Katharina E. Gangnus

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Katharina E. Gangnus im Porträt

„Man steht sich selbst im Weg, wenn man jeden beruflichen Rückschlag persönlich nimmt.“

Rechtsanwältin, juristische Personalberaterin und Gastgeberin des Podcasts "LWYRD!" Katharina E. Gangnus über die Vielfalt des juristischen Berufs und den Mut, auch Schritte abseits des stringenten Karrierewegs zu machen.

Liebe Frau Gangnus, normalerweise stellen Sie die folgende Frage als Einstieg in Ihren Podcast „LWYRD!“. Heute frage ich Sie: Warum haben Sie damals Jura studiert?

Der Berufswunsch kam bei mir bereits mit etwa 8 Jahren gleich nach Kellnerin und Balletttänzerin auf, hatte damals sicher also noch keinen konkreten Hintergedanken. Im Laufe der folgenden Jahre hörte ich immer mal wieder den Satz „So wie Du argumentierst, solltest Du Anwältin werden!“ und daher habe ich mich dann in der Oberstufe konkret mit dem Ablauf des Jura-Studiums und den Inhalten auseinandergesetzt, um festzustellen, dass ich mich perspektivisch tatsächlich als Juristin sehe. Dass sich das später dann noch einmal ein wenig verändert hat, konnte ich ja damals noch nicht ahnen...

Nach Ihrem Ersten Staatsexamen haben Sie eine zweijährige Jurapause eingelegt, bevor Sie ins Referendariat gestartet sind. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht und wie kam es dazu?

Eine richtige Jurapause würde ich das nicht nennen, aber von vorn: Ich hatte ehrlich gesagt bereits nach dem Ersten Staatsexamen zum ersten Mal die Überlegung, etwas anderes zu machen, als einen klassischen juristischen Beruf auszuüben. Ich habe mich daher z.B. auf das Management Traineeship bei der Lufthansa beworben – nur um festzustellen, dass mir an dieser Stelle die Betriebswirte was das hierfür erforderliche Wissen angeht, voraus waren. Also habe ich diesen Plan schnell wieder verworfen und mich auf einen Referendariatsplatz in Hamburg beworben, der aufgrund der in einem Stadt-Staat wenigen verfügbaren Plätze immer mit einer Wartezeit verbunden ist. Diese habe ich genutzt, um zunächst in einer mittelständischen Wirtschaftskanzlei in Hamburg zu arbeiten und Führungen im Hamburger Rathaus für Touristen, aber auch Staatsgäste zu geben. So konnte ich auch meine Sprachkenntnisse weiter nutzen und ausbauen. Da ich aber auch immer politisch interessiert und engagiert war (und noch heute bin), habe ich im Anschluss ein Jahr im Deutschen Bundestag als Wissenschaftliche Mitarbeiterin von Wolfgang Bosbach gearbeitet, der zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender des Innenausschusses war.

Was hat die Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für einen Bundestagsabgeordneten ausgezeichnet?

Das hängt immer sehr von dem Abgeordneten und seiner inhaltlichen Ausrichtung ab. Im Büro Bosbach war ich einerseits für die Wahlkreisarbeit und alle hier aufkommenden Anfragen zuständig, d.h. ich habe Post von Bürgern aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis für Herrn Bosbach in enger Abstimmung mit ihm beantwortet. Das waren dann wirklich Fragen, die aus der Basis kommen, wie z.B. „Warum haben wir in Deutschland überhaupt ein föderalistisches System?“ oder „Warum hat der Deutsche Bundestag so viel mehr Abgeordnete als das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten?“. Darüber hinaus habe ich die Themen für den Innenausschuss inhaltlich mit vor- und nachbereitet und das hatte viel mit Jura zu tun. Letztlich habe ich Herrn Bosbach in seinem Alltag z.B. im Ausschuss und in der Fraktion begleitet, seine Termine organisiert, Fernsehauftritte und Interviews vorbereitet und durfte bei Illner, Will & Plasberg nicht nur einmal in der ersten Reihe sitzen. Das war insgesamt unheimlich spannend. Überhaupt übt der Deutsche Bundestag eine faszinierende Atmosphäre aus, die mich total gepackt hat. Am Ende meiner Zeit bot man mir tatsächlich die Büroleitung an, die zu diesem Zeitpunkt gerade vakant wurde – und ich habe mich schweren Herzens dagegen entschieden. Weil dieses Jahr mir nämlich vor allem eins gezeigt hat: Dass man als Juristin langfristig so viele Möglichkeiten hat, was die Berufswahl angeht, aber auch, dass es noch wesentlich mehr sind, wenn man Volljurist(in) ist. Daher habe ich dann mit neuem Elan das Referendariat in Hamburg begonnen, mit dem Zweiten Staatsexamen abgeschlossen und diese Entscheidung nie bereut.

