Julia Mergenthaler

Julia Mergenthaler im Porträt

„Je mehr ich ausprobiere, desto mehr lerne ich!“

 

Julia Mergenthaler, Coordinating Legal Tech Manager bei CMS Deutschland, über Legal Tech und die Tätigkeit im Legal Solution Engineering, die Entscheidung für einen weiteren Studiengang und die Vorbereitung auf das erste Staatsexamen.

Julia, Du bist Coordinating Legal Tech Manager bei CMS und leitest das Team für Legal Solution Engineering. Der Begriff Legal Tech wird heute sehr vielfältig verwendet: Was ist darunter eigentlich alles zu verstehen?

Legal Tech teilt sich grundsätzlich in zwei Ausrichtungen auf, deren Abgrenzung anhand der Zielgruppen – den Verbraucherinnen und Verbrauchern auf der einen und Unternehmen auf der anderen Seite – vorgenommen werden kann. Die Arbeit im Bereich Legal Tech ist demnach sehr auf die Nutzerin und den Nutzer fokussiert. Es geht zum einen darum, jemanden bei der Beantwortung einer Rechtsfrage zu unterstützen. Zum anderen sollen die Prozesse optimiert werden, die sich um die rechtlichen Kernfragen stricken.

Was Verbraucherinnen und Verbraucher als Zielgruppe angeht, sprechen wir über den Bereich „Access to Justice“, in welchem einer fachfremden Person der Zugang zum Recht über die automatisierte Fallerkennung juristischer Sachverhalte ermöglicht wird. Dies könnte die Frage um den Anspruch auf kaufrechtliche Gewährleistungsansprüche genauso betreffen, wie ein Informationsgesuch nach der DSGVO, also der Datenschutzgrundverordnung. Obwohl ich derzeit nicht in diesem Bereich arbeite, war er der ursprüngliche Anreiz für meinen Weg zu Legal Tech.

Die zweite Ausrichtung von Legal Tech und mein momentaner Arbeitsfokus ist das sogenannte B2B-Segment. Auch hier lässt sich der Zweck des Einsatzes von Legal Tech wiederum zweifach untergliedern: Zum einen sollen die Arbeitsprozesse in der Kanzlei durch Einsatz von IT vereinfacht werden. Zum anderen geht es auch um die Entwicklung und Bereitstellung von Softwarelösungen für Unternehmen, etwa um Rechtsabteilungen zu entlasten, ihre Arbeitsprozesse zu vereinfachen und zu verschlanken. Beispielsweise kann die Frage, ob ein Verhältnis für eine Auftragsverarbeitungsvereinbarung nach der DSGVO vorliegt, mittels interaktiver Fragebäume aufgeschlüsselt und in den meisten Fällen auch beantwortet werden.

Legal Tech bedeutet für mich persönlich Lösungen und technische Möglichkeiten zu finden und zu nutzen, um rechtlich eingekleidete Prozesse zu verbessern. Letzteres geht zumeist auch in die Richtung der allgemeinen Prozessoptimierung. Doch sowohl für den Access to Justice- als auch für den Business to Business-Bereich lässt sich letztlich festhalten, dass für die fachfremde Person ein Zugang zu einer spezifischen rechtlichen Thematik mittels Legal-Tech-Lösung geschaffen wird.

