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Sommerreihe

 

 

Hülya Erbil im Porträt

Nutzt die Energie des Berufsstarts!

Hülya Erbil, Notarassessorin in Baden-Württemberg, im Rahmen unserer Sommerreihe zum Berufseinstieg in einer Großkanzlei in Teilzeit neben dem Verfassen einer Promotion und der Entscheidung zum Berufswechsel.

Hülya, in welchem Bereich arbeitest Du momentan?

Seit Anfang Juni arbeite ich als Notarassessorin in einer Notariatssozietät in Baden-Württemberg. Ich befinde mich damit in der Ausbildung zur Notarin. Je nach Bundesland kann sich der Weg, Notar/ Notarin zu werden, stark unterscheiden. In Baden-Württemberg gibt es das sog. „Nur-Notariat“, was bedeutet, dass man neben dem Notarberuf nicht noch als Anwalt/ Anwältin arbeiten darf. Es ist vorgesehen, dass man den dreijährigen Anwärterdienst durchläuft und in dieser Zeit in unterschiedlichen Notariaten in ganz Baden-Württemberg mitarbeitet. In anderen Bundesländern, in denen es das sog. „Anwaltsnotariat“ gibt, startet man als Anwalt/ Anwältin und muss eine sehr anspruchsvolle Notarprüfung ablegen. Nach der erfolgreich bestandenen Notarprüfung bzw. Notarassessorzeit bewirbt man sich auf freiwerdende Notarstellen. Hat man eine Notarstelle erhalten, kann man seine selbstständige Tätigkeit als Notar/ Notarin aufnehmen.

Wie bist Du dazu gekommen?

Bevor ich meine Tätigkeit als Notarassessorin aufgenommen habe, habe ich parallel zu meiner Dissertation in Teilzeit als Anwältin in einer Großkanzlei im Arbeitsrecht gearbeitet. Obwohl ich schon während meines Referendariats Arbeitserfahrung in (Groß-)Kanzleien sammeln konnte, habe ich zunehmend gemerkt, dass es mir schwerfiel, die Interessen der Mandantschaft bis zum Schluss durchzufechten. Zudem fand ich den Dienstleistungscharakter der anwaltlichen Tätigkeit eher belastend.

Mit der Zeit hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich eine „neutralere“ Position einnehmen möchte. In meinem Freundeskreis habe ich viel über berufliche Optionen im juristischen Bereich gesprochen, die diesen Aspekt in ihrem Anforderungsprofil am besten widerspiegeln. Neben dem klassischen Richterberuf haben wir das Berufsbild des Notars/ der Notarin erörtert. Kurz nach diesem Gespräch habe ich eher zufällig auf dem Geburtstag einer guten Freundin mit jemandem gesprochen, der in Rheinland-Pfalz Notarassessor ist. Von seinem aktuellen Job hat er mit solch einer Begeisterung berichtet, die ich bislang bei Juristen/ Juristinnen eher selten beobachtet habe. Das hat schließlich mein Interesse für das Notariat geweckt. Von da an habe ich mich intensiv mit dem Job von Notaren/ Notarinnen auseinandergesetzt. Ich habe unterschiedliche Notare/ Notarinnen kontaktiert, um mich mit ihnen über ihre Erfahrungen, ihren Arbeitsalltag und über das Bewerbungsverfahren auszutauschen. Zusätzlich habe ich Podcasts zum Notarberuf angehört, die eindrücklich vom Arbeitsalltag von Notaren/ Notarinnen berichten.

Das hat mir ein sehr gutes Bild von dem Beruf vermittelt, sodass ich meine Bewerbung nicht unversucht lassen wollte. Schließlich habe ich mich bei der Notarkammer in Baden-Württemberg beworben, die gemeinsam mit dem Landesjustizministerium die Auswahl für die Notaranwärter/ Notaranwärterinnen trifft. Ich habe mich sehr über die Zusage gefreut! Auch wenn ich noch sehr neu in dem Job bin, kann ich sagen, dass mir die Tätigkeit sehr großen Spaß macht.

Was hast Du aus Deinem ersten Job gelernt?

