Dr. Gesa Beckhaus, LL.M. (NYU) im Porträt

„Wie jetzt, eine Frau?!“

 

Dr. Gesa Beckhaus, LL.M. (NYU), Notarin im Notariat am Ballindamm, spricht über ihre Rolle als erste Notarin seit der Gründung ihrer Sozietät, ihre Freude an der notariellen Tätigkeit und die möglicherweise abschreckende Wirkung der Selbständigkeit auf junge Bewerberinnen.

Dr. Beckhaus, Sie sind bereits im Alter von 32 Jahren mit Doktor und LL.M. als frisch gebackene Mutter Notarin in Hamburg geworden, war das schon immer Ihr Berufswunsch?

Ganz so geradlinig war mein Werdegang nun auch nicht (lacht). Ich bin im Alter von etwa 13 Jahren in der Brigitte auf einen Artikel über mögliche Berufsbilder für Juristinnen gestoßen und seitdem habe ich mit dem Gedanken gespielt, international tätige Anwältin zu werden. Mit meinem Wunsch habe ich mich in meiner Familie, die ausschließlich aus Medizinern bestand, als Exotin geoutet. Während des Studiums hat sich meine Begeisterung für die Juristerei bestätigt und das war natürlich eine gute Ausgangsbasis. Im Referendariat konnte ich dann in der Wahlstation den Alltag von Notaren hautnah erleben. Für mich kristallisierte sich schnell heraus, dass mir die Tätigkeit liegen und sehr viel Freude bereiten würde. Nach meinem LL.M.-Abschluss bewarb ich mich bei der Hamburgischen Notarkammer. Nach dreijähriger Assessorenzeit wurde ich 2015 als erste Frau Notarin im Notariat Ballindamm hier in Hamburg, einem der ältesten Notariate Deutschlands.

Ihr beeindruckender Werdegang hatte viele Stationen, z.B. ein Auslandstrimester in Argentinien, eine Station beim ICC Court of International Arbitration in Paris oder einige Monate als Associate Intern bei McKinsey. Welche hat Sie besonders geprägt und beeinflusst?

Zweifellos hat jede dieser Erfahrungen besondere Eindrücke hinterlassen. Großen Einfluss hatte sicherlich das Studium an der Law School. Von Beginn an hatte ich viel Freude am Studium und fand die Juristerei so gar nicht trocken. Hinzu kam der familiäre und enge Umgang an der Hochschule. Ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt. Meine Lerngruppe aus dem ersten Semester hat mich bis zum 1. Examen, teilweise sogar bis zum 2. Examen, begleitet. Dieses angenehme Umfeld in Kombination mit den vielseitigen Angeboten, z.B. das Auslandstrimester in Argentinien und der frühe Einblick in die juristische Praxis, hat mir viele Perspektiven eröffnet und zu meinem langjährig gewachsenen Freundeskreis und breiten beruflichen Netzwerk beigetragen.

Hätten Sie an bestimmten Stellen anders abbiegen können? Welche Beweggründe haben Sie an diesen Weggabelungen beeinflusst?

Im Jahr 2011 habe ich in der Zeit zwischen Referendariat und dem LL.M. zwei Monate bei McKinsey als Associate Intern verbracht. Die Art zu arbeiten und zu denken hat mich mitgerissen. Mir haben der Teamspirit und die enge Zusammenarbeit gefallen. Zudem war meine Lernkurve in der kurzen Zeit sehr steil. Ich stand im Anschluss vor der Entscheidung, ob ich diesen Weg gehen möchte und meine Leidenschaft für Jura an zweite Stelle rücke. Letztlich überwog der Wunsch, weiter juristisch tätig zu sein. Außerdem passte der von vielen Reisen geprägte Arbeitsalltag nicht zu meinen Lebensplänen.

Welche Herausforderungen sind Ihnen begegnet? Wie haben Sie diese überstanden?

Wie auf jedem Weg gab es natürlich auch gewisse Herausforderungen. Als ich beispielsweise bei einer meiner ersten Beurkundungen als junge Notarassessorin den Raum betrat, begrüßte mich der überraschte Mandant leicht entsetzt mit den Worten: „Wie jetzt, eine Frau?!“.
Im ersten Moment war ich etwas perplex. Ich habe den Kommentar nicht persönlich genommen, sondern freundlich und professionell mit einem Lächeln zurückgegrüßt und einfach meinen Job gemacht. Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Mandant am Ende des Termins nicht nur um Verzeihung bat, sondern bei der Verabschiedung klarstellte, dass er einen männlichen Notar erwartet und daher sehr überrumpelt gewesen sei, aber umso zufriedener mit dem exzellenten Ablauf der Beurkundung. Übrigens erzählen mir – gerade bei größeren Transaktionen – auch heute noch häufig Beteiligte, dass dies ihre erste Beurkundung bei einer Notarin war.