Was zeichnet Deine Arbeit im Bereich Legal Solution Engineering aus?​

Am Anfang steht immer ein rechtliches Problem; so kommt zum Beispiel eine Anwältin oder ein Anwalt auf das Legal Solution Engineering-Team zu und fragt für einen rechtlich eingekleideten Sachverhalt nach einer technischen Lösung. Dabei kann es um die Optimierung der eigenen juristischen Arbeit gehen oder um eine Softwarelösung für die Mandantschaft, um mit dieser auf eine neue Art und Weise zusammenarbeiten zu können. Die Mandantschaft weiß um die Existenz des Legal Tech und die dadurch möglichen Effizienzsteigerungen. Von uns ist dann zu beurteilen, was die bestmögliche Lösung für die Bearbeitung des rechtlichen Sachverhaltes ist. Ich finde bei solchen Anfragen – sei es für den Einsatz „inhouse“ oder extern – heraus, welche Plattform überhaupt eine oder die geeignetste Lösung bietet: Gegebenenfalls liegt das „Problem“ auch ganz woanders und kann mit Legal Tech nicht angegangen werden. Erst nach dieser Vorüberlegung kann an die Konzeptionierung und Umsetzung einer Lösung gedacht werden. Die Umsetzung übernimmt in den meisten Fällen bereits ein anderes Team. Meine Arbeit im Bereich Legal Solution Engineering zeichnet also der Fokus auf das Kernproblem der Nutzerin und des Nutzers und auf die entsprechende Problemlösung aus. Ich denke, dass der Spaß an der Arbeit für Juristinnen und Juristen eben genau darin liegt, juristische Sachverhalte zu erfassen und dann zu sehen, wie mit Technik darauf geantwortet werden kann. 

An den deutschen Universitäten ist Legal Tech kein Bestandteil der juristischen Ausbildung. Trotzdem hast Du Dich bereits nach Deinem ersten Staatsexamen zu einer Expertin in diesem Gebiet avanciert. Wie kamst Du zu Legal Tech?

Seit meiner Schulzeit und im Studium mochte ich Mathematik. Zudem bin ich technikaffin; so habe ich meine eigene Technik immer schon gerne „optimiert“, angefangen beim Aufschrauben und Rumbasteln am eigenen Rechner für ein Hardware-Upgrade. Und ich hatte große Lust, Programmieren zu lernen! Zwischen der schriftlichen und der mündlichen Prüfung des ersten Staatsexamens habe ich mit einem Online-Kurs begonnen programmieren zu lernen. Ich stellte mir die Frage, wie ich Jura und Informatik kombinieren könnte. Zu dieser Zeit hatte ich von „Legal Tech“ noch nichts gehört und musste den Begriff erst einmal „entdecken“. Natürlich gab es den Begriff schon, ich habe damals vielleicht nicht genügend Ausbildungszeitschriften gelesen (lacht).

Ergebnis meiner Recherche und Entdeckung war die gezielte Suche nach einer Anstellung im Legal Tech-Bereich. So kam ich zu CMS. Begonnen habe ich in dem Bereich der Vertragsautomatisierung und entwickelte mich dann nach zwei Jahren hin zu meinem jetzigen Tätigkeitsbereich. Vieles kam dabei durch das tatsächliche Machen und Ausprobieren: Je mehr ich ausprobiere, desto mehr lerne ich! Zu der Zeit wuchsen auch das gesamte Legal Tech-Team bei CMS sowie die technischen Plattformen, die zur Verfügung standen.

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Wie sehr ist Legal Tech Deiner Einschätzung nach bisher in der deutschen Kanzlei-Landschaft angekommen?

Das ist nicht ganz einfach zu beurteilen, da meine Sicht sich auf das beschränkt, was ich bei CMS gesehen habe. Ich kann insbesondere den Bereich der mittelständischen Kanzleilandschaft oder der Justiz schwer einschätzen.

Bei CMS ist Legal Tech stark vertreten und seine Implementierung insbesondere in den letzten drei bis vier Jahren stark gewachsen. Dabei ist die Überzeugung von Nutzen und Anwendung von Legal Tech in der Kanzlei-Identität fest verankert und anerkannt. Damit meine ich, dass Legal Tech inhouse für die Kolleginnen und Kollegen tatsächlich ein wichtiges, alltägliches und Arbeitsprozesse beschleunigendes Element ist. Damit Legal Tech-Lösungen sinnvoll zum Einsatz gebracht werden können, braucht es sowohl Offenheit und Neugier unter den Anwältinnen und Anwälten, als auch ein Team von Expertinnen und Experten, die die Einsätze technisch begleiten. Niemandem nützen schöne Tools, ohne dass sie in der Partnerschaft unterstützt werden.

