Prof. Dr. Daniela Seeliger, LL.M., im Porträt

"Familie und Beruf müssen zur gleichberechtigten Verantwortung der Eltern werden."

Prof. Dr. Daniela Seeliger, Partnerin bei Linklaters, über die Dynamik des Kartellrechts, die Wichtigkeit von gezielten Netzwerken und die Herausforderung, sich mit Partnerschaft, Kindern und Beruf nicht zu übernehmen. 

Frau Prof. Dr. Seeliger, Sie sind Professorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Partnerin und Leiterin der Praxisgruppe Kartellrecht bei Linklaters. Welche Tätigkeit macht Ihnen mehr Freude?

Beide Tätigkeiten machen mir Freude und erfüllen mich - sie sind eine tolle Kombination. Die Tätigkeit als Rechtsanwältin verbindet viele Berufe in einem und der Kontakt mit Mandanten und die Mandatsarbeit machen mir Spaß. Die Arbeit als Professorin mit Studenten erweitert darüber hinaus meine Perspektive: Die Studenten stellen fundamentale Rechtsfragen und „challengen" einen an neuen Themen dran zu bleiben, wie beispielsweise Digitalisierung, Globalisierung, Legal Tech - dadurch lerne ich auch selber dazu. Das ist eine spannende und intellektuelle Arbeit auf hohem Niveau. An beiden Tätigkeiten macht mir der Umgang mit Menschen Freude.

Was fasziniert Sie an dem Schwerpunkt Kartellrecht? 

Der Fachbereich Kartellrecht ist durch eine hohe Wirtschaftlichkeit geprägt; man lernt viel über Unternehmen, Produkte und Märkte. Drei Themengebiete faszinieren mich daran besonders: Die Dynamik, wie es zu einem Kartell kommt, wie die Bonusregelung wirkt und spannende Fusionen.

Sie vertreten u.a. Volkswagen, Audi und Porsche bei der Durchsetzung ihrer Interessen vor der EU-Kommission. Was sind die größten Herausforderungen bei Ihren Mandaten allgemein und besonders als Frau in einem männerdominierten Fachbereich?

Die größten Herausforderungen sind zum einen schnell zu handeln und dabei zum anderen gute Fakten bei ggf. schwierigen Sachverhalten zu liefern. Ein gutes Judiz ist wichtig sowie die Fähigkeit zusammen mit den Behörden eine positive Lösung zu finden. Dabei agiert man als Anker zwischen Behörde und Mandant.

Bei Mandanten ist nicht wichtig, ob man eine Frau ist oder nicht, vielmehr zählen eine exzellente Qualität der Arbeit und gute Lösungen. Auffällig ist aber, dass viele Kollegen eher mit klassischen Rollenbildern aufgewachsen sind. Wenn sie hören, dass ich drei Kinder habe, fragen sie meistens, wie ich die Kinder und die Arbeit vereinbare. Das werte ich aber nicht negativ, sondern viele Männer kennen das von zu Hause nicht und sind dann eher interessiert. In meinem Umfeld gibt es viele Kartellrechtlerinnen - mein eigenes Team ist sehr divers.

Sie sind Ende 2018 in einer denkwürdigen Versammlung (offener Wettbewerb um Posten und geheime Abstimmung) in den Vorstand der Studienvereinigung Kartellrecht gewählt worden. Was genau ist die Studienvereinigung und was sind Ihre Aufgaben?

 

Kurz gefasst, ist die Studienvereinigung Kartellrecht der „Think Tank" der deutschen Kartellanwälte, Inhouse Juristen und der Ökonomen. Meine Aufgabe als Mitglied des Vorstands ist es u.a., die Qualität des Kartellrechts und Neuerungen in diesem Fachgebiet mitzugestalten; beispielsweise, praktische Hinweise wie die Vertikal-GVO und das GWB neu gefasst werden sollten. Die Studienvereinigung bringt in diese Projekte ihr Fachwissen ein, bündelt dadurch die geballte praktische Erfahrung der Unternehmen. Zwei Bereiche/Fragestellungen interessieren mich dabei besonders: Muss das Wettbewerbsrecht in der Digitalwelt geändert werden oder nicht? Außerdem ist die Studienvereinigung noch offener zu gestalten, dass sich zum Beispiel auch die jüngeren Mitglieder noch mehr aktiv beteiligen mögen. 

