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Armine Hosseinian

Armine Hosseinian im Porträt

„Wenn ich das geschafft habe, können das auch viele andere schaffen!”

Armine Hosseinian, Syndikusanwältin bei DNV in Hamburg, über ihre Faszination für Arbeitsrecht, das Netzwerk multikultureller Jurist*innen und die Revolution im Iran.

Sie sind Syndikusanwältin bei DNV, wie sieht ihre Tätigkeit im Alltag aus?

Spannend und meist unvorhersehbar. DNV ist mit sechs Geschäftsfeldern (Maritime, Business Assurance, Supply Chain & Produkt Assurance, Energy Systems, Digital Solutions und Accelerator) im deutschen Markt vertreten. Dabei hilft DNV beispielsweise durch die Zertifizierung von Schiffen und Offshore-Windparks bei komplexen Problemen und bietet Sicherheit und Assurance für diese physischen Anlagen und deren Daten. DNV beschäftigt in Deutschland knapp 1.300 Mitarbeitende, für die ich mit unserem HR-Team zuständig bin. Meine Tätigkeit umfasst hierbei insbesondere die Anpassung unserer Anstellungsverträge und Nachträge an aktuelle gesetzliche Anforderungen, Verhandlungen mit den Betriebsräten zum Abschluss von Betriebsvereinbarungen, Vertretung des Unternehmens in arbeitsrechtlichen Rechtsstreitigkeiten und die Lösung komplexer arbeitsrechtlicher Anfragen, die eine individuelle Betrachtung erfordern.

 

Sie haben die Weiterbildung zur Fachanwältin für Arbeitsrecht absolviert. Was hat Sie dazu bewegt?

Das Arbeitsrecht hat mich bereits seit den ersten Vorlesungen im Studium derart fasziniert, dass ich mich für den Schwerpunktbereich Arbeits- und Sozialrecht entschieden hatte. Diese Faszination war auch Beweggrund für die spätere Weiterbildung zur Fachanwältin im Arbeitsrecht. Schon vor meiner praktischen Tätigkeit als Rechtsanwältin wollte ich mir ein breites Wissen im Arbeitsrecht verschaffen.

Was fasziniert Sie am Fachbereich Arbeitsrecht?

Die Eröffnungswehen am Tag meiner Geburt setzten gerade ein, als meine Mutter auf dem Flohmarkt war. Ich scherze daher gern mit meiner in die Wiege gelegten „Bazar-Mentaliät“, die ich in den oft erforderlichen arbeitsrechtlichen Verhandlungen ausleben kann.

Tatsächlich haben wir in Deutschland jedoch knapp 40 Millionen angestellte Arbeitnehmer:innen, deren Alltag durch das zugrundeliegende Anstellungsverhältnis bestimmt wird. Mir war daher bewusst, dass ich mit dieser Expertise mit vielen Menschen in Kontakt treten und ihnen helfen kann. Darüber hinaus ist das Arbeitsrecht sehr stark politisch geprägt und unterliegt einem ständigen Wandel, der keine „täglich grüßt das Murmeltier“-Langeweile aufkommen lässt. Gekrönt wird dies durch die Rechtsprechung und richterliche Rechtsfortbildung des Bundesarbeitsgerichts, das eher an das englische Common Law erinnert.

Bevor Sie bei DNV angefangen haben, waren Sie in einer Kanzlei als Rechtsanwältin tätig. Was hat Sie zu dem Wechsel von der Kanzlei ins Unternehmen motiviert?

 

Während meiner Tätigkeit als Rechtsanwältin im Arbeitsrecht in der Kanzlei habe ich fachlich sowie menschlich viel gelernt. Durch den stetigen Kontakt mit Unternehmen habe ich jedoch bemerkt, dass ich die Möglichkeit haben wollte, Projekte von Beginn an mitzugestalten. Als Rechtsanwältin in einer Kanzlei war ich meist sehr spät Teil eines Projekts: Ich habe mich oft eher in die Lage einer Feuerwehrfrau versetzt gesehen, die versucht, einen Brand zu löschen, dessen Ausmaß ich bei einer früheren Einbeziehung hätte womöglich verhindern können. Die Tätigkeit als Syndikusanwältin im Unternehmen nehme ich ferner als „reinere Form der Interessenvertretung“ wahr, da ich Teil dieses Unternehmens bin, es kenne und mich mit der Unternehmensphilosophie identifizieren kann. Für mich ist DNV nicht nur eine von vielen Mandant:innen, sondern die Einzige. Unsere Unternehmensphilosophie beruht auf den Werten „we care, we dare, we share“. Dabei sind diese Werte bewusst als Verben ausgestaltet, um nicht nur schöne Worte, sondern Tätigkeiten mit ihnen zu verknüpfen. Es macht mich sehr stolz, mich mit dieser Philosophie zu identifizieren. Ich kann dadurch dazu beizutragen, unseren Mitarbeitenden, die durch ihre Arbeit unmittelbar Leben, Eigentum und Umwelt schützen, den Arbeitsalltag zu erleichtern.

