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Krystyna Okoye-Montis Portrait

Prof. Dr. Krystyna Okoye-Montis im Porträt 

 

"Love it, change it or leave it."

Prof. Dr. Krystyna Okoye-Montis, Rechtsanwältin, Professorin, Unternehmensberaterin, Mentorin und Speakerin, über ihren Werdegang, unkonventionelle Entscheidungen und ihre Idee, echten Wandel in Hochschulen, Organisationen und der juristischen Branche herbeizuführen.

Krystyna, Du warst über sieben Jahre in der Justiz und zunächst als Richterin am Sozial- bzw. Arbeitsgericht für das Land Niedersachsen tätig. Wie hast Du die Arbeit dort erlebt?

Immer: sehr eigenverantwortlich, rechtlich abwechslungsreich und gesellschaftlich bedeutsam. Zu Beginn: herausfordernd, juristisch und menschlich anspruchsvoll, mit einer steilen Lernkurve. Später: teilweise redundant, wenig gestalterisch, nicht nachhaltig genug.

Danach warst Du Referatsleitung in der Senatsverwaltung für Justiz für das Land Berlin. Wie war die Umstellung vom Richteramt in die Verwaltung?

 

Die Umstellung war nicht schwierig, weil ich in der Senatsverwaltung zunächst genau die Umgebung vorgefunden habe, die ich im Gericht vermisst habe. Mein Team zeichnete sich durch eine hohe Diversität aus, war recht progressiv und zukunftsorientiert. Das Referat Vielfalt in der Justiz, das ich aufgebaut habe, hatte einen großen Gestaltungsspielraum und war fast so etwas wie ein auf nachhaltige Maßnahmen ausgerichteter Think Tank innerhalb der Justizverwaltung. Es hat große Freude gemacht, Teil davon zu sein und zu erleben, dass einiges möglich ist, wenn man nur will.

War es für Dich denn schon immer ein klares Ziel, in die Justiz zu gehen und Richterin zu werden?

Nein, nach dem Abitur war mir nur klar, dass ich etwas mit Sprache machen wollte und habe nach einem Praktikum bei ProSieben zunächst mit der Medienbranche geliebäugelt. Ich hatte dann die Wahl zwischen einem Studium der Kultur- und der Rechtswissenschaften. Nach einer intensiven Überlegungsphase habe ich mich für Recht entschieden. Die Idee mit der Justiz und konkret der Arbeitsgerichtsbarkeit entstand erst nach ein paar Jahren im Versicherungskonzern und nachdem ich Mutter geworden bin. Auch aufgrund meiner Funktion, in der ich den rein männlich und weiß besetzten Vorstand juristisch beraten habe (der übrigens sehr nett war – no offense), fragte ich mich, welches Bild ich insbesondere meinen Töchtern vermitteln will. Es erschien mir wichtig zu demonstrieren, dass eine Schwarze Frau eine Entscheidungsposition in unserer Gesellschaft einnehmen kann. Rückblickend glaube ich, dass für mich nicht einmal im Vordergrund stand, dass ich das mache, sondern ich habe es gemacht, weil ich diese offensichtliche Lücke füllen wollte.

Warum hast Du Dich nach diesen zehn Jahren im Jahr 2024 dazu entschieden, der Justiz den Rücken zu kehren und Rechtsanwältin und Professorin zu werden?

Ich hatte das Gefühl, dass die Justiz nicht mehr das richtige Umfeld für mich ist. Ich hatte nie Angst vor Veränderung, im Gegenteil. Dinge zu tun oder nicht zu tun, weil man das eben so macht, überzeugt mich nicht. Ich höre da eher auf meine Intuition und frage mich, was der richtige nächste Schritt ist. Was nicht bedeutet, dass mir die Entscheidung nicht schwerfällt. Ganz konkret fehlten mir noch mehr örtliche und zeitliche Unabhängigkeit, Innovation, ein inspirierendes Umfeld und die Möglichkeit nicht nur zu entscheiden, sondern auch Denkweisen und Strukturen zu verändern.

War das nicht ein Schritt ins absolut Ungewisse?

Ich hatte das Privileg, dass ich bereits die Zusage für eine feste Stelle als Professorin an einer privaten Hochschule hatte. Dies war bewusst gewählt, denn damit bestand die Möglichkeit der nebenberuflichen Selbständigkeit und -verwirklichung, die im öffentlichen Dienst so nicht möglich ist. Natürlich hatte ich auch Zweifel. Andererseits hoffte ich, dass mir die Arbeit als Arbeitsrichterin und Mentorin – ich hatte nebenberuflich eine Ausbildung gemacht und erste Erfahrungen gesammelt – mir auch als Rechtsanwältin im Arbeitsrecht helfen würde.