Gibt es eine innere Überzeugung, so etwas wie einen Leitsatz, an dem Sie Ihr Leben ausrichten oder der Ihnen Mut schenkt?

Glücklicherweise liegt es in meiner Natur, Dinge in einem positiven Licht zu betrachten.
Ich habe früh gelernt, die Bedeutung von Geschehnissen ins Verhältnis zueinander zu setzen. Dieses Grundverständnis ist fest verankert. Das fällt natürlich nicht immer leicht. Mir hilft es, mich auf die goldene Regel zurückzubesinnen, andere stets so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Ich freue mich, wenn ich meine positive Grundeinstellung professionell und persönlich verkörpere und an andere weitergeben kann.

 

Worin liegt Ihre Begeisterung für Ihren Beruf?

Für mich ist der Beruf der Notarin gewissermaßen wie ein „Arzt für Jura“. Ich erlebe meine Tätigkeit als vielseitig und immer wieder herausfordernd. Mich reizt die Verknüpfung des Fachlichen mit der vertrauensvollen Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen. Die langfristige Zusammenarbeit mit der Mandantschaft führt zu wachsender Wertschätzung, denn man kennt sich und hat meist schon einiges miteinander erlebt. Spannend ist insbesondere auch die Arbeit mit hochprofessionellen Mandanten bei großen Transaktionen.

Was macht Sie als Notarin aus, worin sehen Sie bzw. die Mandantschaft Ihre Stärke(n) und wie haben Sie diese gefördert?

Meine schnelle Auffassungsgabe, die Fähigkeit on the spot während der Beurkundung mitzudenken und pragmatische Lösungen zu entwickeln sowie eine gewisse Feinfühligkeit für die Einschätzung von Situationen und Kommunikationsstärke. Mir wird häufig gesagt, dass man mir die Freude an meiner Tätigkeit anmerke und ich so eine positive Atmosphäre für die Beteiligten schaffe. Diese Stärken sind nicht gezielt antrainiert (lacht)- das wäre wohl auch schwierig.

Geprägt wurde meine Arbeitsweise unter anderem von Dr. Inka Hanefeld. Während meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gründungsphase ihrer Kanzlei durfte ich ihre Führungskultur erleben: Sie schafft es, fachliche Exzellenz mit einem nahbaren und menschlichen Umgang zu verbinden. Das hat mir damals sehr imponiert und ist ein absolutes Vorbild. Eine solche Kultur wird in meiner Wahrnehmung sowohl intern als auch extern wertgeschätzt.

Wie sieht der Alltag für Sie als junge Notarin und Mutter aus? Haben Sie praktische Ratschläge für jüngere Kolleginnen und Kollegen?

 

Den Alltag und das Familienleben managen mein Mann, der in einer international tätigen Wirtschaftskanzlei arbeitet, und ich gemeinsam. Wir teilen uns die Aufgaben und kümmern uns zusammen um unseren kleinen Sohn. Dabei hilft es sehr, dass wir unsere Büros jeweils in nur zehn Minuten von der Wohnung mit dem Fahrrad erreichen können. So kann man spontaner reagieren, zum gemeinsamen Abendessen schnell nach Hause fahren und anschließend noch eine Veranstaltung in der Stadt besuchen. Absolute Stütze ist zudem unsere großartige Kinderfrau, die uns als Familie schon lange begleitet. Nebenbei haben wir noch das Glück, dass die Großeltern uns häufig unterstützen, obwohl sie nicht in Hamburg wohnen.


Und wenn mal alle Stricke reißen, dann findet unser Sohn es als Abwechslung richtig spannend, auch mal den Ausblick aus meinem Büro auf den Jungfernstieg zu genießen.

Wie gelingt es Ihnen ganz persönlich, diesen Spagat zu meistern und dabei in Ihrer Kraft zu bleiben?

Es kommt mir oftmals nicht so anstrengend vor, wie es der Begriff „Spagat“ auf den ersten Blick suggeriert: Mein Beruf schenkt mir viel Freude und mein Familienleben erfüllt mich – das setzt sehr viel Kraft frei. In der Freizeit bin ich gerne sportlich unterwegs. Dann findet man mich joggend um die Alster oder auf der Rudermaschine ganz entspannt bei einer Serie.