Du hast bei CMS als wissenschaftliche Mitarbeiterin begonnen und führst nun Dein eigenes Team. Für wie wichtig erachtest Du es für eine erfolgreiche Karriere, sich auf einen Karriere“track“ festzulegen?

Es kann für die langfristige Karriere sicherlich förderlich sein, sich in einer Kanzlei zu etablieren. Das Aufbauen einer Reputation in einem Unternehmen – oder in einer Kanzlei – erfolgt in meiner bisherigen Erfahrung relativ langsam und stetig. Ich muss meine Kolleginnen und Kollegen, die Arbeitsweise und die Anforderungen erst kennenlernen: Um einen Marker zu setzen, kann ein solches „Kennenlernen“ und Etablieren schon ein Jahr dauern. Es ist wichtig, sagen zu können: „Ich habe das Gefühl, hier passe ich hin und die Arbeit macht mir Spaß“. Natürlich muss auch die andere Seite, der Arbeitgeber bzw. die Arbeitgeberin, sehen, dass die Arbeitsleistung den Anforderungen entspricht und der menschliche Umgang stimmt.

Ich habe vor vier Jahren als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei CMS angefangen und dann sukzessive mehr Verantwortung übernommen. Im Rechtsbereich war CMS mein erster Hauptarbeitgeber und zu Beginn war die Legal Tech-Abteilung kleiner und hatte noch keinen eigenen Standort, so wie heute. Die Entscheidung, bei CMS zu bleiben, beruhte für mich auf einer Abwägung zwischen langfristigen und kurzfristigen Zielen. Es war für mich auch eine Art Risikoentscheidung: Ich wusste, dass Legal Tech immer wichtiger werden würde, aber nicht, was meine eigene Rolle bei CMS in diesem Bereich einmal sein würde. Als sich die Chance geboten hat, die Legal Tech-Entwicklungsabteilung mit aufzubauen, habe ich mich für diesen Weg entschieden, statt direkt ins Referendariat zu gehen. Das hat mich persönlich sehr weitergebracht; ich konnte in unterschiedlichsten Projekten sehr viel lernen. Ich sehe das Bleiben im Nachhinein sehr positiv, weil ich mich in den vier Jahren bei CMS stark weiterentwickeln konnte – das Bleiben war also kein Stehenbleiben.

Das Bild des klassischen Berufsträgers in der Informatik ist männlich geprägt. Wie ist Dein Eindruck, wenn es um den Bereich von Legal Tech geht?​

Mein Eindruck über die Verteilung der Geschlechter im Legal Tech-Bereich ist tatsächlich eher das Gegenteil dessen, was für gängige IT-Berufe erwartet wird. Bei CMS sind wir ein sehr durchmischtes, paritätisch besetztes Team. Das betrifft das Geschlecht gleichermaßen wie die vertretenen Altersgruppen. Nach meiner Überzeugung ist diese Durchmischung auch ein wichtiger Erfolgsfaktor. Ich sehe nicht, dass Frauen einen karriererelevanten Nachteil hätten. Wer Spaß an der Juristerei und gleichzeitig an logischem Denken und am Lösen von Problemen hat, kann in diesem Bereich Fuß fassen.

Du hast eine sehr erfolgreiche akademische und berufliche Karriere in den Politikwissenschaften vorzuweisen; u.a. hast du an der Zeppelin Universität einen Bachelor in Public Management and Governance mit Bestnoten abgeschlossen. Was hat Dich damals an dem Studiengang gereizt?

