Dr. Juliane Hilf im Porträt

 

"Man braucht Unterstützung im privaten Umfeld."

Dr. Juliane Hilf, Partnerin bei Freshfields Bruckhaus Deringer, über den Bereich Öffentliches Wirtschaftsrecht in der Großkanzlei und das Verständnis von Mandanten für Familienbedürfnisse.

Frau Hilf, Sie sind Partnerin im Bereich Öffentliches Wirtschaftsrecht und EPR (Environment, Planning & Regulatory) bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Welche Reize hat das Themengebiet für Sie?

Das öffentliche Recht ist extrem vielfältig. Vor allem die europa- und völkerrechtlichen Fragen haben mich immer schon sehr interessiert - auch wenn das Völkerecht in der Praxis für mich keine große Rolle spielt. Ich begleite neue Rechtsentwicklungen von Anfang an - das ist oft sehr politisch und hat viel Gestaltungsfreiheit. Das finde ich spannend.

Welche Vorteile sehen Sie darin, im Öffentliches Wirtschaftsrecht in einer Großkanzlei tätig zu sein?

Die tägliche Arbeit ist sehr international. Es gibt kaum ein Mandat, in dem ich nicht mit Kollegen aus anderen Praxisgruppen und/oder Ländern zusammen arbeite. Die Kollegen schalten uns ein bei komplexen regulatorischen Fraugen - und auch in rein regulatorisch geprägten Beratungsmandaten hilft es, wenn man auf exzellente Kollegen z.B. aus dem Gesellschafts- oder Steuerrecht zurückgreifen kann. Die Sachverhalte, die unseren Mandaten zugrundeliegen, machen eben nicht an der Grenze "unserer" Praxisgruppen Halt. Wir arbeiten immer im Team; man kennt sich und man mag sich - das macht die Zusammenarbeit viel leichter - und für die Mandanten effizienter.

Durch Ihre Mandate arbeiten Sie eng mit international agierenden Unternehmen u.a. aus der Automobilindustrie und dem Online-Glücksspiel zusammen. Wie ist Ihre Erfahrung damit, sich als Frau in diesem Bereich zu behaupten?

 

Mit den Mandanten hatte ich als Frau ehrlich gesagt nie Probleme. Als Berater ist man dort anerkannt und geschätzt. Allenfalls einmal vor Jahrzehnten wollte mir ein Mandant väterliche Ratschläge erteilen. Heute beobachte ich eher, dass unsere Ansprechpartner bei Mandanten immer häufiger Frauen sind. Und es wird auch zunehmend "offiziell" verlangt, dass auch mehr Frauen von unserer Seite an den Mandaten beteiligt sind. Das geht bis zu Vorschlägen, das Honorar zu kürzen, wenn nicht ein bestimmter Anteil an Frauen auf unserer Seite beteiligt ist. Solche Entwicklungen helfen natürlich - auch intern.

Sie engagieren sich ehrenamtlich in der Hilfsorganisation Plan International als Ombudsfrau. Die Organisation kämpft weltweit für Kinderrechte und Chancengleichheit, insbesondere von Mädchen und jungen Frauen in Entwicklungsländern. Was hat Sie zu dieser Tätigkeit bewogen?

Ich wollte einfach mal aus meiner kleinen Welt raus und mich anderweitig engagieren. Gerade Kinderrechte und Mädchenförderung liegen mir sehr am Herzen. Plan International beraten wir schon lange pro bono. Insofern lag der Schritt nahe.

Als Mitglied des Freshfields Council (erfüllt die Funktion eines Aufsichtsrats) sind Sie an der Unternehmensgestaltung beteiligt. Was gefällt Ihnen daran?

Ich finde sehr spannend, die Entwicklung der Kanzlei aktiv mitzugestalten. Freshfields gibt es seit 275 Jahren - in der Zeit hat sich viel geändert - und das wird auch weiterhin der Fall sein. Auch unser Markt ändert sich - idealerweise sehen wir diese Änderungen voraus. Daran mitzuwirken, finde ich sehr interessant.

Ihr beachtliches Engagement und Ihre Position als Partnerin sind zeitintensive Tätigkeiten. Hinzu kommt, dass Sie Mutter sind. Welche Strategien haben Sie für sich entwickeln können, um alles unter einen Hut zu bringen?

Das Entscheidende ist: Man braucht Unterstützung im privaten Umfeld, d.h. einen Partner, eine Familie und Freunde, die Verständnis dafür aufbringen, was man macht. Das ist besonders wichtig, weil man dieses Verständnis im beruflichen Umfeld oft nicht findet. Wenn das gegeben ist, ist der Rest nur eine organisatorische Frage und die kann man lösen.

