Dr. Julia Schweitzer im Porträt

"Viel mehr als alle Titel zählen die fachliche Kompetenz und die Leidenschaft für das eigene Tun."

Dr. Julia Schweitzer, Associated Partner bei JUSTEM Rechtsanwälte, über flexible Arbeitszeitmodelle, Kleidung als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und warum die Begeisterung für die eigene Arbeit wichtig ist.

Julia, Du bist seit 2006 Anwältin im Bereich Arbeitsrecht. Was begeistert Dich an diesem Gebiet?

Kein Rechtsgebiet pulsiert so nah am Leben und am Alltag der Menschen wie das Arbeitsrecht. Es ist alles andere als eine trockene Jura-Materie und genau das fasziniert mich am Arbeitsrecht.

Wie sieht ein Durchschnittlicher Arbeitstag bei Dir aus?

Das spannende ist, dass jeder Tag anders ist. Heute morgen habe ich E-Mail-Korrespondenz beantwortet und Telefonate geführt. Danach hatte ich einen Mandantentermin in der Umgebung, an anderen Tagen stehen Gerichtstermine an. Heute Nachmittag moderiere ich noch eine Mediation und dann werde ich nach Hause fahren, Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Du beschäftigst Dich viel mit der Umsetzung moderner und flexibler Arbeitszeitmodelle in Unternehmen. Welche Umsetzungsmodelle würdest Du einem interessierten Unternehmen empfehlen?

Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit gibt es viele Möglichkeiten. Teilzeit, Gleitzeit, Mehrarbeit und Arbeitszeitkonten oder Vertrauensarbeitszeit sind bekannte Instrumente. Das Urteil des Europäischen Gerichtshof hinsichtlich der Pflicht zur systematischen Arbeitserfassung, das im Mai dieses Jahres ergangen ist, ist erschreckend und wurde insoweit als Anachronismus gesehen. Es gibt allerdings keine pauschale Empfehlung für Unternehmen. Vielmehr versuche ich maßgeschneidert den Interessen und Bedürfnissen des Unternehmens und seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gerecht zu werden.

Was denkst Du, wo da die Reise noch hingeht?

 

In Zeiten der Digitalisierung und der Notwendigkeit wettbewerbsfähig zu bleiben, gibt es kein Weg zurück mehr in Sachen Flexibilisierung. Das Bedürfnis nach flexiblen Arbeitszeiten ist da. Natürlich spielt auch das Arbeitsschutzrecht eine Rolle. Da gilt es die 11 Stunden Ruhezeit zwischen den Arbeitszeiten einzuhalten. Wichtig ist es aber auch, den Bedürfnissen der Unternehmen mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit und dem Ruf vieler Mitarbeiter nach wirklicher Vereinbarkeit von Beruf und Familie ernst zu nehmen. Das fordern immer mehr nicht nur Mütter sondern auch Väter mit einem modernen Selbstverständnis hierzu. Der Gesetzgeber ist hier gefordert. Die Gleichberechtigung ist im Grundgesetz manifestiert. Flexibilisierung ist eine unverzichtbare Voraussetzung hierfür und gleichzeitig auch ein Instrument, um Gleichberechtigung umzusetzen. Man muss aber auch sehen, dass andere europäische Länder uns da um einiges voraus sind. Da ist Arbeiten im Home Office viel problemloser möglich.

Was denkst Du, wie sich die Arbeit von Anwältinnen und Anwälten in dieser Hinsicht noch ändern wird? Wie können sie von den Vorteilen dieser Flexibilisierung profitieren?

 

Sowohl Anwältinnen als auch Anwälte können von den Vorteilen der Flexibilisierung der Arbeitszeit stark profitieren. Rechtsanwältin sein heißt einen freien Beruf auszuüben. Das gilt auch für das ortsunabhängige Arbeiten. Es ist das Ergebnis der Arbeit, das zählen sollte.

Du bist außerdem viel in der innerbetrieblichen Konfliktlösung tätig. Hast Du aus dieser Tätigkeit heraus Tipps für junge Juristinnen, die auf ihrem beruflichen Weg auf Widerstand bei Vorgesetzten oder männlichen Kollegen treffen?

Belästigungen und sexistische Sprüche sind nicht hinzunehmen. Das muss frau beim Vorgesetzten ansprechen, dass das nicht geht. Und wenn sich nichts ändert, dann ist das ein Arbeitgeber, wo frau nicht bleiben sollte. Wir sind im Jahre 2019. Da müssen wir klare Kante zeigen.