 

Sie sind als Rechtsanwältin zugelassen, arbeiten aber als juristische Personalbearbeiterin – also keine klassische juristische Tätigkeit. Warum ausgerechnet dieser Berufszweig und was kann man sich darunter vorstellen?

Für mich macht es dieser Beruf möglich, mein inhaltliches juristisches Wissen mit Marktkenntnissen und dem Austausch mit Persönlichkeiten zu vereinen. Inhaltlich muss ich die Bedürfnisse meiner Kunden erfassen können, die mich mit der Besetzung einer Vakanz in einem bestimmten Fachbereich beauftragen. Das heißt, ich muss mehr als nur ein paar Stichwörter kennen, wenn es darum geht, z.B. einen Kandidaten für den Bereich M&A zu finden. Das wird dann auch im Dialog mit den Kandidaten wichtig, die ich für diese Vakanz anspreche, da ich für meine Kunden die in Frage kommenden Kandidaten auf die fachliche und persönliche Eignung im persönlichen Gespräch screene. Marktkenntnis bedeutet in diesem Job, zu wissen, wo geeignete Kandidaten für eine Vakanz potentiell sitzen, wie welche Kanzlei und/oder Rechtsabteilung „tickt“, wie die Gehaltsstrukturen jeweils sind etc. Das erfordert kontinuierliche persönliche Weiterbildung. Und letztlich geht es, zumindest für mich, in diesem Beruf nicht darum, Lebensläufe von A nach B zu schieben sondern auch auf der menschlichen Ebene den passenden Kandidaten für eine Vakanz zu finden und umgekehrt. Das erfordert eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten auf beiden Seiten und das macht für mich letztlich den Reiz an diesem Beruf aus.

Wie sieht ein klassischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich bin ein sehr organisierter Mensch, d.h. dass ich mir bereits am Vorabend den nächsten Tag strukturiere. Wenn z.B. ein Kunde auf mich zukommt, um Unterstützung bei der Besetzung einer Vakanz zu bekommen, erhalte ich im Vorfeld ein Jobprofil und ein paar grundsätzliche Informationen. Dann vereinbart man ein Treffen/einen Call mit dem Kunden, in dem der Suchprozess und das Kandidatenprofil sowie die sog. „commercial conditions“ im Detail besprochen werden. Ich erstelle dann eine Zusammenfassung für mein Team, die mich bei der Suche unterstützen und mache mich daran, geeignete Kandidaten zu screenen, anzusprechen, zu treffen und bei Interesse an der Vakanz im Rahmen eines ausführlichen Kandidatenprofils dem Kunden vorzustellen. Ich begleite also den kompletten Suchprozess, die Bewerbungsgespräche (d.h. ich führe Vor- und Nachgespräche mit allen Kandidaten und dem Kunden) und letztlich unterstütze ich oft sogar den Abschluss des Anstellungsvertrages. Hinzu kommen allgemeine Sondierungsgespräche mit Juristen, die erstmal nur einen Marktüberblick haben möchten. Jeder Tag ist anders und ich mag diese Abwechslung und das interaktive Element, das einen Großteil meines Alltags ausmacht.

