Dr. Kathrin Mehler im Porträt

"Man muss wissen, was man will und die Dinge selbst in die Hand nehmen."

Dr. Kathrin Mehler, Syndikusrechtsanwältin bei der Commerzbank AG, im Interview über die Erkenntnis, dass sich auch Juristinnen und Juristen der Digitalisierung stellen müssen sowie die Notwendigkeit, für Neues offen und mutig zu sein.

Dr. Mehler, Sie sind Legal Counsel für Digitalisierung und Innovation bei der Commerzbank AG. Wie sehen Ihre täglichen Aufgaben aus?

Sehr vielfältig! Zum einen unterstütze ich innovative und digitale Projekte der Bank mit meinem Rechtsrat. Zum anderen beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir Juristen die Digitalisierung in unserer täglichen Arbeit nutzen können. Hier geht es um Themen wie Offenheit für Neues, Überdenken der eigenen Arbeitsweise, aber auch um die Prüfung, ob wir mit digitalen Tools (Legal Tech) besser werden können.


Sie sind für den Global Digital Women Leader Award 2018 in der Kategorie Karriere nominiert. Welche Ihrer Fähigkeiten haben Ihnen dabei geholfen, in Ihrem Bereich so erfolgreich zu werden?

Mut, Offenheit und Selbstvertrauen.

Bevor Sie 2013 zur Commerzbank wechselten, waren Sie als Rechtsanwältin bei CMS Hasche Sigle tätig. Worin unterscheidet sich die Arbeit in einer Bank zu der Arbeit in einer Kanzlei?

In einer Kanzlei beraten Sie verschiedene Mandaten und können immer nur kurzfristig in die unternehmenseigenen Themen eintauchen. Als Syndikusrechtsanwältin sind Sie Teil des Unternehmens. Sie müssen sich mit den Themen Ihrer Kunden und Kollegen identifizieren und noch lösungsorientierter als in einer Kanzlei arbeiten. Da ich häufig in bereichsübergreifenden Projekten in der Bank eingebunden bin, bin ich zudem auch stärker als ein externer Anwalt mit den Geschäftseinheiten verbunden.

Für wie wichtig halten Sie das Führen eines Doktortitels in einer Rechtsabteilung einer Bank?

Ich glaube nicht, dass der Ort der Tätigkeit so entscheidend ist. Gerade in jüngeren Jahren kann ein Doktortitel generell Frauen helfen, als qualifizierte Ansprechpartnerin wahrgenommen zu werden. Aber auch das eigene Auftreten und natürlich die Fachkenntnis sind entscheidend.

Gab es in Ihrer Karriere – von Studienwahl über Promotion zu Spezialisierung – jemals einen Punkt, an dem Sie an dem von Ihnen gewählten Weg gezweifelt haben?

Nein, ich war mir immer sicher, dass Recht das Richtige für mich ist. Gleichzeitig war es mir aber wichtig, über den Tellerrand hinaus zu schauen. So habe ich beispielsweise an der Universität Bayreuth eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung absolviert, war in der Commerzbank eineinhalb Jahre auf Seite einer Geschäftseinheit tätig und frage mich heute, wie Digitalisierung und Innovation Juristen verändern wird.

Im Jahr 2016 hatten Sie die Idee, sich für Digitalisierung bei der Commerzbank stark zu machen. Sie erreichten, dass in Abstimmung mit dem Leiter der Rechtsabteilung - eigens für Sie - eine neue Stelle geschaffen wurde. Damit waren Sie wahrscheinlich die erste Frau, die diese Themen in einer deutschen Rechtsabteilung gestaltete. Welche Aspekte gilt es besonders zu bedenken, wenn frau ihre eigene Stelle schafft?

Die Bank stand kurz vor der Verkündung ein digitales Technologieunternehmen zu werden. Es war offensichtlich, dass dies auch die Rechtsabteilung betreffen würde. In der Regel führt jede Änderung des Geschäfts zu einer Rechtsfrage – beispielsweise können Sie nicht einfach einen Verbraucherkredit online anbieten. Sie müssen prüfen, ob ein solcher Kredit überhaupt ohne papierhafte Unterschrift abgeschlossen werden kann, beziehungsweise welche Alternativen möglich sind. Zudem gibt es auch immer mehr Tools (Legal Tech), die behaupten, juristische Arbeit zu verbessern. Daher war klar, dass sich auch Juristen der Digitalisierung stellen müssen. Dies hatte ich erkannt und einen entsprechenden Vorschlag für eine neue Position vorbereitet – und hiermit überzeugt. Es ging also nicht darum, etwas für mich zu schaffen, sondern das Richtige zur richtigen Zeit zu tun.

Dies ist auch ein Beispiel dafür, als Frau nicht abzuwarten, bis etwas angeboten wird, sondern offen für Neues und mutig zu sein und dies auch nach außen zu kommunizieren.

Bei der Commerzbank gibt es das Frauennetzwerk „Courage“. Gibt es aus Ihrer Sicht einen direkten Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen und Frauennetzwerkprogrammen wie „Courage“?

Man kann immer wieder lesen, dass Frauen schlechte Netzwerker seien. Frauennetzwerke helfen Frauen, ein solches Netzwerk aufzubauen. Zudem werden interessante Veranstaltungen angeboten, um sich selbst oder das Unternehmen besser kennenzulernen. Auch der Austausch mit Frauen aus unterschiedlichen Geschäftsbereichen mit vielfältigen Erfahrungen ist sehr bereichernd. Wenn Frauen durch diese Netzwerke mutiger werden, kann dies sicherlich auch beim Aufstieg helfen. Ich selbst bin Mitglied von Courage und habe viele interessante Menschen dort getroffen.

Wurden Sie selbst durch erfahrene Juristinnen in Ihrer Karriere unterstützt?

Ehrlich gesagt haben mich eher Männer unterstützt, auf die ich zum Teil aber aktiv zugegangen bin, um ihren Rat einzuholen. Erst in den letzten Jahren habe ich mein privates Netzwerk zu anderen Frauen aufgebaut. Grundsätzlich habe ich mich nie gefragt, ob ich zu einem Thema einen Mann oder eine Frau anspreche, sondern habe immer anlassbezogen überlegt, wer jeweils der beste Ratgeber für mich wäre.

Hatten Sie das Gefühl, sich typisch weibliche Verhaltensweise bewusst zu werden und abtrainieren zu müssen, um in dem männerdominierten Bankwesen gleichermaßen ernst genommen zu werden?

Ich bin überzeugt davon, dass man nur mit Authentizität weiter kommt und überzeugen kann. Entscheidend ist, dass man selbst weiß, was man will und nicht wartet, dass man entdeckt wird, sondern aktiv und mutig die Dinge selbst in die Hand nimmt.

Haben Sie einen Rat für jüngere Juristinnen?

Ich kann mich nur wiederholen: Seien Sie offen und neugierig! Warten Sie nicht, sondern entwickeln Sie Ihre eigenen Ideen und Lösungen. Präsentieren Sie sich und Ihre Ergebnisse mit Mut und Selbstvertrauen und glauben Sie an sich.

Welche Juristin hat Sie so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?

Dr. Michaela Nebel, Partnerin bei Baker McKenzie. Sie ist sehr erfolgreich im Beruf, Autorin und Mutter. Sie wirkt immer tiefenentspannt und ist dabei noch sympathisch und bodenständig.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Frankfurt am Main, 25. September 2018. Dr. Mehler hat die Fragen schriftlich beantwortet. Die Fragen stellte Sita Rau.

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