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Prof. Dr. Ulrike Gutheil im Porträt

„Frauen sollten unbedingt Netzwerken wie Männer!“

Prof. Dr. Ulrike Gutheil, Staatssekretärin Projektbeauftragte Aufbau Innovationszentrum Universitätsmedizin Cottbus, im Interview über ihre Zeit als Universitätskanzlerin und Staatssekretärin und über den Umgang mit Rückschlägen und Zweifeln auf ihrem Karriereweg.

Frau Professorin Gutheil, Sie waren nach Ihrer juristischen Ausbildung zunächst als Richterin auf Probe ernannt worden. Sie haben diese Tätigkeit knapp eineinhalb Jahre ausgeübt, bevor Sie in den Bereich Wissenschaft und Forschung gegangen sind. Wie kam es zu dieser beruflichen Umorientierung?​

Es war immer mein Traum Richterin zu werden und ich habe diese Tätigkeit leidenschaftlich gern ausgeübt. In den 1980er Jahren war die Stellensituation sehr angespannt. Es gab in Bremen damals genau eine Richterstelle, die neu zu besetzen war, welche ich auch erhalten hatte. Obwohl der Proberichterdienst außerordentlich anstrengend war, habe ich in dieser Zeit in fachlicher und menschlicher Hinsicht so viel gelernt und erfahren. Diese Zeit ist in meinem Herzen tief verwurzelt. Aus persönlichen Gründen zog ich nach München um. Eine Richterstelle war für mich nicht frei. Das war sehr schade!

Sie waren dann ein Jahrzehnt bei der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. beschäftigt. Was haben Sie aus dieser Zeit für Ihr berufliches und privates Leben mitgenommen?

Fast alles! Ich habe in dieser Zeit gelernt, wie Bayerische Verwaltung funktioniert und meine Leidenschaft für die Forschung entdeckt. Ich war so stolz in dieser Gesellschaft zu arbeiten. Ich habe in dieser Zeit meine Tochter geboren, wurde promoviert und habe die Wende erlebt. Die jungen Referent:innen wurden in den neuen Bundesländer eingesetzt, so dass ich bereits während meiner ersten Monate dort vielseitige Aufgaben im Osten Deutschlands übernommen habe. Es war eine irre Zeit! Rückblickend war es eine besondere Erfahrung, diesen menschlich-geschichtlichen Wandel und Umschwung auch in der Wissenschaft im Osten Deutschlands mitzuerleben und mitzugestalten.

Dennoch muss ich sagen, dass München nie meine neue Heimat wurde. Wenn man dort nicht groß geworden ist, ist es schwierig dazu zu gehören. Ich fühlte mich dort trotz der Arbeit, die mich ausfüllte, nicht heimisch. Hinzu kam, dass ich fünfeinhalb Monate nach der Geburt meiner Tochter aus der Elternzeit zurückkehrte. Ich arbeitete letztlich nur für die Kinderfrau, denn Kindergartenplätze waren seinerzeit in Bayern für so kleine Kinder nicht vorhanden. Die Kinderbetreuung und meine beruflichen Wünsche miteinander in Einklang zu bringen war eine Herausforderung – es war eine harte Zeit.

Sie waren Kanzlerin der Technischen Universität (TU) Cottbus und danach 12 Jahre im Amt der Kanzlerin an der TU Berlin. Wie sieht der Arbeitsalltag einer Universitätskanzlerin aus?

Die Hauptaufgabe einer Universitätskanzlerin ist es, „den Laden am Laufen zu halten“. Es ist eine große Querschnittmanagementaufgabe, die sehr vielfältig und nicht immer ganz einfach zu bewältigen ist. Als Universitätskanzlerin sind Sie unter anderem für die Bereiche Personal (ich war in den zwölf Jahren bei der TU Berlin für 8.500 Beschäftigte verantwortlich), Finanzen, die Studierenden, die Forschungssituation, Bau, Recht und Berufungen und vielen mehr zuständig. In Berlin ist man auch Mitglied der Hochschulleitung, also auch für strategische Prozesse der gesamten Universität mitverantwortlich.

Sie waren parteilose Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Inwieweit war Ihre juristische Ausbildung für die Ausübung dieser Tätigkeit nützlich?​

Die juristische Ausbildung, die trotz einer gewissen Reformträgheit aus meiner Sicht die beste in Europa ist, vermittelt eine hervorragende Methodenkompetenz. Durch sie habe ich gelernt Sachverhalte sehr schnell zu begreifen und Wesentliches von Unwesentlichen zu trennen. Diese Methodenkompetenz, die einem in Fleisch und Blut übergeht, war sehr wertvoll für meine Tätigkeit als Staatssekretärin.

 
 
Auch heute sind nur fünf von fünfzehn Staatssekretär:innen im Land Brandenburg weiblich. Wie habe Sie die Dominanz von Männern in Führungspositionen im Laufe Ihrer Karriere empfunden? Welche Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht besonders hilfreich oder wichtig, um sich als Frau zu behaupten?

