebensphasen, die möglicherweise auch eine unterschiedliche Gewichtung des Berufes erfordern. Die anderen aus der Peergroup, die ohne Pause weiter machen und nicht für einige Jahre aussteigen, erreichen ihre Ziele zwangsläufig schneller.

Gibt es einen Zeitpunkt in der Karriere, der sich für JuristInnen besonders gut für die Familiengründung eignet? 

Den einen richtigen Zeitpunkt gibt es nicht! Das gilt nicht nur für die Karriere in der internationalen Wirtschaftskanzlei, sondern ganz generell. Es passt nie und es passt trotzdem immer. Einige meiner FreundInnen haben bereits im Referendariat Kinder bekommen. Das war für mich damals unvorstellbar. Andere meiner KollegInnen wollten hingegen erst ihr Karriereziel erreichen und sich dann der Familienplanung widmen. Beides sind offensichtlich mögliche Wege. Viel entscheidender als der Zeitpunkt der Familiengründung ist zunächst, sich klar zu werden, ob man überhaupt eine Familie und Kinder will. Bejaht man diese Frage, sollte man sich weiter die Frage stellen, wo man im Leben hin will und ob man sich vorstellen kann, den Job, den man gerade ausübt, langfristig auszuüben. Ganz entscheidend ist, ob man eine(n) Partner/in hat, der bzw. die einen unterstützt. Ohne Unterstützung wird es nicht gehen. Das ist genau der Aspekt der Logistik, den ich vorhin ansprach. Nur weil ich weiß, dass meine Kinder in den besten Händen sind und sich jemand um sie in meiner Abwesenheit kümmert, kann ich mich überhaupt auf die Arbeit einlassen. Das mag alles vielleicht banal klingen. Es sind jedoch wichtige Fragen, über die man sich vor der Familiengründung Gedanken machen sollte.

Ihnen ist es wichtig, jungen JuristInnen als Mentorin zur Seite zu stehen. Was raten Sie jungen JuristInnen, die den Wunsch haben, Karriere in einer internationalen Wirtschaftskanzlei zu machen, aber nicht auf Familie verzichten möchten?  

Das Geheimnis des Erfolgs – wie auch immer man Erfolg im Leben definieren möchte – ist es, Dinge auszuprobieren. Die Zweifel der Mentees, die im Rahmen des Mentoring-Programms geäußert werden, wiederholen sich. Oftmals stellt sich ihnen die Frage, ob sie eine Karriere in der internationalen Wirtschaftskanzlei beginnen sollen, wenn sie doch später eine Familie und Kinder wollen. Sie haben Angst davor, unbekannte Wege zu beschreiten und was passiert, wenn die unterschiedlichen Themen schlussendlich nicht in Einklang gebracht werden können. Diese Gedanken hatte ich natürlich auch. Die Sorge, dass etwas nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt, betrifft ja nicht nur die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei allen Sachen, die man zum ersten Mal macht, ist mein Rat, die Dinge einfach mal auszuprobieren. Nur durch das Ausprobieren schafft man es, seine Ängste beiseitezulegen und die Hindernisse zu überwinden, die sich einem stellen. Ich habe fast jede sich mir bietende Chance ergriffen. Sich Sorgen stets vor Augen zu halten, blockiert vollständig in der Entscheidungsfindung und hält einen davon ab, Neues zu wagen. Und selbst wenn es mal schief geht: Hinfallen, aufstehen, weitermachen.

 

