Dr. Lucina Berger im Porträt

"Nicht zu früh im Hinblick auf mögliche Herausforderungen oder Roadblocks aufgeben!"

Dr. Lucina Berger, LL.M., Partnerin bei Hengeler Mueller, über das Studium an einer Ivy League-Universität, Herausforderungen bei der Organisation als Familie mit zwei voll berufstätigen Eltern sowie den Einfluss von Kindern auf das Berufsleben.

Lucina, Du wurdest Anfang 2017 zur Partnerin bei Hengeler Mueller ernannt. Wie viel Zeit verbleibt für Dich seither noch für die beratende anwaltliche Tätigkeit neben dem Business Development, das man als Partnerin bzw. Partner betreiben muss?

Die Tätigkeit als Partnerin bei Hengeler Mueller zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass wir den Stift nicht mit der Assoziierung fallen lassen. Kern unserer Tätigkeit und unseres Selbstverständnisses ist die anwaltliche Tätigkeit. Erfolgreiche anwaltliche Arbeit ist die beste Form des Business Developments. Und gleichzeitig die, die mir persönlich am meisten Spaß macht.


Du berätst Mandanten im Bereich Gesellschaftsrecht, insbesondere mit den sehr unterschiedlichen Schwerpunkten Kapitalmarktrecht, klassisches Gesellschaftsrecht und M&A-Transaktionen. Welcher dieser Schwerpunkte macht Dir am meisten Spaß und wieso?

Trennscharf lassen sich diese Bereiche nicht voneinander abgrenzen und jeder Bereich hat seinen eigenen Reiz. Im Bereich der M&A Transaktionen reizen mich in erster Linie öffentliche Übernahmen und Zusammenschlüsse börsennotierter Unternehmen.

Dein erstes Praktikum in einer Großkanzlei hast Du bereits vor Beginn Deines Studiums absolviert. Wusstest Du damals schon, dass Du Jura studieren möchtest und hast Dich deshalb für das Praktikum entschieden? Oder hat Dich vielmehr das Praktikum für die Juristerei begeistert?

Das Praktikum habe ich unmittelbar nach meinem Abitur in einer Großkanzlei in Berlin absolviert. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass ich Jura studieren werde. Das Praktikum hat mir aber auch ohne juristische Kenntnisse gezeigt, wie spannend die Tätigkeit in einer wirtschaftsberatenden Kanzlei sein kann. Ich bin bis heute dankbar dafür, dass mir diese Möglichkeit auch ohne Vorkenntnisse eingeräumt wurde.

Du hast einen LL.M.- und einen Doktortitel erworben. Konntest Du in deiner bisherigen Karriere jeweils einen spezifischen Nutzen Deiner Titel erkennen?

Doktorarbeit und LL.M. habe ich schon damals nicht mit konkreten Karrierezielen verbunden. Bei der Doktorarbeit hat es mir einfach Freude gemacht, mich mit einer Fragestellung intensiver auseinanderzusetzen und eine Weile an der Universität tätig zu sein. Das LL.M.-Programm war eine willkommene Gelegenheit, über den Tellerrand hinauszublicken und ein unvergessliches Jahr zu erleben. Die Erfahrungen aus diesen Abschnitten meines Lebens bringe ich natürlich in mein Berufsleben ein.

Deinen LL.M. hast Du in Yale absolviert. Unterschieden sich Anspruch und Leistung der Studierenden dort tatsächlich maßgeblich von den Studierenden, die Du an deutschen Universitäten während Deiner Ausbildung erlebt hast?

Die Yale Law School ist eine fantastische Universität und ich blicke auf die Zeit in New Haven sehr gerne zurück. Auch an deutschen Universitäten habe ich ausgesprochen leistungsfähige Studenten, Mitarbeiter und Professoren erlebt. Natürlich mag es sein, dass die deutlich strengeren Zulassungsvoraussetzungen und die hohen Studiengebühren dazu führen, dass der Anspruch an das persönliche und fachliche Fortkommen an der Yale Law School im Durchschnitt etwas höher ist.

Als e-fellows-Mentorin begleitest Du schon seit mehreren Jahren junge Juristinnen und Juristen durch ihre Ausbildung. Gibt es einen bestimmten Rat, den Du schon mehrfach geben konntest?

Der häufigste Rat gegenüber jüngeren Juristinnen war vermutlich, Dinge nicht zu früh im Hinblick auf mögliche künftige Herausforderungen oder Roadblocks aufzugeben.

Hast Du selbst formelle oder informelle Mentoren oder Mentorinnen während Deiner Karriere gehabt? Falls ja, wie hast Du sie gefunden?