Zudem tanke ich auf, wenn ich mit Familie und Freunden Zeit verbringe: In den Ferien gemeinsam in der Natur auszuspannen, lange Gespräche bei einem selbstgekochten Abendessen am Ferienhaustisch zu führen oder einfach das Beisammensein zu genießen.

Noch immer ist der Frauenanteil in den Notariaten sehr niedrig. Woran liegt das in Ihren Augen?

Wenn ich die Bewerberinnenzahlen betrachte, ist mein Eindruck, dass die Selbstständigkeit leider auf viele Frauen abschreckend wirkt. Zudem hat es lange gedauert, bis etwa in Hamburg auch die großen Sozietäten begonnen haben Frauen als Partnerinnen aufzunehmen. Dass mit der Selbständigkeit, insbesondere wenn man ein eigenes Büro neu eröffnet, gewisse Herausforderungen verbunden sind, lässt sich nicht abstreiten. Davon sollte man sich nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen: Aus meiner Sicht lohnt es sich, die Option nicht von vornherein auszuschließen, wenn man die Voraussetzungen mitbringt, und die Situation individuell für sich zu bewerten. Ich bin sogar im Gegenteil besonders gern freiberuflich tätig.

Was wünschen Sie sich für den Berufsstand, an welchen Stellen braucht es eine Bewusstseinsänderung und wie kann diese erreicht werden?

Frauen in Notariaten stellen in meinen Augen eine große Bereicherung für den Berufstand an sich, das einzelne Notariat und die individuelle Mandantschaft dar. Man sollte sie nicht nur auf das Risiko reduzieren, dass sie möglicherweise eine Familie gründen und dann jedenfalls zeitweise ggf. nicht in Vollzeit tätig sind. Es gibt eindrucksvolle Beispiele (wenn auch noch viel zu wenige), die das belegen. Das sehen nach meiner Erfahrung auch die Mandanten und Mandantinnen so. „Typisch weibliche“ Eigenschaften passen ideal zum Notarberuf. Natürlich ist es dennoch wichtig, eine Teilzeittätigkeit für Notare und Notarinnen grundsätzlich zu ermöglichen, um insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Vielen ist aber auch gar nicht bewusst, dass es zum Beispiel mit der häufig üblichen Vertretung durch Notarassessoren während einer kürzeren Elternzeit für eine freiberufliche Tätigkeit schon sehr viel Unterstützung durch die Notarkammern besteht.

Welche Rolle spielt jede(r) einzelne(r) in diesem Prozess Ihrer Ansicht nach?

Die Verantwortung liegt nicht nur bei jedem Einzelnen, sondern ebenso beim Kollektiv. An erster Stelle braucht es überzeugte Unterstützer und Unterstützerinnen, die mit gutem Beispiel vorangehen. In meinem Fall war das mein heutiger Seniorpartner Prof. Peter Rawert. Er war stets davon überzeugt, dass es ein notwendiger und gewinnbringender Schritt ist, die Partnerriege mit einer Notarin zu ergänzen. So kam es dazu, dass ich 2015 als erste Notarin seit der Gründung der Sozietät vor 200 Jahren aufgenommen wurde. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, in einer Station als Notarassessorin als Vertreterin einiger meiner heutigen Sozien Engagement zu zeigen und schlussendlich durch meine Leistung zu überzeugen. Diese Chance habe ich gerne und entschlossen angenommen.

Was geben Sie jungen Notaranwärterinnen mit, wenn Sie sie ermutigen wollen?

Bewerben Sie sich. Für diesen Beruf wird es sich aus meiner Sicht allemal lohnen. Lassen Sie sich nicht von etwaigen Zweifeln abhalten, sprechen Sie mit potentiellen Kollegen und Kolleginnen und trauen Sie sich zu, dass Sie hier Ihren eigenen und erfolgreichen Weg gehen werden. Wenn Ihnen jemand die Tür öffnet, nehmen Sie die Chance wahr.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Eine Frau, die eine steile Karriere gemacht hat, ist Dr. Stephanie Ullrich. Sie war zunächst Anwältin, dann General Counsel und ist mittlerweile Geschäftsführerin des Family Office von Hasso Plattner und Vorständin der Hasso Plattner Foundation. Zudem ist sie Mutter von drei kleinen Kindern und einfach ein beeindruckender und ausgesprochen herzlicher Mensch.

 

Hamburg, 5. Juni 2020. Das Interview wurde von Anna Sophie Eckers geführt.

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