Als Staatssekretärin ist mir die Dominanz von Männern ehrlich gesagt nicht so aufgefallen. Aber in meiner Zeit als Kanzlerin der TU Berlin hingegen schon, denn hier war ich oft die einzige Frau. Bei der ersten Stelle als Kanzlerin an einer Technischen Universität war ich sogar die erste Frau in Deutschland auf dieser Position. Man muss schon gut, sogar besser sein als Männer in gleicher Position. Hilfreich war bei mir auch stets authentisch zu sein und sich eben nicht wie ein Mann zu gerieren.

Um sich als Frau zu behaupten, ist es zunächst essentiell, Grenzen setzen zu können. Zudem sollte man keine Angst davor haben, Macht inne zu haben und diese verantwortungsvoll umzusetzen. Mir persönlich war immer wichtig, dass ich als gute Chefin wahrgenommen wurde, die für die Menschen da war, stets ein offenes Ohr und eine offene Tür hatte. Ich glaube, diese menschliche Komponente ist neben den fachlichen Qualitäten eine Stärke von uns Frauen, die wir gezielt einsetzen können. Frauen sollten sich auch nicht scheuen, zu widersprechen. Ich habe in Konferenzen und Gesprächsrunden häufiger erlebt, dass ein Mann mein zuvor Gesagtes einfach wiederholt und als seine Idee ausgibt. In solchen Situationen sollten Frauen unbedingt für sich einstehen und keine Angst davor haben, das richtig zu stellen. Damit legt man kein zickiges Verhalten an den Tag. Außerdem sollten Frauen unbedingt Netzwerken wie Männer!

 

2019 waren Sie in den einstweiligen Ruhestand gegangen und sind nun reaktiviert worden. Sie sind jetzt als Projektbeauftragte für den Aufbau einer Universitätsmedizin in Cottbus beschäftigt. Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Ruhestand auszusetzen?​

Ich habe meinen einstweiligen Ruhestand innerlich ein Jahr vorbereitet und dann meinen neuen Abschnitt so gestaltet, dass ich selbstbestimmt meine Kompetenzen in eine Selbstständigkeit einbringen konnte. In den zweieinhalb Jahren Ruhestand habe ich die Dinge vorangetrieben, die mir Freude bereiten. So habe ich zum Beispiel Gutheil Coaching gegründet und Führungskräfte gecoacht. Ich habe auch ohne Internetauftritt einen größeren Kund:innenstamm aufgebaut und hatte somit einen arbeitssamen Ruhestand.

 

Als dann das Land Brandenburg mit der Projektleitungsaufgabe an mich herangetreten ist, habe ich lange gezögert. Letztlich habe ich zugesagt, weil dieses Projekt für eine ganze Region von wesentlicher Bedeutung ist. Der Aufbau eines Innovationszentrums Hochschulmedizin ist eines der bedeutendsten Projekte, das Brandenburg hat und wesentlich für den Strukturwandel in der Lausitz steht. Die Universitätsmedizin in Cottbus wird ein Alleinstellungsmerkmal insoweit haben, als dass hier eine innovationsmedizinische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Digitalisierung angesiedelt wird. Davon wird ganz Deutschland profitieren. 

Wie sieht Ihr derzeitiger Arbeitsalltag aus?​ 

Dieses Vorhaben bringt einen vielschichtigen Arbeitsalltag mit sich. Ich bin sehr viel unterwegs und rede mit unterschiedlichen Akteur:innen in der Medizin. Ich überwache und koordiniere das Projekt und kümmere mich um die Finanzierungsfragen, rechtliche Herausforderungen und die gesamte Kommunikation. Zudem leite ich die Stabsstelle mit sehr kompetenten Referent:innen. Ich habe also auch bei dieser Aufgabe wieder Personalführungsaufgaben. Das Projekt ist sehr anspruchsvoll und von herausragender Bedeutung.

Im Jahr 2010 wurden Sie für Ihren Einsatz für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für Ihre Vorbildrolle für andere Frauen mit der Auszeichnung „Frau in Verantwortung“ ausgezeichnet. Das Thema Gleichberechtigung von Frauen ist seit vielen Jahren in den öffentlichen Medien und der Politik präsent, dennoch schreitet der Prozess nur langsam voran. Was denken Sie, wie könnte der Prozess der Gleichstellung effektiver und zügiger ausgestaltet werden? Welcher Mechanismen bedarf es?​ 

Ich habe immer gesagt, dass, wenn man das Thema Gleichstellung für einen Moment aus den Augen lässt, es verloren ist! Eine Pause ist bei diesem Thema also nicht angesagt. Es bedarf noch mehr Vorbildern!