Frauen sollten aber auch selbstbewusst sein und ihren Weg gehen. Sie müssen nicht bloß eine Kopie der männlichen Kollegen sein. Das ist nicht das Erfolgsrezept. Und frau sollte an das glauben, was sie tut und voll dahinter stehen. Letzten Endes werden Mandanten auf die besondere fachliche Expertise eines Anwalts oder einer Anwältin setzten, aber natürlich auch auf die Persönlichkeit. Es kommt nicht allein darauf an, nur fleißig zu sein. Für die Mandantschaft kommt es auch darauf an, dass sie jemandem Vertrauen und gerne mit der Person zusammenarbeiten wollen. Daher ist es wichtig, dass man sich selbst auch wohl fühlt. Das kann sich beispielsweise auch in der Kleidung widerspiegeln. Mich wird man nie im Hosenanzug antreffen. Da hat sich glücklicherweise viel am Selbstverständnis und Selbstbewusstsein von Anwältinnen geändert. Als ich 2006 als Rechtsanwältin anfing, trugen auch junge Frauen alle noch Hosenanzüge. In dieser Kopie einer männlichen Uniform habe ich mich nie wohlgefühlt. Ich habe sie ziemlich schnell abgelegt und vornehmlich gegen Kleider meiner Lieblingsmarke Marimekko ausgetauscht. Das ist mittlerweile zu einer Art Markenzeichen von mir geworden. Die Muster und prägnanten Farben repräsentieren für mich moderne, gleichberechtigte und starke Frauen. Und sie machen gute Laune; bei mir und meinen Mandantinnen und Mandanten

Du hast zwei Kinder im Alter von nun 5 und 8 Jahren. In welchem Abschnitt Deiner beruflichen Laufbahn wurden sie geboren?

 

Meinen ersten Sohn habe ich bekommen, nachdem ich fünf Jahre im Beruf war. Ich hatte also bereits Erfahrung gesammelt und fühlte mich relativ sicher im Job. Daher war Teilzeit für mich auch gut zu realisieren. In dieser Zeit habe ich auch gemerkt, wie wichtig der Zusammenhalt zwischen den weiblichen Kollegen ist. Meine damalige Kollegin, Susanne Lüddecke, und ich haben uns hier gegenseitig beruflich und privat stark unterstützt.

Was hilft Dir am meisten dabei, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Mein Mann. Wir führen eine gleichberechtigte Beziehung, in der wir gemeinsam die Herausforderungen in der Kombination von Familie und Beruf bewältigen. Auch Freunde und Familie sind sehr wichtig. Überhaupt das Umfeld. Die Offenheit meiner jetzigen Kanzlei, JUSTEM Rechtsanwälte, in der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowohl für meine weiblichen als auch meine männlichen Kollegen selbstverständlich ist, hilft mir sehr.

Du bist promovierte Juristin, Fachanwältin für Arbeitsrecht und außerdem auch Wirtschaftsmediatorin. Welchen Stellenwert haben solche zusätzlichen Qualifikationen? 

Gerade in der Anfangszeit als junge Rechtsanwältin hat mir der Doktortitel in gewisser Weise schon geholfen, um „ernster“ genommen zu werden. Meine Zusatzqualifikation als Wirtschaftsmediatorin habe ich erworben, weil ich fest an das Instrument der Konfliktlösung glaube. Immer mehr Unternehmen setzen auf Instrumente des Konfliktmanagements und Mediationen, das ist kein Fremdwort mehr. Und das ist gut. Gerade in jungen Start-up-Unternehmen ist das gefragt und entspricht dem Zeitgeist. Auch einen Auslandsaufenthalt würde ich immer empfehlen.

Auf jeden Fall sind diese zusätzlichen Qualifikationen wichtig und hilfreich. Viel mehr als alle Titel sind aber die fachliche Kompetenz und die Leidenschaft für das, was ich tue, elementar. Ich zitiere da immer gerne die letzten Zeilen des Gedichts „Ausfahrt“ von Ingeborg Bachmann, wo es heißt:

„Da ist etwas mit den Tauen geschehen,

man ruft dich, und du bist froh,

dass man dich braucht. Das Beste

ist die Arbeit auf den Schiffen,

die weiterhin fahren,

das Tauknüpfen, das Wasserschöpfen,

das Wändedichten und das Hüten der Fracht.

