Prof. Dr. Mareike Schmidt, LL.M., im Porträt

 

"Der Blick über den juristischen Tellerrand tut gut."

Prof. Dr. Mareike Schmidt, LL.M., Juniorprofessorin der Universität Hamburg, Trägerin des "Crédit Suisse Award for Best Teaching", über die Möglichkeit ein Leben lang zu studieren, die geringe Zahl von Professorinnen an juristischen Fakultäten und den Mut, fachlich den eigenen Interessen nachzugehen.

Liebe Mareike, es ist schon beeindruckend, wenn man am Eingang der Juristischen Fakultät Hamburg auf dem Weg zu Dir an Deiner in einer Vitrine ausgestellten Dissertation mit dem Titel „Produktrückruf und Regress“ vorbeiläuft. Wie bist du in die Wissenschaft gekommen?

Es gibt zwei Gründe, weshalb ich mich für die Wissenschaft entschieden habe. Einer ist die Möglichkeit, in der Wissenschaft ein Leben lang studieren zu können. Der zweite Grund ist meine Freude an der Lehre. Zu Schulzeiten wollte ich einmal Grundschullehrerin werden, dann entschied ich mich aber für das Jurastudium – jetzt freue mich, dass ich so auch wieder zu einem Lehrberuf gefunden habe. 

 


Wie dürfen wir uns den typischen Arbeitsalltag einer Juniorprofessorin vorstellen?

Es gibt keinen typischen Arbeitstag: Jeder Tag ist anders. Mal sitze ich den ganzen Tag an einem Aufsatz, mal beschäftige ich mich mit administrativem Kleinkram, der auch dazu gehört. Dann gehe ich zu Sitzungen und Besprechungen, gebe eine Vorlesung oder ein Seminar. Nächsten Monat bin ich für eine Woche in Taiwan, um dort über das Produkthaftungsrecht zu sprechen. Die Vorbereitung des Vortrags und des dortigen Workshops stehen beispielsweise auch noch an.

Hattest Du in Deiner Karriere Begegnungen oder Momente, die Wegweiser Deiner beruflichen Laufbahn geworden sind?

 

Bisher hat sich vieles einfach irgendwie gefügt. Aber an einen Moment kann ich mich doch erinnern: Beim Coachen eines Moot Court Teams ist mir klar geworden, wie viel Spaß es mir macht, juristisch in die Tiefe zu bohren und Diskussionen auf hohem Niveau zu führen. Außerdem hat es mich richtig erfüllt, als Coach andere zu motivieren und zu unterstützen. Damals konnte ich mir zum ersten Mal vorstellen, dass die Wissenschaft das richtige für mich sein könnte.

Was hat Dich in Deiner wissenschaftlichen Laufbahn motiviert? Worin siehst Du Herausforderungen?

Mich motiviert es, frei Themen wählen zu können, die mich interessieren und sie in der Tiefe zu durchdringen. Da kann ich meine Neugier so richtig ausleben! Diese Freiheit und Unabhängigkeit in der Gestaltung des beruflichen Alltags ist aber auch eine große Herausforderung. Nie sagt einem jemand: Es ist gut, jetzt hast Du genug gemacht. Du musst Dich ständig Deinem eigenen Anspruch stellen und Deine eigenen Maßstäbe entwickeln.

Wie hast Du Dir Deine wissenschaftlichen Mentoren ausgesucht?

Auch das hat sich irgendwie gefügt. Für meine Promotion habe ich mich ursprünglich an drei Lehrstühlen beworben. Da mein Rückweg von den Bewerbungsgesprächen über Basel führte, schrieb ich spontan Prof. Dr. Ingeborg Schwenzer, die ich aus China kannte, ob sie Zeit für ein beratendes Gespräch hatte. Sie antwortete noch am selben Tag und am Ende unseres Treffens bot sie mir eine Mitarbeiterstelle an. Ich habe mich letztendlich für sie entschieden, weil es menschlich gepasst hat (das ist sehr wichtig aus meiner Sicht) und weil sie fachlich sehr gut ist, in dem was sie tut. Ähnlich lief es bei der Habilitation.

Dein momentanes Steckenpferd für die Habilitation ist die kulturelle und religiöse Diversität im Privatrecht, Deine Doktorarbeit hast Du dagegen im Produkthaftungsrecht geschrieben. Das sind ja nun zwei völlig unterschiedliche Themen. Wie hast Du Deine Forschungsfelder ausgewählt? Was würdest Du anderen bei der Themensuche raten?