Wir z.B. hatten lange Zeit eine Kinderfrau, die an vier Tagen ca. fünf bis sechs Stunden kam. Mein Mann "übernimmt" nachmittags; ich bin für den Morgen zuständig. Natürlich läuft es selten nach Plan und im Zweifel gehen die Kinder immer vor. Heute sind sie schon größer und freuen sich, wenn sie mal alleine zu Hause sind. Das macht es einfacher. Zum Glück haben wir ja keinen Präsenzjob, so dass ich sonst einfach von zu Hause arbeite oder eben meine Termine "familiengerecht" lege. Meistens klappt das, aber es bleibt natürlich herausfordernd.

Im Prinzip gilt hier gleiches wie vorher: Nach meiner Erfahrung hat jeder Mandant Verständnis dafür, dass auch die Familie gelegentlich Aufmerksamkeit braucht.

Für viele Juristinnen mit Kinderwunsch gestaltet sich den „richtige“ Zeitpunkt zu finden, als Herausforderung. Welchen Einfluss hat die Mutterschaft Ihrer Erfahrung nach auf die Karriere in einer Wirtschaftssozietät wie Freshfields?

Man braucht gar nicht nach dem 'richtigen' Zeitpunkt zu suchen, denn es gibt ihn nie - oder es gibt ihn immer! Mein erstes Kind wurde ein paar Tage, bevor ich Partnerin wurde, geboren. Als Beispiel für das Modell "Kinderkriegen als Associate und dann Partner werden" taugt das nur bedingt; aber in der Kanzlei gibt es alle Varianten. Für mich war aber auch immer klar, dass ich Kinder haben möchte - das ist schließlich eines der letzten wirklichen Abenteuer! Wirklich planbar ist das ohnehin nicht. Daher rate ich immer dazu, danach zu entscheiden, was für einen privat und persönlich am besten passt. Ich würde mein privates Glück nicht von Karriereaussichten abhängig machen.

Welche wichtige Erfahrung oder Erkenntnis würden Sie jungen Juristinnen mitgeben, die zum einen Familie und zum anderen eine Anstellung in einer Großkanzlei anstreben?

"Machen!" Das eine schließt das andere nicht aus; ganz im Gegenteil.

Wie sehr betrachten Sie das Thema „Herausforderung Familiengründung“ bei der Karriereverfolgung als Frauenthema?

Überhaupt nicht. Wir sehen immer mehr Väter, die mehr Zeit für ihre Familie haben wollen und sich dieser Verantwortung stellen. Viele Väter nehmen zwei Monate Elternzeit und machen einen langen Urlaub. Das ist natürlich eine tolle Erfahrung für die Familie, aber noch besser fände ich es, wenn sie die Zeit nutzen, um ihren Partnerinnen dadurch den Wiedereinstieg zu ermöglichen. Nur dann haben wir die Chance, auch wirklich etwas zu verändern. Das liegt mir wirklich am Herzen. Ich jedenfalls hätte das ohne die Unterstützung meines Mannes nicht geschafft.

Meiner Meinung nach ist es daher auch unsere Pflicht als Partnerin bzw. Partner, den Vätern zu vermitteln, dass sie natürlich flexibel arbeiten können. Demgegenüber ermuntere ich Mütter eher relativ bald und zu 80% oder in Vollzeit wieder zu kommen. Aber letzlich muss jeden Familie selbst ihr Modell finden.

Obgleich es in den letzten Jahren für Partnerinnen in Großkanzleien einen Aufwärtstrend gegeben zu haben scheint, sind weibliche Vertretungen auf Partner-Ebene eher rar. Welche Umstände und Hürden spielen hierbei Ihrer Erfahrung nach eine Rolle?

Einen Aufwärtstrend sehe ich leider in der Equity nicht wirklich. Partnerinnen sind in der Tat rar. Entscheidender Umstand ist m.E. oftmals das gesellschaftliche Rollenverständnis, das viele Partner noch immer haben. Für Viele ist es - oft basierend auf dem eigenen Lebensmodell -  schlicht nicht vorstellbar, dass man als Frau beruflich erfolgreich ist (und dann auch noch Kinder hat). Dieses Denken ist immer noch zu weit verbreitet - und nicht leicht zu ändern.

Beobachten Sie bei Juristinnen, die sich auf einen Weg in die Partnerschaft befinden, typische „Fehler“, die besser vermieden werden sollten?

Ich glaube der häufigste 'Fehler' ist, dass man nicht seinen eigenen Weg geht, sondern das macht, was andere von einem erwarten - oder von dem man annimmt, dass dies erwartet wird.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Es gibt viele Frauen, die für mich Vorbilder sind. Ich bewundere jede, die es schafft, trotz eines anspruchsvollen Jobs fröhlich zu bleiben. Unter den Anwältinnen hat mich Birgit Spiesshofer inspiert – als ich Associate war, die einzige Partnerin im öffentlichen Recht; und natürlich alle Freshfields female partner dafür, dass wir uns immer gegenseitig den Rücken stärken.

Vielen Dank für das bereichernde Gespräch!

Düsseldorf / Frankfurt am Main, 29. Mai 2018. Das Interview führte Nadja Harraschain.

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