Was raten Sie jungen Juristinnen, die sich für eine Karriere als juristische Personalberaterin interessieren?

 

Idealerweise sollten Sie zunächst praktische Erfahrungen als Anwältin sammeln, denn nur wenn Sie wissen, wie ein Anwalt/eine Anwältin arbeitet und wie das Umfeld aussieht, können Sie meiner Meinung nach eine Premium- Beratungsleistung erbringen. Zudem erleichtert es den Zugang zu Kunden und Kandidaten, wenn man „auf Augenhöhe“ miteinander spricht. Wichtig ist zudem, kommunikativ zu sein und kontinuierlich ein Netzwerk auf- und auszubauen, auf das Sie zurückgreifen können.

Netzwerke spielen ja in vielerlei Hinsicht eine große Rolle für beruflichen Erfolg, insbesondere auch bei Jurist*innen. Wir baut man sich ein gutes Netzwerk auf?

Auch wenn es selbstverständlich klingen mag, sind hierfür meiner Meinung nach grundlegende Werte des Miteinanders der Schlüssel – allen voran Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Authentizität. Gehen Sie auf diejenigen Leute zu, die Sie wirklich spannend finden und/oder von denen Sie einen Rat o.ä. haben möchten. Seien Sie kommunikativ. Suchen Sie sich einen Anknüpfungspunkt zum Gesprächspartner, damit der Erstkontakt auch mit einem/einer Fremden leicht fällt. Halten Sie in der Folge den Kontakt, das ist heutzutage über die sozialen und beruflichen Netzwerke ja leichter als je zuvor. Tun Sie umgekehrt auch gerne mal jemandem einen Gefallen, wenn er/sie Sie darum bittet, vielleicht sind Sie in einigen Jahren dankbar für eine Gegenleistung. Netzwerke bilden sich nicht durch Opportunismus und Sie erfordern viel persönliches Commitment. Hat man aber erst einmal eine solide Basis aufgebaut – und damit kann man nie früh genug beginnen - wächst diese in der Regel im Laufe der Berufsjahre kontinuierlich und man kann davon immens profitieren.

Im Oktober 2020 haben Sie Ihren Podcast „LWYRD!“ gestartet. Auf dem täglich wachsenden Podcast-Markt fällt es ja schwer, den Überblick zu behalten. Was macht „LWYRD!“ aus?

In der Vorbereitung habe ich mich genau das gefragt und dabei festgestellt, dass es einige inhaltliche Jura-Podcasts gibt, die sich z.B. mit aktuellen politischen Themen juristisch auseinandersetzen oder aber Berufsbilder für Berufseinsteiger vorstellen. Oft steht dahinter auch ein Corporate. Was es aber m.E. nicht gab: Eine unabhängige Plattform, die kurzweilig und informativ zeigt, wie vielfältig die Juristerei ist und dabei den Fokus auf die jeweilige Persönlichkeit des Gesprächspartners legt. Ich habe in meiner Karriere so viele spannende Juristen/Juristinnen kennengelernt, die ihre persönliche Geschichte zu erzählen haben, dem soll LWYRD! eine Plattform geben, weil ich glaube, dass dies Inspiration und Motivation für viele Berufskollegen/-innen sein kann. Begleitet werden diese sog. „Insights“ von kurzen Episoden, den „Wake-Up Calls“ in denen ich meine Erfahrungen und Tipps aus Sicht einer juristischen Personalberaterin zur Karriereplanung gebe. Letztlich spreche ich in meinen „Internationals“ mit entweder deutschen Juristen, die nicht in Deutschland arbeiten oder in englischer Sprache mit ausländischen Juristen darüber, wie sich Ihr Weg von dem uns bekannten hier in Deutschland unterscheidet.

Sie sind Mutter eines Sohnes. Wann ist der richtige Moment, ein Kind zu bekommen?