Das Beste ist, müde zu sein und am Abend

hinzufallen. Das Beste ist, am Morgen,

mit dem ersten Licht, hell zu werden,

gegen den unverrückbaren Himmel zu stehen,

der ungangbaren Wasser nicht zu achten

und das Schiff über die Wellen zu heben,

auf das immerwiederkehrende Sonnenufer zu."

So ist es. Angerufen und gebraucht zu werden, abends erschöpft zu sein. Morgens mit neuer Energie aufzustehen. Das mag ich.

Im Zusammenhang mit Deiner Tätigkeit als Mediatorin hast Du die Schulmediationswerkstatt und die Frankfurter Mediationszentrale als Netzwerk von Mediatoren mit gegründet. Wie hast Du Dir ansonsten Dein Netzwerk aufgebaut und wie pflegst Du es?  

Mit der Schulmediationswerkstatt engagiere ich mich ehrenamtlich in Kooperation mit MainKind e.V. und versuche hier das Thema Streitschlichtung an die Kinder, die neue Generation, zu tragen. Ich bin im Redaktionsteam der Fachzeitschrift AE – Arbeitsrechtliche Entscheidungen und bearbeite dort den Rechtsprechungsteil. Weiter bin ich noch Aufsichtsratsmitglied bei der Wohnbau Genossenschaft in Frankfurt e.G. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Außerdem bin ich Mitglied bei den Working Moms e.V. in Frankfurt. Das sind alles Projekte, die ich aus Interesse an ihnen verfolge; nicht nur um Ansehen zu erlangen. Das ist alles etwas, das ich gerne mache. Da ergibt sich auch oft eines aus dem anderen. Ein Netzwerk aufzubauen ist immer ein Geben und Nehmen. Das weiß ich zu schätzen.

Gab es schon mal eine Situation in der Dir dieses Netzwerk extrem geholfen hat oder Dich nach vorne gebracht hat?

Auf jeden Fall, aus meinem beruflichen Netzwerk erwachsen sehr viele interessante und inspirierende Kontakte. Auch Freundschaften. Ich mag Menschen und den Austausch mit Menschen. Eine Grundvoraussetzung, um sein Netzwerk gut zu pflegen.

Was ist das Wichtigste, dass Du auf Deinem bisherigen Karriereweg gelernt hast?

Glaube an Dich und an das, was Du machen möchtest. Wenn Dir Steine in den Weg gelegt werden und Du „hinfällst“, stehe wieder auf und lerne aus den gemachten Erfahrungen, denn jede Erfahrung ist wertvoll. Und gehe weiter nach vorne. Hab Spaß an dem, was du tust.

Welche Fähigkeiten sollten sich junge Juristinnen aneignen?

Neben dem unerlässlichen juristischen Handwerkszeug ist auch der Umgang mit Menschen wichtig. Die Kommunikation ist sehr wichtig. Man muss lernen zuzuhören, Menschen ausreden zu lassen, damit man versteht, welche Interessen und Bedürfnisse es in konkreten Situationen zu befriedigen gilt. Dies gilt nicht nur im Bereich der Konfliktlösung, sondern ist auch unerlässlich dafür, nachhaltige und praxisorientierte Lösungen für die juristischen Fragestellungen meiner Mandanten zu finden.

Woher nimmst Du Deine Energie? Lädst Du bewusst Deine Akkus wieder auf?

Meine Energie nehme ich vor Allem daraus, dass das, was ich tue, mir einfach auch Spaß macht und ich voll dahinterstehe. Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden, lese gerne und habe Spaß am Urban Gardening am Wochenende in unserem kleinen Garten. Außerdem liebe ich es morgens, wenn die Familie noch schläft, den Tag mit einem Lauf durch den Park zu beginnen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Am meisten inspiriert hat mich unsere Gründungspartnerin Caroline Bitsch. Eine großartige Rechtsanwältin. Sie ist für mich definitiv eine der hochkarätigsten Juristinnen, die ich kenne, und sie überzeugt durch ihre positive, lebensfrohe Art und ihren klugen Geist. Sie war damals die erste Equity Partnerin bei Freshfields.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Frankfurt am Main, 6. September 2019. Das Interview führte Laura Nordhues.

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