Ich beschreibe das im Mentoring immer mit einem fahrenden Auto. Die Mentees sollen sich ein Auto auf einer Straße vorstellen, die eine bestimmte Geschwindigkeitsvorgabe hat. Umso schneller man fährt, umso schneller erreicht man sein Ziel. Warum also sollte man nicht so lange wie möglich mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit fahren? Entweder wird einen jemand extern darauf hinweisen, dass es mit dieser Geschwindigkeit so nicht mehr weiter geht oder man merkt selbst auf dem Weg, dass das Geradeausfahren mit Höchstgeschwindigkeit nicht mehr so viel Spaß macht. Dann bietet sich einem die Möglichkeit mal rechts oder links abzubiegen. Auf dem Karriereweg sollte der Fuß nicht ohne Grund bzw. nur wegen Sorgen vom Gaspedal genommen werden. Ich glaube, indem man weiterfährt eröffnen sich viele Möglichkeiten, die sich einem sonst nicht gestellt hätten. Außerdem hat man immer die Möglichkeit abzubiegen. Aber Gas rauszunehmen, bevor es nötig ist, halte ich für den falschen Ansatz. Wir probieren zu selten aus! Die Worte von Sheryl Sandberg lauten dazu: „Don’t Leave Before You Leave“. Dieser Spruch hat mich im Leben sehr geprägt.

Im Vorgespräch haben Sie erwähnt, dass insbesondere Frauen ihre Kompetenzen häufig unterschätzen und damit ihrer Karriere selbst im Weg stehen. Was meinen Sie damit?

Meiner Beobachtung nach machen sich insbesondere Frauen zu viele Gedanken darüber, ob sie für den Job oder das Projekt qualifiziert genug sind. Durch diese Ängste stellen sie sich dann häufig nicht den Herausforderungen, die ihre Karriere voranbringen würden. Entscheidend ist nicht, dass man Dinge schon einmal vorher gemacht hat. Viel wichtiger ist es, sich Aufgaben zuzutrauen. Gerade mit Blick auf fachliche Aspekte gibt es immer wieder neue Themenkomplexe. Man kann sich in diese immer einarbeiten. Man muss es sich nur zutrauen! Wir sollten damit aufhören Projekte erst anzugehen, wenn die Begleitumstände perfekt sind. Die Begleitumstände werden nie zu 100% perfekt sein. Diese Angst und das Streben nach Perfektion sind meines Erachtens auch der Grund dafür, warum wir in Deutschland so wenig UnternehmerInnen haben. Ich plädiere dafür einfach mal anzufangen – auch ohne dass alles perfekt ist. Es bedarf zu Beginn nicht direkt eigener Büroräumlichkeiten, dem perfekten Businessplan oder MitarbeiterInnen, um ein Unternehmen zu gründen. Es geht um den Mut zum Ausprobieren! Das gilt für das gesamte Leben und nicht nur für die eigene Karriere. Man fühlt sich doch selten zu 100% vorbereitet, das war auch in den beiden Staatsexamina nicht anders. Das Motto ist auch hier: „Trial and Error!“. Am Ende ist es unabhängig vom Ergebnis eine – im Idealfall schöne – Erfahrung, an der man persönlich gewachsen ist!

Wie sind Sie mit Zweifeln hinsichtlich Ihrer Karriereentscheidung umgegangen?

Auch heute habe ich noch Zweifel. Das finde ich ganz normal. Was mir ungemein hilft ist mit anderen darüber zu reden. Je nach Thema spreche ich mit meiner Familie, KollegInnen und / oder FreundInnen. Man wird in den Gesprächen mit unterschiedlichen Ansichten konfrontiert und erkennt dann relativ schnell die Optionen. Die Entscheidung muss man jedoch am Ende selbst treffen. Schlussendlich ist das Entscheidende, dass man überhaupt eine Entscheidung trifft. Denn auch durch das Nichtagieren trifft man eine Entscheidung, nämlich eine Entscheidung gegen Veränderung! Ich entscheide mich im Zweifel immer fürs Ausprobieren. Manchmal geht das gut und manchmal auch nicht. Aber bevor ich ewig darüber nachdenke, probiere ich es lieber aus.

 

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Hier fällt mir Meltem Sener ein. Sie ist Referentin in der Unterabteilung Europa der Bundestagsverwaltung. Ich bewundere sie für ihren Mut, regelmäßig ihre Komfortzone zu verlassen und wie sie es schafft juristische Inhalte auf Twitter verständlich zu vermitteln. Daneben beaufsichtigt sie drei Kinder und behält bei all diesen sich ihr stellenden Aufgaben immer eine positive Einstellung.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Hamburg, 13. Oktober 2022. Das Interview führte Lina Runge.

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