Nach dem Abitur hatte ich großes Interesse an Politik und Wirtschaft. Tendenziell habe ich mich auch aktiv in der Politik gesehen. Wie in guten Filmen hatte ich die Idee, die Welt mitgestalten und besser machen zu können. In der Schule mochte ich zudem das Fach Politik, ich habe gern über Sachverhalte debattiert und empfand es als sehr faszinierend, wie das politische System zusammenspielt. Heute würde ich sagen, dass ich mich im Staatsorganisationsrecht sehr zu Hause gefühlt habe – nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ich damit in Jura besser aufgehoben gewesen wäre (lacht). Ehrlicherweise hatte ich wenig Ahnung von der Art und dem Inhalt des politikwissenschaftlichen Studiums.

Für die Zeppelin Universität entschied ich mich, da ich interdisziplinär studieren wollte. Und das war dort in dem Studiengang Public Management and Governance möglich. Das erste Jahr war eine Mischung aus Wirtschafts-, Kultur- und Politikwissenschaften. Ein weiterer reizvoller Faktor war – und ist – der internationale Teil des Studiengangs, die sogenannten International Relations. Ich hatte während der drei Jahre viele Möglichkeiten, meinen Horizont zu erweitern, zum Beispiel in mehreren Summer Schools und einem Auslandssemester. Dabei galt mein Fokus vorrangig den Development Studies, also der wirtschaftlichen Entwicklung in sogenannten Entwicklungsländern. Die praktische Arbeit in diesem Feld bestand zu einem großen Teil aus Projektmanagement. Diese Erfahrungen kommen mir heute noch zugute.

Wie Du gerade ansprachst, warst Du während Deines ersten Studiums international viel unterwegs: Von Summer Schools in Peking und London zu einem Praktikum in Äthiopien und einem Auslandssemester in Berkeley. Für wie wichtig erachtest Du Auslandserfahrung für den beruflichen Erfolg?​

Die Auslandserfahrung habe ich für meine persönliche Entwicklung als sehr wichtig empfunden; ich habe meine gewohnte Welt verlassen und sie aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen können. Ich konnte sehen, wie privilegiert wir hier im Vergleich zu vielen anderen Ländern leben. Am meisten hat mich bereichert, Menschen kennenzulernen, die ganz anders aufgewachsen sind und vom Leben andere Dinge erwarten.

Auslandsaufenthalte helfen nicht nur bei der Vertiefung von Sprachkenntnissen, sondern stärken die Offenheit gegenüber Neuem und Anderem und das wiederum erachte ich als einen karriererelevanten Faktor. Für den beruflichen Erfolg bedarf es Flexibilität und Offenheit für neue Wege und Möglichkeiten.

Daneben spielen natürlich auch die Englischkenntnisse eine wesentliche Rolle; diese können im Ausland besser erworben und angewandt werden und es ist außerdem möglich, sich einen natürlicheren Sprachfluss anzueignen.

Wie kam die Entscheidung, mit Jura nochmal einen Neustart zu wagen?​ 

Ursprünglich wollte ich nach meinem Bachelorabschluss einen Ph.D. in den USA machen. Als ich von zwei Universitäten ein Angebot für den entsprechenden Studiengang erhielt, entschied ich mich jedoch dagegen.