(Lacht) Ja, ich habe meine Themen immer ganz nach meinem Interesse ausgewählt. Auslöser für mein Habilitationsthema war die Integrationsdebatte in Deutschland. Ich habe mich gefragt: „Und was ist mit dem Privatrecht? – Das sollte sich mal jemand anschauen!“ Ich weiß, dass andere ihr Dissertations- und Habilitationsthema strategischer wählen, etwa um eine bestimmte Lücke abzudecken oder für frei werdende Lehrstuhlstellen in Betracht zu kommen. Mich würde das nicht ausreichend motivieren. Durststrecken kommen bei jeder Arbeit früh genug! Die stehen sich leichter durch, wenn man sich für sein Thema begeistern kann.

Du hast einen LL.M. in China gemacht. Welche Rolle spielt heute ein LL.M.-Titel für eine Karriere in der Wissenschaft aus Deiner Sicht?

Meines Erachtens ist der LL.M. als Titel in der Wissenschaft eher weniger relevant. Aber die Auslandserfahrung hat große Bedeutung in der Wissenschaft, so auch internationale Publikationen und internationale Vernetzung.

Welche Bedeutung hatte diese Auslandserfahrung für Deine berufliche Laufbahn?

Für mich war der LL.M. in China weniger wissenschaftlich bedeutsam als persönlich wichtig: Der Blick über den juristischen Tellerrand tut gut, insbesondere Kommilitoninnen und Kommilitonen kennenzulernen, die aus dem Common Law kamen und über viele juristischen Themen anders gedacht und diskutiert haben als ich; auch ist mir in China zum ersten Mal so richtig die Bedeutung des gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontexts für das Recht klar geworden.

Was sollten Juristen und Juristinnen Deiner Meinung nach mitbringen, um für eine Habilitation in Frage zu kommen?

Ich glaube, es braucht Neugier, intrinsische Motivation, Ausdauer und ein hohes Maß an Selbstdisziplin, da das eigenständige Arbeiten auch eine große Herausforderung sein kann. Außerdem braucht man Mut, um die Angst vor einem Scheitern zu überwinden und sich das selbst zuzutrauen. Als ich einem Professor einmal selbst diese Frage gestellt habe, hat er gefragt: „Wie viele Stunden sind Sie bereit zu arbeiten?“ – Es braucht also auch Mut, sich nicht abschrecken zu lassen.

Gab es Momente, in denen auch Du das Gefühl hattest, zu scheitern? Wie bist Du damit umgegangen?

Na klar, über solche Momente wird zu wenig gesprochen. Ich kann mich noch ganz genau an meine erste Vorlesung in Vertragsrecht II erinnern. Da habe ich versucht, die Abgrenzung von Schadensersatz statt und neben der Leistung für Studierende im zweiten Semester zu erklären. Ich habe mich so verheddert, dass ich meine eigenen Folien nicht mehr verstanden und die Studierenden schrecklich verwirrt habe. Ich dachte mir: „Was für eine Blamage! Ich habe versagt!“ Ich habe mir die Sachen dann nochmal in Ruhe angeschaut und in der nächsten Stunde sinnvoll erklärt. (Lacht) Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass es auch nicht schadet, wenn Studierende sehen, dass auch Professorinnen und Professoren Fehler machen und manche Dinge komplex finden können. 

Welchen Tipp würdest Du Berufseinsteigern oder Berufseinsteigerinnen geben, die sich für eine Tätigkeit in der Wissenschaft interessieren?

 

Viel fragen! Und mit so vielen Menschen wie möglich reden, um eine Vorstellung von dem Beruf zu bekommen. Lehrstuhltätigkeiten werden ganz unterschiedlich gestaltet und es lohnt sich, so viele Perspektiven wie möglich zu gewinnen. Zudem sollte man sich von der Mühsamkeit einer Dissertation nicht abschrecken lassen – ich hätte nach der Promotion auch nicht gedacht, dass ich mich mal habilitiere. Außerdem ist es sehr hilfreich, sich Mentoren oder Mentorinnen zu suchen, an die man sich auf seinem Weg wenden kann.

An Deutschlands Universitäten forschen und lehren bisher nur wenige Professorinnen der Rechtswissenschaften. An der Juristischen Fakultät der Universität Hamburg sind zur Zeit drei von 24 Professuren auf Lebenszeit an Frauen vergeben. Woran liegt es, denkst Du, dass es in der Wissenschaft bisher so wenig Professorinnen gibt?

