Brigitte Zypries im Porträt

"Wenn man die Möglichkeit hat, weiterzukommen, muss man springen."

Brigitte Zypries, ehemalige Bundesministerin für Wirtschaft und Energie sowie der Justiz, über JuristInnen in der Politik und Männer, die zu Hause nicht nur grillen.

Frau Zypries, als ehemalige Bundesministerin der Justiz sowie für Wirtschaft und Energie können Sie auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Politikerin zurückblicken. Wie kamen Sie zur Politik?

Politisch engagiert war ich ab der Mittelstufe als Klassen- und Schulsprecherin, im Landesschülerrat, später, an der Uni, im ASTA. Nach dem 2. juristischen Staatsexamen wurde ich Regierungsrätin z.A. in der Rechtsabteilung der hessischen Staatskanzlei. Als Verfassungsrechtlerin interessierte mich diese Schnittstelle zwischen Recht und Politik natürlich. Nach drei Jahren beim Bundesverfassungsgericht wechselte ich in die niedersächsische Staatskanzlei, wo ich sechs Jahre lang unter Gerhard Schröder arbeitete. Über ihn kam ich dann zur Bundespolitik, als er Kanzler wurde.


Unter den Bundestagsabgeordneten fällt auf, dass traditionell überproportional viele Juristinnen und Juristen vertreten sind. Wie sehr haben Sie während Ihrer Karriere davon profitiert, Juristin zu sein?

Natürlich hat man als Juristin anderen etwas voraus: Man kann Gesetzestexte formulieren und auslegen und erlernt einen besonderen Umgang mit der Sprache. Das ist auch für politische Kompromisse nützlich. Und für die Bundesministerin der Justiz war das 2. Staatsexamen quasi Voraussetzung… :-))

Braucht es besondere Eigenschaften, um als Politikerin oder Politiker erfolgreich zu sein? Falls ja, welche sind das?

Man darf die Bodenhaftung nicht verlieren und muss sich immer wieder zurückkoppeln an die Menschen, die man vertritt. Außerdem muss man gut schlafen können – dann, wenn man Zeit dafür hat (lacht)! Hinreichendes Selbstbewusstsein ist wichtig. Man darf sich nicht gleich persönlich angegriffen fühlen, wenn man kritisiert wird.

Sie sind, wenn auch nur für relativ kurze Zeit, die erste Bundeswirtschaftsministerin Deutschlands gewesen. Haben Sie den Weg damit erfolgreich dafür geebnet, dass ein weiteres, der bisher faktisch für Frauen verschlossenen Ressorts für Frauen geöffnet ist?

Es gibt keine Ressorts, die für Frauen verschlossen sind. Frauen können alles! Dies deutlich zu machen, war ein Schwerpunkt meiner Amtszeit. #StarkeFrauenStarkeWirtschaft und das Manifest für Frauen in der Wirtschaft dokumentieren das.

Hatten Sie je das Gefühl, es als Frau in einer Hochschulgruppe, in Ihrer Partei, der Politik oder auch was die Berichterstattung durch die Medien angeht schwieriger zu haben als männliche Kollegen?

Nein, nicht wirklich. Als Verwaltungsbeamtin war es in den neunziger Jahren sogar vorteilhaft, eine Frau zu sein, denn Frauen wurden in der Verwaltung gesucht. Die Politik ist in ihrer ganzen Struktur allerdings schon sehr männlich geprägt und natürlich habe ich mich an der einen oder anderen Stelle auch sehr über unpassende Kommentare geärgert.

Haben Sie einen Rat an junge Frauen, die in die Politik gehen möchten?

Ich habe einen Rat an alle jungen Frauen, die Karriere machen möchten, sei es in der Politik oder in anderen Bereichen: Wenn man die Möglichkeit hat, weiterzukommen, muss man springen. „Ein Teil allen Talents ist die Courage“ sagt Berthold Brecht. Also: zupacken und machen. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, netzwerken Sie und lernen Sie, sich zu behaupten!

In deutschen Parlamenten sind Frauen immer noch stark unterrepräsentiert. Dies gilt ebenfalls für Parteimitgliedschaften. Woran liegt das?

Ein Drittel der Mitglieder der SPD sind weiblich – und damit liegen wir ziemlich weit vorne. Ehrenamtliche Politik kostet richtig viel Zeit und das ist für Frauen, die traditionell noch immer deutlich mehr Familienarbeit übernehmen, ein Problem. Ein weiterer Grund ist sicher auch, dass viele Parteien, anders als die SPD, intern keine Frauenquote haben. Deswegen gilt meine erste Forderung den Parteien: Interne Frauenquoten sind wichtig!

Und dann müssen wir auch über eine Quote für den Deutschen Bundestag reden.

Was muss geschehen, um den Frauenanteil in der Politik auf allen Ebenen zu erhöhen? Brauchen wir in Deutschland ein Paritégesetz?

Ein Paritégesetz ist eine Überlegung wert. Ich bin eigentlich kein Fan von Quoten. Aber wenn wir seit Jahrzehnten Änderungen fordern und sich nichts tut, ist es Zeit für eine Quote. Bei den Aufsichtsräten hat das ja auch geholfen.

Als Staatssekretärin und als Bundesministerin haben Sie jahrelang Führungsverantwortung innegehabt. Haben Frauen einen anderen Führungsstil als Männer und können Männer von diesem etwas lernen?

Ich weiß es nicht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass viele Frauen diskursiver sind und andere an Entscheidungen stärker beteiligen. Aber es gibt auch viele Gegenbeispiele! Es ist wohl eher eine Frage des Charakters als des Geschlechts.

Welches Gesetz oder welche Maßnahme hat aus Ihrer Sicht während Ihrer Amtszeit als Justizministerin den größten Fortschritt für die Gleichstellung von Männern und Frauen gebracht?

Die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern war bereits durchgesetzt. Aber durch die Neuregelung des Versorgungsausgleichs haben wir eine bis dahin mittelbar frauendiskriminierende Regelung abgeschafft.

Was muss noch passieren, um Frauen und Männer in Deutschland in allen Belangen tatsächlich gleichzustellen?

Tja, wenn ich das wüsste. Solange Frauen einen größeren Anteil an der Familienarbeit übernehmen als Männer, kann sich nichts ändern. Kindererziehung und Erwerbstätigkeit müssen paritätischer zwischen Frauen und Männern aufgeteilt werden. Das Wort „Rabenmutter“ muss verschwinden. Es ist wohl ein langer gesellschaftlicher Prozess auf beiden Seiten: Viele Frauen müssen mehr Spaß am Beruf finden. Und viele Männer müssen lernen, dass auch die Familienarbeit Spaß macht, die über das Grillen hinausgeht.

Sie engagieren sich seit Jahren in der Antidiskriminierungspolitik, insbesondere im Bereich LGBT-Rechte. Stoßen Sie hier auf ähnliche Herausforderungen und Widerstände wie im Bereich der Gleichstellung von Männern und Frauen?

Es sind vielfach doch andere Probleme. Für divers aufgestellte Teams allerdings braucht man beide und in beiden Bereichen erkennen viele Unternehmen inzwischen, dass sie von mehr Diversity profitieren.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Lore Maria Peschel-Gutzeit, Christine Hohmann-Dennhardt und Jutta Limbach gehören zu den Frauen, die mir immer sehr großen Respekt abgenötigt haben.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Berlin / Brüssel, 24. September 2018. Das Interview führte Nora Wienfort.

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