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Florika Fink-Hooijer

Dr. Florika Fink-Hooijer im Porträt

„Man muss bereit sein, aus seiner Komfortzone herauszugehen.”

Dr. Florika Fink-Hooijer, Generaldirektorin der Generaldirektion Umwelt bei der Europäischen Kommission, über ihre von Krisenmanagement geprägte Karriere bei der Europäischen Kommission, die Rolle der sozialen Medien und Gleichberechtigung

Frau Fink-Hooijer, Sie haben in Deutschland studiert und promoviert, in Holland in einer Rechtsanwaltskanzlei gearbeitet und schließlich in der Europäischen Kommission Karriere gemacht. Vor Ihrer Ernennung zur Generaldirektorin Umwelt haben Sie dort bereits verschiedene andere Positionen bekleidet. Zeichnet sich aus Ihrer Zeit bei der Europäischen Kommission dennoch ein roter Faden ab?

Ja, das Krisenmanagement! Das ist zweifelsohne der rote Faden, der sich durch meine über 30 Jahre in der Kommission zieht; erst über viele Jahre das klassische Krisenmanagement in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), inklusive Konflikt- und Krisenprävention sowie militärische und zivile Missionen, danach in der humanitären Hilfe und im Katastrophenschutz. Und selbst als ich den weltweit größten Dolmetscher- und Konferenzdienst geleitet habe (GD SCIC), bedeutete Covid pures Krisenmanagement. Von heute auf morgen musste eine ganz Berufssparte digitalisiert, d.h. vollständig verändert werden, denn der Dienst ist ja unternehmerisch ausgestaltet und lebt allein von der Nachfrage. Vor allem meine heutige Arbeit in der Generaldirektion Umwelt (GD Umwelt) bedeutet für mich Krisenmanagement, denn die sogenannte „triple crisis“, der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die Umweltverschmutzung, ist zweifelsohne eine der wohl existentiellsten, planetaren Herausforderungen unserer Zeit, zu deren Bewältigung sich das Zeitfenster leider rasend schnell schließt.

 

In der Position einer Generaldirektorin bei der Europäischen Kommission sind Rotationen nicht nur möglich, sondern auch vorgesehen. Wie sind Sie mit der Herausforderung umgegangen, sich schnell auf ein neues Fachgebiet einzustellen und dort eine Leitungsfunktion einzunehmen?

Da hilft ganz klar die Erfahrung. Man weiß ja bereits, was und wie man etwas gestalten kann und in der Kommission hilft es sogar, wenn man in verschiedenen Politikbereichen gearbeitet hat, denn man kann einfacher in größeren Zusammenhängen argumentieren. Aber es gehört sicher auch dazu, dass man bereit ist, aus seiner Komfortzone herauszugehen. Ohne gesunde Neugier, viel Begeisterungsfähigkeit und Disziplin schafft man das nicht. Vor allem aber war und bin ich in der Kommission von klugen und europabegeisterten KollegInnen umgeben, mit denen man ein Team formt, was äußerst motivierend ist. Der/die Einzelne hat schon als Anfänger viel Eigenverantwortung, aber es ist am Ende immer das Team, die Generaldirektion bzw. die Kommission als solche, die etwas bewegt.

Welche Rolle hat auch das Glück (der Tüchtigen) in Ihrer Karriere gespielt?

Egal wo man arbeitet, ein Stück Glück braucht es immer zum Erfolg. Ich hatte das große Glück, immer dann mit neuen Aufgaben betraut zu werden, wenn ein Politikbereich ganz neu aufgebaut oder neu ausgerichtet werden musste. Das hat mir viel Freiraum gewährt, um Pionierarbeit zu leisten, etwa beim Aufbau der politischen, finanziellen und juristischen Strukturen der GASP, dem Kimberley-Prozess zur Verhinderung der Finanzierung von Konflikten durch Blutdiamanten oder beim Aufbau einer eigenständigen Generaldirektion wie der GD ECHO (Humanitäre Hilfe und Ziviler Katastrophenschutz) mitzuwirken, wo wir u.a. das Emergency Response Coordination Centre (ERCC) errichtet haben. All diese Strukturen bilden noch heute das Fundament für die obigen Politikbereiche, was ich als sehr befriedigend und motivierend bei neuen Aufgaben empfinde. Auch im Hinblick auf meine heutige Generaldirektion hatte ich das Glück seit dem Beginn der heutigen Kommission, die Leitung zur Umsetzung des „Green Deals“ zu übernehmen. Dieser beinhaltet wiederum eine ganz fundamentale Neuausrichtung unserer sozialen wirtschaftlichen Strukturen – das ist Glück und Verantwortung zugleich.

