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Dr. Carolin Weyand im Porträt 

 

"Es muss sich nicht alles im ersten Jahrzehnt der Berufsausübung abspielen."

Dr. Carolin Weyand, Strafrechtsanwältin bei Rettenmaier Frankfurt, über persönliche Durchbrüche, ihre Erfahrungen als Mutter und Gründungspartnerin einer Kanzlei sowie über das Setzen eigener Prioritäten.

Frau Weyand, Sie sind Strafverteidigerin, Vertrauensanwältin des Deutschen Olympischen Sportbundes sowie u.a. Vorständin bei UN Women Deutschland und der Vereinigung Hessischer Strafverteidiger*innen. Das klingt nach viel Arbeit. Bereits in Schule und Studium haben Sie viel gearbeitet. Inwiefern hat dies Ihre Haltung zur Arbeit geprägt?

Ich habe von zu Hause viel Liebe und Selbstvertrauen mitbekommen, aber eher wenig finanzielle Mittel. Für die Erfüllung meiner materiellen Wünsche war ich daher früh selbst verantwortlich. In der Schulzeit war das vielleicht eine Levi´s 501, die ich mir mit Babysitten, Nachhilfegeben und Kellnern verdient habe. Später waren es andere Wünsche, die ich mir nur mit viel Fleiß und Disziplin erfüllen konnte.

Das hat sicherlich meine Haltung zur Arbeit geprägt. Es macht mir aber auch einfach Freude zu arbeiten und etwas zu schaffen. Zumal ich einen sehr erfüllenden Beruf habe. Das ist natürlich ein Privileg.

Sie sind mit Ihren zwei Schwestern in einem Dorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen – ein wahres „Bullerbü“. Als Einzige in Ihrer Familie haben Sie Abitur gemacht und leben heute in Frankfurt am Main. „Breaking through“: wie spiegelt sich das in Ihrem Leben wider?

 

Für mich gab es nach der Schule oder dem Studium keine Fußstapfen, in die ich hätte treten können. Das hat Nachteile, aber auch viele Vorteile. Es war sicherlich einerseits mühsamer, weil ich in dieser Hinsicht oft auf mich allein gestellt war, andererseits hat mir das ein großes Maß an Freiheit und Selbstwirksamkeit gegeben.

Wenn ich mich zurückversetze in das 10- oder 15-jährige norddeutsche Mädchen, dann ist die Vorstellung, als Rechtsanwältin in Robe in einem Gerichtssaal zu plädieren, Vorsitzende einer juristischen Vereinigung zu sein oder als Teil der Delegation von UN Women Deutschland an der Internationalen Frauenrechtskonferenz in New York teilzunehmen, weit weg.

 

Insofern ist mein Lebensweg für mich schon eine Art Durchbruch. Alles ist natürlich relativ und manch eine Person würde das vielleicht nicht so empfinden. Ich aber schon.

Jura war diesem „Bullerbü“ sehr fern. Ihre einzigen Berührungspunkte waren die Vorabendserie „Liebling Kreuzberg“ und das goldene Kanzleischild in der nächsten Kleinstadt. Warum haben Sie sich dennoch für dieses Studium entschieden?

Ich bin die Älteste von uns drei Schwestern. Ich habe früh Verantwortung übernommen und Entscheidungen getroffen. Ich helfe und berate gerne. Vor allem in besonders schwierigen Situationen.

Hinzu kommt der Klassiker unter Jurist*innen, dass mich Ungerechtigkeit massiv „triggert“. Und da ist der Weg ins Jura-Studium fast zwangsläufig. Zumal mit einem Impulsgeber wie Robert Liebling, der den Ungehörten und Schwächeren zu juristischer Gerechtigkeit verhilft. Ein schönes Ideal.

Was hat Sie dazu bewogen, sich gerade für das Strafrecht zu entscheiden?

Tatsächlich habe ich mich nicht für das Strafrecht „entschieden“. Ich habe allein wegen des Strafrechts überhaupt Jura studiert.

 

In keinem anderen Rechtsgebiet trifft den Einzelnen die Übermacht des Staates so hart wie im Strafrecht. Spezialeinsatzkommandos stürmen Wohnungen bewaffnet und maskiert, wo Familien schlafen. Menschen werden über Monate in Untersuchungshaft genommen, obwohl sie als unschuldig gelten. Hier geht es um das Fortbestehen wirtschaftlicher, sozialer und familiärer Existenzen.

 

Mich interessiert darüber hinaus der Mensch in all seinen Facetten, mit Fehlern und Abgründen. Das Paket gibt es nur im Strafrecht. Etwas anderes kam für mich daher nie in Frage.

Ihre erste Station war DIERLAMM, damals noch eine Boutique in der Gründungsphase. Was waren Ihre Learnings für Ihre spätere Rolle als Gründungspartnerin von Rettenmaier Frankfurt?