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Du hast Dich nicht nur für den Rechtsanwält:innenberuf, sondern auch für die Selbstständigkeit entschieden und NNEO gegründet. Was ist das Besondere an der Kanzlei und was hat es mit dem Namen auf sich?

Ich war zunächst etwa ein Jahr allein selbstständig und habe im Arbeitsrecht beraten und bei beruflichen Veränderungen begleitet. Über den Verein Afro-Deutsche Jurist:innnen und gemeinsame Freunde habe ich dann meinen Co-Founder und Kanzleipartner von NNEO, Arinze Odenigbo, kennengelernt, der bis dahin ebenfalls allein selbständig war. Sein Schwerpunkt lag im Gesellschaftsrecht, er kam aus der Start-Up-Szene und wir hatten den ähnlichen Ansatz, Menschen bei ihrem nächsten Schritt zu begleiten. Als wir auf das Thema Kanzlei-Set Up kamen, stellten wir schnell fest, dass wir auch da ähnliche Vorstellungen hatten.

 

Außerdem hatten wir einige Gemeinsamkeiten, da unsere beiden Väter in ihrer Jugend aus Nigeria nach Europa zum Studieren kamen. Der Name NNEO ist angelehnt an dieses Heritage. Er ist abgeleitet vom Wort „Nneoma“, das in Igbo für Fürsorge, Gemeinschaft, Stärke und Liebe steht.

Wolltet ihr mit der Kanzlei, deren Bedeutung und Euch, als Schwarzen Kanzleiinhaber:innen ein Zeichen setzen?

 

Ich denke, etwas Symbolhaftes schwingt immer mit, wenn man aus unserer Position heraus etwas Neues wagt. Das war schon bei dem Einstieg in die Justiz so und das ist es wohl auch mit der Kanzleigründung.

 

Es geht uns aber vor allem darum, für unsere Mandantschaft nahbar zu sein und Rechtsberatung verständlich zu gestalten. Es ist uns wichtig, dass wir unsere Talente optimal einbringen können und die Kanzlei so führen, dass sie auch für zukünftige Mitarbeitende eine gute Arbeitsumgebung bietet.

Fast zeitgleich hast Du nochmal gegründet. Wie kam es zu der Idee von wigotyu und was möchtest Du mit wigotyu erreichen?

 

Wigotyu ist aus der eigenen Erfahrung heraus entstanden. In meinem Arbeitsleben hatte ich öfter Situationen, bei denen ich Störgefühle oder Irritationen empfunden habe, aber niemanden, den das interessiert hat oder mit dem ich darüber hätte offen sprechen können. Das waren vor allem zwischenmenschliche und organisatorische Themen, deren Einfluss auf die tägliche Arbeit meistens unterschätzt wird. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass wir solche Dinge aufgreifen, da sie Strukturen prägen und hier Impulse „Bottom Up“ genauso wertvoll sind wie „Top Down“.

Mit wigotyu begleiten wir Hochschulen und Unternehmen als externe, unabhängige AGG-Stelle und Antidiskriminierungsberatung. Das Besondere ist, dass wir juristische Antidiskriminierungsexpertise mit psychologischen Hintergründen und Organisationsperspektive verbinden. Unsere Beratung basiert insbesondere darauf, was uns Studierende, Mitarbeitende und Lehrende in einem vertraulichen und dauerhaft vorhandenem Space anvertrauen, in dem psychologische Sicherheit herrscht. Wir stehen ihnen als direkte Sparringspartner:innen zur Seite und tragen die Themen anonymisiert und rein inhaltlich an die Organisation heran. Wir agieren also anhand konkreter Herausforderungen der Organisation. Dabei bleibt es nicht wie üblicherweise beim Coaching lediglich bei einer individuellen Einzellösung, sondern wir ermöglichen echte strukturelle Veränderung, weil die wichtigen Themen zur Kenntnis der Organisation gelangen.

Es ist erwiesen, dass zum Beispiel Frauen oder unterrepräsentierte Gruppen sich häufig nicht einbringen und lieber schweigen, obwohl sie einen besonderen Blick haben und Innovation vorantreiben könnten.

Mit wigotyu als Brücke erkennen die mit uns verpartnerten Hochschulen und Unternehmen unmittelbar, worauf sie ganz konkret reagieren sollten, um Talente zu halten, Nachwuchs zu gewinnen und zukunftsfähig zu bleiben. Alle sprechen immer von Zugehörigkeit, psychologischer Sicherheit, Potentialentfaltung und Innovationsfähigkeit. Mein Unternehmen wigotyu ist das Tool dafür – mit Schwerpunkt auf Hochschulen und Organisationen, die Antidiskriminierung und Strukturwandel wirklich ernst nehmen wollen. Mein Wunsch ist, dass auch die Rechtsbranche diese Themen als zentrale Elemente von Professionalität, Verantwortung und Zukunftsfähigkeit versteht.