Um die deutschen Behörden ranken sich viele Klischees: von dem verstaubten Kämmerlein über hierarchische Strukturen bis hin zum Stift, der pünktlich um 17:00 Uhr niedergelegt wird. Was zeichnet die Arbeit in den europäischen Behörden demgegenüber für Sie aus?

Die Arbeit in der Europäischen Kommission ist sicherlich kein „9-to-5-Job“. Ganz im Gegenteil, ich warne die jungen MitarbeiterInnen, dass sie oft ähnliche Zeiten haben werden wie bei Goldman Sachs. Aber es ist auch zutiefst befriedigend, gerade für junge KollegInnen, dass jede(r) Einzelne eigenverantwortlich arbeitet und Gesetzesvorhaben vorschlagen, ausarbeiten und verhandeln kann, die wirklich entscheidend für unsere Europäische Wettbewerbsfähigkeit, unseren Wohlstand, unsere Sicherheit oder das Wohlergehen heutiger und zukünftiger Generationen sind.

Bei einem Einstieg in die Europäischen Institutionen warten nach einem bestandenen Concours häufig erst einmal befristete Verträge anstatt einer sicheren Verbeamtung. Sehen Sie darin auch Vorteile?

Befristete Verträge sind eher das Einstiegsmodel für PraktikantInnen und diejenigen, die (noch) keinen Concours gemacht haben. Das ist ein win-win für alle. Es erlaubt den vertraglich gebundenen MitarbeiterInnen die Kommissionsabläufe kennenzulernen, ohne dass man sich „auf Lebenszeit“ verpflichtet. Eine Erfahrung, die bei einer späteren Bewerbung bei einer auf das europäische Recht ausgerichteten Rechtsanwaltskanzlei immer von Vorteil ist. Die Kommission bekommt ihrerseits neue Impulse von motivierten MitarbeiterInnen und ein Stück Flexibilität bei der Personalzuteilung in den Generaldirektionen, da es bei uns wegen fehlender Haushaltsmittel leider einen starken Abbau der festen Stellen gibt.

Haben Sie einen Rat für junge Juristinnen, die eine Karriere in der Europäischen Kommission anstreben?

Geh Deinen Weg! Und wenn Du doch mal zögerst, frag Dich: „Was würde ein Mann nun machen?“. Ich sehe immer wieder, das kompetente Frauen sich nicht trauen, Managementpositionen einzunehmen. Ein Mann würde bei weniger Kompetenz nicht zögern. Karriere und Familie lassen sich sehr gut vereinbaren, wenn man es will, der Preis ist allerdings, dass man wenig Zeit „für sich“ hat. Man muss akzeptieren können, dass seine eigenen Ansprüche auf Sport, Freizeit etc. oft hintenanstehen. Ich liebe meinen Beruf und meine Familie, da gab es für mich nie ein Zögern oder Zweifeln. Eine Führungsposition bedeutet viel Arbeit, auch zu Unzeiten. Das kann man aber organisieren, ebenso wie Dienstreisen – und wir Frauen sind da bekanntlich sehr gut.

Sie waren Vorreiterin damit, in sozialen Medien (insbesondere Twitter) über Ihre Arbeit bei der Europäischen Kommission zu berichten. Welche Rolle darf und muss eine offene Kommunikation auch über solche Kanäle Ihrer Meinung nach spielen?

 

Soziale Medien sind heutzutage ein „Must“. Auch für die Kommunikation der Kommission sind sie wichtig für die Meinungsbildung und Informationsverbreitung, können aber auch als Klangbord fungieren. Privat bin ich bewusst auf keinem der sozialen Medien, aber Twitter ist für mich ein Teil meiner professionellen Außenwirkung, ein Verstärker, um z.B. auf neue Gesetzesvorhaben, laufende Konsultationen oder Thesen, für die wir stehen, aufmerksam zu machen und diese zu erläutern. Meine persönliche Kommunikation ist also komplementär zur offiziellen Kommunikation der GD Umwelt oder der Kommission. Meine frühere Kommissarin, Frau Georgieva (damals erste Kommissarin für Krisenmanagement, heute Managing Director IMF) hat mich da entscheidend beeinflusst, denn sie war – aus Amerika kommend – damals die erste, die ganz selbstverständlich ihre Botschaften auch über die sozialen Medien verbreitet hat. Als BeamtInnen der Kommission müssen wir uns natürlich an Regeln halten, d.h. man kann seine persönliche Meinung in den sozialen Medien vertreten, aber darf z.B. dem Image der Kommission nicht schaden. Hassreden oder Ähnliches sind selbstverständlich tabu.

