Lara Sophie Hucklenbroich im Porträt

"Die Ähnlichkeit von technischen und juristischen Bereichen überrascht."

Lara Sophie Hucklenbroich, Gründungsmitglied des Legal Tech Labs an der Goethe-Universität Frankfurt und Woman of Legal Tech 2018 über die Vorurteile gegenüber Legal Tech, erste Schritte auf dem Gebiet und frühen Erfolg.

Lara, 2018 wurdest Du als Gründungsmitglied des Legal Tech Labs an der Goethe-Universität Frankfurt als "Woman of Legal Tech" ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung werden Frauen geehrt, die den Bereich Legal Tech geprägt und gestaltet haben. Was bedeutet Legal Tech?

Der Begriff ist nur schwer zu definieren, insbesondere, da er inzwischen ein Buzz Word geworden ist - jeder spricht davon, aber nur wenige verstehen etwas Einheitliches darunter. Am besten trifft es für mich die Definition von Nico Kuhlmann: „Legal Tech beschreibt den Einsatz von modernen, computergestützten, digitalen Technologien, um Rechtsfindung, -anwendung, -zugang und -verwaltung durch Innovationen zu automatisieren, zu vereinfachen und – so die Hoffnung – zu verbessern“ [Quelle: https://legal-tech-blog.de/was-ist-legal-tech].

Was zeichnet die Arbeit des von Dir mitbegründeten Legal Tech Lab aus?

Wir wollen Studierende für das Thema Legal Tech sensibilisieren. Als wir das Legal Tech Lab gründeten, war das Thema schon in aller Munde, aber es gab noch keine Lehrangebote an der Universität dazu. Infolgedessen konnte keiner mit dem Buzz Word so richtig etwas anfangen. Uns ist dabei vor allem wichtig, Studierenden zu zeigen, dass man sich mit dem Thema auch ohne Legal Tech-Vorkenntnisse auseinandersetzen kann und sie dazu ermutigen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Inzwischen ist die Bedeutung in der Praxis sogar noch gewachsen. Auch die Goethe-Universität Frankfurt hat mit ihrem Angebot inzwischen nachgezogen sowie unsere Rolle begrüßt und anerkannt.

Wie sieht Deine eigene Rolle dabei aus?

Ich persönlich habe mich zu Beginn hauptsächlich um Events gekümmert. Da dafür eine enge Zusammenarbeit mit anderen Ressorts wie z.B. Finanzen, Social Media, oder dem Projektressort besteht und ich an der Aufteilung der Ressorts beteiligt war, war ich letztlich aber an allen Ressorts beteiligt. Ab 2018 hatte ich ein Amt als Vorstandsmitglied inne, bei dem ich aber aufgrund der vorher schon intensiven Beteiligung im Wesentlichen dieselben Aufgaben wie vorher wahrgenommen habe.

Bei einem Legal Tech Hackathon einer Wirtschaftskanzlei hast Du mit Deinem Team den Preis für das beste Design des User-Interfaces für das von Euch entwickelte Tool gewonnen. Wie kann man sich einen juristischen Hackathon vorstellen?

 

Der klassische Hackathon kommt aus eigentlich aus dem IT-Bereich. Dort ist das Ziel, innerhalb von einer festgelegten Zeitspanne in einem Team ein Softwareprodukt herzustellen oder damit ein bestimmtes Problem zu lösen. Bei juristischem Hackathons arbeitet man typischerweise in interdisziplinarischen Teams zusammen. Ziel ist hier, ein juristisches Thema mit einer Software zu lösen. Beim von Dir angesprochenen Hackathon hatten wir z.B. knapp zwei Tage Zeit, um eine softwarebasierte Lösung für die Frage zu finden, wann Auslandszusammenschlüsse im Inland anmeldepflichtig sind. Unser Team bestand dabei aus einem Anwalt, einem Informatiker und drei Studierenden. Dabei mussten wir auch nicht selbst coden, sondern haben mit einem einfachen drag & drop-System gearbeitet.

Informatik ist ein Fachbereich, der in der klassischen Juristenausbildung außen vor bleibt. Kann man an einem Hackathon auch teilnehmen, ohne programmieren zu können?