In meinem ersten Job in der Großkanzlei habe ich nicht nur fachlich viel gelernt, sondern vor allem eine gewisse „Street-Smartness“ im Büro entwickelt. Damit meine ich den Umgang mit Situationen, den man im Büro nicht explizit beigebracht bekommt, sondern den man „so aufschnappt“, der aber den beruflichen Alltag erleichtern kann.

Ich habe beispielsweise sehr früh gelernt, serviceorientiert zu denken. Damit meine ich, dass ich mir bei jeder Aufgabe gut überlegt habe, wie ich diese Aufgabe am besten strukturiere und das Ergebnis der Mandantschaft präsentiere. Wenn man sein Arbeitsergebnis (am besten aus der Sicht eines juristischen Laien) kritisch durchschaut, beschränkt man sich auf die für die Mandantschaft relevanten Fragestellungen und beantwortet diese in klarer und verständlicher Sprache. Ich bin große Verfechterin des Spruchs: „Keep it short and simple“. Ich habe beispielsweise gelernt, eine Antwort auf eine Beratungsanfrage so zu gliedern, dass ich in ein bis zwei Sätzen den Sachverhalt und die Rechtsfrage zusammenfasse und sodann das Ergebnis der rechtlichen Recherche in wenigen Worten präsentiere. Damit kann die Mandantschaft auf einen Blick erkennen, ob das Vorhaben juristisch möglich ist oder nicht (und in der Regel kommt es nur darauf an). Die ausführliche rechtliche Erklärung präsentiere ich meist nach dem (Kurz-)Ergebnis – aber auch da beschränke ich mich auf die wichtigsten Belange. Ein solches Vorgehen schafft aus meiner Sicht zudem Klarheit im eigenen Kopf. Zum serviceorientierten Denken zähle ich ferner, auf Anfragen der Mandantschaft möglichst schnell zu reagieren. Dabei meine ich nicht, dass die Frage innerhalb von wenigen Stunden inhaltlich ausgereift beantwortet sein muss (meist reicht die Zeit dazu gar nicht), sondern vielmehr, dass man der Mandantschaft kurz nach Eingang der Anfrage Bescheid gibt, dass man sich ihrer Belange annimmt. Dies vermittelt ihnen das beruhigende Gefühl, dass sich jemand um das Anliegen kümmert und steigert die Mandantenzufriedenheit.

Eine andere Lehre lautet „Keep people in the loop“. Um die Kommunikation im und außerhalb des Teams zu vereinfachen, habe ich mir angewöhnt, bei E-Mails thematisch mittelbar betroffene Personen in CC aufzunehmen. So sind sie auf dem neusten Stand und können der E-Mail die für sie wichtigen Informationen entnehmen. Natürlich kann es sein, dass manche Kollegen/ Kolleginnen von der Flut an E-Mails genervt sind, aber meiner Erfahrung nach ist es angenehmer, wenn sie einem dies mitteilen und nicht fragen: „Wieso hast Du mir nicht Bescheid gegeben?“

Schließlich habe ich gelernt, wie wichtig es ist, bei ungenauen Aufgabenstellungen nochmal nachzuhaken, was genau zu tun ist. Indem man die geschilderte Aufgabenstellung dem Ansprechpartner/ der Ansprechpartnerin selbst nochmal zusammenfasst, vermeidet man unnötige Missverständnisse und Mehraufwand.

Daneben habe ich aus meiner Zeit als Anwältin gelernt, in Drucksituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Was mir dabei besonders geholfen hat, ist in der Freizeit komplett was anderes zu tun und sich richtig zu entspannen. Dabei war für mich stets wichtig, einen gewissen Abstand zur Arbeit zu gewinnen.

Was würdest Du anderen JuristInnen raten, die überlegen ihren Job zu wechseln?