Was ist Deine persönliche Strategie, um berufliche Lebensentscheidungen zu treffen, die oftmals auch beängstigend sein können? 

 

Ich versuche einfach ehrlich mit mir zu sein und würde behaupten, dass ich recht reflektiert bin. Wenn sich etwas nicht mehr richtig anfühlt, ich es nicht positiv verändern kann und merke, dass ich mich nach etwas anderem sehne und dieses Gefühl über längere Zeit anhält, dann muss ich darauf hören. „Love it, change it or leave it“, fasst es für mich ganz gut zusammen. Und im Zweifel wähle ich die mutigere Variante.

Konntest Du Dir während Deines Studiums schon vorstellen, dass Du heute dort stehst, wo Du jetzt stehst? Hattest Du Vorbilder oder Inspirationen? 

 

Ich hatte überhaupt keine Vorstellung. Im Studium ging es mir erst einmal darum, gut durchzukommen, Studieren und Arbeiten in Einklang zu bringen, gute Examina zu schreiben und es irgendwie zu schaffen, mir die Wahlstation in New York zu finanzieren.

 

Ob ein Job passt oder nicht hängt von so vielen Faktoren ab. Den Aufgaben, dem Team, dem Ort, der Vergütung. Bei mir war es immer so, dass ich einen Job erst einmal tatsächlich machen musste, um wirklich zu wissen, ob es passt oder nicht. Jetzt in der Selbstständigkeit kann ich auf diese Faktoren selbst Einfluss nehmen und das gefällt mir und passt zu mir.

 

Mir sind im Arbeitsleben viele Menschen begegnet, die mich in bestimmten Aspekten inspiriert und auch unterstützt haben. Da die Lebensgestaltung jedoch sehr individuell ist, habe ich stets versucht, mir selbst ein bisschen ein Vorbild zu sein. 

Wie wichtig findest Du es – auch als Schwarze Person – Vorbilder zu haben?

 

Ich finde Vorbilder generell sehr wichtig. Leider gibt es in Deutschland im juristischen Bereich noch zu wenig Menschen, mit denen sich Frauen, People of Colour oder Menschen mit Migrationsgeschichte identifizieren können. Mindestens genauso wichtig wie Vorbilder finde ich aber auch eine Community, in der man sich offen austauschen und unterstützen kann. Für mich sind Vorbilder und Inspiration überall vorhanden und ich finde, dass wir viel aus anderen Disziplinen lernen können, wie z.B. aus der Kunst, Literatur oder Musik. 

 

Du bist auch sehr aktiv auf Social Media Plattformen, wie LinkedIn. Wie wichtig findest Du die Nutzung solcher Plattformen für das berufliche Fortkommen?
 

Da muss ich typisch juristisch mit „Es kommt darauf an“ antworten. Es kommt darauf an, was man erreichen möchte. Viele Jurist:innen verzichten bewusst auf Social Media und das ist völlig in Ordnung. Mir persönlich ist es wichtig, mich Entwicklungen nicht zu verschließen, Dinge auszuprobieren und mit meiner Dienstleistung ein bisschen über das klassisch Juristische hinauszugehen. Da ich auch Mentoring anbiete, empfinde ich es als Vorteil, wenn ich mich mit meiner Persönlichkeit zeigen kann, damit meine Klient:innen entscheiden können, ob es auch menschlich passen könnte. Zudem möchte ich mit der Sichtbarkeit Mut zu mehr Authentizität in der Rechtsbranche machen.

 

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Es gibt sehr viele Frauen, die ich bewundere und die mich auf meinem Weg inspiriert haben. Zum Beispiel Caroline Schlienkamp, Personalvorständin bei der Talanx, Dr. Charlotte Sander, Partnerin bei Deloitte Legal, Ta-Som Helena Yun, Richterin und Romanautorin, Dr. Anja Seidenadel, ehemalige Richterin, nun Rechtsanwältin und Mediatorin. Und Ingrid Yeboah , die erste selbständige Schwarze Rechtsanwältin, die ich kannte und die mir Mut zur Selbständigkeit gemacht hat, aber sie wurde zum Glück schon längst von euch interviewt.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Berlin/Augsburg, 8. März 2026. Prof. Dr. Krystyna Okoye-Montis hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Tamara Buchmann.

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