Erstes Staatsexamen mit Baby: Ein Erfahrungsbericht

"Macht Euch wenig Druck, genießt die Zeit mit Kind und freut Euch über jede Lernminute."

Unsere Porträtierte hat ihr erstes juristisches Examen mit Säugling geschrieben. Sie berichtet über die Prüfungsvorbereitung zwischen Stillen und Sortieren von Babykleidung, Ärger mit dem Prüfungsamt und eine gute Aufteilung zu Hause.

Das erste Examen mit Säugling: Wie war das?

Zunächst einmal: Auch mit Kind ist alles machbar; die Frage ist nur zu welchem Preis und unter welchem Kraftaufwand! Mein Bericht soll dabei helfen, die Möglichkeiten je nach eigener Situation besser einschätzen zu können. Ich habe den Freiversuch meines ersten Examens im zweiten Schwangerschaftsdrittel geschrieben, durfte (nach langem Kampf mit dem Prüfungsamt) die mündliche Prüfung, die in den Zeitraum des gesetzlichen Mutterschutzes nach der Geburt gefallen wäre, um ein Semester verschieben und habe diese dann absolviert, als meine Tochter sieben Monate alt war. Im Monat darauf habe ich den erfolgreichen Verbesserungsversuch angetreten und dann das endgültige Zeugnis in den Händen gehalten, als das Kind ein Jahr alt war. Insgesamt hat sich die Examenszeit so auf sehr mühselige zwei Jahre und vier Monate gestreckt. Mein Partner war in den ersten acht Monaten zu Hause und hat neben Haushalt und Kinderbetreuung ebenfalls für sein Examen gelernt.

Wie kann das Lernen mit einem Säugling gelingen?

Viele individuelle Umstände spielen eine maßgebliche Rolle dafür, ob das Lernen bzw. das Examen mit einem Säugling gelingt. Insbesondere der Zeitpunkt des Examens, ob es sich um den Freiversuch oder den einzigen Versuch mit entsprechend mehr Druck handelt, ob Euer Partner eine mehrmonatige Auszeit von Studium/Beruf nehmen kann, Ihr Euch und das Kind finanzieren könnt, hilfsbereite Großeltern in der Nähe sind, Geld für eine Putz-oder Haushaltshilfe oder Betreuung vorhanden ist, der Partner die Zeit und den Willen zur Mitarbeit hat und ob das Baby gestillt werden soll.

Welcher Zeitpunkt ist am besten für das Examen bzw. die Geburt geeignet?

Fällt die schriftliche Examensprüfung noch in die Schwangerschaft, hängt die Erfolgswahrscheinlichkeit vom konkreten Zeitpunkt ab. Im ersten Drittel hindert möglicherweise Übelkeit die Konzentration. Diese ist sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Ich lag drei Monate flach, hätte ich einen Beruf ausgeübt, hätte ich mich krankschreiben lassen müssen. Tagsüber habe ich zwar oft am Repetitorium teilgenommen, war dort aber sehr unkonzentriert. Das kann aber auch ganz anders aussehen, ist aber schlichtweg nicht vorhersehbar. Das zweite Schwangerschaftsdrittel ist die beste Zeit, um zu lernen und auch das Examen zu schreiben - dann sind die meisten Schwangeren voll leistungsfähig. Das Examen konnte ich topfit mitschreiben. Im dritten Drittel muss wiederum berücksichtigt werden, dass jederzeit Komplikationen auftreten können, mit der Folge, dass man gar nichts anderes mehr schafft. Rund 9 % der Neugeborenen in Deutschland sind Frühchen, kommen also vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Aber auch aus anderen Gründen kann ein Krankenhausaufenthalt erforderlich sein. Auf jeden Fall wird man zum Ende sehr viel schneller erschöpft. Ich hatte das Glück, bis zum achten Monat unkompliziert in einer Kanzlei arbeiten zu können; ein Examen wäre möglich gewesen. Hierbei war definitiv ein Vorteil, dass ich mit 24 Jahren schwanger wurde. Die Schwangerschaft verläuft bei Jüngeren deutlich weniger komplikationsreich und beschwerlich. Nichtsdestotrotz kam auch meine Tochter über zwei Wochen vor geplantem Entbindungstermin mit einigen Komplikationen zur Welt.

Wenn sich der Examens- bzw. der Geburtstermin halbwegs planen lässt, würde ich empfehlen, das Examen entweder noch in der Schwangerschaft, am besten im zweiten Drittel, oder möglichst spät nach der Geburt zu absolvieren. Ist das Kind auf der Welt, schätze ich die allgemeine Prüfungsfähigkeit einer Mutter als geringer und noch weniger vorhersehbar ein, deshalb sollte der Examenstermin nach Möglichkeit weit nach hinten geschoben werden. Nachwuchs rechtfertigt ein Urlaubssemester. Zwar verlieren Studenten in dieser Zeit einen BAföG-Anspruch, jedoch gibt es einige andere Finanzierungsmöglichkeiten für Eltern. Wie schnell die Examensvorbereitung fortgesetzt werden kann, hängt stark von der Geburt ab. Ich hatte einen Kaiserschnitt, nach welchem ich einen Monat mehr oder weniger ans Bett gefesselt war. Eine Prüfung oder ein Unibesuch wäre in dieser Zeit beim besten Willen nicht möglich gewesen. Aber auch nach einer spontanen Geburt können Wochen vergehen, bis die Mobilität zurückkehrt. Das „Wochenbett“ sollte ernstgenommen werden. In den darauffolgenden Wochen ist man unglaublich müde; und der Schlafmangel akkumuliert sich über die Zeit. Wenn das Baby gestillt wird, ist die Erschöpfung noch größer, denn das kostet ca. 500 Kalorien am Tag und die Nacht wird dadurch mehrfach unterbrochen.