Aus meiner Sicht ist die große Herausforderung beim Jobwechsel nach dem Berufseinstieg den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Man sollte einerseits nicht das Gefühl haben, „zu früh“ aufgegeben zu haben, also dem ersten richtigen Job keine richtige Chance gegeben zu haben. Andererseits sollte man nicht zu lange unglücklich in seinem Job sein – dafür verbringt man doch zu viel Zeit mit der Arbeit. Ein guter Indikator, der für bzw. gegen einen Wechsel spricht, ist der Spaßfaktor bei der Arbeit. Damit hängt zusammen, wie „schnell“ gefühlsmäßig die Arbeitswoche vorbei ist. In meinem aktuellen Job vergeht die Woche wie im Flug, obwohl ich mittlerweile Vollzeit arbeite (lacht). Um den richtigen Zeitpunkt für einen selbst festzulegen, hilft es, sich klarzumachen, welche Faktoren einem an der jetzigen Stelle gefallen oder missfallen. Im Speziellen muss man sich fragen, ob man diese Faktoren oder aber seine eigene Haltung zu diesen Faktoren in der Zukunft ändern kann. Dies ist letztlich eine sehr persönliche Entscheidung.

Welche Schwierigkeiten sind Dir auf Deinem Weg begegnet und wie bist Du mit diesen Schwierigkeiten umgegangen?

Zu Beginn ist es mir schwergefallen, die anstehenden Aufgaben nach ihrer Priorität zu ordnen und zu bearbeiten. Oft habe ich die einfachen Sachen zuerst erledigt, obwohl sie nicht die Dringendsten waren. Das endete dann damit, dass ich unkonzentrierter und mit zu wenig Zeit an den dringenden und komplexeren Aufgaben saß. Aufgrund dieser Erfahrung frage ich mich inzwischen, bis wann die unterschiedlichen Aufgaben wirklich erledigt sein müssen. Auf dieser Basis erstelle ich eine To-Do-Liste mit den unterschiedlichen Abgabezeitpunkten. Das hilft enorm, den Arbeitsalltag zu strukturieren und reduziert schlicht das Stressgefühl.

Des Weiteren war eine meiner größten Schwierigkeit, den wöchentlichen Wechsel zwischen meiner Tätigkeit in der Großkanzlei und meiner Dissertation hinzubekommen. Ich hatte den Eindruck, keiner dieser Tätigkeiten wirklich gerecht zu werden: Zum einen empfand ich es als herausfordernd, zwei ganz neue Projekte (Berufseinstieg als Associate – wenn auch in Teilzeit – sowie die Dissertation) zur gleichen Zeit zu beginnen. Beide Projekte erfordern eine unterschiedliche Herangehensweise: Bei der Doktorarbeit musste ich erst lernen, mich selbst zu organisieren und zu motivieren; in der Kanzlei musste ich mich zunächst mit der Arbeitsweise vertraut machen und viel Fachliches lernen. Für mich war damit klar, dass ich mir die nötige Freiheit nehmen muss, um mich in beiden Projekten auszuprobieren. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass ich mich mit der Dissertation und dem Berufseinstieg noch in einem Lernprozess befinde und meinen Perfektionismus auch mal ruhen lassen muss.

Zum anderen hatte ich in der Kanzlei sehr oft das Gefühl, mich gerade in den neuen Fall eingearbeitet zu haben, während die Teilzeitarbeitswoche dann schon vorbei war. Auch bei der Diss habe ich immer wieder einen Tag gebraucht, um mich wieder einzufinden, an welcher Stelle ich letzte Woche aufgehört habe und was ich diese Woche einarbeiten möchte. Teilweise habe ich wichtige Termine in der Kanzlei verpasst, wenn ich dissbedingt in der Bibliothek war. Mir half es in solchen Situationen sehr, mir klarzumachen, dass ich – bei aller zeitlichen Flexibilität – nur begrenzte Zeitressourcen für beide Projekte habe. Auch wenn es schon ein ganzes Stück besser geworden ist, fällt es mir immer noch schwer, bei Anfragen „Nein“ zu sagen.

Wie kann man sich auf den Berufseinstieg vorbereiten?