 

Auf jeden Fall. Die wenigsten Juristen können coden und auch Grundkenntnisse würden nicht ausreichen, um eine Softwarelösung selbst zu erstellen. Daher wird in der Kürze der Zeit auf bestimmte existierende Modelle wie BRYTER oder neota logic zurückgegriffen und auf interdisziplinäre Teams gesetzt.

Wie hast Du bereits als Studentin Deinen Zugang zu dem Bereich Legal Tech gefunden?

Mein Interesse entstammte letztlich dem materiell-rechtlichen Bereich. Am Anfang des Studiums habe ich mich mit dem Bereich autonomes Fahren und damit zusammenhängenden Haftungsfragen beschäftigt. Dadurch angestoßen, habe ich mich mit bestimmten Fragen im Bereich künstlicher Intelligenz verstärkt auseinandergesetzt, etwa der Haftung, der Entscheidungsfindung, sowie sogenannten Blackbox-Problemen, bei denen es darum geht, dass wir künstliche Intelligenz zwar so konzipieren können, dass sie selbst lernt und Probleme für uns löst, wir aber bisher keine Möglichkeit dazu haben, anschließend nachzuvollziehen, auf welchen konkreten Parametern die so gewonnenen Lösungen basieren. Die technische Komponente kam für mich erst durch einen Hackathon dazu. Überrascht hat mich dabei die Ähnlichkeit beider Bereiche - beide beruhen auf einem Regel-Ausnahme-Verhältnis und auch rechtliche Bereiche, lassen sich, sofern sie nicht stark einzelfallgeprägt sind, über Entscheidungsbäume leicht abbilden.

Profitierst Du von Deinen auf dem Gebiet des Legal Tech erworbenen Kenntnissen auch unmittelbar im Studium?

 

Unmittelbar leider bisher kaum. Das ist sicher auch dadurch bedingt, dass die juristische Ausbildung nicht besonders zeitgemäß ist. Das kann allerdings im Einzelfall schnell zu Problemen führen. Im Strafrecht lief in Niedersachsen etwa im letzten Klausurendurchgang für die Erste juristische Prüfung ein Fall zu Kryptowährungen. Für eine angemessene Falllösung musste man sich mit Blockchain etc. auskennen. Solche Sachverhalte sind sicher im Kommen, wie man etwa auch daran erkennt, dass zunehmend mehr Beiträge zu Kryptowährungen in Ausbildungszeitschriften erscheinen.

Mittelbar habe ich aber sicher von meinen Erfahrungen profitiert, nicht zuletzt durch die Managementerfahrung oder die neu gewonnenen Kontakte.

In einem Berufsumfeld, das sich rapide verändert, wird juristische Expertise alleine möglicherweise nicht mehr ausreichen. Was würdest Du Jurist*Innen raten, die sich erstmals mit dem Bereich Legal Tech auseinandersetzen wollen?

Sie sollten sich unbedingt von jeglichen Vorurteilen befreien, nach denen man coden können oder IT-Kenntnisse mitbringen muss. Der Anfang ist aber nicht leicht, da Legal Tech ein so weiter Bereich ist. Irgendwo muss man aber den Anfang machen. Rückblickend hätte ich mich gerne deutlich früher über Legal Tech Blogs wie z.B. legaltechblog.de oder die Zeitschrift „Rethinking Law“ dem Thema angenähert. Studierende, die sich heute erstmals mit dem Thema auseinandersetzen wollen, können daneben an ihrer jeweiligen Universität schauen, ob es entsprechende Initiativen, Schlüsselqulifikationskurse oder Vorlesungen gibt. Sehr viele Universitäten verfügen inzwischen über dem Legal Tech Lab ähnliche Initiativen, weshalb es sich lohnt, die Augen gezielt danach offen zu halten.

Technische Branchen sind oft noch klassische Männerdomänen. Fällt der Legal Tech-Bereich ebenfalls darunter? 

Früher hätte ich das nicht unbedingt so gesehen, da sich die Anteile bei uns im Legal Tuch Lab die Waage halten. Bei externen Veranstaltungen fällt mir leider allerdings regelmäßig auf, dass der Frauenanteil in der Regel äußerst gering ist.

Was glaubst Du, worin die Ursachen hierfür liegen?