Meine Anfangszeit bei DIERLAMM war sehr prägend. Wir waren damals nur zu viert: zwei Partner und zwei junge angestellte Rechtsanwältinnen. Ich würde es als Start-up-Atmosphäre beschreiben. Wir haben sehr viel, sehr hart gearbeitet und waren uns auch persönlich (aus meiner Sicht) sehr nah. Es gab ein großes Engagement, die Kanzlei nach vorne zu bringen, aber auch einfach Strafverteidigung auf hohem Niveau zu machen. Das war eine sehr wertvolle Zeit.

 

Neben der hohen fachlichen Ausbildung habe ich aus dieser Zeit mitgenommen, wie wichtig es ist, gerade in den ersten Jahren des Aufbaus, die richtigen Menschen um sich zu haben. Sich gegenseitig zu vertrauen, sich aufeinander verlassen zu können sowie die Bereitschaft als Team, wirklich alles zu geben, sind sicher Key-Learnings aus dieser Zeit.

​​

Nach der Geburt Ihrer beiden Töchter haben Sie zunächst bewusst Tempo aus Ihrer Karriere genommen: keine großen Mandate, dafür organisatorische Aufgaben. Wie haben Sie diesen Schritt für sich selbst eingeordnet?

 

Dieser Schritt war nicht einfach für mich. Ich habe für mich das Leistungsprinzip verinnerlicht und zähle mich auch zu den eher ehrgeizigen Menschen. Da fällt es schon schwer, einen Gang runter- statt raufzuschalten.

 

Zugleich habe ich aber gemerkt, dass ich nicht nur abends und am Wochenende für meine Kinder da sein wollte. Da ging es mir nicht nur um die seelische Geborgenheit für unsere Töchter, sondern auch um mein eigenes persönliches Glück und meine Lebenszeit. Ich wollte mich nicht dauerhaft zerreißen und aufgerieben werden, sondern bewusst leben. 

 

Zum damaligen Zeitpunkt fiel mir die Entscheidung, mit meinem beruflichen Ego erstmal in der zweiten Reihe Platz zu nehmen, schwer. Aus heutiger Sicht war das für mich und meine Familie die allerbeste Entscheidung. Aber das ist natürlich eine sehr individuelle Lebensentscheidung unter sehr individuellen Bedingungen. Da muss jede Person einen eigenen Weg finden.

Hat die Geburt Ihrer Töchter Ihre persönliche Einstellung zu „Vereinbarkeit“ verändert?

 

Na klar. Ich war vor der Geburt meines ersten Kindes sehr naiv in Bezug auf Vereinbarkeit. Ich dachte, es sei wirklich nur alles eine Frage der Organisation. Weit gefehlt. Natürlich hilft es, wenn man ein Organisationstalent ist, aber damit ist es bei weitem nicht getan.

 

Vereinbarkeit ist viel mehr als das. Die Herausforderungen wurzeln tief in den gesellschaftlichen Gleichstellungsbedingungen. Und auch in der Partnerschaft kommt es hier zum Schwur.

 

Es braucht sehr viel gegenseitiges Verständnis und vor allem Hilfe von außen bei der Familienarbeit, damit echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt. Das ist keine leichte Aufgabe für eine junge Familie.

„You can have it all, but not at the same time“, so Michelle Obama. Wie erleben Sie diesen Gedanken in Ihrem Alltag?

 

Ich finde diesen Gedanken richtig und sehr erleichternd. Es ist unrealistisch, zur gleichen Zeit eine Top-Anwältin, die beste Mutter der Welt, eine tolle Ehefrau, die Sportlichste, die Belesenste etc. zu sein. Man kann alles sein (auch diese Zuversicht ist wichtig), aber eben nicht zur selben Zeit. Und das ist meiner Erfahrung nach auch nicht notwendig.

 

Als Anwält*in hat man viele Jahrzehnte des Berufslebens vor sich. Aus meiner Sicht muss sich nicht alles im ersten Jahrzehnt der Berufsausübung abspielen. Im Laufe der Jahre entwickelt man sich zudem weiter. Während ich anfänglich unbedingt in der ersten Reihe in sogenannten Top-Mandaten verteidigen wollte, ist es mir heute wichtig, meine Arbeit sehr gut zu machen und gesellschaftlich etwas zu bewegen. Das mag sich in der Zukunft nochmal wandeln. Alles ist möglich.

Auf Müttern lastet ein besonders hoher gesellschaftlicher Druck. Welche drei Tipps geben Sie jungen Müttern und Anwältinnen, um mit dem Vereinbarkeitsdruck besser umgehen zu können? 

 

Sich trauen, sich die Frage zu stellen: „Was möchte ich wirklich?“ und sich von den Vorstellungen und Erwartungen anderer Menschen lösen. 

 

Unterstützung bei der Familienarbeit so früh wie möglich holen bzw. annehmen.

 

Die eigene Definition von Erfolg der Lebensphase entsprechend entwickeln und gelassen bleiben. „You can’t have it all. At the same time.” 

Sie und Ihr Mann haben die Kanzlei Rettenmaier Frankfurt gemeinsam gegründet. Welche Erfahrungen und besonderen Dynamiken haben Sie in dieser Zusammenarbeit erlebt? 