Wie hast Du Dir die Lernzeiten organisiert?

 

Obwohl mein Partner in den ersten drei Monaten vollumfänglich zu Hause war und meine Eltern und Freunde ab und zu gebabysittet haben (was beides eine großartige Hilfe war), war für mich das Lernen in dieser Zeit nur schwer möglich. Man hört oft: „Das Baby schläft ja am Anfang ganz viel...“. Ja, das stimmt. Und das Kind kann auch mal für zwei Stunden abgegeben werden. Aber dabei ist zu beachten, dass es nur unregelmäßig schläft und der Tag durch das Stillen immer wieder unterbrochen wird – wenn es gut läuft, braucht das Baby alle drei bis vier Stunden Milch, sodass dazwischen zwei Stunden Lernzeit sind. Diese konkurriert aber auch damit, dass Besorgungen gemacht, gekocht, viele kleine Mahlzeiten zu sich genommen, geduscht, Schlaf nachgeholt, aufgeräumt, die Babykleidung sortiert, gewaschen, mal an die frische Luft gegangen und Besuch empfangen werden muss. Da bleibt nicht viel und vor allem nicht viel Zeit am Stück, um sich ins Lernen einzufinden. Die ständige Müdigkeit und Unkonzentriertheit hindern zusätzlich. Man muss hier den Tag nehmen, wie er kommt, und einfach jede verfügbare Minute am Schreibtisch nutzen. Für mich waren das anfangs unter 30 Minuten am Tag.

Viele möchten trotz des Aufwands nicht auf das Stillen verzichten. Hat Dir abgepumpte Muttermilch geholfen?

 

Wenn das Baby nicht gestillt wird, kann die Nacht vom Partner übernommen und tagsüber länger am Stück gelernt werden, was sehr hilft. Die Mutter kann alternativ auch abgepumpte Muttermilch zu Hause lassen und ab und zu länger abwesend sein, wenn das Baby die Flasche annimmt. Auf regelmäßiger Basis ist dies leider extrem aufwändig. Denn dann muss nach jedem Stillen nochmal gepumpt werden, damit genug extra Milch vorhanden ist. Hiermit muss früh begonnen werden, da die Milchproduktion sich nicht ständig steigern lässt. Das regelmäßige Pumpen ist mit erheblichem Aufwand für die Reinigung der Pumpe und der Fläschchen, dem Abfüllen der Muttermilch in Tütchen und dem Beschriften und Sortieren der Milch verbunden. Und auch während der „freien Zeit“ muss zwischendurch eine Viertelstunde zum Pumpen eingeplant werden. Laut meiner Hebamme ist es nicht gut, statt abgepumpter Muttermilch zwischendurch Fertigmilch zu geben, da die Mischung dem Baby Bauchschmerzen bereitet. Von anderen Müttern habe ich allerdings gehört, dass es geklappt hat – der Wechsel wäre natürlich die einfachste Lösung. Ich habe neben dem Stillen gepumpt, um in die Uni gehen und Probeklausuren schreiben zu können. Das ging, war aber wie gesagt sehr mühsam.

Sobald das Kind tagsüber abgestillt ist, bleibt die Aufteilung der Betreuung als größte Herausforderung. Ich habe mich nach der von dem Bundesernährungsministerium empfohlenen Mindeststillzeit von vier Monaten gerichtet und konnte danach innerhalb weniger Tage alle Mahlzeiten durch die Flasche ersetzen, was vergleichsweise sehr schnell war. Danach habe ich noch eine Weile Pulvermilch gegeben, um später entspannt mit der Breieinführung beginnen zu können. Mit dem Druck des Examens im Nacken war das für mich eine große Erleichterung. Wenn das Baby früh abgestillt werden soll, sollte es auch früh an die Flasche herangeführt werden, damit sichergegangen wird, dass es diese nicht ablehnt. Ab dieser Zeit konnte ich ganze Tage in der Bibliothek verbringen und gut lernen. Es hat sehr geholfen, dass mein Partner von Beginn an zu Hause war. Er war für unser Kind ein gleichwertiger Ansprechpartner und ich konnte ohne Bedenken das Haus verlassen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass das Kind deutlich ausgeglichener war, weil durchgehend einer von uns mit genug Geduld und Energie da war.

Wann hat sich bei Euch eine Fremdbetreuung gelohnt?