Sie engagieren sich beim „Netzwerk multikultureller Jurist*innen e.V.“. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, ein solches Netzwerk zu haben?

 

Ein sehr wichtiger Faktor ist die Sichtbarkeit. Während meiner Schulzeit sah mir keine Lehrerin äußerlich auch nur ansatzweise ähnlich. Die einzigen Frauen, die mir ähnlich sahen, waren die Putzfrauen. Es gab mir als Kind ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Als ob ich mich noch so sehr bemühen könnte, mein Schicksal stünde doch schon fest. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass einige Menschen mit Migrationshintergrund in diese Vorurteile hineinleben. Der Rapper Xatar hat das in einem Interview einmal gut zusammengefasst: „Die Deutschen nannten mich einen Asi. Zu den Geburtstagen wurden alle eingeladen. Außer mir. Ich wurde dann der Asi, den sie wollten.“ Multikulturelle Netzwerke wie dieses, zeigen den Menschen, dass ein anderer Weg möglich ist und bieten Raum für einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Ich selbst komme aus zerrütteten Familienverhältnissen, habe einen alleinerziehenden Vater, bin ein Arbeiter:innenkind, habe mich mein gesamtes Studium über mit Nebenjobs über Wasser gehalten und es dennoch geschafft. Klingt vielleicht wie ein kitschiger Motivationsspruch, aber er ist wahr: Wenn ich das geschafft habe, können das auch viele andere schaffen.

Sie sind als junge Frau mit iranischen Wurzeln im Anwält:innenberuf immer noch Teil einer Minderheit. Wie erleben Sie das in Ihrem beruflichen Alltag?

In meinem beruflichen Alltag erlebe ich – bis auf die Tatsache, dass sich viele Personen mit der Aussprache meines Namens überdurchschnittlich schwertun – glücklicherweise kaum einen spürbaren Unterschied. Hin und wieder gibt es Vorfälle, wie Annahmen im Hinblick auf meine Religion, Erziehung oder Lebensweise, die mehr auf Unwissenheit als böser Absicht beruhen. Viele Menschen nehmen bei einigen Kommentaren nicht einmal wahr, dass eine Minderheit diese als verletzend wahrnehmen könnte. Hier ist es wichtiger, mit einem hohen Maß an Empathie in den Dialog zu gehen. Schließlich erwische ich mich auch hin und wieder selbst dabei, nicht frei von Vorurteilen zu sein.

Nun zu der aktuellen Lage im Iran: Sie beobachten die Lage aus Deutschland und haben auch Familie vor Ort. Können Sie die Situation dort für uns zusammenfassen?

Die Situation ist grauenhaft und surreal. Ich weiß, dass wir mittlerweile – auch aus emotionalem Selbstschutz – beinah immun sind, wenn wir Bilder von hungernden Kindern aus Afrika mit aufgeblähten Bäuchen sehen, Bilder aus dem Ukrainekrieg und nun auch noch die Bilder aus dem Iran. Die Situation dort ist für die Iraner:innen allerdings verheerend. Das iranische Regime hat bereits mindestens 360 unbewaffnete Demonstrant:innen getötet, darunter auch viele Kinder wie Kian Pirfalak, der lediglich zehn Jahre alt war, als ihn am 16. November 2022 eine Kugel auf offener Straße in die Brust traf. Es gibt Bilder, die seinen leblosen Körper auf dem Asphalt liegend zeigen. Es sind Bilder wie diese, die ich nie wieder vergessen werde. Das Regime hat bereits das Internet blockiert, damit die Außenwelt nicht mitbekommt, dass sie unschuldige Demonstrat:innen töten. Sie haben erste Todesurteile gegen Demonstrant:innen ausgesprochen und bereits über 16.000 Menschen festgenommen. Wenn wir aufhören hinzusehen, wird das Regime nicht aufhören, bis sie jeden Einzelnen von ihnen getötet haben.

Können Sie die Stellung von Frauen im öffentlichen Leben im Iran, die zu der Revolution geführt hat, zusammenfassen?