Hilfreich wäre auch, wenn bereits erfolgreiche Frauen junge Frauen, die am Anfang ihrer Karriere stehen, unterstützen und als Mentorin zur Seite stehen. Es muss eine Infrastruktur geschaffen werden, die Frauen dabei unterstützt, nicht in die Teilzeitfalle zu tappen. Hier muss ein gesellschaftliches Umdenken her! Das gilt übrigens auch aus Sicht der Männer, die sich bewusst für mehr Zeit in der Familie entscheiden und sich um Kinder kümmern. Arbeitgeber:innen müssen zudem Vertrauen in neue Arbeitsformen entwickeln, denn flexibles Arbeiten ist ein wirksames Instrument Familie und Beruf in Einklang zu bringen.

Ein weiteres wichtiges Instrument ist die Frauenquote. Früher dachte ich immer, dass es einer Frauenquote nicht bedarf. Die Zeit hat gezeigt – und ich bin mittlerweile überzeugt –, dass es ohne eine solche nicht geht.

Gab es auf Ihrem Karriereweg einen Scheidepunkt?​ 

Ja, den gab es zu Beginn meiner Laufbahn, als ich mich für den Richterdienst entschieden hatte. Damals herrschte bei den Jurist:innen ein sehr angespannter Arbeitsmarkt. Ich hatte 40 Bewerbungen geschrieben und auch eine Zusage von Henkel in Düsseldorf. Ich konnte damals nicht verstehen, warum die sich für mich entschieden hatten. Ich dachte, die müssen sich vertan haben. Mir fehlte das Selbstvertrauen und ich habe mich irgendwie als Hochstaplerin gefühlt. Rückblickend hätte ich mir mehr zutrauen sollen. Heute weiß ich: Geht nicht, gibt es nicht! Aber ich bereue meinen Weg nicht. Ich habe spannende unterschiedliche Sachen gemacht und interessante Menschen kennengelernt und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie schwierig war es für Sie rückblickend, als Frau Ihren Karriereweg zu gehen? 

Es war anstrengend, manchmal zu anstrengend. Ich hatte streckenweise nicht viel Zeit für mich, um über mich nachzudenken. Der berufliche und der private Teil laufen nicht immer synchron. Ich war beruflich sehr stark eingebunden und habe viele Jahre die alleinige Sorge für meine Tochter gehabt. Bis mein zweiter Ehemann in mein Leben trat, habe ich mich allein durchgeschlagen.

Gab es Rückschläge auf Ihrem Karriereweg? Wie haben Sie diese bewältigt?​ 

Ja, natürlich gab es die. Das Wichtigste ist, diese Rückschläge zu überstehen. Das ist, wenn man ungerecht behandelt wird, nicht immer ganz einfach. Meine Familie und meine Freund:innen haben mich in schweren Zeiten unterstützt und begleitet. Ganz besonders bedeutsam war für mich in solchen Situationen, dass ich mir selbst nichts vorzuwerfen hatte und mich jeden Tag im Spiegel angucken konnte. Im Übrigen ist es keine Schande, sich in solchen Situationen Hilfe zu holen.

Gibt es einen Rat, den Sie zu Anfang Ihrer Karriere gut gebrauchen hätten können? Welchen Rat würden Sie jungen Juristinnen mitgeben?​ 

Ich habe mich anfangs ganz schön stressen lassen. So war es auch bei Kleinigkeiten, wenn ich zum Beispiel einen Termin nicht pünktlich wahrnehmen konnte. Heute weiß ich, dass man sich wegen Dingen, die man nicht mehr ändern kann, nicht zu stressen braucht. Eine Mentorin hätte mir gut getan. Jungen Juristinnen empfehle ich daher, sich eine Mentorin zu suchen. Wenn sie an einem Punkt stehen, an dem sie nicht mehr weiter wissen, sollten sie sich professionellen Rat einholen.

In dem Tempo, in dem unsere Arbeitswelt gerade funktioniert, rast man durch sein Leben. Das birgt zwei Risiken: Zum einen Fehler zu machen und zum anderen, dass der eigene Körper einen irgendwann stoppt. Insoweit ist es wichtig, auch mal zu entschleunigen und an sich zu denken.

Darüber hinaus rate ich jungen Juristinnen stets auf dem Boden zu bleiben. Sie sollten Mut haben, sich für Neues zu öffnen und flexibel zu sein, um wachsen zu können. Und sich etwas zutrauen. Ganz generell müssen Frauen sich mehr zutrauen!

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Ruth Bader Ginsburg, eine Ikone der Juristerei. Sie hatte es wahnsinnig schwer in ihrem Leben. Sie war immer bodenständig, moderat, nicht dogmatisch oder politisch durchgestylt. Sie war eine Inspiration! Zu schade, dass sie nicht mehr von breaking.through porträtiert werden kann.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Berlin, 17. Juni 2022. Das Interview führte Dr. Stefanie Schweizer.

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