Haben Sie soziale Medien auch gezielt für die eigene Karriere genutzt? 

Nein, das ist innerhalb der Kommission völlig unerheblich. Ich bin auch nicht auf LinkedIn. Der Ruf wird durch überzeugende Arbeit kreiert.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat ihre Ziele hochgesteckt: Bis zum Jahr 2024 soll die Hälfte der Führungskräfte in der Europäischen Kommission weiblich sein. Inwiefern hat es bereits Fortschritte gegeben, die diese Entwicklung fördern und wo sehen Sie noch Potenzial für Verbesserungen?  

Die Kommission versucht natürlich das zu leben, was sie den Mitgliedstaaten empfiehlt, und ist da auch auf sehr gutem Wege –  die Parität beläuft sich im Moment auf 47%, sowohl in den Führungspositionen als auch in der mittleren Managementebene. Meine erste Kommissarin, Frau Dr. M. Wulf Mathies (Mitglied der Kommission für Regionalpolitik) war in den 90er Jahren eine der ersten, sehr engagierten Verfechterinnen der Frauenquote. Damals, als ganz junge Mitarbeiterin in ihrem Kabinett, war ich skeptisch und dachte, es reicht, gut oder besser als ein Mann zu sein. Heute bin ich zwar immer noch etwas unentschieden, aber ohne die Quote hätten wir in der Kommission die Gender-Parität, wie wir sie nun zum Glück haben, niemals erreicht. Und diese Parität ist ganz entscheidend, denn eine ausgewogene gleichgeschlechtliche Personalbesetzung schafft eine andere Politik: Eine Politik, die unsere Gesellschaft reflektiert, offener und werteverbundener ist und vielleicht auch zielgerichteter. Wobei in der Kommission dafür wohl ebenso entscheidend die Multinationalität der MitarbeiterInnen, die Diversität der kulturellen, geschichtlichen oder juristischen Erfahrung und Konzepte sowie das Kollegialitätsprinzip sind (d.h. keine GD oder KommissarIn entscheidet allein, jede Entscheidung wird auf die Auswirkungen in allen Politikbereiche hin abgeklopft). Im Laufe der Jahre hatte ich das Glück, sehr starke Frauen als ChefInnen und damit auch als Rollenmodelle zu haben, beeindruckende Persönlichkeiten, wie z.B. die langjährige Generalsekretärin Frau C. Day. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass ich auch überzeugende männliche Chefs, wie z.B. Kommissar F. Bolkestein (zuständig für Binnenmarkt und Steuern) hatte.

Sie haben in Deutschland, Holland und Belgien gelebt, Kinder bekommen und Karriere gemacht. Können Sie in diesen Ländern Unterschiede in Kultur und oder Strukturen ausmachen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mal mehr, mal weniger fördern? 

Im Gegensatz zur herkömmlichen Annahme empfand ich die Niederlande weniger tolerant als gedacht und eher recht konservativ. Vielleicht lag das an meinem beruflichen Umfeld, ich arbeitete in einer der ganz großen Rechtsanwaltskanzleien. Und in Deutschland wird das Wort „Rabenmutter“ verwendet, dazu muss ich wohl nicht viel mehr ausführen. Das ist in der Tat anders in Belgien, wo in der Regel beide Partner arbeiten, wohl auch weil viele BelgierInnen jung heiraten / zusammenleben und dann ein Haus bauen wollen (ein Sprichwort sagt: „Der Belgier wird mit einem Backstein im Magen geboren“). Daher gibt es zahlreiche Optionen zur Kinderbetreuung. Auch die soziale Akzeptanz ist eine ganz andere als in Deutschland oder den Niederlanden, da es hier in Belgien eher ungewöhnlich ist, wenn Frauen nicht arbeiten.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Brüssel, November 2022. Dr. Fink-Hooijer hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Elisabeth Schemmer.

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