 

Ich denke, es fehlen Vorbilder. Ich selbst kenne beispielsweise wenige Professorinnen, die Kinder haben und vorleben, wie Familie und Beruf auch in der Wissenschaft vereinbart werden können. Zudem ist es ein langer Weg von dem Beginn einer Habilitation zu einem Ruf an einer Universität. In diese Zeit fällt für viele Frauen die Familienplanung. Es ist harte Arbeit, einen Ruf zu erlangen: Viele Publikationen, Netzwerke, Drittmittel anwerben, Lehre und Habilitation parallel. Diese Schwierigkeiten gelten natürlich inzwischen sicherlich auch für Männer, bei denen auch die Partnerin einer Berufstätigkeit nachgeht. Zuletzt können Professorinnen auch rein praktisch einer erhöhten Belastung ausgesetzt sein, da sie häufig aufgrund der wenigen Kolleginnen und der Frauenquote eine höhere Gremienbelastung haben.

Welche Vorteile können aus Deiner Sicht Frauen in die Wissenschaft an Juristischen Fakultäten einbringen?

 

Das ist schwer zu sagen, ohne stereotypisch bestimmte Eigenschaften einem Geschlecht zuzuordnen. Ich denke, wenn es etwas gäbe, das Frauen prägt, ist es eine offene und intensive Kommunikation mit dem Kollegium sowie Mitarbeitenden. Zudem haben viele Forscherinnen eine hohe Fehlertoleranz und trauen sich, Schwächen einzugestehen, Fehler offen zu legen und Rat zu suchen. Das kann sich sehr positiv auf die Lehre und die Fachkultur einer Fakultät auswirken. Außerdem gibt es möglicherweise Themenbereiche, für die sich Frauen mehr interessieren als Männer; der Diversität der Forschungsfelder können neue Schwerpunkte und eine Vielzahl von Perspektiven nur gut tun.

Welche Vor- und Nachteile siehst Du in der Wissenschaft für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere? Gibt es einen guten Zeitpunkt für die Gründung einer Familie?

 

Ein Vorteil ist sicherlich die Freiheit in der Zeiteinteilung. Bis auf die Vorlesungszeiten kann ich über meine Zeit frei verfügen. In der Juniorprofessur gibt es inzwischen – jedenfalls in Hamburg – außerdem die Möglichkeit, die Professur bei einer Elternschaft um ein Jahr pro Kind zu verlängern. Während der Juniorprofessur kann natürlich auch Elternzeit genommen werden. Ein Nachteil ist die Intensität und Dauer des Weges bis zu dem Ruf auf eine Lebenszeitstelle an der Universität. Ich denke inzwischen fast, dass es wegen der Dauer der Habilitation für eine Laufbahn in der Wissenschaft einfacher wäre, früh – bspw. während der Promotion – Kinder zu kriegen.

Gab es in Deiner Karriere Frauen, die Dich unterstützt haben?

Oh ja, ich könnte eine ganze Reihe aufzählen. So natürlich meine Doktormutter Prof. Dr. Ingeborg Schwenzer. Oder die Leiterin meiner ersten Zivilrechts-AG, die mit dazu beigetragen hat, dass ich mich für das Zivilrecht entschieden habe. Außerdem viele formelle und informelle Mentorinnen, die nicht nur aus der Wissenschaft kamen.

Sind Dir als Professorin bei Studierenden Fehler aufgefallen, die speziell Frauen häufiger machen, die sie besser vermeiden sollten?

Da muss ich spontan an mein letztes Seminar denken. In der Veranstaltung gab es zwei Personen, die ihre Frage mit den Worten „Ich habe eine dumme Frage“ eingeleitet haben – beides waren Frauen. Woher kommt diese Unsicherheit, diese Zurückhaltung? Ich würde Frauen raten, sich mehr zuzutrauen! Tretet ruhig auch mutig in Kontakt mit der Professorenschaft und traut Euch, Fragen zu stellen.

Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Da meine Doktormutter Prof. (em.) Dr. Ingeborg Schwenzer schon von Euch porträtiert wurde, nominiere ich Prof. Dr. Sabine Gless von der Universität Basel: Sie ist eine erfolgreiche Strafrechtsprofessorin mit zwei Kindern, die mit beiden Beinen im Leben steht, sehr offen, engagiert und motivierend ist und wissenschaftlichen Nachwuchs unterstützt, wo sie nur kann.

Herzlichen Dank für das spannende Interview!

Hamburg, 17. April 2018. Das Interview führte Clara zu Löwenstein.

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