Die technische Komponente schreckt sicher die eine oder andere ab, zumal der IT-Bereich typischerweise männlich dominiert ist. Ich denke, dass das meistens eine Reaktion auf das Fehlen von Vorbildern ist, allerdings eine sehr unbewusste. Frauen denken wohl kaum: "Da sehe ich keine andere Frau, deshalb mache ich das nicht.“ Trotzdem bin ich überzeugt, dass dem Fehlen von weiblichen Vorbildern in bestimmten Bereichen für das Selbstverständnis vieler Frauen eine entscheidende Wirkung zukommt.
War Dir Deine ‚Exotenstellung‘ als Frau im Bereich Legal Tech schon immer bewusst?
 
Nein, gerade zu Beginn überhaupt nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, anders behandelt zu werden als männliche Kommilitonen bzw. Kollegen. Das erste Mal, als ich einen Anlass hatte, mir darüber bewusst zu werden, war bei der Auszeichnung als Woman of Legal Tech 2018. Erst dadurch habe ich angefangen darauf zu achten. Seitdem habe ich eine Sensibilisierung durchlebt und hat sich mein Fokus immer mehr darauf gerichtet.
Sind Dir als Frau im Bereich Legal Tech schon mal besondere Herausforderungen begegnet?
Ich glaube, mir sind dieselben Herausforderungen begegnet, die den meisten Frauen in männerdominierten Bereichen begegnen, zum Glück war das bisher aber relativ selten. Es hilft sicher, selbstbewusst aufzutreten und es ist wichtig, sich nicht kleiner zu machen als man ist. Darin sehe ich aber keine Besonderheiten speziell des Legal Tech-Bereichs, sondern wie gesagt aller Bereiche, die männlich dominiert sind.
Glaubst Du, dass Frauen in männerdominierten Bereichen wie Legal Tech besondere Eigenschaften mitbringen müssen, um erfolgreich zu sein, und wie würdest Du diese ggf. definieren?
Wie gesagt denke ich, dass man sich insbesondere nicht kleiner machen sollte und zu dem stehen sollte, was man geleistet hat, ohne sich schlecht zu führen. Mir ist im Selbstmarketing Workshop von breaking.through besonders bewusst geworden, wie sehr man dazu neigt, sich in wichtigen Situationen kleiner zu machen als nötig. Da Männer tendenziell eher selbstbewusster auftreten und Erfolge kommunizieren, muss man was das angeht über seinen Schatten springen lernen, auch wenn man sich am Anfang dabei unwohl fühlt. Dabei hilft, wenn man sich der Effekte auf sein Gegenüber bewusst wird. Gerade wenn man noch jung ist und so wie ich z.B. die juristischen Prüfungen noch vor sich hat, ist es wichtig, gerade gegenüber Personen mit mehr Erfahrung selbstbewusst aufzutreten. Das sollte natürlich auch nicht ins andere Extrem kippen.
Nicht vielen Student*innen wird die Ehre zuteil von Bundeswirtschaftsminister Altmaier eine Veranstaltungseinladung zu erhalten. Wie gehen andere mit Deinem frühen Erfolg um?
Ganz unterschiedlich. Von den meisten habe ich viel Unterstützung und Zuspruch erhalten, allerdings insbesondere von Leuten, die deutlich ‚weiter‘ sind als ich. Das schätze ich sehr. Denn ohne etwa den Rat und die Hilfestellung unseres Beirats, in den viele Vereinserfahrung mitgebracht haben, wäre es kaum möglich gewesen, das Legal Tech Lab so erfolgreich hochzuziehen.
Welche Juristin hat Dich so inspiriert, dass sie als Vorbild für breaking.through nominiert werden sollte? Wieso?
 
Katharina Stüber von Allen & Overy, die für mich schon Vorbild ist, weil sie nicht nur in der Männerdomäne Kapitalmarktrecht sehr erfolgreich ist, sondern sich auch für mehr Frauen in Führungspositionen im Rahmen der jährlichen Veranstaltung „Women only“ einsetzt.
Herzlichen Dank für die Zeit, die Du dir genommen hast und das spannende Interview! 

Frankfurt am Main, 9. Dezember 2019. Das Interview führte Dr. Nadja Harraschain.

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