Zwar wäre das Ph.D.-Studium der gerade Weg gewesen. Allerdings zweifelte ich zu der Zeit daran, auf diesem Weg etwas bewegen zu können. Ich hatte den Eindruck, dass ich mit den Aufsätzen, die ich schrieb, kaum jemanden erreichen würde. Es schien mir, dass das, was ich in diesem Bereich tun, lehren oder forschen könnte, konkret – abseits gegebenenfalls der Arbeit in internationalen Organisationen – nur wenige Menschen berühren kann. Ich wandte mich, um es einfach auszudrücken, wieder dem Gerechtigkeitsgedanken zu, mit dem ich meine universitäre Laufbahn begonnen hatte. Damit kehrte ich zurück zu der Frage, wie ich mit meinem Studium beziehungsweise meiner späteren Tätigkeit etwas in der Welt bewegen könnte. Mit Jura schlug ich einen Weg ein, der meiner Einschätzung nach an einer reizvollen Schnittstelle von Theorie und Praxis liegt: Jura berührt jeden Lebensbereich und es gibt unzählige Möglichkeiten, das erworbene Wissen praktisch anzuwenden und letztlich andere Menschen damit zu unterstützen. Als Mischung aus praktisch Handwerklichem und intellektuell Herausforderndem ist Jura nicht das trockene Fach, für das ich es nach meinem Abitur gehalten hatte! Die Entscheidung zu wechseln, fiel mir nicht leicht, doch sie hat sich im Nachhinein an ganz unterschiedlichen Stellen immer wieder als richtig herausgestellt.

Was genau ist Dir schwergefallen?

Nach meinem Bachelor erschien es mir rational sinnvoll, den bis dato erfolgreichen Weg weiterzugehen. Das Studienfach zu wechseln, konnte sich wie ein Abbruch meiner Karriere und ein Bruch im Lebenslauf anfühlen. Heute würde ich das nicht mehr so sehen und es eher als Beschreiten eines neuen Weges betrachten. Damals hatte ich jedoch die Vorstellung, dass es für ein erfolgreiches Leben wichtig war, das gewählte Studium möglichst schnell und gut abzuschließen und sich dann auf den Berufseinstieg zu konzentrieren. Auch das Gefühl, mich erklären und rechtfertigen zu müssen, ist mir aus dieser Zeit in Erinnerung.

Wie hast Du diese Bedenken positiv für Dich auflösen können?
 
Die Entscheidung für das Studienfach fiel mir leicht. Mir war klar geworden, dass es das ist, was ich wirklich machen möchte. Die Entscheidung habe ich in den zwei, drei Monaten nach meinem Bachelorabschluss getroffen. Ich nahm mir eine Auszeit und verbrachte viel Zeit draußen im Grünen. Dabei habe ich den Kopf frei bekommen und einige Antworten auf vermeintliche Dilemmata klarer sehen können. Ich habe gemerkt, dass langes und ausgiebiges Grübeln über alle möglichen, auch negativen, „Obs und Aber“ nicht weiterhilft. Letztlich entschied ich mich für den Weg, der für mein Leben am besten passte, und das war neu für mich. Ich habe aufgehört, einer Norm hinterher zu laufen: Nämlich meiner Idee davon, wie das erfolgreiche Leben auszusehen hat. Dadurch bin ich offener für meine eigenen Wünsche und auch andere Lebensläufe geworden.
Die Notwendigkeit den eigenen Lebenslauf „nachzujustieren“ bewahrheitet sich für alle Lebensbereiche. Was würdest du jungen Juristinnen und Juristen raten, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden?

Zunächst einmal offen dafür zu sein, die eigenen oder von außen gegebenen Definitionen des perfekten Lebenslaufs oder auch von Erfolg zu überdenken. Die Idee des eigenen Lebenslaufes ist nicht in Stein gemeißelt. Das Leben verläuft anders, ich entwickele mich anders, als ich es antizipieren kann. Dazu kann es hilfreich sein, sich Lebensläufe von Menschen anzuschauen, die erreicht haben, was ich mir ebenso wünsche. Ich werde sehen, dass erfolgreiche Menschen häufig keinen linearen Lebenslauf haben. Es kommt natürlich vor, ist für eine erfolgreiche Laufbahn aber nicht unbedingt Voraussetzung. Zudem empfinde ich es eigentlich als etwas Schönes, dass ich Zweifel haben und nachjustieren kann, weil das bedeutet, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder die Frage zu stellen: „Wem nutzt es gerade, was ich hier mache? Ist das der richtige Weg für mich?“ Genauso wichtig ist es, sich zu erinnern, dass ich eine einzigartige Persönlichkeit mit besonderen Stärken, Talenten und Wünschen bin und bleibe. Ich persönlich habe es als bereichernd empfunden, mich an diesen Parametern zu orientieren. Ich empfehle, sich keinen Druck zu machen oder negativ über sich selbst zu denken, wenn ich in einem bestimmten Lebensbereich anders abbiegen möchte, als zuvor gedacht. Bei wichtigen Entscheidungen würde ich mir Zeit lassen und nichts überstürzen. Dazu kann es helfen, aus dem eigenen Trott rauszukommen, um Abstand zu der Sache zu finden. Den eigenen Weg zu finden ist meines Erachtens eine der wichtigsten und auch anspruchsvollsten Aufgaben im Leben. Und das hört nie auf (lacht).