Sie haben promoviert, einen Masterstudiengang erfolgreich absolviert und Ihnen wurde eine Honorarprofessur verliehen. Welche Erfahrung verbinden Sie mit welchem Titel?

Den LL.M. habe ich nach dem ersten Staatsexamen gemacht, um mein Englisch zu perfektionieren. Der Masterstudiengang und die Auslandserfahrung am King's College in London haben mir großen Spaß gemacht und meinen persönlichen Horizont erweitert. Ich habe dort viele in- und ausländische Freundschaften geschlossen und ein tolles internationales Netzwerk geknüpft.

 

Meine Dissertation habe ich geschrieben als ich bereits drei Jahre gearbeitet habe. Die wissenschaftliche Arbeit hat mich interessiert und der Doktortitel war und ist auch heute noch hilfreich im Beruf - insbesondere im Umgang mit deutschen Mandanten und Kollegen.

 

An der Universität Halle-Wittenberg habe ich 10 Jahre Kartellrecht unterrichtet. Nach fünf Jahren wurde mir die Honorarprofessur verliehen. Der Professorentitel ist insoweit hilfreich, dass ich seit Verleihung der Honorarprofessur öfters nach der Erstellung von wirtschaftlichen Gutachten oder Zweitgutachten gefragt werde.

Zu dem Erwerb welches Titels würden Sie jungen Juristinnen am ehesten raten?

 

Muss man sich für einen Titel entscheiden, würde ich zu einer Promotion raten. Gut finde ich aber auch die Kombination eines Masterstudiengangs mit einer Promotion - auf diese Weise schlägt man direkt „zwei Fliegen mit einer Klappe".

Sie haben drei Kinder. War es für Sie immer selbstverständlich Ihre Karriere aktiv voranzutreiben und gleichzeitig auch genug Zeit für das Familienleben zu haben?

Ja, es war immer selbstverständlich für mich. Ich hatte in meiner Mutter und Großmutter gute Rollenvorbilder. Meine Großmutter war Rechtsanwältin und meine Mutter ist Richterin. Ich habe unter ihrer Berufstätigkeit nie gelitten, vielmehr waren sie ein großes Vorbild für mich.

Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass es wichtig ist, sich ein Umfeld zu schaffen, indem die Kinder es gewohnt sind, dass die Mütter auch arbeiten. Sind die Kinder viel mit anderen Kindern zusammen, deren Mütter zu Hause arbeiten, fällt ihnen die Berufstätigkeit der Mütter schwerer, als wenn sie die Berufstätigkeit beider Eltern als den Normallfall gelebt sehen. Gerade für die jüngere Generation sollte dies in ihren Partnerschaften möglich sein - gerade sehe ich hier häufig eher rückläufige Trends. Darüber hinaus braucht man natürlich Hilfe. Ich habe eine Patchwork Familie, meine Mutter hat mich sehr unterstützt und wir haben eine Kinderfrau.

Insbesondere Frauen sollten aber auch aufpassen, sich nicht zu übernehmen. Beruf, Partnerschaft und kleine Kinder parallel zu stemmen ist eine Herausforderung und kann beispielsweise auch auf Kosten der Partnerschaft gehen. Der Tag hat 24 Stunden und mit diesem Zeitkontingent muss man auskommen. Zu Hause versuche ich schöne Dinge mit den Kindern zu unternehmen, sie abends ins Bett zu bringen (im Wechsel mit meinem Mann) und danach die Zeit mit meinem Mann zu verbringen, zu arbeiten oder Zeit für mich zu haben.

Ihnen ist es selber wichtig, jungen Juristinnen als Mentorin zur Seite zu stehen. Was raten Sie Frauen, die den Wunsch haben, Karriere in einer internationalen Wirtschaftskanzlei zu machen, die aber auch nicht auf Familie verzichten möchten? 