 

Frauen werden im Iran massiv unterdrückt. Insbesondere dürfen Männer ihre Ehefrauen ungestraft vergewaltigen und häusliche Gewalt anwenden. Vor Gericht zählt die Aussage einer Frau nur halb so viel, wie die eines Mannes und Frauen müssen sich verschleiern. So haben auch die derzeitigen Proteste begonnen: Die 22-jährige Jina Mahsa Amini wurde von der iranischen Sittenpolizei festgenommen, da trotz eines Kopftuches angeblich zu viel ihrer Haare sichtbar gewesen sein soll. Sie kam in Gewahrsam und ist kurze Zeit später verstorben. Die iranische Regierung behauptet, Jina Mahsa Amini sei an Herzversagen verstorben. Indizien deuten jedoch auf massive Gewaltanwendung hin, weshalb die Iraner:innen eine Aufklärung der Todesumstände forderten. Die durch diese Forderung entstandenen Proteste halten nunmehr seit bereits zwei Monaten an und sind durch die weiteren Toten und Verletzten in eine Revolution umgeschlagen, die den Sturz dieses Mullah Regimes fordert.

Wie zugänglich sind juristische Berufe und die juristische Ausbildung im aktuellen System für Frauen im Iran?

Durch das im Iran angewandte Rechtssystem der Scharia sind Frauen auch im Hinblick auf die Ausübung der juristischen Berufe stark benachteiligt. So dürfen Frauen Jura studieren, können aber nicht Richterinnen werden. Lediglich in den Familiengerichten sind Frauen als Beisitzerinnen zugelassen und inhaltlich auch oft für den Fall verantwortlich. Das Urteil darf allerdings nur ein Mann aussprechen. Vor den Zivilgerichten – wo die Anwesenheit einer Frau nicht üblich ist – sind die Richter zudem meist offenkundig frauenfeindlich.

Was wünschen Sie sich persönlich von Ihren Mitmenschen, die selbst keinen persönlichen Bezug zum Iran haben? 

Die Iraner:innen, die ich kenne, freuen sich über jede Form der Anteilnahme. Am besten dadurch, dass sie hier in Deutschland mit auf Solidaritätsdemonstrationen gehen. Als ich mit meiner Familie am 22. Oktober 2022 zur großen Demonstration nach Berlin gereist bin, an der knapp 100.000 Menschen teilgenommen haben, waren die Iraner:innen besonders gerührt von den Menschen ohne iranische Wurzeln, die sich der Demonstration angeschlossen hatten. Auch das Teilen von Beiträgen, die auf die Lage im Iran aufmerksam machen und den politischen Druck erhöhen, ist sehr hilfreich. Zudem gibt es eine Petition von der Organisation Háwar.help, in der elf Forderungen an die Bundesregierung hinsichtlich ihrer Iranpolitik gestellt werden. Unter anderem werden hier eine sofortige Aussetzung von Ausweisungen iranischer Staatsbürger:innen, keine politische Zusammenarbeit mehr mit Lobbyist:innen des iranischen Regimes und die Dokumentation der Menschen- und Frauenrechtsverletzungen durch die UN und andere unabhängige Organisationen gefordert.

Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik und der Öffentlichkeit?  

Das Thema noch mehr in den öffentlichen Fokus zu rücken und die von Frau Baerbock angekündigte feministische Außenpolitik durchzusetzen, indem die Frauen- und Menschenrechte über Wirtschaftsinteressen gestellt werden. Im Iran gehen vor allem junge Frauen auf die Straße und riskieren tagtäglich ihr Leben. Die Aussicht, weiterhin in diesem Land ohne Freiheitsrechte zu leben, erscheint ihnen nicht mehr lebenswert. Es ist an uns, ihnen beizustehen. Für Frauen. Leben. Freiheit.

Gibt es noch etwas, was Sie zu diesem Thema mit unseren Leser:innen teilen wollen?

Wir sind alle müde – ich weiß. Ich bin es auch, wenn ich in den Medien nur die negativen Nachrichten sehe. Um es mit den Worten von Enissa Amani in der letzten Folge der Anstalt vom 15. November 2022 zur politischen Lage im Iran zu sagen: „Selbst als Betroffene haben wir Tage, wo wir müde sind hinzusehen und darüber zu sprechen. Aber was bleibt uns übrig? Wir müssen hinsehen. Wir müssen darüber sprechen. Im Hier und im Jetzt“.

Welche (iranische) Juristin hat Sie so inspiriert, dass Sie sie für breaking.through nominieren würden und warum?

Die Juristin Anahita Thoms inspiriert mich durch ihre Beiträge, die voller Empathie, Menschlichkeit und Cleverness sind. Sie hat bereits ein Porträt auf breaking.through. Weiterlesen

Vielen Dank für das spannende Interview!

Hamburg / Berlin, 21. November 2022. Die Fragen stellte Anna Isfort.

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