 

Wir haben den Umstand, dass wir beide den gleichen Beruf ausüben und zusammen arbeiten, immer als ein großes Glück empfunden. Gerade in schwierigen beruflichen Situationen hat das Verständnis des anderen geholfen und ein starkes Backup gegeben. Unsere Kanzlei ist ein bisschen wie ein Familienunternehmen. Jeder bringt seine individuellen Stärken ein, um gemeinsam eine Sache nach vorne zu bringen.

 

Natürlich ist die Grenze zwischen Beruf und Privatleben eher fließend. Bei uns wird auch am Abendbrottisch über die eine oder andere Kanzleistrategie oder Ähnliches diskutiert. Das empfinden wir aber nicht als lästig, sondern als bereichernd. Wir haben einen tollen Beruf und die Kanzlei ist einfach ein großer Teil unseres Lebens. 

Sie engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich, unter anderem bei ZONTA, UN Women und für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Strafverteidiger*innen-Tag. Was motiviert Sie, sich besonders für Frauenrechte stark zu machen?

 

Ich bin eine Frau. Ich habe zwei Töchter. Ich möchte alles dafür tun, dass Mädchen und Frauen in Freiheit und Gleichstellung leben können. Angesichts der derzeitigen (auch welt-)politischen Lage bin ich bezüglich der Entwicklung in den nächsten Jahren besorgt. Frauenpolitisches Engagement ist notwendiger als ich es je zuvor erlebt habe. Nur Zuschauen und Abwarten ist mir wesensfremd. 

 

Alfred Dierlamm und Thomas Scherzberg haben Ihre Laufbahn früh geprägt. Heutige Mentoringprogramme sind oft gleichgeschlechtlich ausgerichtet. Welche Vorteile sehen Sie in einer gemischtgeschlechtlichen Förderungen?
 

Ich finde die heutigen Mentoringprogramme für Frauen toll. Letztlich ist eine gute Förderung aber sicher nicht geschlechtsabhängig. Eine Frau mag meine Lebenssituation vielleicht besser verstehen, vielleicht aber auch nicht. Das ist vermutlich sehr persönlichkeitsabhängig. Ich habe immer gerne mit Männern zusammengearbeitet und mir viele Kompetenzen abgeschaut. Das empfand ich auch deshalb hilfreich, weil ich in einem männerdominierten Metier gearbeitet habe und arbeite. 

 

Ich finde außerdem, dass die Geschlechter sich auch gegenseitig bereichern. Mir gefällt zum Beispiel die männliche Fehlerkultur. Wenn ein Mann einen Fehler macht, bedauert er ihn und lernt daraus, hakt das Ganze aber schneller ab und geht weiter voran zur nächsten Aufgabe. Wir Frauen neigen eher dazu, unsere größte und unnachgiebigste eigene Kritikerin zu sein. Hier habe ich von der gemischtgeschlechtlichen Zusammenarbeit viel für mich persönlich gelernt. 

 

 

Sie haben über Jahre darauf hingewirkt, den Strafverteidigertag in Strafverteidiger*innentag umzubenennen, und schließlich den entscheidenden Antrag gestellt. Wie sind Sie mit dem anfänglichen Gegenwind umgegangen?

 

Veränderung erzeugt Reibung – das war zu erwarten. Die Umbenennung war überfällig und wichtig. Sprache schafft Realität, und dieses Signal war unbedingt notwendig.

 

Ich bin Gegenwind gewohnt, er hält mich nicht auf, ich empfinde ihn eher als Ansporn. Um es den Zweifler*innen etwas leichter zu machen, habe ich bereits vor einigen Jahren begonnen, bei Vorträgen oder Ähnlichem den gendergerechten Begriff zu verwenden. Meine Idee war, dass so ein gewisser Gewöhnungseffekt eintritt. Ob das geholfen hat, weiß ich nicht. Letztlich ist es aber auch durch Beharrlichkeit gelungen, den Antrag auf Umbenennung durchzubringen.

 

Sie stammen aus keinem Jurist*innenhaushalt und sind heute mehrfaches Vorstandsmitglied. Welche Strategien haben Ihnen geholfen, sich Ihr Netzwerk von Grund auf selbst aufzubauen? 

 

Mein Netzwerk habe ich nicht strategisch aufgebaut. Grundlage war bei der Entstehung von Kontakten und deren Pflege immer mein echtes Interesse an dem Menschen. Ich sammele keine Kontakte, sondern baue Beziehungen auf. Das hat sich ganz natürlich ergeben. Ich denke, echtes Interesse und Authentizität helfen, starke Kontakte zu knüpfen.

 

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie aus Ihrer Sicht als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

 

Mich inspirieren Juristinnen, die fachliche Exzellenz mit Haltung verbinden und bereit sind, Verantwortung im öffentlichen Diskurs zu übernehmen. Frauke Brosius-Gersdorf ist für mich ein solches Vorbild, weil sie Mut und Unabhängigkeit gezeigt hat.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Frankfurt am Main / Örebro, 16. Januar 2026. Dr. Carolin Weyand hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Apollonia Denkler mit Unterstützung von Alicia Pointner.

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