Einfach machen. Großkanzleien sind große Teams mit der entsprechenden Flexibilität und können Menschen unterstützen, Arbeit und Familie zu kombinieren. Mir fällt besonders auf, dass Menschen, die beides machen, super jonglieren können.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen richtigen Zeitpunkt für die Familienplanung? 

Es ist immer der richtige Zeitpunkt für Kinder. Einen falschen Zeitpunkt gibt es dafür nicht (lacht). Das hat meine Mutter immer gesagt und es stimmt.

Was können Großkanzleien tun, um Frauen auf Ihrem Karriereweg zu unterstützen, Beruf und Familie erfolgreich zu verbinden?

Die Kultur in den Kanzleien muss sich ändern. Familie und Beruf müssen gemeinsame Verantwortung von Frauen und Männern werden. Wenn beispielsweise zwei Rechtsanwälte in der Großkanzlei ein Kind bekommen, nimmt fast immer die Frau Elternzeit. Kanzleien müssten als Voraussetzung für die Beförderung zum Partner machen, dass jemand der Kinder hat, auch Elternzeit genommen hat. Schweden ist für mich ein gutes Beispiel für die gleichberechtigte Verantwortung der Eltern. Vielleicht kann hier nur der Gesetzgeber erreichen, dass Männer sich im gleichen Maße um die Kinder kümmern und im Bundestag oder in Führungspositionen Frauen und Männer zu gleichen Teilen vertreten sind. Ich persönliche frage Männer, die Kinder haben, aber keine Elternzeit genommen haben und sich auch sonst nicht 50/50 zu Hause einbringen gerne, warum sie das nicht getan haben und mache deutlich, wie schade ich das finde.

Wie wichtig sind und waren Netzwerke für Ihren Karriereweg?

Sehr wichtig. Und zwar gemischte Netzwerke. Es ist immer einfacher, wenn man einen persönlichen Kontakt zu jemandem hat, insbesondere um auch politisch und sonst Dinge zu bewegen.

Wie knüpft frau am besten Netzwerke, wenn nachmittags oder abends das Familienleben auf sie wartet?

Eine Möglichkeit ist, Netzwerken in den Tagesablauf einzubauen. Bietet sich etwa eine Abendveranstaltung an, kann der Mann sich um das Familienleben kümmern oder ein Babysitter engagiert werden. Außerdem netzwerkt man ja nicht jeden Abend. Wichtig ist auch, gezielt zu schauen, was für ein Netzwerk man überhaupt braucht und zu welchem Zeitpunkt. Mir hat es immer geholfen zu sehen, dass es auch andere Frauen und Männer gibt, die vor ähnliche Herausforderungen stehen wie ich - und sie meistern.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie am Anfang Ihrer Karriere weibliche Vorbilder vermisst hätten. Haben Sie sich auf Ihrem Karriereweg an männlichen Vorbildern orientiert?

Zum Teil. Dirk Schroeder war mir ein großes Vorbild als erster Leitpartner. Danach haben mich manche männlichen Vorbilder eher abgeschreckt.

"Wenn männliche Vorbilder der Nachwuchsstars sich um ihre Familie kümmern, dann wird das im Unternehmen sexy", haben Sie im Jahr 2014 in einem Interview gesagt. Haben Sie den Eindruck, dass es inzwischen mehr männliche Vorbilder gibt?

Ja, es gibt mehr als vor ein paar Jahren. Leider aber immer noch viel zu wenige. Ein Grund dafür ist aus meiner Sicht, dass die Gesellschaft es nicht erwartet. Das ist schade für alle und vor allem für die jungen Väter selbst.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Lore Maria Peschel-Gutzeit. Sie hat ein tolles Buch „Mächtig was los: Selbstverständlich gleichberechtigt" geschrieben. Darüber hinaus gibt es sehr viele Juristinnen, die mich inspirieren, welche aber zu viele sind, um sie hier alle aufzuzählen - zum Glück sind eine Vielzahl hier bereits porträtiert. 

Vielen Dank für das spannende Interview!

Düsseldorf, 12. Juli 2019. Das Interview führte Marina Arntzen.

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