Bei mir hat sich die Lernzeit nach drei Monaten auf mehr als eine Stunde am Tag gesteigert. Jetzt lohnt sich auf jeden Fall eine regelmäßige (Fremd-)betreuung (Partner, Babysitter, Au-Pair, Nanny); mit Haushaltshilfe ist auch noch mehr drin. Das Baby trinkt mit der Zeit schneller, sodass die Pausen zwischen den Stillzeiten größer werden. Trotzdem lohnte es sich für mich kaum, in die ca. 15 Minuten entfernte Bibliothek zu fahren. Ich saß zum Lernen daher im Nebenzimmer und musste mir jede freie Lernminute gegenüber dem Partner aber auch mir selbst erzwingen, weil der andere mit dem Baby immer Hilfe gebrauchen kann. Das erfordert viel Konsequenz (und Ohropax). Am besten ist es wohl, einen Lernplatz außerhalb des Hauses ganz in der Nähe zu haben. Nach dem Abstillen ist Fremdbetreuung so oft und lang möglich, wie man sich wohl damit fühlt.

Hast Du Tipps für eine gute Aufteilung mit dem Partner? 

 

Eine klare Aufgabenverteilung mit dem Partner ist eine nie endende und schwierige Herausforderung. Meine Empfehlung: Fangt so früh an wie möglich und hört nicht auf, Verhandlungen zu führen. Fordert Euren Teil der Frei- und Lernzeit ein und überprüft immer wieder, ob die aktuelle Situation zu einer zufriedenstellenden Aufteilung beiträgt. Versucht Euch von Erwartungen des Umfelds freizumachen. Dieses Thema betrifft nur Euren Partner und Euch. Gleichzeitig solltet Ihr Euch nicht verunsichern lassen, wenn es dabei auch mal zum Streit mit Eurem Partner kommt. Gerade in den ersten Monaten nach der Geburt kann das bisherige Gleichgewicht in der Beziehung gestört sein, man muss sich neu arrangieren und seine neue Rolle im Einklang mit anderen Verpflichtungen ausfüllen. Das ist eine Stresssituation für alle Beteiligten. 

Wie ließ sich die Examensprüfung selbst bewerkstelligen?

Glücklicherweise gilt seit Januar 2018 das Mutterschutzgesetz auch für Studentinnen. Deshalb darf eine Mutter in der Regel sechs Wochen vor und acht Wochen nach Geburt zwar ungehindert an Prüfungen teilnehmen, ein Fernbleiben darf ihr aber nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Die genaue Umsetzung der Nachteilsvermeidung ist dabei den Unis bzw. den Prüfungsämtern überlassen. Jedenfalls sollte so früh wie möglich mit dem Prüfungsamt darüber gesprochen werden. Möglicherweise gewährt es auch bei Prüfungen vor oder nach der Mutterschutzzeit einen Nachteilsausgleich.

Bei der Geburt meiner Tochter Ende 2017 berief sich das Prüfungsamt tatsächlich darauf, dass das Mutterschutzgesetz noch nicht in Kraft war. Ich wusste schon neun Monate vorher, dass die mündliche Prüfung auf den Geburtstermin fallen würde und bat deshalb nach Rücksprache mit vielen Müttern direkt um eine Vorverschiebung von zwei Wochen. Das Prüfungsamt hielt dies für organisatorisch unmöglich und bot mir an, eine Einzelprüfung mit Stillpausen am Ende des Prüfungszeitraumes abzulegen. Sie bestanden aber darauf, dass ich bei Verhinderung durchfallen würde. Nach einiger Diskussion sagte der Vizepräsident des Prüfungsamtes am Telefon: „Ich frage mich, warum Sie so viel Zeit mit dieser Sache verbringen, Sie sollten lieber fürs Examen lernen.“ Erst nach der Geburt bekam ich die überraschende Nachricht, dass meine mündliche Prüfung um ein Semester nach hinten verlegt wurde. 

Die mündliche und die darauffolgende schriftliche Prüfung im Verbesserungsversuch verliefen ok, aber ich war währenddessen extrem erschöpft. Bei der letzten mündlichen Prüfung mit dem fast einjährigen Kind sah es schon wieder ganz anders aus.

Dein Fazit? 

Leider ist das Staatsexamensmodell durch die Konzentration der Bewertung auf wenige Tage weiterhin sehr familienfeindlich. Wessen Leben vor dem Examen eine schwierige Wendung nimmt, kann punktuell nicht die Leistung erbringen, die seinen allgemeinen Fähigkeiten entspricht. Deshalb bleibt zu hoffen, dass bald zu einer kontinuierlichen Benotung von Einzelleistungen über das gesamte Studium hinweg übergegangen wird. Bis dahin stellt das Examen mit Kind eine große Aufgabe für junge Familien dar, besonders wenn Hilfe oder Geld für Hilfe fehlt. Befreit Euch von Erwartungen, es kann immer anders kommen. Macht Euch möglichst wenig Druck, genießt die Zeit mit dem Kind und freut Euch über jede Lernminute, die Ihr bekommt. Viel Erfolg!

Vielen Dank für Deinen Bericht!

Für weitere Fragen steht die Porträtierte gern zur Verfügung. Wendet Euch dafür bitte an das Team von breaking.through.

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