Bei Hengeler Mueller hatte ich von Anfang an das Glück, eine meiner heutigen Partnerinnen als Mentorin an meiner Seite zu haben, die über die Jahre sicher meine wichtigste Sparring-Partnerin war und bis heute ist. Daneben haben sich über die Zeit eine Vielzahl eher informeller Mentoren eher zufällig herauskristallisiert, ohne dass ich aktiv danach gesucht hätte.

Wie seid Ihr als Familie organisiert um die Berufstätigkeit von Dir und Deinem Mann mit dem Familienleben zu vereinbaren?

Mein Mann und ich arbeiten in Vollzeit und bemühen uns darum, unsere Kinder möglichst gleichberechtigt zu erziehen (was manchmal besser und manchmal schlechter klappt). Zusätzlich haben wir eine wunderbare Kinderfrau und unsere Kinder gehen vormittags in den Kindergarten. Bei Bedarf helfen uns zusätzlich unsere lieben Babysitterinnen.

Was empfindest Du dabei als größte Herausforderung? Wie gehst Du mit dieser um?

Eine große Herausforderung ist jedes Abweichen von der üblichen Routine. So können Kinderkrankheiten, Kindergartenschließzeiten, der Ausfall unserer Kinderfrau oder berufliche Abwesenheiten den Alltag stark durcheinanderwirbeln. Gute Back-up-Lösungen, etwa durch mehrere flexible Babysitterinnen, sind dann wichtig.

Du hast Dich nach der Geburt Deiner beiden Kinder für Deinen Beruf jeweils dazu entschieden, wieder in Vollzeit zu arbeiten. Ist Dein Eindruck, dass man sich als Mutter für diese Entscheidung oft rechtfertigen muss?

Zum Glück habe ich persönlich keine negativen Erfahrungen damit gemacht. Wenn es um das Thema geht, ist es mir immer wichtig, zu betonen, dass das nach meiner Auffassung eine sehr persönliche Entscheidung ist, die jeder für sich und mit seiner Familie treffen muss. Ein Richtig oder Falsch gibt es dabei nach meinem Eindruck nicht.

Haben sich Deine Kinder schon mal auf eine Deiner Mandantenbeziehungen ausgewirkt? Falls ja, inwiefern?

Natürlich gibt es hin und wieder die Situation, dass ich von zuhause aus arbeite und eines meiner Kinder platzt überraschend in eine Telefonkonferenz rein. Meist führt das allenfalls zu leichter Heiterkeit am anderen Ende der Telefonleitung. Schlechte Erfahrungen habe ich damit bisher nicht gemacht. Im Gegenteil scheint mir grundsätzlich bei Mandanten und Kollegen das Verständnis dafür sehr groß zu sein.

Hengeler Mueller hatte lange Zeit auch im Vergleich zu anderen Großkanzleien nur sehr wenige Partnerinnen. In den letzten Jahren hat sich die Situation etwas gebessert. Siehst Du einen bestimmten Grund dafür, wieso es in der Vergangenheit nur so wenige waren?

Darüber könnte ich nur spekulieren. Ich bin jedenfalls froh, dass wir jetzt eine zwar nach wie vor vergleichsweise kleine, aber sehr schlagkräftige und nette Gruppe an Partnerinnen sind. Und wenn ich die vielen tollen weiblichen Associates bei Hengeler Mueller sehe, habe ich auch keinen Zweifel daran, dass sich der Anteil an Partnerinnen in den nächsten Jahren weiter erhöhen wird.

Hat sich der Anteil der Anwältinnen bei Dir in der Kanzlei seit Deinem Einstieg im Jahr 2009 insgesamt maßgeblich verändert? Falls ja, macht sich das auch gelegentlich auf Mandaten bemerkbar?

Statistisch kann ich das nicht beurteilen. Gefühlt ist der Anteil der Anwältinnen bei Hengeler Mueller in dieser Zeit sehr stark gestiegen. Insbesondere in den letzten zwei Jahren habe ich auf mehreren großen Transaktionen gearbeitet, auf denen das Hengeler-Team ausschließlich aus Frauen bestand. Für mich waren das großartige Erfahrungen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Cornelia Topf von Gleiss Lutz ist ein tolles Beispiel dafür, dass man parallel zur Tätigkeit als Partnerin in einer Großkanzlei im anspruchsvollen M&A-Bereich eine Familie und zahlreiche ehrenamtliche Engagements und persönliche Interessen unter einen Hut bekommen kann.

Vielen Dank für das spannende Interview und die persönlichen Einblicke!

Frankfurt, 27. August 2018. Dr. Berger, LL.M., hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Nadja Harraschain.

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