Das Referendariat bietet sehr viele Möglichkeiten, verschiedene juristische Berufsbilder kennen zu lernen. Aus meiner Sicht ist schon viel gewonnen, die Stationen an die eigenen Interessen anzupassen, sich möglichst unterschiedliche Berufsbilder anzuschauen. Nur so kann man einen realistischen Einblick davon bekommen, was einem perspektivisch als Beruf Spaß machen könnte. Insbesondere die letzte Referendariatsstation bietet die Gelegenheit, einen potenziellen Arbeitgeber näher kennenzulernen. Wenn man sich hier gut anstellt, hat man es oftmals leichter im Bewerbungsprozess für den Berufseinstieg zu überzeugen. Fachlich kann man sich meines Erachtens nicht wirklich vorbereiten, da die zu bearbeitenden Fragen meist sehr spezifisch sind. Man könnte aber (wahrscheinlich mehr für das eigene Gewissen) den jeweiligen Ansprechpartner/ die jeweilige Ansprechpartnerin nach Literaturempfehlungen zur Vorbereitung für den Job fragen.

In persönlicher Hinsicht kann ich nur empfehlen, sich in einer ruhigen Minute, die eigenen Erwartungen an den Berufsstart aufzulisten. Nach einigen Monaten kann man so die aufgeschriebenen Erwartungen mit der Realität abgleichen. Bei Divergenzen kann man das Gespräch mit dem neuen Chef/ der neuen Chefin suchen und die Erwartungen an den neuen Job kommunizieren und z.B. mehr einfordern. Ansonsten sollte man vor allem Vorfreude auf den Job haben und die freie Zeit oder einen bevorstehenden Urlaub noch im vollen Umfang genießen, denn danach wird es sowieso stressig genug (lacht).

Welche Faktoren hältst Du für die Berufswahl für besonders wichtig?

Hier muss ich leider auf die Standardantwort von Juristen/ Juristinnen zurückgreifen: Es kommt darauf an, was für einen selbst einen guten Job ausmacht: das Fachliche, das Arbeitsklima, die Kollegen/ Kolleginnen etc. Mir persönlich war es und ist es besonders wichtig, ein sehr freundliches und kollegiales Arbeitsumfeld zu haben. Deshalb habe ich schon während meiner letzten Referendariatsstation in der Kanzlei viele Gespräche mit dem Team, mit dem ich später gearbeitet habe, geführt. Wenn es möglich ist, würde ich dazu raten in mehreren Schritten mit Personen in unterschiedlichen Führungspositionen zu sprechen. Denn so bekommt man ein gutes Gefühl für das gesamte Team, lernt die Leute kennen, mit denen man tagtäglich zusammenarbeiten wird und bekommt Einblicke, was beispielsweise eine Person auf Führungsebene beschäftigt. Indem man erklärt, warum mehrere Gespräche aus der eigenen Sicht wichtig sind, kann man diese mehr „einfordern“. Denn es ist ein legitimes Interesse, den Arbeitgeber und insbesondere das Team ausreichend kennenzulernen. Außerdem liegt es ebenfalls im Interesse der Kanzlei bzw. des Arbeitsgebers allgemein, eine gute Teamstruktur zu schaffen. Bei diesen Gesprächen halte ich insbesondere das Gefühl direkt im Anschluss für besonders wichtig. Um mich später daran zu erinnern und mich nicht von meinen eigenen Überlegungen trügen zu lassen, habe ich meist Sprachnachrichten über meine Eindrücke an Freunde verschickt. Des Weiteren hilft es, sich im Bekannten- und Freundeskreis über deren berufliche Erfahrungen auszutauschen.

 
Was würdest Du anderen für den Berufseinstieg raten?

Ich habe den Berufseinstieg als eine sehr bereichernde und aufregende neue Situation wahrgenommen, in der man nach der langen juristischen Ausbildung das erste Mal richtig ernst genommen wird. Seid neugierig und stellt Fragen (insbesondere bei Unklarheiten)! Seid proaktiv! Stellt euch den anderen Teammitgliedern vor und bringt euch aktiv in die Gestaltung Eures Arbeitsplatzes mit ein, sei es in der Planung des nächsten Teamevents oder in einer Arbeitsgruppe für mehr Diversity am Arbeitsplatz. Macht Fehler! Gerade am Anfang werden sie verziehen! Macht denselben Fehler aber nicht zu häufig (lacht). Alles im allem: Nutzt die Energie des Berufsstart!

Vielen Dank für das spannende Interview!

Berlin/ Mannheim, Juli 2023. Das Interview führte Paulina Kränzlein. 

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