Dein Studium der Rechtswissenschaften hast Du mit Bravour bestanden: Hat Dir Deine Erfahrenheit in Sachen „erfolgreiches Studium“ eine andere Herangehensweise an das Studium der Rechtswissenschaften ermöglicht?

Das möchte ich bejahen und verneinen. Das Bachelor- und Jurastudium haben sich insofern organisatorisch unterschieden, als dass im Bachelor ein vergleichsweise kurzfristiges Lernen gefordert ist und Prüfungen eher abgeschichtet stattfinden. Dementsprechend war ich auf ein kurzfristiges Lernen fokussiert. Dennoch hat mir meine Erfahrung geholfen, das Studium entspannter anzugehen und mir nicht viel aus dem Druck zu machen, der zwischen anderen und gegenüber sich selbst in Jura leicht empfunden werden kann. Anders als im Bachelor, habe ich mir Zeit gelassen und Flexibilität zugelassen, wenn ich sie brauchte. Das hat sicherlich geholfen, an die Materie freier und unverkrampfter heranzugehen.

Welchen Tipp würdest du Examenskandidatinnen und Examenskandidaten in der Vorbereitung geben?

Ich würde empfehlen, Klausuren zu schreiben und sich auf die Basics zu konzentrieren. Bei mir ist das Lernen durch Klausuren stark in den Vordergrund gerückt. Das ging so weit, dass mir die Klausuren im Examen echt Spaß bereitet haben! Ich konnte sie als Rätsel betrachten, die ich lösen kann, denn darauf sind die Klausuren letztlich ausgelegt. So gehe ich auch heute, gerade im Referendariat, gern an die Klausuren ran. Das Lernen ist mühselig, kann aber auch Spaß machen. Ich mochte und mag das Gefühl, eine Klausur bewältigt zu haben und so zu sehen, dass das durchaus eine machbare Aufgabe ist. Es ist sehr sinnvoll, sich bereits früh an das Format zu gewöhnen. Selbst das Durchdenken und sich damit zu beschäftigen, neben dem vollständigen Schreiben, ist sehr hilfreich. Gleichzeitig kenne ich den Kampf und das Aufraffen, das es manchmal fürs Klausurenschreiben benötigt. Aber es lohnt sich wirklich.

Ich würde das Lernen fürs Staatsexamen auch als Herausforderung sehen, die einen auf das weitere Leben ganz gut vorbereitet. Zu wissen, was in einer solchen Zeit für einen aufkommen kann, erhöht das Verständnis für andere, die Herausforderungen durchmachen. Menschen auf dieser Ebene begegnen zu können, halte ich in vielen juristischen Berufen – nicht zuletzt in meinem – für sehr wichtig.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Professorin Tatjana Hörnle, die mich während meines Studiums immer mitgerissen und begeistert hat, da sie selbst von der Materie – Strafrecht und Rechtsphilosophie –, die sie vermittelt und gelehrt hat, so begeistert ist.

Vielen Dank für das bereichernde Gespräch und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast!

Berlin, 9. Juni 2021. Das Interview führte Lisa Gahleitner.

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