Das vermag ich nicht zu sagen, denn ich bin davon überzeugt, dass das jeweils eine sehr individuelle Entscheidung ist, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen. Wir wollten uns beispielsweise zunächst noch ein wenig die Welt anschauen, unsere Zweisamkeit genießen und unabhängig sein. Eltern werden und sein ist neben vielen anderen Faktoren nämlich auch eine tägliche Challenge für die Partnerschaft - das erfordert viel Stabilität in der Beziehung, bedingungsloses Vertrauen sowie viel und ehrliche Kommunikation. Zudem fing ich erst im Jahr 2014 an, als Rechtsanwältin zu arbeiten und mir war es wichtig, dass ich nach der vergleichsweise langen juristischen Ausbildungszeit auch erst einmal im Berufsleben Fuß fasse und simpel gesagt auch einige Jahre Geld verdiene. Da ich mich dann bereits nach relativ kurzer Zeit weg von der klassischen Juristerei hin zur Personalberatung entwickelt habe, hatte ich mir hier einen ungefähren Zeitraum von 3 Jahren gesetzt, in denen ich mich in diesem Job etablieren und mir das hierfür nötige Netzwerk aufbauen wollte, das idealiter bis zu einem Kinderwunsch so stabil sein sollte, dass es eine Elternzeit „verkraftet“. Denn in meinem Job kommt man nach der Elternzeit eben nicht zurück und es legt einem jemand eine Akte auf den Tisch, sondern die Arbeit ist eine Konsequenz des Business Developments das ich persönlich jeden Tag betreibe. Tue ich nichts, passiert auch wenig, man fängt nach der Elternzeit also erstmal wieder bei null an. Das Gefühl, dass es sich JETZT richtig anfühlt, kam dann quasi fast über Nacht.

Anfang des Jahres 2019 haben Sie nach Ihrer Elternzeit eine neue Herausforderung angefangen als Sie mit einem persönlichen Schicksalsschlag konfrontiert wurden. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert und was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?

Ich bin immer noch sehr ehrgeizig und ambitioniert, aber ich definiere mich nicht mehr so sehr über meinen beruflichen Erfolg wie zuvor. Was das angeht, bin ich weniger verbissen und etwas gelassener geworden. Ich beobachte diese Tendenz und das Gefühl, sich kontinuierlich beweisen zu wollen und müssen öfters bei Frauen um die 30 Jahre und kann das so gut nachvollziehen. Im Endeffekt steht man sich aber selbst im Weg, wenn man jeden beruflichen Rückschlag persönlich nimmt und/oder die eigenen Anforderungen immer noch höher schraubt als die, die das Gegenüber an einen hat. Meine Situation bedingte in diesem Moment eine echte Karrierechance, die ich auch schon begonnen hatte, aufzugeben und sich eine Weile lang nur um die Familie zu kümmern, ohne zu wissen, was beruflich kommt. Das schöne war: Als ich diese Entscheidung einmal getroffen hatte, hat sie sich in jeder einzelnen Minute richtig angefühlt und die Prioritäten im Leben für mich gerade gerückt. Die Situation hat das Vertrauen in mich und meine beruflichen Fähigkeiten rückblickend eher gestärkt und mich auf jeden Fall wesentlich mutiger gemacht, auch mal einen Schritt abseits des stringenten Karrierepfades zu machen – wer weiß, wozu es gut ist. Ich liebe meinen Beruf, er fühlt sich selten nach Arbeit an und ich arbeite oft und gerne mehr, als ich müsste.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Es ist schwer, eine zu nennen und hervorzuheben, da ich jede Woche neue tolle Persönlichkeiten kennenlerne und aus jedem Dialog für mich etwas mitnehme. Outstanding für viele Juristinnen war aber sicherlich Ruth Bader Ginsberg, die wir leider nur noch posthum nominieren können.

 

Vielen Dank für das spannende Interview!

 

München und Frankfurt am Main, 30. Oktober / 4. November 2020. Katharina E. Gangnus hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Dr. Franziska Huber.

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